Schon wieder Krach

Börsen Wichtiger als Kurseinbrüche sind die systemischen Gründe der Krise

Je irrwitziger die Geschwindigkeit des Börsenhandels, desto größeres Augenmerk schenken die Medien schnellen Kursrutschen. So wurden die Verluste der vorvergangenen Woche zu einem großen Thema. Doch jede größere Kursbewegung ist das Resultat von Millionen Transaktionen, ihre Motive sind nicht erkennbar.

Nützlicher ist der Versuch, das Spiel in seiner Gesamtheit zu begreifen. Als ich 1986 die Schwankungen des Dollarkurses erforschen wollte, interviewte ich zwei Tage lang Devisenhändler in Frankfurt. Bereitwillig erklärten mir die Händler ihre „technischen“ Handelssysteme. Sie beruhten auf – damals noch einfachen – Algorithmen und verwerteten nur vergangene Kurse. Nur: Laut der Theorie der Markteffizienzhypothese ist ein Markt dann effizient, wenn Informationen eingepreist sind und man mit derartigen technischen Modellen eben keinen Profit machen kann! Zugleich dominierte schon damals das „technical trading“. Daraus folgte ein unlösbares Dilemma für die Theorie: Entweder sind die Modelle profitabel, dann wären die freiesten Märkte völlig ineffizient. Oder die Modelle sind nicht profitabel, dann wäre die Annahme rationalen Verhaltens falsch. Ich nahm die Fährte auf.

Meine Analysen ergaben: Spekulationssysteme sind zumeist profitabel, allerdings braucht es Erfahrung – für Amateure gibt es einige „Fallen“. Außerdem wird das Trading immer schneller: Vor 25 Jahren waren Modelle auf Basis von Tageskursen noch profitabel, heute werden höhere Datenfrequenzen verwendet. Dafür braucht es komplexe Algorithmen.

Alle Systeme zielen darauf ab, das „trending“ spekulativer Preise zu nutzen: Diese verändern sich nämlich in Schüben. Die „trend-following systems“ springen in der Frühphase auf (kaufen, wenn’s aufwärtsgeht), die „contrarian systems“ setzen in der Spätphase auf eine Gegenbewegung. In ihrer Gesamtheit verstärken die Signale der Spekulationssysteme Muster und Geschwindigkeit der Kursdynamik.

Dominiert eine optimistische Marktstimmung („bullishness“), dann reagieren Trader stärker auf gute als auf schlechte Nachrichten und „investieren“ mehr in einen „run“ nach oben als nach unten. Aufwärtstrends dauern daher etwas länger als Gegenbewegungen, stufenweise entwickelt sich ein Bullenmarkt: Mehrere Mini-Trends auf Basis von Minutendaten, unterbrochen von erratischen Bewegungen („whipsaws“), ergeben einen Trend auf Basis von Stundendaten, diese akkumulieren sich zu Trends auf Basis von Tagesdaten, Letztere zu einem mehrjährigen Bullenmarkt. Analog entwickelt sich ein Bärenmarkt. Mit der Dauer eines Bullen- oder Bärenmarkts wächst der Zweifel an seiner Fortsetzung, außerdem zeigen sich Folgen in der Realwirtschaft. So wird eine steigende Überbewertung einer Währung Exporte und damit das Wachstum dämpfen. Jeder Bullen- und Bärenmarkt bereitet also den Boden für sein Ende. Deshalb reagiert die Finanzwelt so nervös auf die jüngsten Kursverluste: Die Börsenwerte der Unternehmen sind seit 2009 auf mehr als das Dreifache gestiegen, obwohl ihre „wahren“ Werte mangels realer Netto-Investitionen stagnierten, die Kurse sind also „reif“ für einen Bärenmarkt.

Lassen wir das Geld arbeiten

Ich bin in den 1950er und 1960er Jahren aufgewachsen. Bei stabilen Wechsel- und Aktienkursen, Rohstoffpreisen und Zinssätzen konnte sich das Gewinnstreben nur in der Realwirtschaft entfalten, ähnlich wie in China seit fast 40 Jahren. Vollbeschäftigung, Ausbau des Sozialstaats und sinkende Staatsverschuldung waren kein „Wunder“, sondern Folgen der „realkapitalistischen Spielanordnung“. Vielleicht hat mich auch das „Glück der frühen Geburt“ zu der Hypothese geführt: Die „finanzkapitalistische Spielanordnung“ ist die systemische Hauptursache der Krise Europas.

