Silberlöffel

Warum gibt es Grossmütter Ein kleiner Beitrag zur Demographie-Debatte

Vor fast zwei Jahren bezeichnete ein konservativer Politiker künstliche Hüftgelenke für 85-Jährige als eine überflüssige Belastung der Solidargemeinschaft. Kürzlich wurde von liberaler Seite die Aufforderung laut, Ältere sollten von ihrem Tafelsilber abgeben. Damit ist die politische Kultur in Deutschland um eine weitere lautstarke jungpolitische Geschmacklosigkeit reicher. "Von allen Realitäten ist das Alter vielleicht diejenige, von der wir im Leben am längsten eine rein abstrakte Vorstellung bewahren", schrieb Proust. Die seit 20 Jahren offensichtliche Alterung der modernen Gesellschaften stellt ein historisch neuartiges Phänomen dar. Doch wie altert der Mensch? Warum altert er auf eine bestimmte Weise? Warum, ließe sich zugespitzt fragen, gibt es überhaupt Großmütter?

Bei der Beantwortung dieser Frage muss man sich vor Augen halten, dass es dabei nicht um individuelle Lebensentwürfe oder soziale Konstellationen geht, sondern um Hypothesen, die im nüchternen Jargon der Anthropologie und Biologie daher kommen. Großmütter sollen demnach einen günstigen Effekt auf das Gedeihen und Überleben der Enkelkinder haben und somit eine erfolgreiche Fortpflanzung der eigenen Kinder befördern.

Die Menschen leben heute rund zehn Jahre länger als noch vor 100 Jahren. Der Zuwachs alter Menschen beruht jedoch im Wesentlichen auf der verminderten Säuglingssterblichkeit und der besseren Behandlung von Infektionskrankheiten. Frauen versterben nicht mehr so häufig im Wochenbett oder durch Abtreibungsversuche, und sie sind auch nicht mehr durch jährliche Geburten ausgelaugt. Dennoch gab es zu allen Zeiten und in allen menschlichen Kulturen viele Frauen, die das Ende der Menopause - biologisch gesprochen: ihrer Reproduktionsfähigkeit - um Jahrzehnte überlebt haben. Das sollte evolutionsbiologisch einen Sinn haben, zumal es - außer einigen Meeressäugern - kaum Säugetiere gibt, bei denen die Weibchen das Ende der Fortpflanzungsfähigkeit längere Zeit überleben. Bei den Schimpansenweibchen hört die Empfängnisfähigkeit ähnlich wie beim Menschen in der fünften Lebensdekade auf, kaum eines wird jedoch älter als 45 Jahre.

Im vergangenen Jahr wurden in einem Nature-Beitrag die kirchlichen Sterberegister im 18. und 19. Jahrhundert bei der langsam wachsenden finnischen und der rasch zunehmenden kanadischen Bevölkerung verglichen. Je länger die Großmütter lebten, desto mehr Enkelkinder wurden geboren und wuchsen heran. Dabei war bedeutungslos, ob es sich um die Großmütter väterlicher- oder mütterlicherseits handelte, sie mussten nur im selben Dorf wohnen. In der Sprache der Demographen wird die "Großmutter-Hypothese" folgendermaßen umschrieben: Die kindliche Mortalität (Sterberate) sinkt, wenn die kumulative Investition in die Nachkommen zunimmt. Dazu gibt es auch Analogien aus der Tierwelt: Delphin- und Pilotwalgroßmütter bewachen, ja säugen sogar die Nachkommen.

Es gibt jedoch auch alternative Modelle: In vielen Vogel-, Insekten- und einigen Säugetierspezies kümmern sich mehrere Helfer, häufig aus anderen Familien, um die Jungtiere. Eine kooperative Aufzucht ist auch bei einigen Jäger- und Sammlerstämmen, die auf steinzeitlicher Entwicklungsstufe verharren, zu beobachten. Wann wird die Geschichte und Anthropologie der kinderlosen Tanten und Onkels geschrieben werden?

Sind alle Großmütter gleich? Großmütter mütterlicherseits sollen sich am meisten um ihre Enkel kümmern. Laut "Vaterschaftswahrscheinlichkeitshypothese" können sich Männchen nie sicher sein, ob die Nachkommen tatsächlich von ihnen gezeugt wurden. Also investieren sie und die Großeltern väterlicherseits nicht so intensiv in die Brut. In Dorfgemeinschaften Gambias und denen der vorindustriellen Kultur der Tokugawa-Ära (1603-1867) Japans bestätigte sich dieser Effekt. Untersucht man diese Fragestellungen, muss man sich jedoch mit einem wichtigen kulturellen Aspekt auseinandersetzen: In vielen paternalistisch orientierten Gesellschaften zogen die Frauen nach der Heirat zur Familie des Mannes.

Viele Ältere füttern ihre Enkel mit ihren Silberlöffeln. So manches Studium in Deutschland würde sich mühevoller gestalten, wenn es diese Silberlöffel nicht gäbe. Vielleicht würde auch der Autor diesen Artikel nicht verfasst haben können, hätte er nicht einen großen Teil seiner Vorschulzeit bei seiner Großmutter mütterlicherseits verbracht.


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00:00 24.06.2005

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