Magnus Klaue
22.04.2010 | 11:00 24

Solidarität, wie Necla Kelek sie versteht

Pro Kelek Die "Himmelsreise" wirft den „fremden Blick“ nicht nur auf den Okzident, sondern auch auf die Muslime – eine Verteidigung

Als würde verkehrte Welt gespielt: Während interkulturelle Moderatoren jeglicher Provenienz nachgefragte Gesprächspartner in Talkshows und beliebte Gastautoren der Tagespresse sind, gelten muslimische Islamkritikerinnen wie Necla Kelek hierzulande als medien- und karrieresüchtige Intrigantinnen. Diejenigen, die längst die realpolitische Diskursherrschaft innehaben, inszenieren sich als risikofreudige Tabubrecher, während muslimischen Frauenrechtlerinnen, die wegen ihres Engagements mit dem Tode bedroht sind, niedere Beweggründe unterstellt werden.

Bestenfalls attestiert man ihnen „westliche“ Oberflächlichkeit und Erfolgsorientierung, schlimmstenfalls bezichtigt man sie christlich-kolonialistischer Missionstätigkeit. Was sie schreiben und welche Gründe sie für ihre Kritik anbringen, gerät dabei oft aus dem Blick. Es genügt die Diagnose, dass sie in der einen oder anderen Forderung mit den Zielen der deutschen Integrationspolitik übereinstimmen, um ihnen reaktionäres Gedankengut zu unterstellen.

Die Behauptung, Necla Kelek wolle sich um jeden Preis mit dem Zielpublikum der konservativen Presse gemein machen, für deren Organe sie mitunter schreibt, ließe sich bereits durch einen kurzen Blick in ihre Bücher widerlegen. Solidarisch ist sie mit den Migrantinnen und Migranten, nicht mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Allerdings bedeutet Solidarität für sie etwas anderes als für ihre verständnissinnigen Kritiker. Was sie von diesen trennt, stellt Kelek in ihrem neuen Buch Himmelsreise gleich zu Beginn mittels einer einleuchtenden Kritik am Kulturrelativismus der von ihr so genannten „verstehenden Soziologie“ klar. Als deren Anhänger gebe sich etwa der christliche Theologe Hans Küng mit seinem Vorschlag zu erkennen, die westlichen Gesellschaften müssten versuchen, „von innen zu verstehen, warum Muslime Gott und Welt, Gottesdienst und Menschendienst, Politik und Recht und Kunst mit anderen Augen sehen, mit anderen Herzen erleben als etwa Christen“.

Da ist er wieder, der „fremde Blick“, der nach gemeinsamer Ansicht postmoderner Gender-Theoretiker, multikulturalistischer Grüner und protestantischer Pfarrer die Optik nicht-westlicher, „orientalischer“ Kulturen auszeichnen soll. Deren Angehörige sehen offenbar gleichsam naturwüchsig die Welt nicht nur „mit anderen Augen“, sondern fühlen auch „mit anderen Herzen“ als die Vertreter der westlichen Zivilisation, die ihren Glauben an die Gleichheit von allem, was Menschenantlitz trägt, längst über Bord geworfen haben. Jeder Rekurs auf Universalität erscheint aus solch „verstehender“ Perspektive als Repression, Anmaßung oder unzulässige Einmischung.

Den universalen Geltungsanspruch von Normen kritisiert die „verstehende Soziologie“ nämlich nicht im Namen der Individuen, die durch sie unterdrückt werden, sondern im Namen partikularer „Kulturen“ und „Minderheiten“, mögen diese selbst auch noch so repressiv gegen die Einzelnen vorgehen, die sich ihrem kollektiven Zugriff entziehen. Jeder Versuch, die schlechte Immanenz der „Kultur“ zu überschreiten, um deren Angehörige nicht nur als Vertreter „ethnischer Minderheiten“, sondern als Individuen anzusprechen, wird nicht als Bereicherung, sondern als Einengung wahrgenommen. Lassen sich „Kulturen“ doch offenbar allein in Form tautologischer Zirkelschlüsse verstehen – „von innen“ eben.

