Selbstmordland

Indien Zwei Drittel der Bevölkerung leben als Bauern – in wachsender Not. Auch Abwanderung ist kaum noch möglich

Wer in Indien etwas über die Not in der Provinz erfahren will, muss dazu nicht aufs Land fahren. Es genügt ein Abend am Marine Drive, Mumbais eleganter Uferpromenade, auf der man zwischen vergnügten Familien und spielenden Kindern Menschen wie Santosh treffen kann. Der junge Mann hat sich aus seinem Dorf im Staat Maharashtra auf den Weg gemacht, um in Mumbai sein Glück als Schuhputzer zu suchen. Doch auch nach sieben Monaten reichen seine Einnahmen für kaum mehr als zwei karge Mahlzeiten am Tag. Selbst ein eigener Schuhputzkasten, der 1.000 Rupien (13 Euro) kosten würde, bleibt ein Traum. Sein Schuhputzzeug und seine Habe trägt er in einer Plastiktüte, die Nächte verbringt er auf der Straße. „Wenn man kein Geld hat und keine Kontakte, ist es in Mumbai sehr schwer“, sagt Santosh, der nach all den Misserfolgen überlegt, in sein Dorf zurückzukehren. Dort könne er zumindest wieder als Teeverkäufer arbeiten, unter Umständen ein wenig Geld sparen und dann vielleicht einen neuen Anlauf Richtung Mumbai unternehmen.

Über die Heimkehr würden sich wohl nur seine zwei kleinen Töchter freuen. Weit willkommener wären daheim Geldüberweisungen, mit denen er nicht nur seine eigene Familie, sondern auch Eltern und zwei arbeitslose Brüder unterstützen könnte. „Meine Eltern sind Bauern, alle im Dorf sind Bauern, wir leben von Baumwoll- und Soja-Anbau.“ Doch weil seit Monaten kaum noch Regen fiel, sei fast alles vertrocknet. Einige würden es jetzt mit weniger wasserbedürftigen Pflanzen wie Kohl oder Tomaten versuchen, doch auch da seien die Erträge unsicher. „Viele sind überschuldet und wissen nicht mehr weiter“, sagt Santosh.

Dürren und Konzernsaat

Ein Dorf, das keine Lebensgrundlage mehr bietet, eine Metropole, die kaum noch Zuwanderer verkraftet, und ein junger Mann, der weder hier noch dort weiß, wie er Geld verdienen soll: Geschichten wie diese finden sich überall in Indien, dessen Landwirtschaft eine komplexe und hartnäckige Krise erlebt. Sie handeln von Dürren und Wetterextremen, die jeden Anbau zum Risiko machen, vom Hybridsamen, der Konzernen mehr Gewinn und Bauern mehr Abhängigkeit verheißt, von privaten Geldverleihern, die eine letzte, oft fatale Hoffnung darstellen. Am Ende der Ereigniskette stehen bankrotte Farmer, die zu Wanderarbeitern werden oder aus Verzweiflung den Freitod wählen. Das einst unbekannte Phänomen der Bauernselbstmorde hat in Indien dramatische Dimensionen erreicht: Zwischen 1995 und 2014 sollen knapp 300.000 meist überschuldete Bauern ihrem Leben ein Ende gesetzt haben. Die offiziellen Zahlen liegen niedriger, doch Kritiker glauben, dass die Behörden die Angaben manipulieren, um das Ausmaß zu vertuschen.

Um etwas über die Wirklichkeit hinter diesen Zahlen zu erfahren, gibt es in Indien keinen besseren Gesprächspartner als Palagummi Sainath. Der renommierte, vielfach ausgezeichnete Journalist und Gründer der Website People’s Archive of Rural India hat in über 30 Berufsjahren Dörfer in den entlegensten Regionen des Subkontinents besucht und bei zahllosen Recherchen auch 900 von Bauernselbstmorden zerstörte Familien interviewt. „Ich wünsche keinem Kollegen, auch nur drei solcher Gespräche führen zu müssen. Die Verzweiflung in diesen Häusern ist unbeschreiblich“, sagt Sainath. Der Tod des Familienoberhaupts bedeute für den Rest der Familie oft den Beginn eines langen Leidensweges. In der patriarchalischen, durch Kastendenken geprägten Ordnung des indischen Dorfes seien besonders die weiblichen Hinterbliebenen der Willkür ihrer Umgebung oft schutzlos ausgesetzt – Gewalt, Ausbeutung oder Vertreibung oft unmittelbare Folgen.

