Sich retten heißt kapitulieren

Syrien Als Regionalmacht abgestürzt - zur Verbeugung vor den USA und Israel genötigt

Zweifel sind nicht mehr möglich, Syrien droht unter den Pflug einer strategischen Neuordnung im Nahen Osten zu geraten. Aber keineswegs deshalb, weil es sich als Refugium für einen Teil der Führungselite aus der Ba´th-Partei Saddam Husseins anbietet. Wer solcherlei Vorwürfen aus dem Munde von Cheney und Rumsfeld Glauben schenkt, bezichtigt die syrische Führung unter dem Präsidenten Bashar-el-Assad einer geradezu selbstmörderischen Torheit.

Sicher hatte sich das Verhältnis zwischen Damaskus und Bagdad zuletzt sichtlich entspannt, gab es einen kleinen Grenzverkehr und floss vor allem wieder - unter Missachtung der UN-Auflagen - Öl durch jene Pipeline, die das nordirakische Fördergebiet von Kirkuk mit den Häfen im libanesischen Tripolis und syrischen Baniyas verbindet. Aber die Rivalität und innige Feindschaft der Ba´th-Parteien beider Länder blieben davon - trotz und wegen ihres gemeinsamen Ursprungs (s. unten) - weitgehend unberührt. Der hier wie da vorhandene panarabische Führungsanspruch blieb so kompromisslos wie unerbittlich. Außerdem hatte Bashar-el-Assad seinen UN-Botschafter im Dezember für die Resolution 1441 stimmen lassen, die George Bush von Anfang an als Ermächtigung zum Krieg gedeutet hatte. Syrien sah sich dabei, als Mitglied des Sicherheitsrates, gewiss nicht als Anwalt einer wie auch immer gearteten »arabischen Sache«. Aber zur konzilianten Geste an Saudi-Arabien oder die anderen Staaten des Golfkooperationsrates (auch an Ägypten), die jeden Konflikt mit den USA vermeiden wollten, geriet dieses Votum auf jeden Fall, wenn hier nicht gar eine Art von präventiver Diplomatie zu erleben war, um einer sich abzeichnenden »Irakisierung« des eigenen Lndes zu entgehen.

Immerhin zieht der Nuclear Posture Review (NPR) des Pentagon einen vorbeugenden Einsatz von Kernwaffen auch gegen Damaskus in Betracht. Begründet wir das nicht anders als in Sachen Irak: Hilfe für den internationalen Terrorismus (gemeint sind Gruppen wie Islamischer Dschihad und Hisbollah), Chemie- und Biologiewaffen-Arsenale, potenzieller Produzent von Atomwaffen, autoritäres Regime.

Mit dem Erzfeind

Es gibt keinen anderen Staat in der unmittelbaren Nachbarschaft, den das Israel Ariel Sharons lieber heute als morgen domestiziert und gedemütigt sähe. Die einstige Regionalmacht Syrien, die der »heldische Löwe« Hafez-el-Assad, wie sich der im Juni 2000 verstorbene Vater des heutigen Staatschefs gern nennen ließ, stets in den Glorienschein byzantinischer Größe getaucht sehen wollte, steht schon seit geraumer Zeit auf tönernen Füßen und im Joch einer maroden, von saudischer Dotation abhängigen Wirtschaft. Aber erst die drohende Invasion anglo-amerikanischer Truppen, deren Aktionsradius im benachbarten Irak nicht erschöpft sein muss, sorgt für eine existenziell bedrohliche Situation, die ein »gewisses Wohlverhalten« der Führung in Damaskus ultimativ erzwingen kann. Auf jeden Fall darf sich Israel der annektierten Golan-Höhen heute sicherer sein als jemals zuvor in den knapp 36 Jahren seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 - und allein das zählt.

Schon einmal, Anfang der neunziger Jahre, driftete Syrien in eine ähnlich prekäre Lage, die Präsident Hafez-el-Assad nach dem Verlust des strategischen Partners Sowjetunion mit einem Einstieg in die von den USA geführte und gegen den Irak gerichtete Golfkriegsallianz zu entschärfen suchte. 19.000 syrische Soldaten unterstanden dem Oberkommando des Generals Norman Schwarzkopf. Auch wenn sie in keinen direkten Kampfeinsatz geführt wurden, Syrien wehrte sich mit diesem Engagement ostentativ gegen das Stigma, Hort eines aggressiven arabischen Nationalismus zu sein, den allein der Glaube beseelt: Allah ist ewig und nur mit den Ungebeugten.

Mochte für den syrischen Part bei der Operation Wüstensturm seinerzeit auch die tiefe Abneigung gegen das Ba´th-Regime in Bagdad ein maßgebender Grund gewesen sein. Dieses Motiv verblasste vor der Tatsache, dass Präsident Assad seine feste Gralsburg verlassen hatte, um im gleichen Lager wie der zionistische Erzfeind wieder aufzutauchen und einem arabischen Bruderstaat den Krieg zu erklären. Ausgerechnet dem Irak, den der selbe Assad einst in der »Front der Standhaftigkeit« gerufen hatte, nachdem 1978 mit dem Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten die arabische Front aus Blei und Blut zerbrochen war.

