Spielfeld der starken Männer

Fußball Die EM findet erstmals quer über den Kontinent verteilt statt. Das milliardenschwere Event bietet für Autokraten und Nationalisten eine perfekte Bühne
Spielfeld der starken Männer
Mit Pokal: Ilham Alijew; bolzend: Wladimir Putin (rechts), Recep Tayyip Erdoğan (links); am Boden: Viktor Orbán

Fotos: dpa (3), Getty Images

Ilham Alijew sieht sich als Meister der Inszenierung. Vor Kurzem besuchte der Präsident Aserbaidschans in der Hauptstadt Baku ein neues Museum, das den Konflikt mit dem Nachbarn Armenien als eine Reihe blutiger Schlachten darstellt. Fotos zeigen Alijew bei der Besichtigung von armenischen Panzern und Waffen. In Uniform posiert er mit ernst wirkendem Gesichtsausdruck zwischen aufgereihten Helmen gefallener Soldaten. Für die Darstellung armenischer Gefangener nutzt die Ausstellung Wachsfiguren mit übergroßen Nasen und vollen Bärten.

In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Aserbaidschan auf Platz 167 von 180. Nach Einschätzung von Amnesty müssen Oppositionelle und Menschenrechtsanwälte mit Inhaftierung und Folter rechnen. Aserbaidschans Staatschef Alijew ist in Regierungssitzen westlicher Demokratien nicht willkommen. Trotzdem erhält er eine Werbeplattform für seine Öl- und Gasvorkommen. Vor allem im Sport.

Am 11. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft. Der verantwortliche Verband Uefa feiert das Turnier als Symbol für Vielfalt und Zusammenhalt. Zum ersten Mal sind nicht ein oder zwei Länder als Gastgeber vorgesehen. Die 51 Spiele finden in elf Städten statt, quer über den Kontinent verteilt, die Eröffnung in Rom, das Finale in London. Auch München, Kopenhagen oder Amsterdam sind dabei. Und eben auch: Baku. Vier Spiele sollen in der aserbaidschanischen Hauptstadt stattfinden, darunter ein Viertelfinale. Das wichtigste Turnier Europas: ein Herrschaftsinstrument von Autokraten.

Die Türkei spielt in Baku

Noch im Herbst des vergangenen Jahres war an Fußball in der Region nicht zu denken. Wieder einmal kämpften Aserbaidschan und Armenien mit Waffengewalt um die Region Bergkarabach. Mehrere Tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Fußball diente auf beiden Seiten der Propaganda. In Baku hisste der Verein Zira ein Banner für Ilgar Burcaliyev, der frühere Jugendspieler war als Soldat bei Gefechten getötet worden. Die Tribünen wurden mit aserbaidschanischen Flaggen überspannt. Mannschaften trugen Trikots mit der Aufschrift: „Karabach ist Aserbaidschan“. Spieler salutierten vor Kameras und verbreiteten Militärvideos in sozialen Medien. „Wir müssen alle Armenier töten“, schrieb der Pressesprecher des aserbaidschanischen Meisters Qarabağ auf Facebook.

Qarabağ ist in Aserbaidschan identitätsstiftend. Der Klub hat seine Wurzeln in Ağdam, der einst größten Stadt in Bergkarabach. Während des Zerfalls der Sowjetunion mündete der Konflikt um das Gebiet in einen Krieg. Armenien siegte und vertrieb fast alle Aserbaidschaner aus der Region. Ağdam wurde zerstört, die Fußballer von Qarabağ flohen nach Baku. Dort erhielten sie politische und finanzielle Unterstützung. Die Folge: zuletzt sieben Meistertitel hintereinander und etliche Teilnahmen an europäischen Wettbewerben. Mit vermeintlich unpolitischen Schlagzeilen wie diesen kann Ilham Alijew seine Macht inszenieren. Dabei hilft ihm auch die Formel 1, die seit 2016 jedes Jahr in Baku zu Gast ist.

Zu den wichtigsten Partnern Aserbaidschans zählt die Türkei, das dürfte nun bei der EM deutlich werden. Zwei ihrer drei Vorrundenspiele wird die türkische Mannschaft in Baku bestreiten. Eine weitere Gelegenheit für den Austausch zwischen Ilham Alijew und Recep Tayyip Erdoğan. Wie kaum ein anderer Staatschef nutzt Erdoğan den Fußball für seine Machtnetzwerke. Und für seine persönliche Geschichtsschreibung.