Wohin ein solch kritikloses „Verstehen“ führen kann, das seinen Gegenstand lediglich „nachfühlen“, aber nicht begreifen will, bringt Kelek selbst auf den Punkt: „Da wird ‚verstanden’, dass Familien ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen, da wird verstanden, wenn Mütter ihre Söhne mitten im Unterricht anrufen – die Familienbindung im Islam ist doch so wichtig! –, da wird verstanden, dass Mädchen im Alter von sechs Jahren Kopftuch tragen und mit fünfzehn verschwinden, um in der Türkei verheiratet zu werden.“ Ein solches „Verstehen“, das sich in jede noch so fragwürdige gesellschaftliche Praxis „einzufühlen“ vermag, ohne dabei je Streit oder gar Dissens zu riskieren, komme einer „Kapitulationserklärung vor jeder Freiheitsenteignung“ gleich, die sich auf „religiöse Gebote“ berufe, und gebe „die Grundrechte des Einzelnen preis“.

Solidarität, wie Kelek sie versteht, bedeutet dagegen weder blindes Einverstandensein mit allem, was Teil der je eigenen „Kultur“ ist, noch die Forderung nach „Integration“ ohne Achtung individueller Bedürfnisse, wie deutsche Integrationspolitiker sich das vorstellen. Während das „Verstehen“, das kulturalistische Dialogfreunde predigen, immer darauf hinausläuft, für sich selbst als Exemplar der eigenen „Kultur“ Verständnis einzufordern, appelliert Kelek an die Musliminnen und Muslime, den „fremden Blick“, für den sich ihre multikulturalistischen Verteidiger so begeistern, auch auf sich selbst anzuwenden. Nicht durch Pochen auf die eigene „Identität“ wird Kelek zufolge Emanzipation möglich, sondern dadurch, dass man sich selber im Wortsinn fragwürdig wird, dass man erkennt, worin man sich von der kulturellen Gruppe, der man zugerechnet wird, unterscheidet, und durch das Bewusstsein um diesen Unterschied, in dem sich die eigene Individualität artikuliert, selbstbewusst zum Ausdruck bringt.

Deshalb richtet sich Kelek polemisch gegen jene Aspekte der ­islamischen Kultur, die die Unterwerfung der Identität des Ein­zelnen unter den Zwang der „kul­turellen Identität“ befördern. Gegen den Begriff des „Respekts“ etwa, der nicht auf Toleranz ziele, sondern auf bedingungslose „Hingabe“ im Namen der „gegebenen Machtverhältnisse“. Oder gegen den Begriff der „Ehre“, der allein durch die kulturelle Gemeinschaft garantiert, aber nicht durch individuelle „Leistung“ erworben werden könne. Oder auch gegen den Primat des „Elternrechts“ gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht, wie es im Begriff der Menschenwürde kodifiziert ist: Dieses werde vielmehr immer dann verletzt, wenn Eltern – etwa beim Schwimm- oder Sexualkundeunterricht – ihren Kindern im Namen ihrer „Kultur“ den Erwerb von Kenntnissen verweigern, die Bedingung individueller Mündigkeit sind und ihnen deshalb – und nicht zwecks Auslöschung ihrer „Kultur“ – von der Schule vermittelt werden müssen. An solche Mündigkeit, nicht an das ideologische Konstrukt des „deutschen Staatsbürgers“ denkt Kelek, wenn sie verlangt, die Musliminnen und Muslime mögen „Bürger“ werden.

