Sieg der politischen Willkür über die Kultur

Budapest Das Ludwig Museum hat eine neue Direktorin: Julia Fabényi, die von der Fidesz-Regierung unterstützt wird. Die Kulturpolitik der Partei zerstört die ungarische Kunstszene
Sieg der politischen Willkür über die Kultur
Proteste werden von der nationalkonservativen Fidesz ignoriert

Foto: Attila Kisbenek/ AFP/ Getty Images

Die politischen Entscheidungsträger in Ungarn haben erneut bewiesen, dass sie auch in kulturellen Fragen die alleinigen Entscheidungsträger sind. Die Besetzung der Direktion des Ludwig Museum in Budapest verkam dabei zu einer reinen Machtfrage: Weder die Kompetenz noch die erfolgreiche 5-jähriger Laufbahn des bisherigen Direktors wurden berücksichtigt, eine wochenlange Protestaktion wurde ignoriert. Seit dem 21. Mai ist Julia Fabényi, die von der nationalkonservativen Fidesz-Regierung und der MMA (Ungarische Akademie der Künste) unterstützt wird, die neue Direktorin des wichtigsten ungarischen Museums für zeitgenössische Kunst.

Das Mandat des bisherigen Direktors, Barnabás Bencsik war im Februar dieses Jahres ausgelaufen. Das zuständige Ministerium für Humanressourcen (eine Art Superministerium, dem Bildung, Soziales, Gesundheit, Kultur und Sport unterstehen) aber schrieb die Position bis März nicht aus. Bencsik wurde deshalb von dem damaligen Staatssekretär Lászlo L. Simon damit beauftragt das Museum bis zur Ausschreibung weiterzuleiten. Der Staatssekretär wurde jedoch umgehend von seinem Posten entfernt, angeblich soll er eine Kulturpolitik gegen die Kulturpolitik der sogar in der Verfassung verankerten Akademie der Künste vertreten haben. Sein Ende bedeutete auch das Ende des Auftrags an Bencsik. Das Museum stand nun ohne Direktor da.

Der Minister für Humanressourcen, Zoltan Balogh, beauftragte daraufhin einen Ausschuss, dessen Unabhängigkeit und Fachkompetenz sowohl von Bencsik als auch L. Simon in Frage gestellt wurden, einen Vorschlag bezüglich des neuen Direktors zu machen. In der Kommission saßen weder ein Vertreter der Ludwig-Stiftung aus Aachen, noch Vertreter der ungarischen zeitgenössischen Szene oder des Museenverbands, wohl aber der Leiter der Ungarischen Akademie der Künste. Zur Auswahl standen zwei Kandidaten: Der bislang sehr erfolgreiche Alt-Direktor Bencsik, der Empfehlungen und Unterstützungsbriefe des Centre Pompidou in Paris, des Royal College of Art in London, sowie der Zürcher und Bremer Kunsthalle vorweisen konnte. Und Julia Fabényi, Direktorin der Komitatsmuseen des Verwaltungsbezirks Baranya, die ihrerseits die Unterstützung der Ungarischen Akademie und der Fidesz-Regierung genoss.

Nach den Vorstellungsgesprächen erklärte der Ausschuss, er werde Minister Balogh die Ernennung von Frau Fabényi vorschlagen. Hierauf veröffentlichte Bencsik den Inhalt seiner Bewerbung und forderte Fabényi auf, es ihm gleich zu tun. Fabényi weigerte sich jedoch bis zu ihrer Ernennung ihre Bewerbung öffentlich zu machen. Als Reaktion besetzten Aktivisten der Gruppe „Zusammenschluss für die zeitgenössische Kunst“ das Ludwig Museum. Ihre Forderung: Transparenz bei politischen Entscheidungen, ein freies und unabhängiges Ludwig Museum und ein Dialog mit Minister Balogh. Balogh lehnte den Dialog jedoch mit Berufung auf die Illegitimität der Gruppe ab. Als Antwort zogen die Demonstranten vor das Ministerium. Ein paar Stunden später reagiert Balogh mit der Ernennung Fabényis und betrachtete die Angelegenheit sowie das Theater um das Museum Ludwig und die zeitgenössische Kunst damit seinerseits für erledigt.

Seit 2012 finanziert das Museum Ludwig seine Ausstellungen ausschließlich aus den Eintrittkarten, die staatliche Unterstützung wurde so stark gekürzt, dass dieses Geld lediglich für die Unterhaltskosten ausreicht. Inhaltlich, was die Qualität und das Niveau der Ausstellungen angeht, kann man das Museum Ludwig in Budapest mit der Tate Modern und dem Centre Pompidou durchaus vergleichen. Dank Bencsik und dem Museum Ludwig gelangte zeitgenössische ungarische Kunst in den Kreislauf der internationalen zeitgenössischen Kunstszene. Die Akademie (MMA) aber hat eine ganz andere Vorstellung von zeitgenössischer ungarischer Kunst: Sie muss ihrer Ansicht nach christlich und nationaltreu sein.

Die ungarische Kulturszene war in den vergangenen Jahren von unzähligen politischen Entscheidungen dieser Art betroffen. Die Kunsthalle, das Nationaltheater in Budapest, aber auch Theater und Einrichtungen in anderen ungarischen Großstädten und der Provinz waren von ähnlichen Vorgängen betroffen. Im Falle des Ludwig Museum stehen durch die neue Personalie neben der internationalen Qualität auch die internationalen Beziehungen des Hauses auf dem Spiel, für die Bencsik als Garant galt. Unsere politische Elite und die Akademie haben erneut einen traurigen Beweis dafür geliefert, dass künstlerischer Erfolg, Engagement und Qualität in Ungarn keine Werte mehr sind, die etwas gelten. Insofern überrascht es nicht, dass sie Angst vor der Freiheit und Unberechenbarkeit der Kunst und freier Geister wie Bencsik haben.

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16:20 28.05.2013

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