Seit fast 50 Jahren schwanken Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktien- und Anleihekurse in einer Abfolge von Bullen- und Bärenmärkten. Dies hat drei Hauptfolgen: Die damit verbundenen Bewertungsänderungen verursachen Ölpreisschocks, Schulden- und Finanzkrisen. Die Unternehmen verlagern ihr Gewinnstreben von Real- zu Finanzinvestitionen. Die Mentalität „Lassen wir unser Geld arbeiten!“ breitet sich aus.

Nach dem Aktiencrash 2000 bauten drei Bullenmärkte bei Aktien, Rohstoffen und Immobilien ein enormes „Absturzpotenzial“ auf, das sich 2007/2008 in drei Bärenmärkten entlud. Seit fast 50 Jahren hat der Unternehmenssektor viel mehr Finanzkapital gebildet als Realkapital, das Wirtschaftswachstum sank, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung stiegen. Diese Probleme wurden nicht als Folge deregulierter Finanzmärkte, sondern als die überregulierter Arbeitsmärkte und des Sozialstaats begriffen. Seine Schwächung wurde zum „Sachzwang“ und erweiterte den Geschäftsbereich der Finanzwirtschaft, besonders in der Altersvorsorge. All das wird durch eine Theorie legitimiert, die den Menschen nur als eigennütziges Wesen begreift. Doch der Finanzkapitalismus nährt einen anderen Eigennutz als der Realkapitalismus. Für einen Trader gilt: Je mehr die anderen verlieren, desto mehr gewinnt er selbst. Ein Unternehmer muss hingegen auch die Interessen seiner Lieferanten, Kunden und Mitarbeiter berücksichtigen.

Realkapitalismus ist ein Plus-Summen-Spiel: Profit wird gemacht durch die Produktion „größerer Kuchen“, und das geht nur gemeinsam. Also zahlt sich soziales Verhalten im Sinn von Interaktion aus. Finanzkapitalismus in reiner Form ist hingegen ein Null-Summen-Spiel. Profit wird gemacht auf Kosten anderer. Also zahlt sich egoistisches Verhalten aus, „Liebe zum Geld“ ersetzt Vertrauen. Beides hat auf uns alle „abgefärbt“.

Finanzkapitalistische „Spielanordnungen“ zerstören sich selbst. Ökonomisch, weil immer mehr Finanzvermögen geschaffen werden, die keine realwirtschaftliche Deckung haben (überbewertete Aktien, faule Kredite, Staatsanleihen). Sozial, weil die Ungleichheit immer mehr steigt. Politisch, weil sich immer mehr Menschen von den Traditionsparteien abwenden, die durch „Marktreligiosität“ Identität und Orientierung verloren haben.

Nach einer Finanzschmelze sind unterschiedliche Wege möglich. In der Depression nach dem Börsenkrach 1873 organisierte sich die Arbeiterbewegung und setzte vieles in kleinen Schritten durch, insbesondere die größte politische Innovation Europas, den Sozialstaat. Nach dem Börsenkrach 1929 gelang es Roosevelt mit seinem New Deal, ein breites Bündnis zu schmieden. In Deutschland hingegen waren die Traditionsparteien völlig zerstritten, Hitlers Versprechen von sozialer Wärme und Ordnung in der Volksgemeinschaft wurde attraktiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügten die Eliten Europas zwar über eine gemeinsame, realkapitalistisch-sozialstaatliche „Navigationskarte“ auf Basis des Keynesianismus, doch Politik wurde für die Bürger gemacht, immer weniger mit ihnen, sie wurden zuerst mit dem Wiederaufbau und dann mit dem Konsum beschäftigt. Außerdem schienen die Errungenschaften des Sozialstaats für immer gesichert, „Verteidigungsmanöver“ also unnötig.

Die neoliberale „Gegenoffensive“ musste daher „nur“ die Eliten zur „Marktreligiosität“ bekehren. Ihr größter Stratege, Friedrich A. von Hayek, formulierte schon 1949: Wir müssen die Intellektuellen zu „unserem Glauben bekehren“, der Rest erledige sich dann von selbst. In der Tat: Seit der „Neoliberalisierung“ der Ökonomik reproduziert sich diese Weltanschauung durch Ökonomenproduktion. Gleichzeitig wurden durch „Ent-Fesselung“ der Finanzmärkte jene Probleme geschaffen, die den Abbau des Sozialstaats und die Privatisierung der Politik zu Sachzwängen machen.

Ohne aufgeklärte Eliten, ohne aufgeklärte Bürger und ohne „Navigationskarte“ wird die kommende Finanzkrise kaum für eine Wende zum Besseren genutzt werden können.

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher und Lektor in Wien. Sein Buch Der Weg zur Prosperität erscheint im Frühjahr bei Ecowin

06:00 27.02.2018

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