Spuren im Sand

Mars Attacs Wie Robert Kagan Amerika intellektuell für den Platz an der Sonne fit macht

Wer hoch hinaus will, sollte ein Händchen dafür haben, sich stets seiner Umgebung anpassen zu können. Gerade in der Publizistik gehört Camouflage zum täglichen Geschäft. Robert Kagan versteht sich darauf aufs Vortrefflichste. Vermutlich heißt es deshalb in der deutschen Verlagsankündigung seines Bestsellers Macht und Ohnmacht, der amerikanische Publizist sei Berater im US-Außenministerium gewesen und nun Kolumnist der Washington Post. Das klingt smart und edel. Wer dächte bei der Post nicht an die besten Traditionen des amerikanischen Journalismus? Mit Watergate hat Robert Kagan aber vermutlich ebensowenig am Hut, wie mit der Unabhängigkeit der Medien.

In diesem Punkt verschweigt der Siedler Verlag, der die deutsche Übersetzung eines der zur Zeit meist diskutierten Bücher zum europäisch-amerikanischen Verhältnis herausbringt, Wesentliches. Robert Kagan ist einer der Masterminds in Amerikas neokonservativen Denkfabriken. Sein eigentliches Honorar verdient der namhafte Neocon mit Artikeln für den Weekly Standard, ein Scharnierorgan zwischen den Neokonservativen der zweiten Generation und den sogenannten Old Conservatives. Zusammen mit William Krisol, ebenfalls Falke im Schatten der Administration Bush, gründete er den einflußreichen Think Tank Project for a New American Century. Mit Studien und Strategiepapieren liefert dieser das Brainfood für die Hardliner im US-Kabinett.

Macht und Ohnmacht ist somit nicht das Buch irgendeines amerikanischen Politikwissenschaftlers. Es ist das Werk eines Ideologen. Was rational beginnt, hebt irgendwann in die Sphäre von Glaubenssätzen ab. In Kagans Essay, der vordergründig nicht weniger liefern will, als eine knifflige Analyse der momentanen transatlantischen Zerwürfnisse, geschieht dies so unterschwellig, dass man schon genau hinschauen muss. Andernfalls reibt man sich am Ende die Augen, wenn Robert Kagan zum Fazit des schmalen Büchleins anhebt: »Europäer und Amerikaner müssen sich beide an die neue Realität der amerikanischen Vorherrschaft anpassen«. Das sind harte Geschütze an der Meinungsfront.

Dabei war es eigentlich höchste Zeit, dass auch von amerikanischer Seite eine Bestandsaufnahme zur sogenannten »westlichen Wertegemeinschaft« vorgelegt wurde. Ähnliches hatte schon die Schweizer Juristin Gret Haller in ihrem Buch Die Grenzen der Solidarität für die europäische Perspektive unternommen. Und dass Kagans Buch gleich im ersten Satz mit einer radikalen Einschätzung beginnt, ist angesichts der transatlantischen Spannungen der letzten Monate nicht sonderlich verwunderlich. »Wir sollten nicht länger so tun«, so schreibt er, »als hätten Europäer und Amerikaner die gleiche Weltsicht oder als würden sie auch nur in der gleichen Welt leben«.

Es ist schon wahr: Die Zuspitzung der Irak-Krise hat auf beiden Seiten mit der liebgewonnenen Vorstellung aufgeräumt. Der Westen, wie man ihn aus den Zeiten des Ost-West-Konfliktes kannte, ist passé. In den letzten zehn Jahren hat sich da manch einer noch was vormachen können. Doch wenn ein bipolares System auseinander bricht, dann hat dies nicht nur Konsequenzen für die stützenden Eckpunkte. Bis hierher mögen also nur sentimentale Kalte Krieger und die Traditionalisten unter Deutschlands Konservativen einen Affront in Kagans Thesen wittern. Spätestens aber wenn er zur Analyse der zerrütteten Beziehung anhebt, stockt einem nicht nur diesseits des Atlantiks der Atem.

Um die Argumentation des rechten Kulturkämpfers gänzlich verstehen zu können, muss der Leser weit in den Sommer des letzten Jahres zurückgehen. Damals hatte Kagan seine Thesen bereits als Instantversion in der Zeitschrift Policy Review veröffentlicht. Es war ein schöner Dualismus, mit dem der Harvard Absolvent dort aufwarten konnte: Europäer, so seine Einschätzung, kämen von der Venus und Amerikaner seien vom Mars. Will heißen: In Europa ist man von Hause aus selbstverliebt und machtvergessen, während man in den USA noch immer um die Notwendigkeit des Krieges als politisches Mittel weiß.

