Sieben Hunde kläffen

Georgien Aus südafrikanischen Buren wurden nach der Apartheid südkaukasische Bauern
Sieben Hunde kläffen
Fast wie Südafrika – die Landschaft um Gardabani im südlichen Georgien

Foto: Nicolas Felder/laif

Seit dem Ende der Rassentrennung 1993/94 ist etwa eine Million weißer Südafrikaner ausgewandert. Eine frühere georgische Regierung unter Präsident Saakaschwili lud gezielt südafrikanische Farmer ein, um die brachliegenden Felder einer heruntergekommenen georgischen Landwirtschaft zu bestellen. Einige dieser südafrikanischen Buren blieben tatsächlich. Ihr Afrikaans ist eine Ausbausprache des Niederländischen, welches ich ein wenig spreche, und so habe ich seit Jahren von einem Geplauder mit südafrikanischen Buren auf einem südkaukasischen Hof geträumt.

Jetzt ist es so weit. Noch 14 Kilometer auf buckligen Lehmpisten, vorbei an einer verlassenen Sowjetbasis, an erdbraunen Gehegen mit dürren Kühen, ausgedörrten Hunden und einem reitenden aserischenAltbauern, der einem Orientgemälde entsprungen scheint. Ich habe mir wohl Kolonialherrlichkeit vorgestellt, auch haben einige Südafrikaner in Georgien erfolgreiche Agrarbetriebe aufgebaut, nun finde ich aber einen Ein-Familien-Slum in einer baumlosen Einöde mit Blick auf ein Stahlkombinat, und sieben Hunde kläffen mich an.

4,80 Euro pro Mandelstrauch

Die Familie hat gerade Besuch von einem kürzlich eingewanderten Pastor, der die kleine Farm eines Georgiers managt und nun auch Bauer werden will. Der „Bauernhof“, den sie auf Afrikaans einfach nur „plaats“ nennen, das sind zwei Wohncontainer, die eine primitive Baracke verbindet, welche wiederum durch Second-Hand-Schränke in zwei Zimmer geteilt wird. Wir sitzen in der vollgeräumten Wohnstube, sie bieten mir Mandeln an. Sie fingen hier mit ein wenig Lavendel an, wegen des ausbleibenden georgischen Lavendelöl-Booms versuchen sie es nun mit Mandeln. Irgendwas pfeift, entweder der Steppenwind oder der Ventilator.

Die Namen der „äußerst konservativen“ Protestanten muss ich weglassen. Seit einer georgischen Fernsehreportage, in der sie ihrem Gefühl nach gegen die viel zahlreicher aus Indien zugewanderten Bauern instrumentalisiert wurden, sind sie „medienscheu“. Auch wenn das niemand ausspricht, sind sie arm. Schon ihre Farm in Südafrika war nur gemietet, dieses Haus haben sie für insgesamt 7.000 Euro hingestellt, und „4,80 Euro für einen Mandelstrauch!“, stöhnt mein Gastgeber. Um irgendwann ein Auskommen zu finden und ein richtiges Haus bauen zu können, kalkulieren sie mit einem Bedarf von 13.000 Mandelsträuchern. Dafür müssen sie sich verschulden.

Da Buren meist sehr gut Englisch sprechen, zieht es sie üblicherweise in die angelsächsische Welt, nach Amerika oder Kanada, freilich lassen diese Länder nur Reiche ein, „Australien etwa will fünf Millionen Dollar“. Die armen Buren gehen daher in afrikanische Länder, nach Sambia, Malawi oder Tansania. Oder auch nach Kambodscha, Portugal, Mazedonien. Oder nach Georgien. Nach sechs Jahren sprechen sie immer noch schlecht Georgisch, so kriegen sie keinen georgischen Pass, sie würden an der Sprachprüfung scheitern. Als Nachkommen der Buren, welche einst im „Großen Treck“ vor den Engländern ins Landesinnere zurückwichen, lebten sie nahe der Grenze zu Mosambik. In ihrem Dorf war der nächste Nachbar drei bis vier Kilometer entfernt, hier sind es ein bis zwei. Sie sind in Wahrheit Einsiedler. Die nächsten Nachbarhöfe gehören Aserbaidschanern und Georgiern, es besteht wenig Kontakt. Die Kinder, beide schon im arbeitsfähigen Alter und beide zusammen mit der Küche im rechten Wohncontainer untergebracht, sitzen seit Jahren zu Hause. Die Tochter wollte Georgisch, Holländisch, Türkisch und Russisch lernen sowie eine Bäckerei in der Stadt aufmachen, das sind nach wie vor Pläne.