Die nach dem Golfkrieg von 1991 beginnenden Verhandlungen zwischen Syrern und Israelis (1992-1996 sowie 1999-2000) ließen alsbald erkennen, dass tatsächlich Verpanzerungen aufzubrechen schienen. Hafez-el-Assad konzedierte, was er bis dahin allen US-Administrationen von Carter bis Bush sen. verweigert hatte: Jeder sollte seinen Frieden mit Israel suchen. Das Ägypten des Präsidenten Anwar-as-Sadat hatte das in einem Akt von euphorischem Fatalismus 1978 mit dem erwähnten Vertrag von Camp David bereits getan. Die PLO - seit ihrem Exodus aus dem Libanon 1982 ohnehin aus der arabischen Solidarität entlassen - vertraute 15 Jahre später mit den Oslo-Verträgen auf einen inzwischen gescheiterten Interessenabgleich mit Israel. Und König Hussein von Jordanien unterschrieb 1994 mit Premier Rabin einen Friedensvertrag.

Die Reihe war an Syrien, als letzter Frontstaat nach dem Ölzweig zu greifen, als im August 1993 Präsident Assad durch US-Außenminister Christopher über eine bemerkenswerte Zusicherung Yitzhak Rabins informiert wurde: Israel sei bereit, im Falle eines Friedensschlusses die 1967 besetzten Golan-Höhen vollständig zu räumen, einschließlich des Berges Hermon, sollte es dafür adäquate Sicherheitsgarantien geben. Ein Durchbruch schien greifbar.

Kein ebenbürtiger Partner

Kein israelischer Regierungschef war bis dahin soweit gegangen - und kein israelischer Regierungschef wollte sich nach dem Attentat auf Rabin am 4. November 1995 daran halten. Shimon Peres, Rabins direkter Nachfolger, winkte ab und wollte die Knesset-Wahl nicht gefährden, die er trotzdem verlor. Der Likud-Premier Benjamin Netanyahu sprach davon, mit Syrien wieder »beim Punkt Null« beginnen zu müssen. Ehud Barak, bislang letzter Ministerpräsident der Arbeitspartei, dachte an einen demilitarisierten Golan bei Erhalt einer eigenen Frühwarnstation auf dem Berg Hermon. Ariel Sharon, der Anfang 2001 ans Ruder kam, stieß wieder auf allseits erstarrte Fronten, was ihm nicht unrecht war.

Hafez-el-Assad hatte stets auf die Prinzipien der Gleichbehandlung, Symmetrie und Reziprozität wert gelegt. Was der Eine an Sicherheit gewann, sollte dem Anderen keine Last sein. Das von den Israelis gewünschte Frühwarnsystem konnte er sich daher auch als französisch-amerikanische Beobachter-Mission mit UN-Mandat vorstellen. Nicht allerdings eine Grenzziehung, die auf ein Arrangement zwischen den nahöstlichen Mandatsmächten Großbritannien und Frankreich aus dem Jahr 1923 zurückgreifen und Syrien von den Wasserressourcen des Tiberiasee abschneiden sollte. Assad wollte die Grenze vom 4. Juni 1967 zurück - dem Tag vor Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges - ohne die geringste Korrektur. Als er im März 2000, wenige Monate vor seinem Tod, in Genf gegenüber Präsident Clinton darauf beharrte, war das Treffen nach wenigen Minuten vorbei. Man hatte sich nichts mehr zu sagen - für Israel eine willkommene Vorlage, um einen Verhandlungspartner zu ignorieren, der nicht mehr als ebenbürtig zu betrachten war.

Nun, seit dem Irak-Krieg, gilt das aus Sicht der Israelis (und der Amerikaner) mehr denn je. Syrien ist kein »heldischer Löwe« mehr, sondern ein Papiertiger, der nur noch springen kann, um zu sterben. Dem Land droht eine Lektion, die allein durch den großen Kotau vor den USA abzuwenden ist. Es sei denn, Bashar-el-Assad wollte das Risiko einer Konfrontation eingehen, die sein Vater nach bitteren Niederlagen zuletzt heftig scheute.


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Arabisch-Sozialistische Ba´th-Partei


Gegründet wurde sie zunächst 1947 in Damaskus und vertrat von Anfang an einen säkularen arabischen Nationalismus. Bis in die sechziger Jahre hinein blieben dann die Ba´th-Parteien (übersetzt: Partei der Wiedergeburt) sowohl in Syrien wie auch im Irak teilweise im Untergrund operierende und aus patriotischen Offizierskadern rekrutierte Kader-Parteien. Das änderte sich in Bagdad 1968 mit der Machtübernahme durch Marschall al-Bakr, der sich fortan besonders auf die Strukturen der Ba´th-Bewegung stützte. In Damaskus putschte im September 1970 der Luftwaffengeneral Hafez-el-Assad, der die nationale Ba´th-Partei ebenfalls zu einer tragenden Säule seines auf die alawitische Minderheit und die Armee gegründeten Regimes erhob. In beiden Ländern entstanden - zunächst noch kaschiert durch National-Progressive Fronten mit anderen politischen Gruppierungen - faktisch Einparteiensysteme mit Millionen von Mitgliedern. Die irakische wie die syrische Ba´th-Partei nahmen dabei jeweils für sich in Anspruch, allein der authentische Vertreter eines »Arabischen Sozialismus« zu sein. Diese Konkurrenz mündete teils in Hass und tödliche Feindschaft. Ausnahmen gab es während des Yom-Kippur-Krieges von 1973, als irakische Verbände an der Seite der syrischen Armee an der gescheiterten Rückeroberung der Golan-Höhen beteiligt waren, oder 1978 nach dem Ausscheren Ägyptens (Camp-David-Vertrag) aus der anti-israelischen Front.

00:00 18.04.2003

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