Schöne Schirmherrschaft

Hochkultur Ganz Italien von Barbaren beherrscht? Nein, ein Örtchen in der Toskana leistet Widerstand. Notizen vom Festival Cantiere Internazionale d’Arte

Kürzlich entwarf der sizilianische Autor Andrea Camilleri in Lettre international eine Charakteristik des Homo Berlusconensis. Vertreter dieses Typus, dem Camilleri etwa 25 bis 30 Prozent der Italiener zurechnet, seien, gleich der in Sizilien allbekannten Krippenfigur des „erschrockenen Schäfers“, entweder erstarrt vor Schreck oder, gleich der des „schlafenden Hirten“, in glückseligen Schlummer verfallen. Ein Drittel der Nation im Zustand der Agonie? Oder steht es noch schlimmer? Im Juli verkündete der Spiegel schlicht den „Niedergang des schönsten Landes des Welt“; Italien sei zur 150-Jahr-Feier der Republik tief gespalten und hoch verschuldet und verschleudere sein kulturelles Erbe.

Mittendrin, zwischen Trasimener See und Monte Amiata, liegt auf einer 600 Meter hohen Tuffsteinkappe Montepulciano. Wer das Renaissance-Städtchen, die „Perle des Cinquecento“, besucht, landet mitsamt den Hiobsbotschaften im Hinterkopf auch noch im geografischen Zentrum der Toskana-Fraktion. Auf den ersten Blick werden entsprechende Klischees dann auch bestätigt: Man flaniert mit all den anderen Touristen durch eine Kulisse, die auch die Macher der Twilight-Saga und von Bis(s) zur Mittagsstunde für ihre Zwecke nutzten, wovon noch T-Shirts in zahlreichen Läden zeugen.

Volksakademie

In der zweiten Julihälfte jeden Jahres lassen sich in Montepulciano jedoch auch ganz andere Beobachtungen machen. Seit 1976 findet hier das Festival Cantiere Internazionale d’Arte statt. Das Wort Festival trifft dabei nicht genau, was lange vor dem Einsetzen des Massentourismus seinen Anfang nahm. Der seit 1953 in Italien lebende Komponist Hans Werner Henze wurde im Jahr 1975 von kommunistischen Politikern aus der Region aufgefordert, mit bescheidenen finanziellen Mitteln ein Konzept gegen die Landflucht zu entwickeln und das verödete Montepulciano samt heruntergekommener Musikschule und geschlossenen Thea­tern kulturell neu zu beleben. Die Bevölkerung sollte ausdrücklich in das Konzept einbezogen werden. Nach ersten Gesprächen rief Henze, unterstützt von der Region und selbst findig Unterstützung einwerbend, den insbesondere der Musik verpflichteten „Cantiere“, übersetzt: „Werkstatt, Baustelle“, ins Leben. Er betrachtete das Projekt als politisches und didaktisches, als einen Modellfall für moderne praktische Kunsterziehung und -übung: „Unter Montepulciano stellte ich mir so etwas wie eine Volksakademie für die Künste vor.“ Nicht zuletzt dank Henzes weitgespanntem Netzwerk reisten von 1976 an Größen der Musikwelt wie Giuseppe Sinopoli oder Riccardo Chailly in die Stadt, um im Lauf weniger Wochen mit Gastorchestern und Musikern der Region Aufführungen zu erarbeiten, Geldmangel und Ärger inbegriffen; nachzulesen in Henzes Autobiografie Reiselieder mit böhmischen Quinten oder in Wie die ‚Englische Katze‘ entstand.

Auch Detlev Glanert kennt die Probleme des Cantiere genau. Der 1960 in Hamburg geborene, heute in Berlin lebende Komponist ist noch bis Ende 2011 für drei Jahre Künstlerischer Direktor der Werkstatt. Er kam 1989 als Assistent Henzes nach Montepulciano und erhielt anschließend gemeinsam mit Luciano Garosi von Henze den Auftrag, die 1725 gegründete Musikschule wiederzubeleben, die inzwischen von 1.200 Schülern besucht wird. Während des Festivals scheint Glanert omnipräsent: tagsüber mit Wasserfläschchen ausgerüstet zu Vorbereitungen eilend, auf der Piazza Grande beim Transport der Pauken zur Freiluftbühne vor der schlichten Domfassade, beim Essen in der Mensa der Grundschule, in der sich die Festivalteilnehmer an langen Tischen zu hervorragendem Großküchen-Essen und dem berühmten Vino Nobile aus Plastikbechern treffen. Und abends bei den meisten der 53 Konzerte als Zuhörer, der schon mal zu laut vor der Tür Plaudernde freundlich zu Ruhe mahnt, während drinnen das Kammerorchester La Tramontana spielt.

Glanert könnte viel darüber erzählen, dass auch in Montepulciano die Verhältnisse nicht (mehr) so sind. Das ursprünglich vierwöchige Festival dauerte diesmal aufgrund empfindlicher Budgetkürzungen statt sechzehn nur elf Tage, die Aufführung einer Kinderoper des Italieners Mauro Montalbetti musste vertagt werden, obwohl die Kinderoper hier Tradition hat. Von einer zweiten wichtigen Uridee des Cantiere, die Künstler für ihren Auftritt ohne Gage quasi mit einem Toskanaaufenthalt zu entlohnen, ist einiges verloren gegangen, weil die Übernachtungspreise seit dem Beginn der neunziger Jahre um ein Vielfaches gestiegen und ein paar zusätzliche Ferientage für die Künstler längst unbezahlbar geworden sind.

