Solidarität, wie Necla Kelek sie versteht

Pro Kelek Die "Himmelsreise" wirft den „fremden Blick“ nicht nur auf den Okzident, sondern auch auf die Muslime – eine Verteidigung

Als würde verkehrte Welt gespielt: Während interkulturelle Moderatoren jeglicher Provenienz nachgefragte Gesprächspartner in Talkshows und beliebte Gastautoren der Tagespresse sind, gelten muslimische Islamkritikerinnen wie Necla Kelek hierzulande als medien- und karrieresüchtige Intrigantinnen. Diejenigen, die längst die realpolitische Diskursherrschaft innehaben, inszenieren sich als risikofreudige Tabubrecher, während muslimischen Frauenrechtlerinnen, die wegen ihres Engagements mit dem Tode bedroht sind, niedere Beweggründe unterstellt werden.

Bestenfalls attestiert man ihnen „westliche“ Oberflächlichkeit und Erfolgsorientierung, schlimmstenfalls bezichtigt man sie christlich-kolonialistischer Missionstätigkeit. Was sie schreiben und welche Gründe sie für ihre Kritik anbringen, gerät dabei oft aus dem Blick. Es genügt die Diagnose, dass sie in der einen oder anderen Forderung mit den Zielen der deutschen Integrationspolitik übereinstimmen, um ihnen reaktionäres Gedankengut zu unterstellen.

Die Behauptung, Necla Kelek wolle sich um jeden Preis mit dem Zielpublikum der konservativen Presse gemein machen, für deren Organe sie mitunter schreibt, ließe sich bereits durch einen kurzen Blick in ihre Bücher widerlegen. Solidarisch ist sie mit den Migrantinnen und Migranten, nicht mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Allerdings bedeutet Solidarität für sie etwas anderes als für ihre verständnissinnigen Kritiker. Was sie von diesen trennt, stellt Kelek in ihrem neuen Buch Himmelsreise gleich zu Beginn mittels einer einleuchtenden Kritik am Kulturrelativismus der von ihr so genannten „verstehenden Soziologie“ klar. Als deren Anhänger gebe sich etwa der christliche Theologe Hans Küng mit seinem Vorschlag zu erkennen, die westlichen Gesellschaften müssten versuchen, „von innen zu verstehen, warum Muslime Gott und Welt, Gottesdienst und Menschendienst, Politik und Recht und Kunst mit anderen Augen sehen, mit anderen Herzen erleben als etwa Christen“.

Da ist er wieder, der „fremde Blick“, der nach gemeinsamer Ansicht postmoderner Gender-Theoretiker, multikulturalistischer Grüner und protestantischer Pfarrer die Optik nicht-westlicher, „orientalischer“ Kulturen auszeichnen soll. Deren Angehörige sehen offenbar gleichsam naturwüchsig die Welt nicht nur „mit anderen Augen“, sondern fühlen auch „mit anderen Herzen“ als die Vertreter der westlichen Zivilisation, die ihren Glauben an die Gleichheit von allem, was Menschenantlitz trägt, längst über Bord geworfen haben. Jeder Rekurs auf Universalität erscheint aus solch „verstehender“ Perspektive als Repression, Anmaßung oder unzulässige Einmischung.

Den universalen Geltungsanspruch von Normen kritisiert die „verstehende Soziologie“ nämlich nicht im Namen der Individuen, die durch sie unterdrückt werden, sondern im Namen partikularer „Kulturen“ und „Minderheiten“, mögen diese selbst auch noch so repressiv gegen die Einzelnen vorgehen, die sich ihrem kollektiven Zugriff entziehen. Jeder Versuch, die schlechte Immanenz der „Kultur“ zu überschreiten, um deren Angehörige nicht nur als Vertreter „ethnischer Minderheiten“, sondern als Individuen anzusprechen, wird nicht als Bereicherung, sondern als Einengung wahrgenommen. Lassen sich „Kulturen“ doch offenbar allein in Form tautologischer Zirkelschlüsse verstehen – „von innen“ eben.

