Sekkusu Shinai Shokogun

Japan Das heißt Zölibatsyndrom: Viele junge Menschen wollen keinen Sex mehr und verweigern die Ehe
Abigail Haworth | Ausgabe 45/2013 10
Sekkusu Shinai Shokogun
Erotik aus dem Automaten: Spielhalle in Tokio

Patrick Frilet / Agentur Focus

An der Haustür hängt ein Schild mit der Aufschrift „Klinik“. Ai Aoyama öffnet und begrüßt mich in Yogahose und Plüschhausschuhen. Auf dem Arm hat sie einen Pekinesen, den sie als Marilyn Monroe vorstellt. In ihrer Broschüre steht, sie habe in den 1990ern Nordkorea besucht und dort die Hoden eines hohen Generals gequetscht.

Ai Aoyama ist Sex- und Beziehungsberaterin. Sie lebt und arbeitet in ihrem schmalen, dreistöckigen Haus in einer Seitenstraße von Tokio. Ihr Vorname bedeutet auf Japanisch „Liebe“, er ist ein Überbleibsel aus ihren Tagen als Domina. Damals, vor etwa fünfzehn Jahren, hat sie als Queen Ai „die üblichen Sachen“ gemacht, also Leute gefesselt und ihnen heißes Wachs auf die Brustwarzen geträufelt. Ihre heutige Arbeit sei sehr viel anspruchsvoller, sagt sie. Die 52-Jährige versucht zu heilen, was die japanischen Medien Sekkusu Shinai Shokogun getauft haben: „Zölibatsyndrom“. Sie führt mich nach oben in ihren „Entspannungsraum“, dort steht nur ein Futon für zwei, es ist ruhig. Die meisten ihrer Klienten will Aoyama ermutigen, „damit aufzuhören, sich für ihre körperliche Anwesenheit zu entschuldigen“. Das Land sei auf der „Flucht vor menschlicher Intimität“, glaubt sie, aber es sei nicht gesund, wenn Menschen sich körperlich voneinander entfernen.

Direkt in die Katastrophe

Doch die unter 40-jährigen Japaner scheinen das Interesse an konventionellen Beziehungen zu verlieren. Millionen von ihnen sind mit niemandem zusammen und haben keine Lust auf Sex. Das führe für die Regierung direkt in die Katastrophe. Schon jetzt hat Japan eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Gegenwärtig leben 126 Millionen Menschen in Japan, die Zahl schrumpft seit zehn Jahren. 2012 wurden weniger Kinder geboren als je zuvor. Hochrechnungen zufolge wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um ein weiteres Drittel sinken. Kunio Kitamura, der Chef der JFPA, warnt, diese Krise sei so schlimm, dass die Japaner aussterben könnten.

Eine Studie aus dem Jahr 2011 zeigt, dass 61 Prozent aller unverheirateten Männer und 49 Prozent der Frauen zwischen 18 und 34 Jahren sich in keinerlei romantischer Beziehung befinden – ein Anstieg um fast zehn Prozent in fünf Jahren. Ein Drittel aller erwachsenen JapanerInnen unter 30 sei noch nie mit jemandem zusammen gewesen. Auch wenn in Japan – einem Land, in dem es kaum religiöse Moral gibt – schon lange pragmatisch zwischen Sex und Liebe getrennt wird: Man geht kaum noch miteinander ins Bett. Anfang diesen Jahres kam eine Studie der Japanischen Familienplanungsassoziation (JFPA) zu dem Ergebnis, 45 Prozent aller Japanerinnen zwischen 16 und 24 seien „nicht an Sex interessiert oder verschmähen ihn“.

Solche Menschen kommen zu Aoyama, viele seien tief verwirrt, sagt die Sexberaterin. „Einige wünschen sich einen Partner, andere wollen lieber Single bleiben. Aber nur wenige können mit normaler Liebe oder Ehe etwas anfangen.“ Doch es herrscht der Druck, sich dem anachronistischen japanischen Familienmodell – Mann verdient das Geld, Mutter bleibt zu Hause – anzupassen. „Die Leute besuchen mich, weil sie denken, mit ihnen stimme etwas nicht, weil sie etwas anderes wollen“, sagt Aoyama.