Hier zeigt sich nun allerdings auch eine Schwäche von Keleks Argumentation. Sie nimmt nämlich nicht hinreichend wahr, dass die von ihr kritisierte Unterwerfung unter das Prinzip der Gemeinschaft, das Ausspielen der „Kultur“ gegen das Individuum, der Begriff der Ehre usw. allesamt Bestandteile deutscher Volkstumsideologie sind, deren Affinität zum Islam sie in einem Kapitel über die Kollaboration zwischen Islamisten und Nationalsozialisten selbst herausarbeitet. Stattdessen hängt sie der Illusion an, die „deutsche Zivilgesellschaft“ vermöge von sich aus die Emanzipation der Muslime zu garantieren, während gerade dieser „Zivilgesellschaft“ an der fortbestehenden Unmündigkeit ihrer „migrantischen“ Mitbürger gelegen ist. Gäbe es eine Auseinandersetzung mit Kelek, die sich nicht in Ressentiments erschöpfte, hier hätte sie anzusetzen. Solange es sie nicht gibt, kann Kelek gegenüber nur gelten, was sie selbst einfordert: unverbrüchliche Solidarität.

Magnus Klaue lebt als freier Autor in Berlin, er hat Germanistik studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert

Kommentare (24)

zelotti 22.04.2010 | 16:01

...."das Ausspielen der „Kultur“ gegen das Individuum, der Begriff der Ehre usw. allesamt Bestandteile deutscher Volkstumsideologie sind, deren Affinität zum Islam sie in einem Kapitel über die Kollaboration zwischen Islamisten und Nationalsozialisten selbst herausarbeitet. "

... komma klar!!!

Ich meine, man kann natürlich so eine radikal libertäre Position vertreten wie die amerikanische Rechte, wo jeder sich allein mit seinem Gewehr im Wald verschanzt und keine Steuern zahlen will, aber unsere Gesellschaft in Europa basiert eben auf gemeinsamer Kultur, Werten und Solidarität. Ohne dass kannst du Sozialpolitik gleich an den Nagel hängen.

"Ehre" spielt immer in Ländern eine Rolle, wo die sozialen Unterschiede krass sind. Es ist ein soziales Verhaltenskorrektiv. Ehre, die verlangt, dass z.B. der Manager, der seine Bank pleite gehen lässt und tausende Handwerker in die Existenzkrise bringt, die Ehre seiner Familie durch Suizid rettet statt wie bei uns Witzchen in der Talkshow zu reissen. Das ist alles so archaisch, aber es ist schon ein innerer Sinn darin, nämlich Menschenwürde zu bewahren auch im Zeichen von roher Gewalt und krassen Vermögensunterschieden. Ein Reservat der Würde.

Klaus.Fueller 22.04.2010 | 21:34

Ich sehe im eingangs geschilderten "verstehenden" Blick des "Kulturrelativismus" Parallelen zur alten, deutschen Konstruktion des Gegensatzes von Kultur und Zivilisation (s. Th. Mann, 1914). Eine andersartige, nur nach langem Studium (Arabisch lernen!) ansatzweise vielleicht verstehbare kulturelle Identität soll hoch geschätzt und darf nicht prinzipiell in Frage gestellt werden, auch wenn deren Community oft ihren Mitgliedern die aufklärerische Selbstermächtigung des Individuums vorenthält.

Hier wird partikuläre kulturelle Identität gegen universale zivilisatorische Standards ausgespielt — zu Ungunsten letzterer! Gegenaufklärung ist pfiffig!

Ja! Unverbrüchliche Solidarität mit jemandem, der Front gegen unaufgeklärte Religion macht!