In der Türkei hatte sich die Wirtschaftselite über Jahrzehnte an den Werten von Mustafa Kemal, genannt Atatürk, orientiert. Der Republikgründer hat die Türkei nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches modernisiert – und Staat und Religion voneinander getrennt. In den vergangenen Jahren schlug Erdoğan einen anderen Kurs ein, zunächst als Ministerpräsident, dann als Staatspräsident. Lukrative Bauaufträge des Staates gingen zunehmend an islamisch-konservative Firmen. Für Flughäfen, Straßen, Moscheen – und auch für fast 30 Fußballstadien.

Viele der Stadien wurden in Städten und Bezirken errichtet, in denen die Regierungspartei AKP hohe Stimmenanteile hält. Um die Bauten herum entstanden Geschäfte, Nahverkehr, mitunter ganze Stadtteile. Zwölf alte Stadien waren nach Atatürk oder seinen Weggefährten benannt. In Istanbul, im regierungskritischen Bezirk Beşiktaş, trug das alte Stadion den Namen von Ismet Inönü, einem Freund Atatürks – das neue ist nach einem Mobilfunkunternehmen benannt.

Erdoğan möchte westliche Symbole zurückdrängen und sich an die osmanische Kultur anlehnen. Er forderte, dass Stadien nicht mehr als Arenen bezeichnet werden. In konservativ geprägten Gegenden, etwa bei den Fußballvereinen in Ankara oder Konya, sind in den Stadien zunehmend nationalistische und islamische Gesänge zu hören. Erdoğan selbst macht sich für Başakşehir stark. Der Vorortklub in Istanbul ist eng vernetzt mit Sportministerium, Fußballverband und Medien. Başakşehir hat wenige Fans, wurde aber 2020 erstmals türkischer Meister. Das Stadion war in nur 16 Monaten errichtet worden. Bei der Eröffnungsfeier führte Erdoğan eine Promiauswahl auf den Rasen und schoss drei Tore. Das Stadion des Istanbuler Klubs Kasimpaşa trägt sogar seinen Namen.

Auch innerhalb der Europäischen Union gilt der Fußball als beliebtes Herrschaftszeichen. Das eindringlichste Beispiel: Ungarn. In Budapest sollen drei Vorrundenspiele und ein Achtelfinale stattfinden. Eine politische Gelegenheit, die sich Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán nicht entgehen lassen dürfte. Seit seinem Amtsantritt 2010 hat seine Regierung zahlreiche Bauten und Sanierungen von Stadien, Hallen und Sportschulen finanziert. Orbán regte Unternehmen dazu an, mehr in den Sport zu investieren, im Gegenzug erhalten sie Steuererleichterungen. Führende Mitglieder seiner Regierungspartei Fidesz sind in den Vorständen der großen Fußballklubs vertreten. An der Spitze des Rekordmeisters Ferencváros Budapest steht Gábor Kubatov, Vorstandsmitglied der Partei. Gegen regierungskritische Demonstranten mobilisierte Kubatov Sicherheitsordner von Ferencváros, darunter rechte Fußballfans.

Bei der Europäischen Union wird Viktor Orbán zunehmend als nationalistischer Außenseiter gesehen. Doch im Fußball kann er sich als großzügiger Europäer darstellen. Während der Verbreitung der britischen Corona-Mutation Anfang des Jahres erließ unter anderem Deutschland strengere Einreisebestimmungen. Ungarn aber gestattete ausländischen Staatsbürgern die Einreise für Sportveranstaltungen, so konnten im März mehrere Spiele in europäischen Wettbewerben in Budapest stattfinden, trotz einer Inzidenz von über 300. Viele ungarische – und inzwischen staatsnahe – Medien werteten diesen Schritt als europäische Solidarität. Nun bei der EM will Orbáns Regierung die volle Zuschauerkapazität ermöglichen. Viktor Orbán folgt einem sportpolitischen Modell, für das in Europa vor allem Wladimir Putin die Basis gelegt hat.

Nach dem Ende der Sowjetunion und den turbulenten Jahren unter Boris Jelzin wollte Putin ab den späten 1990er-Jahren wieder für Stabilität und internationale Anerkennung sorgen. Nach und nach stiegen Institutionen und Unternehmen des Staates bei russischen Fußballvereinen ein. Energieriesen, Banken, Transportwesen. Der Staatskonzern und weltweit größte Erdgasproduzent Gazprom führte den Verein aus Putins Heimatstadt, Zenit St. Petersburg, ins europäische Spitzenfeld. Und er übernahm Partnerschaften mit dem FC Schalke 04 und Roter Stern Belgrad, ebenso mit den Verbänden Uefa und Fifa.