Denn die erwachsenen Japaner, die heute unter 40 sind, vermehren sich nicht mehr aus Pflichtbewusstsein, so wie es die Nachkriegsgenerationen taten. Nach 20 Jahren der wirtschaftlichen Stagnation durchläuft das Land gewaltige gesellschaftliche Veränderungen. Es kämpft gegen die Auswirkungen, die das Erdbeben, der Tsunami und die Kernschmelze in Fukushima im Jahr 2011 hatten. Folgen, die sich auch auf das Beziehungsleben auswirken. „Männer wie Frauen geben an, keinen Sinn in der Liebe zu erkennen. Sie glauben nicht, dass sie irgendwohin führt“, sagt Aoyama. Von der Ehe ganz zu schweigen. Die japanischen Männer sind nicht mehr so karrierebewusst und weniger solvent als früher – die Sicherheit lebenslanger Arbeitsplätze ist verschwunden. Die Frauen hingegen sind unabhängiger und ehrgeiziger geworden. Doch es halten sich konservative Vorstellungen.

Die knallharte japanische Geschäftswelt macht es Frauen unmöglich, Kinder und Karriere zu vereinbaren. Wenn aber nicht beide Eltern arbeiten, können die wenigsten sich Kinder leisten. Es ist immer noch ungewöhnlich, dass ein Mann und eine Frau unverheiratet und kinderlos zusammenleben. Und vor allem in den riesigen japanischen Metropolen driften die Geschlechter auseinander. Viele wendeten sich der „Nudelboxliebe“ zu, sie suchen schnelle Befriedigung, Gelegenheitssex, kurzfristige Treffen, Online-Pornos, Anime-Comics. Oder sie lassen es ganz sein und gehen lieber ins Kino.

Allen Regierungsausschüssen zur fortpflanzungsunwilligen Jugend des Landes zum Trotz ergibt es ökonomisch oft mehr Sinn, Single zu bleiben. Das gilt besonders für Frauen. „Die Ehe ist das Grab der Frau“, sagt ein altes japanisches Sprichwort, das sich darauf bezieht, dass Männer oft eine Geliebte ihren Ehefrauen vorgezogen haben. Heute gefährdet die Ehe die hart erarbeiteten Karrieren der Frauen.

An einem Samstagmorgen treffe ich die 32-jährige Eri Tomita im schicken Tokioter Viertel Ebisu. Tomita arbeitet in der Personalabteilung einer französischen Bank und liebt ihren Job. Sie spricht fließend Französisch, hat zwei Uniabschlüsse und meidet romantische Verbindungen. Sie will sich auf die Arbeit konzentrieren. „Mein Ex-Freund hat mir vor drei Jahren einen Antrag gemacht. Ich habe ihn abgelehnt, weil mir klar wurde, dass mir an meinem Job mehr liegt. Danach habe ich das Interesse daran verloren, mit jemandem zusammen zu sein. Es wurde immer komisch, wenn die Frage nach der Zukunft aufkam.“

Nur nicht schwanger werden

Sobald eine Frau in Japan verheiratet sei, bestünde für sie keine Aussicht mehr auf Beförderung: „Der Boss geht davon aus, dass sie schwanger wird“, und wenn eine Frau ein Kind hat, seien die langen, unflexiblen Arbeitszeiten für sie nicht mehr machbar. „Man muss kündigen und endet als Hausfrau ohne eigenes Einkommen. Für Frauen wie mich kommt das nicht infrage.“ Rund 70 Prozent aller japanischen Frauen geben nach der Geburt ihres ersten Kindes ihren Beruf auf. Japan gilt als eines der Länder, in denen es um die Gleichheit am Arbeitsplatz am schlechtesten bestellt ist.

Und es mangelt an gesellschaftlicher Akzeptanz. Verheiratete Frauen, die arbeiten, nennt man auch mal oniyome oder „Teufelsgattinnen“.