mustermann 23.04.2010 | 15:57

Respekt Hr. Klaue, uneingeschränkte Solidarität und Hochachtung für die kluge Fr. Kelek. Der Kulturrelativismus, besonders einiger „Linker“, ergründet sich mir bis heute und wohl auch in Zukunft nicht. Ich teile den Pessimismus von Hrn. Klaue zur Zivilgesellschaft, allerdings aus anderen Gründen: Die Zivilgesellschaft pfeift aus dem letzten Loch. In meinem Empfinden ist eine z. B. noch in den Achzigern ganz gut funktionierende Zivilgesellschaft, der wirtschaftlich zunehmend der Boden unter den Füßen weggezogen wird und die von Politikern für dumm und/oder für Öl verkauft wird, mit dem Ausmaß der Aufgabe einer Erziehung aller zu mündigen Bürgern angesichts der Widerstände inzwischen überfordert. Die Kosten sind nicht mehr bezahlbar und die Mehrheit der mündigen Bürger, die durchaus noch ein Gespür für die Probleme haben, teilt diese Einschätzung. Es gelingt ja z. B. noch nicht einmal ansatzweise, eindeutige Frauenrechte zu schützen und das Problem der Zwangsverheiratungen oder auch der massenhaften Zwangsbeschneidungen in den Griff zu bekommen. Im Gegenteil, die Zahlen steigen stetig. Leider meinen viele, Appeasement, begründet mit eben diesem Kulturrelativismus, wäre eine Lösung. Währenddessen nehmen Massenpsychose, Zwang und Aggression weiter zu. Den Begriff der Ressentiments im Zusammenhang mit Fr. Kelek halte ich im Übrigen für eine Untertreibung.

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rahab 26.04.2010 | 02:48

@ttg
Ich mußte an dieses denken:
„Die Urteilskraft beruht auf einer potentiellen Übereinkunft mit anderen, und der Denkprozeß, der stattfindet, wenn wir über etwas urteilen, ist nicht, wie der Denkprozeß der reinen Vernunft, ein ‚Dialog’ zwischen mir und meinem Selbst, sondern befindet sich immer und vorrangig, auch wenn ich mir meine Meinung in aller Einsamkeit bilde, in einer vorweggenommenen Kommunikation mit anderen, von denen ich weiß, dass ich mich letztlich mit ihnen einigen muß. Diese erweiterte Denkungsart, die als Urteil ihre individuelle Bechränktheit zu überwinden weiß, kann sich in vollständiger Isolation oder einsamkeit nicht entwickeln; sie braucht die Gegenwart anderer, ‚an deren Stelle’ gedacht werden muß, deren Perspektive in Betracht gezogen werden muß und ohne die eine solche Denkungsart niemals zum Tragen kommen kann.“
(Hannah Arendt: The Crisis in Culture, in: Between Past and Future. Six Exercises in Political Thought, New York 1961, S.220f)
für Seyla Benhabib das „Herzstück universalistischer Ethik- und Politiktheorien“
(Seyla Benhabib: Selbst im Kontext. Kommunikative Ethik im Spannungsfeld von Feminismus, Kommunitarismus und Postmoderne, edition suhrkamp)

zu mehr als der wiedergabe des zitats bin ich jetzt nicht mehr in der lage. allerhöchstens noch zu unsinn.
aber ich denke, es zeigt den unterschied in der herangehensweise.

weinsztein 26.04.2010 | 03:44

@Alien59

ich teile - aus ganz anderen Gründen als Du - nicht die Meinungen von Necla Kelek.

Du siehst Du jedes Wort dazu als zuviel und zwei Artikel zu Frau Keleks Positionen im Freitag als Platzverschwendung. Dank einiger Deiner blogs und Kommentare weiß ich, dass Du eine gläubige Muslimin bist, eine Deutsche in Amman.

Sagt Dir Dein Glaube, dass eine Auseinandersetzung mit Positionen wie denen von Necla Kelek unnütz und jedes Wort dazu zuviel sei, in diesem Fall eine Platzverschwendung? Dann fände ich Deinen Islam zum fürchten.

Hier in der Türkei lerne ich einen ganz anderen Islam kennen als Deinen. Muslime, die diskutieren und mich als Nichtgläubigen akzeptieren. In Amman war ich mal. Auch da diskutierte ich mit Menschen, die ich als toleranter empfinde.

Welche Richtung des Islam ist Deine? (Mal abgesehen von der "einzig Richtigen", ich meine Deine.)