Für einen Neocon, der sich gerne den Nimbus urbaner Intellektualität gibt, zugegeben eine etwas platte Sicht der Dinge. Und so hat Kagan die Langfassung von sämtlicher Esoterik gesäubert und statt dessen mit philosophischen Begriffsschablonen angereichert. Auf dem alten Kontinent, so heißt es nun in Macht und Ohnmacht, habe man den kantischen Traum vom ewigen Frieden verwirklicht, während man in den USA noch immer an die hobbessche Welt des Krieges glaube. Bellum omnium contra omnes - das klingt auch gleich diskurskompatibler. Zumindest muss der Leser schon länger grübeln, damit er dahinter kommt, dass auch Hobbes und Kant von Robert Kagan nur als Dummy Terms auf die Diskurspiste geschickt werden.

Zugegeben: Die Europäische Idee beruht auf der historischen Erkenntnis, dass Sicherheit nur über Souveränitätsabgabe und gegenseitige Vertragssicherheit zu erreichen sei. Eine Einsicht, die durchaus auf Kants Schrift Zum ewigen Frieden fußt, die aber ebenso in der angelsächsischen Tradition Woodrow Wilsons und Franklin D. Roosevelt zu finden ist. Doch derartig multilaterale Episoden der US-Außenpolitik sind für Robert Kagan nichts als naive Entgleisungen. Seine Sicht der Dinge ist da bei weitem kerniger: »Großmächte fürchten Regeln, die sie in ihrer Handlungsfreiheit einschränken, oft mehr als Anarchie. In einer anarchischen Welt verlassen sie sich auf ihre Macht, um Sicherheit und Wohlstand zu schaffen«.

Mit solchen Ansichten aber befindet sich Kagan nicht in Hobbes World, sondern vielmehr im Nationalstaatsdenken des 19. Jahrhunderts. Und wenn er dann noch wie selbstverständlich anfügt, dass die einzige stabile Weltordnung, die sich die Amerikaner vorstellen können, eine Ordnung sei, in deren Zentrum die USA stehen, dann bekommt man tatsächlich für Momente den Eindruck, Kagan käme eher vom Mars als von dieser Welt.

Auch wenn einflussreiche amerikanische Denker wie Paul Kennedy oder Vincent Cannistraro vor soviel Weltvergessenheit nur warnen können, so wirken die Thesen der Neocons im momentanen kulturellen Klima der USA durchaus attraktiv. Es ist die Mischung aus elitärem Gedankengut und revolutionärem Gestus, mit dem sich die Neokonservativen ihren Weg durch die Institutionen des republikanischen Lagers bahnen konnten. Zwar sind Kagans Überzeugungen oftmals widersinnig, und nicht selten biegt er sich die Argumente so, wie er sie gerade haben möchte, doch es ist der neue Intellektualismus gepaart mit einer einzigartigen Medienkompetenz, der Amerikas neue Rechte innen- wie außenpolitisch gefährlich macht.

Nicht verwunderlich, dass die eigentliche ideologische Basisstation von Kagan, Kristol und weiteren namhaften amerikanischen Neocons weniger im englischen Empirismus, sondern im elitär konservativen Gedankengut eines Carl Schmitt oder Leo Strauss zu finden ist. Die Verengung internationaler Verflechtungen auf den Begriff der militärischen Macht erinnert zu stark an Schmitts Freund-Feind-Theorie und an die Alternative zwischen »Selbstbehauptung oder Untergang«. Und die geistige Vaterschaft vom Schmitt-Schüler Leo Strauss wird von vielen Neokonservativen nicht einmal geleugnet.

»Am Ende des Tages«, so schrieb Robert Kagan Ende letzten Jahres im Weekly Standard, »wird der Präsident so handeln, wie er meint, dass es richtig ist zu handeln, egal was Blix oder der Sicherheitsrat sagen«. Und als wäre dies ein Credo, fügt er pathetisch hinzu: »Dies ist unsere Hoffnung!«. Völkerrecht ade!, möchte man da nur noch ergänzen. Souverän ist fortan, wer über den globalen Ausnahmezustand bestimmt.

Robert Kagan: Macht und Ohnmacht. Amerika gegen Europa in der neuen Weltordnung. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag 2003, 127 S., 16,- EUR

00:00 25.04.2003

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