Wohin ein solch kritikloses „Verstehen“ führen kann, das seinen Gegenstand lediglich „nachfühlen“, aber nicht begreifen will, bringt Kelek selbst auf den Punkt: „Da wird ‚verstanden’, dass Familien ihre Töchter nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen, da wird verstanden, wenn Mütter ihre Söhne mitten im Unterricht anrufen – die Familienbindung im Islam ist doch so wichtig! –, da wird verstanden, dass Mädchen im Alter von sechs Jahren Kopftuch tragen und mit fünfzehn verschwinden, um in der Türkei verheiratet zu werden.“ Ein solches „Verstehen“, das sich in jede noch so fragwürdige gesellschaftliche Praxis „einzufühlen“ vermag, ohne dabei je Streit oder gar Dissens zu riskieren, komme einer „Kapitulationserklärung vor jeder Freiheitsenteignung“ gleich, die sich auf „religiöse Gebote“ berufe, und gebe „die Grundrechte des Einzelnen preis“.

Solidarität, wie Kelek sie versteht, bedeutet dagegen weder blindes Einverstandensein mit allem, was Teil der je eigenen „Kultur“ ist, noch die Forderung nach „Integration“ ohne Achtung individueller Bedürfnisse, wie deutsche Integrationspolitiker sich das vorstellen. Während das „Verstehen“, das kulturalistische Dialogfreunde predigen, immer darauf hinausläuft, für sich selbst als Exemplar der eigenen „Kultur“ Verständnis einzufordern, appelliert Kelek an die Musliminnen und Muslime, den „fremden Blick“, für den sich ihre multikulturalistischen Verteidiger so begeistern, auch auf sich selbst anzuwenden. Nicht durch Pochen auf die eigene „Identität“ wird Kelek zufolge Emanzipation möglich, sondern dadurch, dass man sich selber im Wortsinn fragwürdig wird, dass man erkennt, worin man sich von der kulturellen Gruppe, der man zugerechnet wird, unterscheidet, und durch das Bewusstsein um diesen Unterschied, in dem sich die eigene Individualität artikuliert, selbstbewusst zum Ausdruck bringt.

Deshalb richtet sich Kelek polemisch gegen jene Aspekte der ­islamischen Kultur, die die Unterwerfung der Identität des Ein­zelnen unter den Zwang der „kul­turellen Identität“ befördern. Gegen den Begriff des „Respekts“ etwa, der nicht auf Toleranz ziele, sondern auf bedingungslose „Hingabe“ im Namen der „gegebenen Machtverhältnisse“. Oder gegen den Begriff der „Ehre“, der allein durch die kulturelle Gemeinschaft garantiert, aber nicht durch individuelle „Leistung“ erworben werden könne. Oder auch gegen den Primat des „Elternrechts“ gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht, wie es im Begriff der Menschenwürde kodifiziert ist: Dieses werde vielmehr immer dann verletzt, wenn Eltern – etwa beim Schwimm- oder Sexualkundeunterricht – ihren Kindern im Namen ihrer „Kultur“ den Erwerb von Kenntnissen verweigern, die Bedingung individueller Mündigkeit sind und ihnen deshalb – und nicht zwecks Auslöschung ihrer „Kultur“ – von der Schule vermittelt werden müssen. An solche Mündigkeit, nicht an das ideologische Konstrukt des „deutschen Staatsbürgers“ denkt Kelek, wenn sie verlangt, die Musliminnen und Muslime mögen „Bürger“ werden.

Hier zeigt sich nun allerdings auch eine Schwäche von Keleks Argumentation. Sie nimmt nämlich nicht hinreichend wahr, dass die von ihr kritisierte Unterwerfung unter das Prinzip der Gemeinschaft, das Ausspielen der „Kultur“ gegen das Individuum, der Begriff der Ehre usw. allesamt Bestandteile deutscher Volkstumsideologie sind, deren Affinität zum Islam sie in einem Kapitel über die Kollaboration zwischen Islamisten und Nationalsozialisten selbst herausarbeitet. Stattdessen hängt sie der Illusion an, die „deutsche Zivilgesellschaft“ vermöge von sich aus die Emanzipation der Muslime zu garantieren, während gerade dieser „Zivilgesellschaft“ an der fortbestehenden Unmündigkeit ihrer „migrantischen“ Mitbürger gelegen ist. Gäbe es eine Auseinandersetzung mit Kelek, die sich nicht in Ressentiments erschöpfte, hier hätte sie anzusetzen. Solange es sie nicht gibt, kann Kelek gegenüber nur gelten, was sie selbst einfordert: unverbrüchliche Solidarität.

Magnus Klaue lebt als freier Autor in Berlin, er hat Germanistik studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert

11:00 22.04.2010

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