Premierminister Shinzo Abe hat nun angekündigt, die Rahmenbedingungen für Frauen, wie etwa die Kinderbetreuung, zu verbessern. Tomita sagt, die Dinge müssten sich schon „dramatisch“ verbessern, um sie davon zu überzeugen, berufstätige Ehefrau und Mutter zu werden. „Ich gehe mit meinen Freundinnen aus. Sie sind Karrierefrauen wie ich. Wir besuchen französische und italienische Restaurants. Ich kaufe mir schicke Kleidung und reise. Ich liebe meine Unabhängigkeit.“ Tomita hat ab und zu One-Night-Stands mit Männern, die sie in Bars trifft, aber Sex sei keine Priorität für sie: „Ich erhalte oft Einladungen von Männern aus meinem Büro, die eine Affäre wollen. Sie halten mich für verzweifelt, weil ich Single bin“, sie verzieht das Gesicht und zuckt mit den Schultern.

„Mensokusai“, sagt sie. Das bedeutet: „zu mühsam“. Das Wort, das ich häufig höre, wenn ich mit japanischen Männern oder Frauen über ihre Beziehungsphobie spreche. Japans Institut für Bevölkerung und soziale Sicherheit zufolge sei für 90 Prozent aller jungen Frauen das Single-Dasein dem Leben Verheirateter in jedem Fall vorzuziehen. Dabei hält sich der jahrhundertealte Glaube, der Sinn der Heirat bestehe darin, Kinder zu bekommen, hartnäckig. Aber auch Männer belasten die Erwartungen. Satoru Kishino, 31, ist einer von vielen Männern, die gegen traditionelle japanische Männlichkeitsvorstellungen rebellieren. In Zeiten von Rezession und unsicheren Einkommen findet er den Druck, Frau und Familie zu versorgen, viel zu hoch. „Zu mühsam,“ antwortet auch Kishino auf die Frage, warum er keine Freundin hat. „Ich verdiene nicht viel und kann mir Verabredungen nicht leisten. Und will auch nicht, dass eine Frau sich erhofft, ich würde sie heiraten. Die Verantwortung ist mir zu groß.“ Die japanischen Medien, die für so ziemlich jede gesellschaftliche Marotte einen Ausdruck haben, bezeichnen Männer wie Kishino als soshoku danshi, als „Männer, die Gras essen“, für die Beziehungen und Sex unwichtig sind.

Ironischerweise hat das japanische Lohnsystem die idealen Bedingungen für das Sololeben geschaffen. Japanische Städte sind voll von Angeboten für Einzelpersonen, von Schnell-Restaurants über die sogenannten Kapselhotels bis hin zu den konbini (Gemischtwarenläden), in deren Regalen einzeln eingewickelte Reisbällchen und Einwegunterwäsche zu finden sind. Es gibt inzwischen Cafés, Hoteletagen und ganze Wohnblocks nur für Frauen.

Experten sehen in der Eheflucht mehr als die bloße Ablehnung überholter Normen und Geschlechterrollen. „Single zu sein, galt einst als das ultimative persönliche Versagen“, sagt die Anthropologin Tomomi Yamaguchi von der Montana State University. „Inzwischen aber stellen immer mehr Menschen fest, dass ihnen diese Lebensweise viel besser entspricht.“ Man entscheide sich ganz bewusst dafür. Kann man in Japan eine Ahnung von unserer Zukunft erhalten? Ähnliche Entwicklungen lassen sich ja auch in anderen Industriestaaten beobachten. Der Demograf Nicholas Eberstadt aber sieht diesen Trend in Japan noch beschleunigt: vom Fehlen einer religiösen Autorität, die Ehe und Familie propagiert, von der prekären, erdbebengefährdeten Ökologie des Landes, die Gefühle der Vergeblichkeit hervorrufe, und von hohen Kosten für Lebenshaltung und Kindererziehung. „Allmählich, aber unaufhaltsam entwickelt Japan sich zu einer Art Gesellschaft, deren Mechanismen bislang nur in der Science-Fiction formuliert wurden“, schreibt Eberstadt. Mit der riesigen Armee alter Menschen und der immer kleiner werdenden Anzahl an junger Bevölkerung könnte Japan zu einem „Pioniervolk“ werden.

Abigail Haworth ist Redakteurin bei der amerikanischen Ausgabe der Marie Claire, lebt in Asien und schreibt über Frauenthemen

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