Sparen oder Spaß

Kunst Wie kommt man als Angehöriger der schrumpfenden Mittelschicht durch die Ära des Finanzfeudalismus? Jordan Wolfson und Judith Hopf versuchen ein paar Antworten

Vom Standpunkt der politischen Ökonomie aus betrachtet, handeln zwei Ausstellungen, die in Berlin eröffnet wurden, von der gleichen Frage. Was tun als Angehöriger der schrumpfenden Mittelschicht in Zeiten des Finanzfeudalismus? Sparen oder Spaß haben, oder beides?

Das verarmende Prekariat bleibt außen vor, schon materiell. Der Schinkel-Pavillon, mittlerweile von scheußlicher Hauptstadt-Retro-Investorenarchitektur umlagert, nimmt vier Euro Eintritt. In den Kunst-Werken sind für zwei Ausstellungen acht Euro fällig. Wer Hartz IV bezieht, zahlt einen oder zwei Euro weniger. Wie oft jemand diese Vergünstigung wohl in Anspruch nimmt? Zur Eröffnung jedenfalls, Eintritt frei, reichte die Schlange in den Kunst-Werken durch den ganzen Innenhof bis vor zur Straße.

Umgekehrt sorgt die Eintrittspolitik dafür, dass an einem sonnigen Sonntagmittag zur besten Kunst-Ausflugszeit die größtmögliche Ruhe in den Räumen herrscht. Genau so wie im ausgehenden Feudalismus des 18. Jahrhunderts, als man die niederen Klassen noch von der hohen Kunst fernhielt. Irgendwann öffnete man die Museen für alle. Aber das ist lang her. Ich habe meine Zweifel, ob es Sinn macht, hochsubventionierte Kulturbetriebe mit sozialer Auslesefunktion zu versehen.

Arme Materialien

Austerität und Hedonismus schließen sich nicht aus. Man kann sehr wohl sparen und trotzdem Spaß haben. Sogar beides gleichzeitig, wie beide Ausstellungen zeigen. Trotzdem ist eine Tendenz zu erkennen. Jordan Wolfsons Arbeiten im Schinkel-Pavillon zeichnen sich eher durch einen Hang zum Spaß aus, während Judith Hopf in den Kunst-Werken Material, Bilder und Aussagen recht sparsam einsetzt.

Wolfson zeigt im Schinkel-Pavillon drei Arbeiten. Das Video Riverboat Song zeigt die Abenteuer einer animierten kindlichen Comicfigur, eines Geschöpfs zwischen Alfred E. Neumann aus MAD und Pinocchio. Dazu kommen seine Freunde, animierte Ratten, Biber und andere Nager. Sie haben viel Freude daran, durch ein voll besetztes Flugzeug zu stolzieren, sich in die Sitze zu fläzen und dicke Rauchschwaden ins Bild zu pusten. Der rothaarige Held des Videos findet dagegen sein größtes Vergnügen darin, eine knallgelbe Fontäne von Pisse in die Luft zu spritzen und den zurückfallenden Strahl mit dem Mund aufzuschnappen. So gehen Sparen und Spaß zwanglos zusammen, allerdings kommt das Ganze technisch hochprofessionell daher. Mit „poor images“, also technisch gesehen armseligen Bildern, haben wir es nicht zu tun.

In seiner Virtual-Reality-Arbeit geht Wolfson noch einen Schritt weiter. Sie erregte bereits bei der Whitney-Biennale 2017 in New York Aufmerksamkeit. Wir blicken durch die Brille auf einen nicht weiter bemerkenswerten Gehweg zwischen Hochhäusern, vermutlich nachmittags. Im Vordergund steht ein junger Mann. Ein zweiter tritt von hinten hinzu, nimmt einen Baseballschläger in die Hand. Dann schlägt er zu. Was folgt, ist eine vier Minuten lange Orgie von Gewalt gegen das Opfer, das am Boden unter den Schlägen und Tritten zuckt. Filmisch handelt es sich um vertrautes Terrain, sind wir es doch von Hollywood her gewohnt, dass Probleme mit Gewalt gelöst werden. Allerdings fehlt hier jede Einbettung. Das Ganze geschieht vollkommen grundlos. Durch die Nähe, die die virtuelle Gegenwart vermittelt, macht das Geprügle für den Moment doch einen heftigen Eindruck.

Dergleichen offensive emotionale Berührungen spart sich Judith Hopf. In ihrem Universum geht es sehr gesittet und behutsam und hintergründig zu. Was ja erst einmal kein Fehler ist. Sie zeigt zwei ältere Videos, dazu ein neues und zwei neue Skulpturserien, dazu eine Arbeit im Außenbereich. Mit bewusst minimalen Ausführungen und „armen“ Materialien verkörpert die Ausstellung ein Ethos der Sparsamkeit. Die Laptop Men zeigen die Posen von Männer, die ihr Notebook halten, mit geknickten Stahlbändern in Lebensgröße minimalistisch nachgebildet. In der großen Halle sind Skulpturen aus Backstein und Zement zu sehen, bis zu etwa einem Meter hoch, in Form von Händen. Birnen oder Bällen. Wer sich an die Betriebsanleitung halten mag, kann versuchen, sie als „eine politische Stellungnahme gegen den allgemeinen Beschleunigungsdruck“ zu verstehen.

Bei allem Willen zur Sparsamkeit gibt es auch in dieser Ausstellung noch etwas Lustiges. Dabei geht es um den Kreuzberg Tower von John Hejduk. Das Haus ist der Held des Videos OUT, und es enthält etwas, das ich jetzt nicht verraten will. Man achte auf den Busch im Vordergrund. Der amerikanische Architekt Hejduk war besonders für seine klaren geometrischen bauklötzchenartigen Formen bekannt. Hopf hat im Innenhof der KW zwei Sonnenschutzdächlein zu zwei Fenstern und einer Tür mit heraushängendem zungenförmigen Teppich zu einem Gesicht arrangiert. Tiefer gehende Erklärversuche können wir uns bei der Gelegenheit ohne Spaßeinbußen sparen.

Info

Judith Hopf Stepping Stairs KW-Institute for Contemporary Art, Berlin, bis 15. April

Jordan Wolfson Schinkel-Pavillon, Berlin, bis 1. April

06:00 10.03.2018

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