Schüsse in Paris

Anschlag auf Chirac Französische Neonazis machen auf sich aufmerksam

Er ist 25 Jahre alt, der Attentäter, der am 14. Juli um 9.59 Uhr auf Chirac am Place de l´Etoile anlegte, einmal schoss und verfehlte, bevor er von Zuschauern, dann von der Polizei überwältigt wurde. Doch von einem Geistesgestörten, wie voreilig verlautete, kann keine Rede sein. Maxime Brunerie bewegte sich in rechtsextremen Skinheadkreisen, war Hooligan beim Pariser Fußballclub Paris-St.-Germain und durchlief mehrere rechtsextreme Parteien, 1997 bereits die PNFE (Parti Nationaliste Français et Européen), die aus der Neuen Rechten kommt, nicht rigide nationalistisch denkt, dafür gleich die ganze europäische Kultur vor den hereinbrechenden Immigrationsbarbaren schützen will. Brunerie war Mitglied studentischer rechtstextremer Jugendgruppen wie der "Groupe Union Défense" (GUD), die sich bald mit der "Jeune Résistance" zur "Unité Radicale" (UR) vereinigte. Er übernahm für sie die Aufgabe, sich um "Rock Identitaire", die rechtstextreme Musikszene, zu kümmern. Die UR versteht sich als Sammlungsbewegung der radikaleren Rechtsextremen, früherer Lepenisten oder Anhänger von Bruno Mégret, aber auch der "Bewegung des Dritten Wegs" von Jean-Gilles Malliarakis oder der Gruppe "Land und Volk" von Pierre Vial. Bei der Spaltung des Front National in Anhänger Le Pens und Bruno Mégrets haben alle diese Gruppen auf der Seite des radikaleren Mégret gestanden. Brunerie hat seine Kontakte zu Mégret nie gekappt, im Gegenteil: bei den Kommunalwahlen im März 2001 kandidierte er auf Platz sieben der MNR-Liste im 18. Pariser Arrondissement. Und noch am 21. April diesen Jahres, am Abend des ersten Durchgangs zur Präsidentschaftswahl, wurde Brunerie zum Wahlausgang interviewt. Die UR gibt sich antisemitisch und antiamerikanisch.
Einmal "von sich reden machen wollen" ist deshlab als Erklärung für das versuchte Attentat höchst unzureichend. Erste Untersuchungen ergaben, dass sich Brunerie am 12. Juli, zwei Tage vorher, mit einem UR-Mitglied getroffen hat, nach dem gefahndet wird, und am 13 Juli zwei rechtsextreme Freunde besuchte, die inzwischen vernommen wurden. Es kann gut sein, dass er nicht allein handelte, sondern der Coup dazu dienen sollte, die öffentliche Aufmerksamkeit für die militante Rechte wieder herzustellen. Wenn das ihr Kalkül war, hat es prima funktioniert.
Für die französische Öffentlichkeit aber ist wichtig zu wissen, dass es neben Le Pen und Mégret, die ganz auf den parlamentarischen Prozess konzentriert sind, noch eine militante Rechte gibt, auf deren Konto viele klandestine Angriffe auf MigrantInnen und vor allem die regelmäßigen Schändungen jüdischer Friedhöfe gehen.

Attentatein in Frankreich


Am 24. Juni 1894 wurde der Präsident Sadi Carnot durch den italienischen Anarchisten Caserio ermordet.
Am 30. Mai 1905 scheiterte ein Versuch der Anarchisten gegen Präsident Emil Loubet.
Am 14. Juli 1922 schlug ein weiterer Versuch fehl, diesmal gegen den sozialdemokratischen Präsidenten Millerand.
Am 6. Mai 1932 wurde Präsident Paul Doumer vom russischen Emigranten Gorguloff umgebracht.
Die zweite Welle der Attentate trägt die Handschrift der Rechtsextremen. Sie waren gegen die Entkolonialisierungspolitik de Gaulles in Algerien gerichtet. Ausgeführt entweder von rechten Militanten oder der algerienfranzösischen Geheimarmee OAS (Organisation pour une Armée Secrète).
Am 8. September 1961 entkam de Gaulle in Pont-sur-Seine (Departement Aube) einem Anschlag mit einer Bombe.
Am 23. Mai 1962 wurde de Gaulle von der gegenüber liegenden Seite der Freitreppe des Elyséepalastes beschossen.
Am 22. August 1962 wurde sein Wagen in Petit-Clamart von Schüssen des Leutnants Bastien-Thiry durchlöchert.
Am 31. Juli 1963 wurde der Attentatsplan von Georges Vatin, Abkömmling einer angesehenen französischen Militärschule, aufgedeckt.
Am 14. August 1964 war eine bereits deponierte Bombe in Mont-Faron nahe Toulon nicht explodiert.

00:00 19.07.2002

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