Meine Frage, warum die Buren nicht in die Urheimat ihrer Sprache und Konfession zurückgehen, ist damit schon beantwortet. Die Niederlande, sagt der Bure, seien „zu klein, zu eng und zu teuer“. Keiner von ihnen war je dort, ihr stärkster Bezug zum Holländischen bin offenkundig ich. Auf Nachfrage geben sie zu, dass die Entfremdung durch die Ablehnung verstärkt wurde, welche der Apartheid aus den Niederlanden und Belgien entgegenschlug. Für diese Buren war die Rassentrennung hingegen eine gute Sache: „Südafrika war noch in den 1970ern und 1980ern das beste Land der Welt, so etwas wie Zäune kannten wir nicht.“ Anders als heute, sagt der Pastor, „waren die Spitäler für alle da und gratis“.

Die Frau des Pastors liest während des Gesprächs in einem abgegriffenen Roman. Als die Rede auf die zweifellos sehr hohe südafrikanische Mordrate kommt, beginnen besonders die Frauen zu erzählen. Es sind dies Schreckensgeschichten mit weißen Opfern und schwarzen Tätern: Kind in Laden mit Chloroform betäubt und zwecks Sklaverei oder Organraub entführt, Junge bis zum Abfallen der Haut in kochender Badewanne aufgelöst. „Südafrika ist das einzige Land der Welt“, ruft der Bure aus, „in dem ein 20-Jähriger eine Frau vergewaltigt, sie mit dem Bügeleisen verbrennt, mit einem Ziegel erschlägt – und es war Hunger!“ Wenn in Georgien mal ein Mord passiert, sagen sie, „dann ist der in allen Nachrichten, bei uns passiert alle fünf Minuten einer, und das interessiert niemanden.“ Meine der Apartheid nachtrauernden Gastgeber erklären die jetzigen Gewaltexzesse in Südafrika mit einer „schwarzen Mentalität“. Sie behaupten, dass es den Räuberbanden nicht primär um Raub gehe, „denn sonst würden sie nicht warten, bis du nach Hause kommst“. Erstaunt frage ich: „Moment, sprechen Sie hier von schwarzem Rassismus?“ Sie bejahen das. Nur einmal flogen sie noch nach Südafrika zurück, „das war sehr negativ“.

Diese südkaukasischen Buren wissen nicht, wer in ihrer Kommune regiert, und wollen es auch nicht wissen, ihre engste georgische Bezugsperson ist der ihnen allmonatlich von der Finanzgesetzgebung aufgezwungene Buchhalter. Sonntags schauen sie sich den aus Pretoria übertragenen Online-Gottesdienst der Afrikaanse Protestantse Kerk an, einer traditionalistischen Denomination mit nur 35.000 Seelen. Das religiöse Erbe der Buren ist zwar calvinistisch, der südafrikanische Pastor hat jedoch den Glauben an Calvins den Kapitalismus einst so beflügelnde Prädestinationslehre verloren und hält es nunmehr mit Luther. Das orthodoxe georgische Christentum – „sehr strikt in der Tradition, nicht aber in der Moral“ – ist ihm fremd.

Am Ende der irreal anmutenden Begegnung fährt mich der Bure in die Kleinstadt zurück. Seinen Jeep mit sicherer Hand über die Lehmpiste lenkend, behauptet er: „Georgier haben mehr von Asien als von Europa.“ Das mag sein. Ich wiederum behaupte, diese Buren haben mehr von Afrika als von Europa. Keiner von ihnen war je in Europa.

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06:00 28.07.2021

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