Sie pumpen wieder

Finanzmärkte Die Wirtschaft ächzt unter den Folgen der Corona-Pandemie, die Börsenkurse steigen. Warum?
Sie pumpen wieder
Aufblasen, anheizen, abheben: Das ist der Traum des Kapitalisten

Foto: Manan Vatsyayana/AFP/Getty Images

Die Börse scheint sich mal wieder vom Boden der ökonomischen Realität gelöst zu haben. Die Corona-Rezession ist zwar noch im vollen Gang, das zweite Quartal wird wohl katastrophal. Dennoch geht es mit Aktienkursen seit einiger Zeit bergauf. Die Börsenindizes liegen nicht mehr weit unter ihren vergangenen Rekordhochs. Erklärt wird dies oft damit, dass die Märkte eine wirtschaftliche Erholung kommen sehen. Doch das unterstellt ein vereinfachtes Verhältnis zwischen der sogenannten Realwirtschaft und der Finanzsphäre und somit den Börsen eine Rationalität, die ihnen so nicht zukommt.

Seit ihrem Absturz im März sind die Aktienindizes der USA und Europas wieder um etwa 40 Prozent gestiegen. Gleichzeitig geht es mit der Wirtschaftsleistung noch immer bergab. Zwar werden die Lockdown-Maßnahmen schrittweise zurückgenommen, die Konjunktur belebt sich. Doch sind diese Erfolge relativ: In den USA fiel die Arbeitslosenrate zuletzt, allerdings nur von 14,7 Prozent auf 13,3 Prozent. In Frankreich sieht das Statistikamt INSEE eine „Erholung im Mai“, die allerdings lediglich dazu führt, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 17 Prozent sinkt statt um die zuvor erwarteten 20 Prozent. Die Allianz schätzt, dass in Europa neun Millionen Menschen ihren Job verlieren könnten, wenn Kurzarbeiter-Regelungen und andere staatliche Stützungen auslaufen.

Warum steigen die Kurse dennoch? Zunächst: Die Börsen sind kein Spiegel der wirtschaftlichen Aussichten. Für Aktienhändler ist die Wirtschaft lediglich das Fundament, auf dem ihre Spekulation aufbaut. Wer an der Börse spekuliert, der bildet sich zumeist eine Meinung über die Konjunkturlage. Doch kommt es für sein Geschäft weniger auf eigene Erwartungen an statt auf die Erwartungen aller anderen Börsenhändler. Denn erst wenn sich unter diesen die Ansicht durchsetzt, dass es trotz Corona-Pandemie an den Börsen aufwärts gehen wird, werden am Markt auch höhere Preise für Aktien gezahlt. Nur dann lohnt sich ein Investment. Der Aktienhändler muss aus den wirtschaftlichen Daten also herauslesen, wie die Mehrzahl der anderen Aktienhändler diese Daten deuten wird. Bei dieser Operation stehen alle Marktteilnehmer einander gegenüber und belauern sich.

Der Ökonom John Maynard Keynes hat dies mit einem Schönheitswettbewerb verglichen, bei dem es nicht darum geht, „jene auszuwählen, die nach dem eigenen Urteil wirklich die hübschesten sind, ja sogar nicht einmal jene, welche die durchschnittliche Meinung wirklich als die hübscheste betrachtet. Wir haben den dritten Grad erreicht, wo wir unsere Intelligenz der Vorwegnahme dessen widmen, was die durchschnittliche Meinung als das Ergebnis der durchschnittlichen Meinung erwartet.“ Und bei diesem Geschäft kommt es für jeden einzelnen Investor darauf an, der Erste zu sein, der auf den kommenden Trend setzt. „Fear of missing out“ (FOMO), also die Furcht, Kursgewinne zu verpassen, ist daher ein wesentlicher Treiber der aktuellen Hausse, die allein dadurch entsteht, weil die Marktteilnehmer auf sie wetten.

Die Spekulation braucht also keinen Aufschwung, sondern lediglich Anhaltspunkte dafür, dass es an den Märkten bergauf gehen wird. Und die gibt es: Die Corona-Ansteckungszahlen gehen zurück, die Wirtschaft erholt sich zaghaft. Vor allem aber haben die Staaten der Welt elf Billionen Dollar zur Stützung ihrer Ökonomien aufgeboten, weitere fünf Billionen sollen folgen. Dazu kommen Wertpapierkäufe der Zentralbanken, die Billionen an Liquidität in die Märkte pumpen.

Junge gierige Männer

Zwar haben diese Maßnahmen eigentlich einen negativen Ausgangspunkt: Die Regierungen nähren mit ihren Hilfsgeldern keinen Boom, sondern kompensieren lediglich ausgefallene Nachfrage des privaten Sektors. Dennoch werden die staatlichen Interventionen wie ein Impuls nach vorne betrachtet, ebenso wie die Liquiditätsflut der Zentralbanken, die tatsächlich bloß eine allgemeine Pleite verhindert. Die Nullzinsen machen Aktien im Vergleich mit Anleihen zwar attraktiver, was die Aktienkurse treibt – die niedrigen Zinsen sind aber nur eine Reaktion auf die Tatsache, dass die Geschäfte so schlecht laufen.

Was die Börse treibt, sind also zwar lediglich Reaktionen der Staaten auf eine vorliegende Krise. Diese Reaktionen nehmen die Akteure an den Finanzmärkten zum Anlass, auf steigende Kurse zu wetten. Es bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig: Im Finanzsektor existiert ein dauerhafter Überschuss an Anlagekapital, das nach Rendite sucht und sie finden muss.

An den Börsen werden wieder Blasen aufgepumpt, schreibt der US-Ökonom Paul Krugman in der New York Times, „und die Blasen werden immer dümmer“. Die Internet-Spekulation zur Jahrtausendwende, so verrückt sie gewesen sei, habe wenigstens eine neue Technologie zur Grundlage gehabt, so Krugman. Selbst die Blase bei den US-Hypothekenpapieren, die zur Krise ab 2008 führte, erscheine noch vernünftig im Vergleich zu dem, was seit Mai passiere. „Die Konventionen der Börsenberichterstattung unterstellen Investoren eine Rationalität, Aktienbewegungen werden daher einem Optimismus bezüglich der wirtschaftlichen Erholung zugeschrieben“, so Krugman. In der Realität jedoch handele es sich derzeit „schlicht um einen Haufen junger Männer“, die Aktien kaufen, „weil sie bisher damit Geld gemacht haben“.

Stephan Kaufmann hat soeben mit Antonella Muzzupappa das Buch Crash Kurs Krise. Wie die Finanzmärkte funktionieren im Bertz und Fischer Verlag veröffentlicht

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06:00 29.06.2020

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