Solo für zwei

Blinder Fleck der Geschichte Eine Filmreihe wagt sich an koreanisch-japanische Grenzgänge, will aber kein Risiko eingehen

Im Jahr der gemeinsam ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft lagen natürlich Projekte zu einem japanisch-koreanischen Kulturaustausch nahe. Andererseits hätte man sich nach den Auseinandersetzungen in der WM-Vorbereitung schon denken können, dass solche Projekte eher schwierig zu gestalten sein würden. Exemplarisch ist das zu sehen in der durch die Republik tourenden Reihe Filmische Grenzgänge - Kino der Nachkriegszeit, auf die Reise geschickt vom Japanischen Kulturinstitut und der Botschaft der Republik Korea (unter selbstverständlicher Ignorierung der Demokratischen Volksrepublik Korea und deren Filmschaffen).

An den ausgewählten Filmen selbst liegt es nicht: Fast alle sind gut bis sehr gut, unter den japanischen Werken finden sich zentrale Klassiker der einheimischen Kinematographie, unter den südkoreanischen viele sehr sehenswerte Arbeiten aus den letzten Jahren. »Nachkriegszeit« und »Jugendliche« sind die beiden Großblöcke, unter denen die Filme jeweils thematisch subsumiert und einander gegenübergestellt werden. Dabei offenbart sich aber ein Missverhältnis in der Auswahl: Während Japan aus dem Vollen schöpft und Schätze aus einem halben Jahrhundert präsentiert, zeigt Südkorea fast ausschließlich Filme aus den letzten zwanzig Jahren. Wo die japanische Auswahl mit etablierten Meistern protzt, scheint die koreanische eher ihr Licht unter den Scheffel stellen zu wollen, gar in einem bestimmten Maße seine Filmgeschichte zu verleugnen: Deren erste Hälfte nämlich ging während des Bürgerkriegs in den fünfziger Jahren fast vollständig verloren, die anschließenden dreißig Jahre übergeht man in diesem Kontext jetzt geflissentlich - Südkorea scheint die Gegenwart, in dem sein Kino endlich weltweit Anerkennung erfährt, wichtiger, als dessen Leistungen generell. Die Reihe dokumentiert auf diese Weise die Konfrontation einer gesetzten Filmkultur (Japan) mit einer aufstrebenden Filmnation (Korea) - letztlich eine Frage des Selbstbewusstseins, die viel mit der historischen Entwicklung der beiden Staaten zu tun hat.

Ein Mitarbeiter der Botschaft der Republik Korea definierte in seiner Rede zur Eröffnung der Reihe in Köln das Ziel der Veranstaltung sinngemäß als eine Möglichkeit für beide Länder, sich mit all ihren kulturellen Eigenarten und Gewohnheiten vorzustellen. Der Akzent lag, auch wenn ständig die gemeinsamen historischen Wurzeln der Länder betont wurden, deutlich auf einem Sich-getrennt-Vorstellen.

Beide Seiten sind dabei offenbar darauf bedacht, bloß keine Missverständnisse im Hinblick auf die Darstellung des jeweils anderen aufkommen zu lassen, weshalb man ihn lieber gleich ganz ignoriert. Abgesehen von Kim Suyongs bravem Alterswerk, der Coproduktion Apocalypse of Love (1995) beschäftigt sich keiner der Filme ernsthaft mit dem Verhältnis zwischen Japan und Korea - zwei Länder, deren jeweilige Geschichte, oft zum Leidwesen der Koreaner, untrennbar miteinander verbunden ist.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die japanisch-koreanischen Filmbeziehungen von den historischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts nachhaltig geprägt sind: Die im Pazifikkrieg kulminierende japanische Expansionspolitik bis hin zur Kolonialisierung des Landes von 1910-45 definiert bis heute das Bild Japans im koreanischen Kino. Die Geschichte der japanisch-koreanischen Filmbeziehungen ist eine Erzählung von Schuld und Leid - deren Bewusstmachung notwendige Voraussetzung für eine Versöhnung wäre.

Die Film-Verhältnisse zwischen Japan und Korea sind folglich hoch komplex: Zum einen, weil die koreanische Filmindustrie im Endeffekt japanischen Ursprungs ist, zum anderen, weil der Kampf gegen die japanischen Kolonisatoren für die Kunst-Mythologie beider koreanischer Staaten von entscheidender, wenn auch unterschiedlicher Bedeutung ist: Während im Süden die Republik Korea bald nach Ende des Koreakrieges sich auf die Bewältigung des Bürgerkrieges sowie die Bekämpfung des Kommunismus konzentrierte, blieb im Norden, in der Demokratischen Volksrepublik Korea die Vertreibung der japanischen Imperialisten ein entscheidendes staatsmythologisches Moment, mit dem sich jede Generation von DVRK-Cineasten neu zu beschäftigen hat.

Das ist der Grund, weshalb es im gegebenen Fall eine Nachkriegsfilmreihe sein musste - denn über das koreanische Kino bis 1945 zu sprechen, würde immer bedeuten, über die japanische Besatzung des Landes sprechen zu müssen, sowie potentiell auch über die Kollaboration der Koreaner selbst. Das koreanische Kino kennt kaum Helden in dieser Hinsicht: So ziemlich alle historisch wesentlichen Filmemacher der zwanziger und dreißiger Jahre kollaborierten mit den Japanern.

Auch jenseits davon ist das frühe koreanische Kino von japanischen Einflüssen durchschossen. Einer der wichtigsten geht dabei vom Shinpa-Theater aus, das in Japan wie Korea dem frühen Kino den Weg zu einem melodramatischen Realismus wies. Der japanische Einfluss auf das koreanische Kino endet aber nicht 1945, er reicht sehr viel weiter: Es gab eine fortwährende koreanische Faszination für das japanische Kino, dessen Werke nach der Befreiung, bis vor wenigen Jahren noch, in Korea nicht gezeigt werden durften. Korea, der Süden zumindest, machte sich deshalb seine eigenen »japanischen« Filme: Eines der bekanntesten Beispiele ist Shin Sangoks My Mother and a Lodger, der stilistisch das Kino des japanischen Meisterregisseurs Mizoguchi adaptiert.

Ungewöhnlicherweise funktioniert das Ganze jedoch auch andersherum: Korea hatte nach der Befreiung immer eine besondere Stellung im Kino der japanischen Linken, die das Land für ihre Zwecke instrumentalisierten. Korea steht bei den japanischen Regisseuren der alten und der jungen Generation für Erneuerung, für bodenständige Widerständigkeit, die sie in Japan, angewidert von den Kontinuitäten, nachhaltig vermissen; und: die Koreaner sind für sie so etwas wie die Realität der japanischen Schuld.

Von all diesen brisanten Querverbindungen sieht man in der Auswahl der Grenzgänge-Filmreihe leider zu wenig - wenn auch das Wenige auf seine Weise viel aussagt über das Verhältnis der beiden Länder. Gegenseitige Ignoranz kann manchmal eine friedenserhaltende Maßnahme sein.

00:00 28.03.2003

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