Sitten verlottern? Gut!

Moral Rainer Erlinger erklärt, wie man sich richtig verhält – im Biomarkt, im Zug und in der Energiefrage. Ein Gespräch über die moralischen Tücken des Alltags

Rainer Erlinger:

Das ist überhaupt nicht schlimm. Wir hatten uns ja hier bei mir zu Hause verabredet. Negativ daran, zu spät zu kommen, ist ja nicht, dass man sich gegen die Uhr versündigt, sondern dass man eventuell jemanden in eine unangenehme Situation bringt, etwa wenn er im Winter bei minus 20 Grad an einer Straßenecke wartet.

Angenommen, derjenige, der zu spät kommt, hat gute Gründe: Wiegt das die Schuld auf?

Ich spreche ungern von Schuld. Wenn jemand in der S-Bahn sitzt, die wegen eines Schadens eine halbe Stunde auf der Strecke stehen bleibt, und deshalb unpünktlich ist, ist das kein Fehlverhalten. Aber wenn man trödelt, noch schnell ein Telefonat erledigt und weiß, dass der andere wartet, dann ist das problematischer.

Und was mache ich idealerweise, wenn ich weiß, ich schaffe es nicht pünktlich?

Ich bin ein Freund der Kommunikation. Wenn ich fünf Minuten zu spät bin, muss man vielleicht nichts sagen. Aber wenn es 15 Minuten werden, finde ich es netter, kurz anzurufen. Das macht das Warten angenehmer. Das ist schon einmal ein guter Ansatz. Denn ich denke, das Bewusstsein über gutes und schlechtes Verhalten führt langfristig dazu, dass man sein Verhalten entsprechend ändert.

Vor welchem moralischen Problem standen Sie zuletzt?

Schwierig wird es für mich am ehesten beim Konsum, das betrifft vermutlich die meisten. Ich be­mühe mich, ökologisch korrekt einzukaufen, aber halte es nicht vollständig durch. Gestern war ich mit dem Zug in Leipzig, und am Bahnhof habe ich dann eben irgendeinen Käse aus konven­tioneller Landwirtschaft gekauft. Es ging ja nicht anders.

Beim Bahnfahren wird man häufiger mit einem Dilemma konfrontiert. Etwa wenn der Zug sehr voll ist und ich sehe, dass jemand zwei Plätze besetzt hält, ohne sie für Einsteigende frei zu machen. Soll ich da eingreifen?

Wenn einer ein Prinzip durch­setzen möchte, noch dazu mit erhobenem Zeigefinger, gefällt mir das gar nicht. Aber wenn ich sehe, dass jemand Probleme hat, komme ich in Hilfeleistungspflicht. Ich muss ja nicht sagen: ‚Nehmen Sie gefälligst Ihre Sachen vom Sitz!‘ Es reicht vielleicht, zu fragen: ‚Suchen Sie einen Platz? Ich glaube, der ist frei, oder?‘ Das Einmischen kann richtig, aber auch furchtbar sein, es hängt von der Situation ab.

Es zählt also nicht, dass man das Wohl des anderen im Blick hat?

Das Problem dabei ist, dass man offensichtlich denkt, man wisse besser als der andere selbst, was für ihn gut ist. Das gilt übrigens auch für Lügen: Mit wohlgemeinten Lügen entmündigt man sein Gegenüber.

Gibt es denn eine Regel, die man beherzigen kann, um sich im täglichen Leben einigermaßen moralisch korrekt zu verhalten?

So banal es klingt: ‚Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.‘ Diese ‚Goldene Regel‘ hat moralphilo­sophisch gesehen zwar ihre Nachteile, aber im Großteil der Fälle bewirkt sie sehr viel. Dazu kommen drei wesentliche Grundsätze: die Achtung vor Mitmenschen, Verständnis und Rücksicht.

Also eine Mischung aus christ­licher Nächstenliebe und Kants kategorischem Imperativ.

Naja, was bei der ‚Goldenen Regel‘ nicht richtig deutlich wird, ist, dass man besser darüber reflektieren sollte, was für den anderen wichtig ist: also was dessen Wünsche sind, was er nicht will – nicht, was man selbst nicht will. Vielleicht ließe sich die Regel so umformulieren: ‚Wovon Du ausgehen kannst, dass es der andere nicht will, dass man es ihm antut, das tu ihm nicht an.‘

Beim Thema Ernährung bezieht man derzeit sogar das Leben von Tieren und Pflanzen in die Entscheidungen mit ein. Woher kommt dieser Sinneswandel?

Wir haben ein erhöhtes moralisches Bewusstsein. Dass Tiere schlecht gehalten werden, nahm die breite Masse bis vor wenigen Jahren nicht wahr. Dazu kommt, dass wir derzeit durch den massenhaften Konsum tierischer Produkte vor globalen Problemen stehen. Der CO2-Ausstoß der Massentierhaltung ist immens.

Dass dieses Bewusstsein nun stärker verbreitet ist, macht es also für den Einzelnen leichter, moralisch korrekt zu handeln?

Oder andersherum: Das falsche Handeln ist nicht mehr so leicht, weil man nicht mehr um die Erkenntnis herumkommt, was falsch ist. Man kann es nicht mehr ausblenden.

