Spaß am Speck

Gender Food Frauen, die sich lustvoll die großen Fleischportionen auf den Teller laden, ernten oft komisch Sprüche oder Blicke. Über Geschlechter-Klischees beim Essen

Frauen essen kein Spanferkel. Hat ein Paar im Restaurant Pasta mit Auberginen sowie Spanferkel mit Bratkartoffeln bestellt, legt der Kellner Löffel und Gabel ohne eine Sekunde zu zögern vor die Frau und stellt ihr den Nudel-Teller hin: "Einmal für die Dame, guten Appetit." Das Spanferkel gehört zum Mann. Frauen essen auch keinen Bauchspeck, allein schon wegen des Wortes. Auf jeder Sommer-Party ist klar, dass der Grill-Meister die Speckläppchen, den gegrillten Bauchspeck, seinem Kumpel auf den Pappteller klatscht und seiner Freundin eine halbe Zucchini oder einen Puten-Spieß gibt. Die mag bei der Hitze außerdem sowieso lieber einen frischen Salat und hat eigentlich nicht so richtig Hunger. Sagt sie doch selbst immer.

Stimmt. Aber wieso sagt sie es immer? Weil es ihr nicht schmeckt, weil sie es für ungesund hält oder Angst hat dick zu werden? Das alles spielt mit herein. Frauen entsprechen den Erwartungen oft und treiben sie sogar weiter, indem sie sie mehr als gut bedienen. Während Männer oft eher lustbetont essen und vom Essen sprechen, sind Frauen es gewohnt, sich zu mäßigen und disziplinieren. Für die Gesundheit und die Figur. Aber eben auch für die 'gute Figur', die sie abgeben wollen. Es hat nämlich viel damit zu tun, dass alle drum herum bewusst oder unbewusst signalisieren: "Das Speckläppchen steht dir nicht, junge Frau." Genauso wenig wie das Spanferkel. Das passt höchstens zur älteren, fülligen Frau Mama, die es in der bürgerlichen Küche in den Ofen schieben darf. Bei ihr wäre es eher in guten Händen.

Das Speckläppchen als Accessoire

Dem weiblichen Geschmack werden bei uns leichte Speisen zugeordnet: Obst, Gemüse, Geflügel, Fisch. Den Männern herzhafte und schwere Kost wie Fleisch, besonders rotes. So will es das Klischee. Und die Statistik: Mit 103 Gramm Fleisch zum Beispiel essen Männer durchschnittlich am Tag fast doppelt so viel davon wie Frauen, wie das Max Rubner-Institut in seiner Nationalen Verzehrsstudie errechnet hat. Im Alter von 19 bis 24 Jahren ist der Unterschied besonders groß, aber auch schon Kinder und Teenager essen, was man von ihnen erwartet – und was sie entsprechend lieber mögen: Jungen schmecken Fast-Food, Fleisch und Wurst wesentlich besser als den Mädchen, während die viel mehr Obst, rohes Gemüse und Käse essen.

Nicht nur Kleidung, Schminke und Haarstyling sind Mittel, das eigene Geschlecht zu verdeutlichen, sondern eben auch Essen und Getränke. Das Speckläppchen als Accessoire. Und für Mädchen lieber ein Salat, der kleine Grüne. Die Verbindung zwischen Geschlecht und Essen funktioniert eben in beiden Richtungen: Männern und Frauen werden bestimmte Nahrungsmittel zugeordnet und den Nahrungsmitteln männliche oder weibliche Eigenschaften, die sich auf den Esser übertragen. Diese Vorlieben wie Klischees haben ihren Ursprung freilich nicht in der Natur, sondern sind, wie Geschlechtsentwürfe, kulturell und vom Umfeld geprägt. So bezeichnete Jean-Jacques Rousseau in seinem Roman Julie oder Die neue Héloïse die Italiener kurzerhand als "weibisch und schwach", weil sie so viel Grünzeug essen. Die Engländer als "große Fleischesser" mussten dagegen besonders tugendhaft und hart sein. Prototypen guter Jäger eben, ihnen gehört das Spanferkel.


Grundsätzlich hat sich an diesen Mustern auf die breite Messe gesehen noch nicht viel geändert. Einige Männer haben es aber seitdem geschafft, sich Salat und Co. anzueignen: die Zahl der Vegetarier ist auch unter Männern gestiegen. Im Jugendalter sind sogar bei manchen Jungs strikte Varianten wie Veganismus beliebt. Und wer konsequent tierische Produkte bis hin zu Gelatine, Honig und Wolle aus seinem Leben streicht, macht sich bestimmt nicht verdächtig, zu weich und tugendlos zu sein. Auch nicht bei Bewegungen wie Straight-Edge, einer Gegenkultur aus dem Hardcore Punk, die auf Tabak, Alkohol und Drogen eher auf männlich konnotierte Genussmittel verzichten, ohne „weibisch und schwach“ zu wirken. Mindestens so entscheidend, was man konsumiert, ist eben, wie man dazu eingestellt ist und wie man es seiner Umwelt mitteilt.

Eigentlich müssten also auch Frauen ein männlich codiertes Nahrungsmittel wie deftiges Fleisch, wenn schon nicht völlig selbstverständlich, so doch zumindest absichtlich und demonstrativ auf einer Grillparty für sich vereinnahmen können. Nicht mit der Begründung, dass der Salat alle ist, sondern weil sie Hunger darauf haben. Hämische Kommentare à la „Die isst das bestimmt auch roh“ oder „Vielleicht noch Schweinskopf-Sülze als Beilage?“ prallen irgendwann sicher ab, schließlich macht der fleischliche Jagd-Erfolg hart und stärkt die Tugend.

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12:00 01.08.2009

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