Späte Gesten der Reue

Zum Tod von General Jacques Massu Algerien-Krieger und Gastgeber für den Exilanten Charles de Gaulle im Mai ´68

Zu den finsteren Kapiteln der französischen Geschichte gehört der Krieg in Algerien zwischen 1954 und 1962. Ein Schlüsselrolle spielte dabei der am 5. Mai 1908 geborene und am 27. Oktober 2002 verstorbene General Jacques Massu. Ein Karriereoffizier, der an allen französischen Kolonialkriegen in Afrika und Indochina beteiligt war und im Mai 1958 den "Wohlfahrtsausschuss" putschender Offiziere in Algier anführte. Massu überlebte diese Attacke auf die IV. Republik ebenso unbeschadet wie die Kritik, die er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 14. Januar 1960 an Charles de Gaulles moderater Algerienpolitik äußerte. Zwar zog der den General vorübergehend aus dem Verkehr, machte ihn aber später zum Militärgouverneur von Metz, danach zum Oberbefehlshaber der französischen Truppen in der Bundesrepublik (1966-69).

Am 29. Mai 1968, als die Studenten auf den Straßen von Paris feierten, floh Präsident de Gaulle aus dem Elysée-Palast zum "wackeren Soldaten" und "steten Waffenbruder" (de Gaulle über Massu) nach Baden-Baden. Was ihn trieb, sich samt Familie, reichlich Tafelsilber und viel Gepäck überstürzt für mehr als eine Stunde ins Ausland abzusetzen, ist bis heute ungeklärt. Massus Buch Baden 1968 bietet reine Hofberichterstattung und trägt nichts zur Aufklärung bei.

Auf jeden Fall hat de Gaulle mit seiner Radioansprache vom Tag danach und der Ankündigung von Neuwahlen das Steuer in letzter Minute herumgerissen. Er drohte mit dem Notstand, verlangte eine action civique und setzte auf den damals handelsüblichen Antikommunismus: "Frankreich ist tatsächlich von einer Diktatur bedroht. Man will es zwingen, sich einer Macht zu ergeben, die zur nationalen Selbstaufgabe führen würde, ...der Macht des totalitären Kommunismus." Noch am gleichen Tag marschierten die Chauvinisten zu Hunderttausenden über die Champs-Elysées und übersetzten de Gaulles Anspielungen auf das "Vaterland in Gefahr" in eine rüdere Prosa: "Frankreich den Franzosen! Cohn-Bendit nach Dachau!" So ist das, wenn "die Ordnung" marschiert. Ob das Rezept von Massu stammte, ist nicht belegt, aber wahrscheinlich.

Während der Schlacht um Algier Anfang 1957 und danach hatte die französische Armee unter dem Kommando von Massu algerische Kämpfer und Zivilisten gefoltert. Im Namen des "Endsiegs über den Kommunismus" erklärte der General die Folter mit Elektroschocks ("la gégène") - schamhaft "Zwangsmethode" genannt - zur ultima ratio gegen die FLN (*). Im Unterschied zu fast allen mitverantwortlichen Offizieren und Politikern leugnete Massu diese Praktiken nie, sondern rechtfertigte sie offen als notwendig zur Wiederherstellung von "Ordnung und Staat" und zur "Pazifizierung" Algeriens. 1971 wiederholte er dies in seinem Buch Die wahre Schlacht um Algier, worauf ihm der Historiker Pierre Vidal-Naquet bis auf die Stellen hinter dem Komma nachwies, was die Armee tatsächlich praktizierte: Die Folter unter dem Schutzschleier der Republik - deren Repräsentanten von rechts bis links nichts unternahmen, um den Skandal aufzudecken. Einzig General de Bollardière quittierte den Dienst aus Protest gegen Verhörmethoden, "die der Tradition der Armee widersprechen". Die Selbstrechtfertigungen von Massu wurden seit den siebziger Jahren kaum mehr wahrgenommen - der Unbelehrbare war vergessen.

Das änderte sich vor zwei Jahren schlagartig. Nachdem Le Monde im Juni 2000 eine gefolterte und vergewaltigte Zeugin in Algier ausfindig gemacht hatte, kam wieder Bewegung in die Debatte. Oberst Marcel Bigeard - einst Massus rechte Hand - bezichtigte die Zeugin Louisette Ighilhariz, den Medien "ein Lügengespinst" aufgetischt zu haben, und General Aussaresses bekannte sich "ohne Gewissensbisse" zu Folterungen und Erschießungen. Die beiden Offiziere konnten das ohne Risiko tun, denn de Gaulles Amnestie, die Frankreichs Folterer und Algeriens Freiheitskämpfer gleichermaßen von Schuld freigesprochen hatte, schützt sie bis heute vor juristischer Verfolgung.

Aber Bigeard und Aussaresses hatten die Rechnung ohne Massu gemacht. Der 92-Jährige bedauerte öffentlich die Schandtaten: "Man hätte die Sache anders regeln können. Wenn ich an Algerien zurückdenke, so betrübt mich das alles." Er entschuldigte sich und wies darauf hin, dass er - als Zeichen der Versöhnung - schon 1958 zwei algerische Kinder adoptiert hatte: "Für mich sind die Kinder der Beweis, dass die Integration, für die ich mich immer einsetzte, möglich ist ..."

In seinem Kondolenzschreiben an Massus Witwe wagte Präsident Chirac jetzt ein offenes Wort: "An seinem Lebensende, zu einem Zeitpunkt, in dem sich das Land in einer schwierigen Debatte über die schmerzhaften Seiten seiner jüngsten Geschichte befindet, hat General Massu seine Verantwortung mit Würde, Mut und Ehrlichkeit übernommen."

(*) Front de la Libération Nationale/Nationale Unabhängigkeitsbewegung/ab 1962 Staatspartei

00:00 08.11.2002

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