Schröders Spielmacher

USA/Deutschland Imponierender Teamgeist bis zum Finish

Auch in der Politik ist nichts eindrucksvoller als gefälliges Mannschaftsspiel - genaue Pässe, elegante Ballannahme, in Schussposition gebracht werden und treffen. Die deutsche Regierung und die Bush-Administration haben das in nur sechs Wochen bis zur Perfektion gebracht. Die Steilvorlagen des Spielmachers George Bush haben die einsame Spitze Schröder - zunächst mehr in hängender Position, später ganz vorn im gegnerischen Strafraum - mit einer solch traumhaften Präzision erreicht, dass zuletzt voll auf Sieg gespielt werden konnte. Ob es am Ende reicht - vieles, manches, nicht alles spricht dafür. Auf alle Fälle ist der robuste amerikanische Offensivdrang dem Spiel der rot-grünen Equipe glänzend bekommen. Bomberqualitäten hier, taktische Qualitäten dort - Siegeswille überall. Vielleicht hat sich dieses Dream-Team einen Hauch zu spät gefunden, aber wer weiß?

Man musste daher den deutschen Außenminister verstehen, wenn er Dankbarkeit zeigen wollte, als er vor Wochenfrist im UN-Hauptquartier nach seinem Eindruck vom soeben beendeten Auftritt des amerikanischen Präsidenten gefragt wurde. George Bush hatte die Vereinten Nationen vor die Alternative gestellt, den Amerikanern beim Durchbruch zu einer weiteren Neuen Weltordnung als nützlicher Idiot zu dienen oder aber als anachronistisches Relikt vom Platz gestellt, sprich: in den Ruhestand, versetzt zu werden. Vehikel des Imperiums oder Opfer seiner Hybris, das war die Frage. Bush hatte die Alternative präzise beschrieben. Joseph Fischer hätte nun den Aufstand der Anständigen proben oder - wie es die Grünen gern tun - entrüstet die Zivilgesellschaft ob dieser Nötigung anrufen, seinen Respekt vor der UN-Charta bezeugen oder um das Schicksal der Weltorganisation zutiefst besorgt sein können. Vielleicht hätte es auch genügt, einfach zu sagen, eine derart ungeschlachte Erpressung gehe Deutschlands erstem Diplomaten und beliebtestem Politiker gehörig gegen den Strich. Er hätte daran erinnern können - gewiss im Sinne seines Kanzlers -, dass die UNO einst entstand, um Gewalt und Krieg zu verbannen. Aber Joseph Fischer wollte ja nicht tollkühn, sondern dankbar sein. Er zückte also den Satz, es läge nun einzig und allein in der Hand von Saddam Hussein, ob es einen Krieg geben werde oder nicht.

Da ließ sich für mehr als den Bruchteil von Sekunden erahnen, wie es mit dem deutsch-amerikanischen Passspiel nach dem 22. September weitergeht. Variante eins: Handeln die USA als Vollstrecker der Weltorganisation, ist Deutschland als UN-Mitglied politisch dabei. Militärisch war man ja von Anfang an nicht gefragt, auch wenn Gerhard Schröder ständig den Eindruck erweckte, es wäre so. Er müsse Soldaten verweigern, die kein amerikanischer General bestellt hatte.

Mit UN-Label jedenfalls ließe sich eine Intervention gegen Bagdad vom Kainsmal des aus imperialer Neigung geführten Angriffskrieges befreien. Es wäre ja die "vom Irak ausgehende Bedrohung des Weltfriedens" zu unterbinden. Die rot-grüne Bundesregierung hatte 1999 aus "humanitären Gründen" eine Bombardierung Jugoslawiens gebilligt (sich damals sogar gegen die Skepsis der USA durchgesetzt) - was wird sie bei einer Bombardierung des Irak tun, die im "Interesse des Weltfriedens" unausweichlich ist? Es versteht sich, unter diesen Umständen kann Deutschland - wer es dann auch immer regieren mag - den Amerikanern logistische und humanitäre Hilfe nicht verweigern. Landepisten, Lufträume und Lazarette werden verfügbar sein. An mehr haben Bush Co. ohnehin nie gedacht. Allerdings könnte eine künftige deutsche Regierung irgendwann darüber nachdenken, ob nicht nach einem militärischen Schlag gegen Saddam eine deutsche Beteiligung an einer UN-Mission im Irak "im Interesse der Menschen dort unten (man könnte Schröder schon jetzt den Text vorschreiben) und aus Verantwortung für den Frieden und die Region nötig und wünschenswert" wäre.

Variante zwei: Bush führt seinen Krieg ohne UN-Mandat. Auch dann wird eine deutsche Regierung den USA das Hinterland sichern, weil die Amerikaner, um ihre Aggression zu rechtfertigen, erschlagende Beweise für das gigantische, jederzeit einsatzfähige Potenzial an Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins präsentieren werden. Nicht Inspektion total, wie sie Bagdad gerade angeboten hat, sondern Waffenvernichtung total ist angesagt. Der Irak darf sich gerade noch zwischen Kapitulation mit oder ohne Krieg entscheiden. In Deutschland - soviel scheint sicher - dürfte diesmal nicht Rudolf Scharping das "erschütternde Beweismaterial" präsentieren. Für alles Weitere gilt Variante eins.

Wenn Schröder das Match um das Wohnrecht im Kanzleramt gewinnt, muss er sich gegenüber seinem Spielführer und besten Mann selbstredend erkenntlich zeigen. George Bush war ein Wahlkämpfer für Rot-Grün, wie ihn sich die Koalition und ein fintenreicher sozialdemokratischer Kanzler nicht besser wünschen konnten. Teamgeist und Fairplay sind das Mindeste, was man als Gegenleistung erwarten darf.

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00:00 20.09.2002

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