Viel lieber will Glanert aber genau von dieser Idee und ihrer Wirkung reden. Bereits mit der Gründung habe Henze festgelegt, dass keiner der mitwirkenden Künstler eine Gage erhält. Jedes Jahr könne man neu beobachten, wie sich auf dieser Grundlage binnen weniger Tage die Verkrampftheit der Beteiligten löse, wie sie demütiger würden vor der Musik, wie das Bedürfnis nachlasse, sich gegen die harte Konkurrenz zu behaupten. Dieses utopische Moment, so Glanert weiter, mache noch immer den einzigartigen Charakter des Cantiere aus, der auch auf manche Einwohner, die Politaner, ausstrahle, etwa auf Gianni Trabalzini, der als kleiner Junge in Pollicino mitgespielt und sich früh für Bühnentechnik und Beleuchtung begeistert hat. Jahrelang unterwegs als Techniker fahrender Kompagnien, lebt er heute mit seiner Familie als technischer Direktor des Cantiere wieder in Montepulciano.

Klein- und Kleinstsponsoren

Obwohl oder vielleicht gerade weil das Festival essenziell vom persönlichen Engagement aller Beteiligten abhängt, hat das Festival alle Krisen überlebt. Auch die regionalen Politiker, darunter der zu gut zwei Drittel Mitte-Links besetzte Stadtrat von Montepulciano, halten an ihm fest – trotz spärlich fließender Gelder aus Rom, trotz abspringender Sponsoren, trotz seitens konservativer Kräfte vorgebrachter Einwände, das alles koste zu viel. Das Festhalten fällt umso leichter, als das Geld ja in der Stadt bleibt, bei den Quartiergebern, den aus der Gegend stammenden Mitarbeitern der Technik, den Café- und Ladenbetreibern. Auf Rom verlässt man sich finanziell im Übrigen wenig, das Budget kommt zu großen Teilen aus der Stiftung des Cantiere, aus der Provinz, der Region und der Kommune, sowie von regionalen Klein- und Kleinstsponsoren, ortsansässigen Weingütern etwa.

Um riesige Summen geht es ohnehin nicht. Das Budget für 2011 lag bei 400.000 Euro. Mit den vorhandenen Mitteln wurden zwei Opern inszeniert, drei Orchesterkonzerte des Gastorchesters und zahlreiche Kammerkonzerte von insgesamt rund 300 mitwirkenden Künstlern aufgeführt, und es wurden Katalog, Technik und Werbung finanziert. Für den reibungslosen Ablauf sorgt dann der Cheforganisator Lorenzo Bui, der als Parlamentspräsident auch dem Stadtrat vorsteht.

Und wie wirkt sich das Politische im Festival selbst aus? Es scheint in doppelter Weise stimmig, dass nach Stationen im Inferno (2009) und Purgatorio (2010) in diesem Jahr das Paradiso, der dritte Teil der Göttlichen Komödie des Toskaners Dante, die Überschrift lieferte. Weniger um Dantes Versen musikalische Komplemente gegenüberzustellen, sondern um wie jener in seinem Opus magnum die Dramaturgie in drei Schritten im Laufe dreier Jahre zu vollziehen. Doch Paradiso lässt sich an dieser Stelle auch als entschiedener Einspruch gegen Italiens (kultur-)politische Großwetterlage lesen, als Reminiszenz an die Geschichte des Cantiere selbst, als Beweis dafür, wie, mit Worten Dantes, „aus kleinem Funken große Flamme lodert“.

Alle in diesem Jahr auf dem Programm stehenden Stücke hatten ja im weiteren Sinn etwas mit einer Lösung zu tun. Richard Strauss’ Oper Ariadne auf Naxos, bei deren Inszenierung ein im Foyer aufgebauter, achtlos abgegessener Esstisch auf italienische Verhältnisse verwies und wo auf der Bühne Lebenslust über die Todessehnsucht siegt, ebenso wie Gioacchino Rossinis Gelegenheit macht Diebe, wo nach zahlreichen Koffer- und Personenverwechslungen am Ende vieles ins Lot kommt.

Wer eine der Opernaufführungen im bis 1796 errichteten, zauberhaften Teatro Poliziano besuchte, konnte unter den Besuchern nicht nur die üblichen Verdächtigen entdecken (eng mit der Festivalorganisation Befasste, kulturbeflissene Toskana-Touristen, Kritiker etc.). Und als Shakespeares Mittsommernachtstraum in der Regie von Carlo Pasquini durch Schauspieler aus der Region gegeben wurde, kannten sich viele Frauen aus dem Publikum offensichtlich aus der Nachbarschaft. Man begrüßte sich ausgiebig, plauderte lebhaft, spielte noch ein bisschen auf dem Handy herum und legte dann zur Sicherheit die Regenschirme parat, um schließlich der Aufführung im Hof der Festung zu folgen. Womit ein schönes Klischee bestätigt (die italienische Frau redet gerne, und dies auch mithilfe der neuen Kommunikationsmittel) und ein anderes schönes widerlegt wurde: Obwohl der Reiseführer behauptet, dass in der Toskana Niederschlag im Juli an ein Wunder grenzt, regnete es in diesen Tagen immer wieder kräftig auf die Stadt herunter – eine Beobachtung mehr, die dazu anhalten kann, den eigenen Blick auf ein Land zu überdenken, in dem eine kleine Gemeinde über Jahrzehnte an einer „Kunstbaustelle“ festhält, die sich nicht im Vorzeigen eingekauften Kunsthandwerks genügt, ein Land, in dem vielmehr etwas von der „intellektuellen Offenheit und kulturellen Weisheit“ weiterlebt, die sich Hans Werner Henze seit seinem ersten Besuch in Montepulciano nicht nur erträumte.

Beate Tröger schreibt im Freitag schwerpunktmäßig über Lyrik

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08:00 21.08.2011

Ausgabe 39/2020

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