Constantin Rhon 26.04.2010 | 09:59

Man kann den Islam nicht "verstehen", man kann ihn als Religion aber respektieren - wozu unsere Verfassung auffordert. Respekt gegenüber "westlichen" Werten allerdings darf auch vom Islam eingefordert werden. Das Problem jedoch ist: Sobald eine Religion sich als die Welt allein seelig machend gebiert, verliert sie ihren Ursprung und damit ihre Berechtigung aus den Augen - und wird rabiat. Zu allen Zeiten, bei allen Glaubensrichtungen.

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tomgard 26.04.2010 | 13:46

Oh das ist gut!

Und deshalb so bitter, bitter schade, daß H.Arendt es nicht fertigbrachte, die Mauern herrschaftlichen Denkens einzureißen, die in der Entgegensetzung einer erfundenen "reinen Vernunft" und einer gefeierten erweiterte Denkungsart, die als Urteil (!!!) ihre individuelle Bechränktheit zu überwinden weiß zur Wirkung kommen. Eine Entgegensetzung, die den ganzen Absatz zirkulär irrational erscheinen läßt. Deutlichste Erscheinung der Irrationalität:
Da steht die "erweiterte Denkungsart" des Hauptsatzes polemisch gegen die "individuelle Beschränktheit" des Nebensatzes, die sie doch enthalten muß.

Aber so ein Unfug ist halt das Beste, was der Idealismus, der Diskurs der Herrschaft hergeben kann, wenn es ihm gelingt, sich auf gleichsam "eignem Terrain" selbst anzuschaun und zu sehen - ohne zu erkennen - was er ist: Eben ein Diskurs, die falsche Abstraktion eines vom (sozialen) Handeln getrennten Denkens, ein Resultat u.a. der Trennung von Hand- und Kopfarbeit.

Danke für die Anregung!

franzferdinand 27.04.2010 | 16:44

Gleich eine volle Seite in der Zeitung, zwei Artikel für ein Buch für N.K., nur um eine abgestandene und bereits seinerzeit ziemlich unfruchtbare Debatte neu zu beleben? Und dann traut sich das „Meinungsmagazin“ dazu offenbar noch nicht einmal eine eigene Meinung zu, sondern macht einen auf „zwei Seelen, ach, hab ich in meiner Brust“. Vielleicht aber auch nur auf die falschen freien Mitarbeiter gesetzt. Auf jeden Fall alles ein wenig enttäuschend.

Die eine hier dokumentierte Meinungsseite, Magnus Klaue, präsentiert dann auch noch eine Art „Antideutschtum“ für Arme und rezensiert dabei im Grunde auch nicht das zur Debatte stehende Buch, sondern wiederholt nur langatmig die übliche konservative Klage von dem angebliche zu großem Verständnis der deutschen Öffentlichkeit gegenüber islamischen Einwanderern (wobei sämtliche Meinungsumfragen zu dem Thema allerdings vom genauen Gegenteil zeugen).

Als Kronzeuge für die beklagte Haltung wird ein Zitat von Hans Küng bemüht, ein Schweizer Theologe, dessen Einfluss auf die deutsche Integrationspolitik und –debatte minimal sein dürfte. Gabs kein Zitat eines prominenten deutschen „Multikulti-Illusionisten“, wo das doch alles hierzulande so auf der Hand liegen soll. Oder ist die Sachlage vielleicht doch nicht eindeutig wie das undifferenzierte Bild suggeriert, nach dem die Missstände muslimischer Familienverhältnisse hier angeblich kritiklos hingenommen werden? Jeder, der eine Tageszeitung liest oder einen Fernsehanschluss hat, muss schon ideologisch ziemlich verblendet sein, um zu verkennen, dass das mit der Wirklichkeit nicht besonders viel zu tun hat (s. z.B. die Geschichte jetzt in Berlin mit der ‚verkauften Braut’).