In den Augen der urbanen Mittelschichten sind solche Ereignisse nicht mehr als ein blinder Fleck. Indiens neue Eliten, junge Akademiker und Angestellte, sind zu sehr mit der eigenen Zukunft beschäftigt, als sich mit etwas derart Entlegenem wie dem indischen Dorf zu befassen. In großen Zeitungen erfährt man viel über Shopping-Malls, Immobilienmärkte, Investmentfonds oder den nächsten Flughafenneubau, aber so gut wie nichts über den Alltag derer, die gut zwei Drittel der indischen Bevölkerung ausmachen. Dabei gäbe es viel zu berichten: Mit 833 Millionen Einwohnern, 780 zum Teil jahrtausendealten Sprachen, 86 unterschiedlichen Schriften, unzähligen Ethnien, Traditionen, Riten, Berufen, Künsten und Techniken ist Indiens ländlicher Raum das größte lebende Kulturreservoir der Welt. „In meinen Anfangsjahren gab es in jeder Redaktion einen Kollegen, der nur über die Arbeitswelt, die Betriebe und die Landwirtschaft geschrieben hat. Das ist schon lange her. Heute berichtet man über die Reichen, die Innenausstattung ihrer Häuser und ihre Lieblingsrestaurants. Indiens Zeitungen verdienen prächtig, weil sie ihre Unabhängigkeit komplett an ihre Anzeigenkunden verkauft haben“, meint Sainath.

Sein eigenes Projekt, das aus privaten Spenden finanzierte People’s Archive of Rural India, zeigt, dass es anders geht. Eine kleine Redaktion und ein Netzwerk von Freiwilligen recherchieren ausschließlich vor Ort, sie lassen Menschen zu Wort kommen, die oft Analphabeten sind, ihre Situation und Umgebung aber häufig besser beschreiben können als jeder Journalist. Es sind Leute, die Wasserkrüge schleppen, Reis pflanzen, Gräben schaufeln, Straßen bauen, Latrinen reinigen, Müll sammeln, Körbe flechten, Tiere hüten, Felle gerben, Ton brennen oder einfach Kinder unterrichten. Die meisten davon sind Frauen.

„Mehr als vier Fünftel aller Arbeit auf dem Land wird von Frauen verrichtet – das war das Erste, was ich dort gelernt habe“, sagt Sainath, der seinen Zeitzeugen oft eine Kamera in die Hand drückt, damit sie ihren Alltag selbst dokumentieren können. „Wir wollen die Leute sprechen lassen, ihnen Namen, Gesicht und Stimme geben. Ich glaube nicht an die Experten, die in den Medien so viel Raum bekommen und Themen behandeln, denen sie sich in der Regel völlig entfremdet haben.“