Seit 2012 sponsert Gazprom auch die Champions League. Mit den Sponsorendeals im Fußball kann der Kreml politische Netzwerke jenseits der herkömmlichen Diplomatie knüpfen. Auf VIP-Tribünen können Manager von Gazprom bei europäischen Politikern für umstrittene Pipelineprojekte werben, ohne auf ein strenges Protokoll zu achten. Alexander Djukow, Vorstandsvorsitzender einer Gazprom-Tochter, sitzt auch im Exekutivkomitee der Uefa, dem Aufsichtsgremium des europäischen Fußballverbands.

Diese Art der Vernetzung funktioniert auch in den russischen Regionen, die häufig in Konkurrenz zueinander stehen, wenn es um Touristen, Fachkräfte und Investitionen geht. Mehr als ein Drittel der 16 Vereine in der ersten russischen Liga erhält Unterstützung von ihren lokalen Verwaltungen. Ein erfolgreicher Verein kann Investoren anlocken und in der Bevölkerung Zustimmung für die Eliten sichern. Die Regionen profitieren auch von Großveranstaltungen, die der Kreml nach Russland geholt hat: die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, aber auch die Weltmeisterschaften in der Leichtathletik 2013 in Moskau, im Schwimmen 2015 in Kasan oder im Eishockey 2016 in Moskau und St. Petersburg.

Der Höhepunkt für Russland: die Austragung der Fußball-WM 2018. Das Turnier lief ohne große Skandale ab und führte im flächenmäßig größten Land viele der rund hundert Volksgruppen zueinander, die sich sonst selten auf ein gemeinsames Thema einigen können. Immer wieder konnte sich Putin im Sport als weltoffener und zupackender Staatsmann zeigen. Und zwar in jener Zeit, in der russische Kräfte 2014 die Krim annektierten und in die Ostukraine vordrangen. Während sie im syrischen Bürgerkrieg an der Seite von Baschar al Assad kämpften oder sich in die US-Präsidentschaftswahl 2016 einmischten. Bei politischen Gipfeln in Europa ist Putin nur noch selten willkommen.

Die Uefa will expandieren

Nun bei der EM sollen sieben Spiele in St. Petersburg stattfinden, darunter ein Viertelfinale. Nur London ist mit acht Spielen prominenter vertreten. Die EM wirft auch ein Licht auf die Spannungen in Großbritannien nach dem Brexit. Und auf die Sonderrolle im Fußball, denn aus dem Vereinigten Königreich haben sich gleich drei Mannschaften qualifiziert: England, Schottland und Wales.

Die schottische Auswahl wird zwei ihrer Vorrundenspiele in Glasgow bestreiten. Dort könnte sie zwei Bevölkerungsgruppen zueinander führen, die sich beim Stadtderby in der Liga seit langem feindselig gegenüberstehen. Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein katholischer Priester in Glasgow den Celtic FC gegründet, eine Anlaufstelle für verarmte Einwanderer aus Irland. Als protestantischer Gegenentwurf etablierten sich die Glasgow Rangers, bis Ende der achtziger Jahre ohne einen einzigen katholischen Spieler.

Das Glasgower Derby ist eine Arena für politische und konfessionelle Debatten. Auf der einen Seite Celtic: Katholische Arbeitermilieus, überwiegend Labour-Wähler und Unterstützer der schottischen Unabhängigkeit, manchmal mit Hang zur Verklärung der paramilitärischen IRA. Auf der anderen Seite die Rangers: treu zur Krone, mit Vorliebe für die konservativen Tories, eher pro Brexit. Die Ausschreitungen in Belfast vor wenigen Wochen haben die Erinnerungen an den Nordirland-Konflikt geweckt. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Diskurs auch bei der EM fortgeführt wird, zum Beispiel am 18. Juni in London beim Spiel zwischen England und Schottland.

Die Uefa möchte das Turnier fernab von Politik mit Wachstum verknüpfen. Mit der EM 1992 in Schweden nahm die Uefa 41 Millionen Euro ein. Das Turnier 2016 in Frankreich brachte bereits 1,9 Milliarden Euro. Die Pandemie dürfte eine weitere Steigerung verhindern, doch die Uefa will weiter expandieren. Von den zwölf Großsponsoren für die EM 2021 stammen vier aus China und einer aus Katar, also aus Staaten, die die viel beschworenen „europäischen Werte“ nicht allzu ernst nehmen. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew ist also nicht der Einzige, der bei der EM nach seinen ganz eigenen Regeln spielt.

Ronny Blaschke beleuchtet als Journalist politische Themen im Sport. Sein aktuelles Buch: Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution

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06:00 11.06.2021

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