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Wollt Ihr den totalen Arnie? Ein Muskelmann will Kalifornien stemmen

Einwanderer in den USA stehen unter so manchem Anpassungsdruck: einer davon ist die Sprache. Um so verwechselbar wie möglich als einer von "uns stolzen Amerikanern" zu klingen, glauben sie, ihre Sprache mit Füllseln wie "you know", "by the way" oder "don´t you think so?" fluten zu müssen und den ewig währenden Akzent vergessen zu machen. Das muss man sich ungefähr so vorstellen, als ob ein vietnamesischer Zigarettenverkäufer in der Berliner U-Bahn sein schlechtes Deutsch mit vorschnellem Berlinern ("hastes nich kleener?") zu kaschieren sucht.

Nicht anders Arnold Schwarzenegger. Sein Wahlkampfmotto wird lauten: "You know...", verkündet hat er es in einer Talkshow, und nicht auf einer Pressekonferenz. Und er wird es von nun an tagtäglich und überall auf die nicht weg zu redende Krise in Amerikas spektakulärstem Staat, Kalifornien, münzen - und mit Erfolg: Zu grau ist die Eminenz Gray Davis, zu dunkel war es während der Energiekrise vor zwei Jahren, die - wie sich jetzt zeigte - nur eine manipulierte war und Milliarden an Steuern nach dem beinahe schon langweiligen amerikanischen Erfolgsszenarium den einen aus der Tasche zog, um sie dem anderen zuzuschieben. Zu rot sind die Zahlen der Defizite (38 Milliarden Dollar, so viel wie alle anderen 49 US-Bundesstaaten zusammen), und nun ging er ihnen auch noch ans Angemachte: die Kfz-Steuer.

Das brachte selbst im Land ewig guten Wetters und weitgehender politischer Abstinenz das Fass zum Überlaufen, denn das Auto (in "CA" sind circa 30 Millionen davon auf der Straße - bei 38 Millionen Einwohnern) ist die heilige Kuh des Kaliforniers; es ist, als ginge den Deutschen jemand an die Rente! Und da die Amerikaner faktisch keine Renten kennen, von denen man halbwegs so weiter leben kann wie bisher, ist eben das Auto der Knackpunkt, und der brachte Gray Davis zu Fall. Denn zu halten sein wird der Mann als Gouverneur auf keinen Fall (schon bei der Wahl vor einem Jahr hatte er fast die Latte gerissen), auch wenn sich nun Bill Clinton demonstrativ auf seine Seite stellt. Zwar zieht Kalifornien traditionell die demokratische Filiale des US-amerikanischen Einparteiensystems der republikanischen vor, aber unterm Strich sind seine Einwohner, die meisten übrigens Zugezogene wie Arnie, in erster Linie eben Autofahrer, und die Schlappe mit der virtuellen Energiekrise, die jedem - nicht nur als Steuerzahler - so richtig ans Portemonnaie ging, hat bis heute dann doch keiner verwunden. Also stand für die Konkurrenz die Frage, wer gegen Davis ins Rennen geschickt wird, und da in den USA nicht Parteien ihre Kandidaten nominieren, sondern jeder sich selbst, ist auch dieser Vorgang - wenigstens nach außen hin - dem Selbstlauf überlassen, der einmal mehr die do-it-your-self-Legende bedient und natürlich geschickt über die feinen Fäden, die da im Hintergrund gesponnen werden, hinweg täuscht, um die Strohpuppen im Vordergrund so echt wie möglich wirken zu lassen. Schließlich hat das schon bei Bush jr. geklappt.

Natürlich kennen ihn, den Arnie, alle, und sie werden ihnen noch kennen lernen... Aber mehr als die Botschaft "you know" wird er ihnen nicht bringen, doch das genügt. Es gibt nur einen Trost in der ganzen Casting-Story: Arnie, der Mann mit der angeblichen Silicon-Brust, mit dem gesichtlosen Gesicht, dem die schwindenden Muskeln nun ins Gehirn wachsen - er kann nicht Präsident der Vereinigten Staaten werden. Es sei denn, er lässt sein Publikum irgendwann auf die Frage "Wollt Ihr den totalen Arnie?!" so heftig trampeln, dass die Verfassung an diesem für ihn sensiblen Punkt bröckelt.

Aber Einwanderersein allein reicht nicht, auch wenn es "in" ist, um eine Gouverneurswahl zu gewinnen - ein vietnamesischer Postbote zum Beispiel hätte da keine guten Karten: die Leute müssen ihn kennen, also setzt Arnie bei seiner Auftauchzeremonie aus der Versenkung des Schweigens sein Piff-Paff-Englisch nach ("Whap! Bam! Bift! Pow!", "Hasta la vista, baby") und meint den Rivalen in Sacramento. So wird diese Wahl dann wohl am Boxoffice entschieden: Den Arnie, den kennen wir - den Gray Davis kannten wir eigentlich nie. Und Demokratie wird, um einen Spruch von Jorge Luis Borges abzuwandeln, vollends zu einem auf organisierter Statistik beruhenden Aberglauben.