Das ist auch alles nicht gerade die Meinung, die man erwarten konnte, als sich der Freitag vor einigen Monaten in neuem Gewand als das Leitmedium der Linken präsentiert wollte. Die, die mit der hier präsentierten Meinungsbeliebigkeit offenbar mit eingebunden werden sollen, kaufen das Magazin eh’ nicht, die freuen sich nur, dass es mal wieder ein neues Online-Forum gibt, in dem sie sich ereifern können.

Angelia 27.04.2010 | 19:44

Ein wunderbarer Artikel. Meine Solidarität gilt per se jedem, der sich in irgendeiner Form emanzipieren möchte. Das dies nicht immer reibungslos, frei von Irrtümern und vor allem frei vom Wiederstand der "Masse" abgeht, lehrt uns die Geschichte.

Als die Frauenbewegung sich in den 70ziger Jahren, allen voran Alice Schwarzer, quasi notgedrungen radikalisierte und notwendigerweise stark polarisierte, war das Geschrei zu Beginn ähnlich heftig. Doch beherzte Frauen rotteten sich zusammen und solidarisierten sich. Nun, Jahre später, partizipieren junge Frauen wie selbstverständlich von den Freiheiten, um die sie ohne das klare und kompromisslose Vertreten der Standpunkte der “radikalen Emanzen” vielleicht heutzutage immer noch kämpfen müssten. “Radikalen Emanzen” ja, auch heute noch kämpft die damalige Frauenbewegung gegen genau dieses Vorurteil an, was dazu führt, dass sich manche Frauen heutzutage kaum noch trauen sich als Feministin zu bezeichnen. Das vom Wesen her als “Befreiung aus dominanten, herrschenden Strukturen” zu verstehende Wort Emanzipation bekam sogar eine negative Wertung durch die Verweiblichung des Begriffs hin zur Emanze.

Nekla Kelek wird ebenfalls mit zwar anderen aber eben mit Vorurteilen überhäuft. Man will sich erst gar nicht bemühen sie wirklich zu verstehen, geschweige denn in einen Diskurs mit ihr zu treten. Um so wichtiger, dass man Artikel dieses Formats zu lesen bekommt.

Nun ist die Emanzipation aus kulturell religiösen Strukturen vielleicht noch einmal eine andere, schwierigere Nummer. Deshalb wünsche ich Nekla Kelek, dass sich für ihr Ansinnen ebenfalls mutige Frauen finden, die ihre Standpunkte klar, deutlich und kompromisslos vertreten.

Im Laufe der Zeit, auch das zeigte die Frauenbewegung, relativieren sich Standpunkte ohnehin im alltäglichen Leben weider fast wie von selbst. Leider.

franzferdinand 28.04.2010 | 01:01

Dass Ehre ein orginär der deutschen Volkstumsideologie entstammender Begriff sein soll, ist mir ebenfalls neu. Den Ehrbegriff, z.B. in der Form von Ehrauszeichungen, Ehrenformation gibts ja nun überall in Welt, auch z.B. in USA und Israel und nicht zu knapp. Es ist immer nur die Frage, für was die Ehre stehen soll.

Und dass die Verabsolutierung der Familienehre, um die es hier geht, nun von der dt. Volkstumidieologie des NS besonders geschätzt worden ist, ist vollends zweifelhaft. Eher dürfte sie als 'orientalisches Rassemerkmal' klassifiziert worden sein, immerhin ging es um Staat und Volksgemeinschaft und galt Familie als Partikularinteresse.

Ähnlich auch die Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, die gibts es ja nun ebenfalls überall, z.B. in jeder Armee und stark von der Wertschätzung der Armee geprägte Gesellschaften sind ja nun auch in der westlichen Welt nicht selten. Aber natürlich auch ausserhalb der Armee, man denke nur an das Kennedy-Wort: Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst. Es kommt eben auch immer auf das an, wofür die Gemeinschaft steht. Aber einfach Gemeinschaft, Ehre und Kultur als abstrakte Merkmale herauszugreifen und zu sagen, weil der NS und der Islamismus das beide gut finden/fanden, handelt es sich um mehr oder weniger dasselbe, halte ich für oberflächlich.