Wasser? 30 Kilometer zu Fuß

Gut 1.400 Kilometer von Sainaths Büro entfernt, im Regierungsviertel von Delhi, arbeitet Amitabh Kant, Vorsitzender der Behörde NITI Ayoog, einst Indiens oberstes Planungsamt, das sich als Thinktank betrachtet. Wer Kant eine Weile zuhört, hat freilich den Eindruck, das hier noch immer mehr geplant als gedacht wird. Der korpulente Beamte ist in der mächtigen, weit verzweigten Bürokratie seines Landes eine Größe, unter anderem Urheber der viel gelobten Tourismuskampagne „Incredible India“. Auch der Marketing-Slogan „God’s own country“ für den Staat Kerala sowie die Aktion „Make in India“, die ausländische Direktinvestitionen anziehen soll, gehen auf ihn zurück. Doch wirkt der Behördenchef wie einer jener Experten, die nur in Maßen kennen, worüber sie reden. In der halbstündigen Powerpoint-Präsentation, die Kant seinen Gästen zukommt lässt, ist Indien bereits heute ein Ort, an dem es von Investitionen, Infrastrukturprojekten und internationalen Bestleistungen nur so wimmelt. Die Regierungsprojekte, mit denen das Land zum großen Rivalen China aufschließen will, sind so zahlreich wie schillernd. Viehhirten, Korbflechter oder Dorfschullehrer kommen darin nicht mehr vor. Kant verweist auf das staatliche Smart-City-Projekt, das 100 ausgewählte Städte mit neuester digitaler Infrastruktur ausstatten soll, auf Indiens Weltraumprogramm, durch das bereits mehr als 100 Satelliten ins All gestartet sind, und auf die „bullet trains“ – Hochgeschwindigkeitszüge, die dank der Kooperation mit Japan bald durchs Land rasen sollen. „Zwischen Mumbai und Delhi werden wir einen industriellen Korridor bauen und Industriearbeitsplätze für Millionen schaffen!“, donnert der Behördenchef. „Die Armut auf dem Land wird verschwinden, auch das Kastensystem wird sich auflösen!“

Es sind große Worte, die man vielleicht einem Marketing-Manager nachsehen würde, die aus dem Mund eines Spitzenbeamten fahrlässig klingen und der Realität des Landes nicht standhalten. Zwar gibt es in Branchen wie der IT, der Pharmazie oder dem Automobilbau beeindruckende Wachstumsraten, doch ist man weit davon entfernt, die von der Agrarkrise entwurzelten Menschen aufzufangen. Das im Westen bekannte Phänomen des beschäftigungslosen Wachstums ist auch auf dem Subkontinent anzutreffen. Trotz guter Bilanzen stellen große Firmen kaum noch ein. Vielerorts steht eine partielle Automatisierung der Produktion vor der Tür. Doch von etwa einer Million jungen Indern, die jeden Monat (!) auf den Arbeitsmarkt drängen, bleibt den meisten nur der Einstieg in den riesigen informellen Sektor als Straßenhändler, Haushaltshilfe, Wachmann oder eben Schuhputzer. Die wirtschaftliche Liberalisierung hat zusammen mit einer allgegenwärtigen Korruption dazu geführt, dass Indien heute zu den Staaten mit der weltweit größten sozialen Zerklüftung zählt, was nach Ansicht von Ex-Premier Manmohan Singh die Stabilität des ethnisch und kulturell ohnehin stark fragmentierten Landes bedroht.

Palagummi Sainaths Website erzählt eine Vielzahl von Geschichten, die zeigen, dass der Preis des indischen Wirtschaftswunders auf dem Land bezahlt wird. Beispiel Wasser: Während in Mumbai Luxushochhäuser mit Etagen-Swimmingpools entstehen, raubt die Wasserknappheit in den Dörfern zunehmend Zeit, Arbeits- und Lebenskraft. Der Journalist zeigt das Foto einer zierlichen jungen Frau, die auf drei wackeligen Steinen steht und mit einem Blechkübel in den Händen einen Wasserstrahl oberhalb ihres Kopfes zu erreichen sucht. „Wenn sie das geschafft hat, füllt sie mit diesem Kübel einen zweiten Kübel zu ihren Füßen, bis beide Kübel voll sind“, erläutert Sainath. „Dann trägt sie die 20 Liter 800 Meter weit zurück in ihr Dorf, leert sie, geht zurück und beginnt von vorn. Weil sie das bis zu 20 Mal am Tag macht, hat sie am Abend über 30 Kilometer zurückgelegt und mehr als 400 Kilo geschleppt. Wenn sie zu den Kastenlosen gehört, muss sie vor der Wasserquelle oft lange warten, da alle anderen Vorrang haben. Das ist Indien 2017, und das ist die Realität, von der kaum noch jemand etwas wissen will.“

Martin Jahrfeld arbeitet als Korrespondent in Indien und Pakistan

06:00 23.01.2018

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