Zwar gilt jetzt: Weder "Terminator" noch "Total Recall" im Fernsehen - das wäre Wahlkampfhilfe. Dabei hat diese im Fall Schwarzenegger bereits über Jahre stattgefunden und verbietet eher - im Umkehrschluss - seine Kandidatur. Wann wird eigentlich Lora Croft kandidieren oder Klementine oder so mancher virtuelle Joghurtzwerg? Die Images der Imagekultur kommen in Bewegung. Politik kostet Geld, und wer Politik machen will, muss welches haben. Die Traditionslinie von erfolgreichen Geldmachern, die ihrer Karriere das Sahnehäubchen Politik aufsetzen wollen, durchzieht die gesamte amerikanische Geschichte. Erst jüngst wurde der Medienmogul Bloomberg Bürgermeister von New York, und an der Ostküste zieht es den unseligen Talkshow-Schrei-Meister Jerry Springer in die Politik.

Arnie, der Populist, zielt schon lange auf diesen Karriereknick. Das Abwahlverfahren für den gegenwärtigen Gouverneur Kaliforniens, angezettelt von einem anderen ehrgeizigen Außerirdischen, dem libanesisch-amerikanischen Multimillionär Issa, der aber inzwischen weinend das Handtuch geworden hat, kam ihm eher unverhofft gelegen: Schon im vergangenen Jahr tourte Arnie durch Hunderte Schulen Kaliforniens - ein anderer Schwachpunkt der Politik, seit Jahren vernachlässigt und völlig unterfinanziert. Das öffentliche Bildungswesen rangiert im Vergleich mit allen anderen US-Bundesstaaten auf den hintersten Plätzen. Natürlich kam Arnie nicht einfach so: er brachte Geld mit für die Schulen (seins) und immer auch eine Fernsehcrew, so dass die populistischen Talks per TV in die Küchen von Millionen gerührten Müttern gestrahlt wurden und bei Erleben der Klagemauer "Hier Arnie und unsere armen Kids - dort die untätige Regierung mit dem faulen Gouverneur an der Spitze!" sich schon mal gut in ihre Herzen kerben könnten: Der Arnie ist ja gar nicht nur brutal, wenn sie ihn nur ließen!

Am Tag, als Arnie aus der Reserve kam (gegen vier Uhr Nachmittag kam die Nachricht) war er schon gegen Mitternacht, welch Zufall, in der NBC late night show von Jay Leno zu sehen - mit einem Werbeaufwand angekündigt wie einst Monica Lewinsky. Sintfluten von blöden Witzen, Jingles und Werbepausen strömten auf das angepeilte Millionenpublikum ein, bis "endlich" die Zero-Message geliefert wurde: "Als ich nach Kalifornien kam, war es der schönste Staat der größten Nation (O-Ton), you know... Heute ist das Gegenteil der Fall, don´t you think so?" Damit war der Wahlkampf eröffnet und eigentlich auch schon wieder vorbei.

Talkshows, insbesondere die vor Mitternacht, lassen den Zuschauern keine Zeit, sich das Gegenteil auszurechnen (zum Beispiel von "der schönste Staat der größten Nation"). Aber eine Vorstellung von Schwarzeneggers Sprache als schlichtem Ausdruck von Denken (wenn denn überhaupt) konnte man sich am nächsten Morgen beim Rekapitulieren dieser Sätze allemal machen...

Mit den beiden Universalstützklammern "you know" und "don´t you think so" präsentiert sich ein Populismus, von dem selbst G. W. Bush noch einiges lernen könnte, nach dem es für den peinlichen Gebrauch von Sprache in der Öffentlichkeit kaum noch Unterbietungschancen zu geben schien. "Die Politiker von heute sind allesamt faul, ich werde es ihnen zeigen. Sie werden von mir hören." Ja, was nur?

Inzwischen ist klar, dass die Leute, die Arnie wählen wollen, seinen Namen auf einer Liste mit 134 anderen werden suchen müssen, und wenn es eine Wahlbeteiligung gibt, wie sie im selbsternannten Mutterland der Demokratie üblich ist, wird er der Gouverneur von 16 bis 18 Prozent aller Wahlberechtigten sein. Um sich auf diese Liste zu bringen, muss man nicht viel mehr tun, als ein Klassentreffen mit Ehepartnern und erwachsenen Kindern zu veranstalten: 65 Unterschriften sammeln und jeden um eine Spende von 53,85 Dollar bitten. Schließlich hat Michael Moore schon mal einen Gummibaum für eine Gouverneurswahl angemeldet, und keiner konnte ihn stoppen. (Auf der anderen Seite, und das ist fast schon wieder rührend: Jeder kann Gouverneur werden.)