Ein Vorschlag, der immer wieder vorgebracht wird, ist, nur zweimal die Woche Fleisch zu essen. Was halten Sie von diesem Kompromiss?

Wenn man Tierverzehr grund­sätzlich ablehnt, geht das natürlich nicht. Ansonsten halte ich ihn für eine gute Idee, sozusagen das ‚Prinzip Sonntagsbraten‘: Die Massentierhaltung und deren Konsequenzen für die Umwelt lassen sich nicht mehr vertreten – deshalb plädiere ich dafür, wenn man schon nicht auf Fleisch verzichten will, den Fleischkonsum zumindest zu reduzieren.

Umweltfreundlich hergestellte und fair gehandelte Lebensmittel zu kaufen, ist das eine. Auf der anderen Seite sieht man vor Bio-Supermärkten oft sprit­fressende Autos parken. Was ist daran noch tugendhaft?

Die Maxime, die besser schmeckenden und schadstoffärmeren Lebensmittel zu kaufen, ist das typische Problem der Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability, Anm. d. Red.): Es ist ein korrektes Ver­halten, aber es ist nicht gut. Sie tun niemandem etwas Gutes außer sich selbst. Bei Kant gibt es zwar auch ‚Pflichten gegen sich selbst‘, aber damit habe ich meine Probleme. Die moralische Verpflichtung, die man verfolgen müsste, wäre eher, die Auswirkungen auf die Umwelt zu vermindern, anderen nicht zu schaden. Man sollte also mit Blick auf den CO2-Ausstoß mit dem Rad zum Markt fahren und Äpfel aus der Umgebung kaufen – und nicht Bio-Äpfel, die aus China eingeflogen wurden.

Apropos CO2: Ein Argument der Kernkraftbefürworter ist, Atomenergie sei ‚saubere‘ Energie. Welches Übel wiegt denn schwerer?

Ehrlich: Ich kann doch nicht Energie beziehen, die so hergestellt wird, dass ich die Erde für die nächste eine Million Jahre, also die nächsten 50.000 Generationen, mit radioaktivem Müll belaste. Das ist keinesfalls vertretbar. Auf der anderen Seite belastet auch die Verbrennung fossiler Brennstoffe die Atmosphäre lange Zeit. Aus moralischer Sicht gibt es keine Alternative zu regenerativen Energien – und zum Energiesparen.

Also ist die Entscheidung, das AKW Neckarwestheim I für immer abzuschalten und sechs weitere zumindest für ein paar Monate, unter dem Strich gut?

Wenn es der Wiedereinstieg in den Ausstieg ist, dann ist das gut. Hier zählt das Ergebnis, nicht die Motivation. Falls aber Herr Mappus nur aus Wahl-Kalkül gehandelt hat, ist das keine moralisch gute Tat, er hat sich dadurch keine Bonusmeilen fürs Paradies erworben. Trotzdem ist jeder Brennstab, der weniger produziert wird und für die nächste Million Jahre end­gelagert werden muss, ein Gewinn.

In Japan kämpfen todgeweihte Arbeiter im Unglücks-AKW Fukushima darum, eine globale Katastrophe zu verhindern. Lässt sich die größere Sache aufwiegen gegen das Wohl und Glück des Einzelnen und der Familien, die sie hinterlassen?

Was diese Männer machen, ist gut, nein, es ist sogar mehr als gut. Das ist die klassische Heldentat. Wenn sie es freiwillig machen. Hingegen zu fordern, sich zu opfern, wäre moralisch nicht zulässig, denn das hieße, der Einzelne wäre nur Mittel zum Zweck, man würde den Menschen verdinglichen. Dieses mehr als Gute kann man nicht fordern. Es muss aus eigenem Antrieb geschehen.

Ernährung, Atomkraft, die Frage, wie schlimm es ist, zu plagiieren: Ist Moral heute wichtiger?

Definitiv wird heute mehr über Moral gesprochen. Früher übernahm man von den Eltern und Großeltern das Haus, den Beruf und auch die Moralvorstellungen, ohne nachzudenken. Man machte einfach weiter. Aber wenn sich Lebensweisen so aufspalten wie heute, müssen wir die Regeln aufbrechen und die Moral, die dahintersteckt, herausschälen und so neu formulieren, dass sie auf unsere Lebensweisen wieder anwendbar wird.

Das heißt, die Sitten verlottern gar nicht?

Schon Aristoteles schrieb, dass die Sitten der Jugend verlotterten. Das scheint ein zeitloses Problem zu sein. Aber klar: Die Sitten im Sinne der Gebräuche verlottern. Sie müssen verlottern. Denn manches Althergebrachte passt nicht mehr in unsere Zeit, man muss die Grundsätze immer neu interpretieren. Sonst würde man sie verlieren.

Dr. Dr. Rainer Erlinger ist 1965 in Deggendorf geboren und lebt in Berlin. Er hat in Medizin und Jura promoviert und schreibt seit neun Jahren für das Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Kolumne über Alltagsmoral. Sein Buch ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 25.03.2011

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2