Der Spruch vom Schauspieler, welcher nun nach der Politik greift, ist auch so eine Übertreibung - Arnie kam als Bodybuilder in die USA und ist es auch geblieben. Nur dass der Body den Amerikanern plötzlich wichtiger wurde als alles andere. So machen immer mehr Hutmodelle, Teleprompter-Gegenüber, virtuelle Gesichter, Siliconhülsen und virtuelle Stimmen in virtuellen Apparaten wüste Phantasien von Zukunftspessimisten der Fünfziger wahr, ja real. Aber ob nun Pappkarten, die Bush in Florida zum Wahlbetrug verhalfen, oder touch screens - Politiker werden nicht gewählt, ihre Konkurrenten werden abgewählt. Das ist in Kalifornien nicht anders als im wirklichen Leben. Arnie, wie sie ihn hier nennen, steigt vom Hügel seiner zu Ende gehenden Karriere herab ins Capitol von Sacramento - wie einst Ronald Reagan, der B-picture-Held und Schauspielgewerkschafter mit dem ewig gelifteten Kunstgesicht. Dabei ist diese Parallele gar nicht angebracht, denn sie erhebt Schwarzenegger, den Roboter mit der Kanone, (wohl gezielt) in den Rang eines Schauspielers, der er gar nicht ist. Doch die Abwahl von Gray Davis wird den Kaliforniern den Thrill wert sein, zuzuschauen, ob aus dem nicht eben so tollen Schauspieler vielleicht ein nicht ganz so schlechter Politiker wird.

Sein Gegenspieler habe "einen schlechten Job" gemacht, poltert Schwarzenegger mit seinem österreichischen Akzent, der ihn sonst immer als Außerirdischen, als unsterblichen Roboter mit Kanone auf dem Motorrad, wirken lässt: "Die Politiker machen ihre Arbeit nicht. Sie fummeln herum, stolpern und versagen. Und der, der mehr als alle anderen versagt, ist Davis."

Arnie werde den gesamten Staat stemmen ("pump up", was immer das bedeutet), so wie er es früher mit seinen Gewichten gehalten habe. "Damit Kalifornien wieder der großartigste Platz auf Erden wird, der er war, als ich einst hierher gekommen bin." In der Los Angeles Times war zu lesen, die Kalifornier verdienen das ihnen häufig angehängte Adjektiv "verrückt" nunmehr endgültig. "Ich habe Kalifornien tagein und tagaus verteidigt", zürnt der liberale Politiker Kevin Starr, "aber nun werfe ich mein Handtuch. Dieses Mal verdienen wir die Häme, oder? Wir haben einen führenden Kandidaten, der seine Entscheidung bei Jay Leno bekannt gibt." Diese Gesellschaft verfalle zur bewussten Selbstparodie. Und die kalifornische Demokratin Dianne Feinstein (sie hat eben erst ihren Verzicht zu Gunsten Davis´ bekannt gegeben), klagt: "Es wird jeden Tag mehr und mehr zum Karneval.... Wollen wir wirklich so sein?" - "Die Politiker betrügen und versagen", tönt Arnie seit seinem Antritt, noch ist er selbst keiner.

Schwarzenegger, der es, wie ich plötzlich merke, immerhin schon in die Rechtschreibeprüfung meiner Textverarbeitung geschafft hat und allein daher das Rennen machen dürfte, hat gerade seine Fanseite http://www. joinarnold.com gelauncht, zu der die Besucher von http://www.schwarzenegger.com ganz indiskret geleitet werden. Lange hat er sich in der Reserve gehalten und die öffentliche Atmosphäre mit seinem Zögern geprägt, mit der spannenden Frage "Kommt Arnie, oder kommt er nicht?" bei Laune gehalten.

Seinen Augenblick der Verkündung allerdings - das muss man ihm lassen - hat er mit einigem Glück gewählt: Ein paar Tage später wäre die Nachricht im Dunkel des Stromausfalls an der Westküste buchstäblich verpufft oder mehr noch im Licht einer anderen Nachricht, aus Übersee, dass nämlich China mit der Ausgabe von fast einer Milliarde Smartcards an seine Bürger zu dem IT-Schlag der Gegenwart ausholt und auch dem Goldenen Sonnenstaat mitsamt Silicon Valley ein Schnippchen schlägt, auf das der am 7. Oktober mit handgestanzten Pappkarten festgestellte Sieger der Gouverneurswahlen nicht nur eine Antwort zu geben haben wird.

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00:00 22.08.2003

Ausgabe 38/2020

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