Stadt als Brache

Fotografie Bleierne Neuzeit: Michael Schmidts Zyklus „Waffenruhe“ von 1987 wird nachts an die Fassade der Volksbühne projiziert

Natürlich muss der Witz kommen, Kurator Thomas Weski lässt ihn nach einer knappen Stunde auf dem Podium neben Chris Dercon locker fallen: „Waffenruhe“ stehe ja jetzt auch über der Volksbühne, sei also programmatisch. Tatsächlich, an der Stirnseite der Volksbühne leuchtet die Überschrift, weil sie den Bilderzyklus von Michael Schmidt in Anlehnung an dessen Ausstellung im Gropius-Bau von 1987 (damals von der Berlinischen Galerie bespielt) groß auf die Fassade projizieren: 41 Minuten Fotografien, dazu 14 Sätze, die Einar Schleef noch ausgewählt hat, jeden Abend nach Sonnenuntergang. Und wenn da „Waffenruhe“ steht, ist das auch deshalb witzig, weil Intendant Chris Dercon – kann man Auswärtigen oder denen, die zwei Jahre verschliefen, durchaus noch einmal erzählen – mit heftiger Ranküne empfangen, sogar bekämpft wurde. Das geht so weit, dass Kommentare und Rezensionen komplexe Theaterarbeiten wie etwa Women in Trouble von Susanne Kennedy daraufhin abklopfen, ob sie nicht Dercons Neoliberalität zeigen. Zum Michael-Schmidt-Projekt gleich Facebook-Aufregung, ob man die Fotografien projizieren, und überhaupt, ob Dercon das dürfe. Jetzt also Waffenruhe als Programmatik? Dercon lehnt sich zurück und verzögert sein kurzes Lachen um eine Pause, in der genau alles liegen kann: Ironie, Gelassenheit, Ärger, Enttäuschung, mehr Ironie.

Es schmeckt nach Rost

Die Bilder von Schmidt mit dem Text von Schleef, der literarische Titel, in dem gleichzeitig eine Drastik mitschwingt, sind Markstein und Wendepunkt. Um das zu verstehen, muss man – im Sternfoyer der Volksbühne gibt es kein Anschauungsmaterial – den nun wieder aufgelegten, bis eben sündteuer als Sammlerstück weitergegebenen Bildband in die Hand nehmen und vor allem neben frühere Schmidt-Arbeiten legen: Michael Schmidt – 1945 in Kreuzberg geboren, 1950 nach Erkner gezogen, fünf Jahre später zurück nach Westberlin geflohen, abgebrochene Malerlehre, Polizist, Fotografie an der Volkshochschule gelernt, Gründer der weltbekannten Werkstatt für Photographie, später Hochschulprofessor und preisgekrönter Fotograf, gestorben 2014 – hatte bis dahin kreuznüchterne, knallscharfe, durchaus lakonische, aber streng dokumentarisch komponierte Aufnahmen gemacht. Oft in Kreuzberg oder dem Wedding. Wer das Glück hat, einen der früheren Bildbände wie Berlin Kreuzberg (1973), Photographien (1975), Berlin. Stadtlandschaft und Menschen (1978) oder Berlin-Wedding (1978) zu durchstreifen, sieht Aufnahmen, die für sich selbst stehen: Porträts von Menschen am Arbeitsplatz. Die etwas steife, etwas gezwungene, sich selbst zurücknehmende Art, mit der man auf der Straße auftrat. Einzelne in der Menge.

Aber auch: ein topografisches Verständnis von Stadt, nicht von einem allgemeinen, abstrakten Konstrukt, sondern von Berlin. Man spürt den halb verdauten Krieg, der den Blick auf Brandwände öffnete, die verbauten Winkel, die geflickten Ecken. Da ist etwas abgetrennt und amputiert, da sind Gebäude vernarbt, der Pepitahut geht um, Berlin ist eine Stadt, in der das kleine Karo dominierte.

Dann aber, Waffenruhe: Die einzelnen Bilder weisen über sich hinaus. Die Serie zielt nicht auf einen präzisen Schauwert – hier tritt etwas über, wird Poesie, jetzt gibt es Unschärfen auf Bildflächen, Konturen zerfransen, da versumpft etwas im Dunklen, ragt etwas in den Bildausschnitt hinein; es schmeckt nach Rost und nach einer flüchtigen, ziellosen Fahrt neben militärisch anmutenden Brückenstreben, nach verwachsenen Brachen. An einer Scheibe, vermutlich in der müffelnden, auch im Sommer klammen Telefonzelle, hängt noch ein Rest, wie Rotz, Flecken haben sich über den Blick auf die Stadt gelegt: Waffenruhe ist ein struppiger Zustand, ein Befund, ein Patt, keine Entscheidung, keine Lösung, Übergang, Qual, oder, wie der Schmidt-Freund, Kulturhistoriker und damalige Kurator der Schau Janos Frecot schrieb: „Kein Krieg, kein Frieden, doch immerhin Ruhe, ein äußerst reizbares Schweigen am Rande des Schmerzes, in Erwartung jäh ausbrechender Feindschaft ...“

Michael Schmidt hat plötzlich etwas vom Grund der Stadt hervorgekehrt, etwas, das sogar dies- und jenseits der Mauer gültig war, weil es sich in Fugen und Ritzen festgesogen hat, ganz als ob es aus dem grauen, schlierigen Himmel herniedergekommen wäre, der eben nie neutraler Hilla-und-Bernd-Becher-Himmel ist: eine bleierne, verschmierte, bedrückende Atmosphäre. Stadt und Leben als Brache.

Erbsenzähler werden selbstverständlich nachweisen: Da sieht man die Berliner Mauer, beschmiert. Im Osten nicht denkbar. Westautos, Telefonzellen? Dabei übersehen sie das Vage, die fragile Balance, Düsternis, Flecken auf blinden Wänden, Risse im Putz, die, weit mehr als auf die scharf gezeichnete Form, auf Idiosynkrasien weisen. Man sieht den Pepitahut nicht mehr, riecht seinen Muff aber noch.

Anstelle von Euphorie und Aufbruch tanzt man allein, mit der Wut, die im Punk eine Entsprechung sucht, wacht dann mit Kratzern neben dem Einlass-Stempel vom Club am Arm auf. Schmidt wandert durch Sedimente, abgenagte Grundmauern. Darauf Hakenkreuz, strenges Verbotsschild, ringsum sandiger Grund.

Wie wirken die Bilder jetzt, an der Fassade, in Neuauflage? Im Gegensatz zu dokumentarischen Aufnahmen nicht als musealisierte Erinnerung. Risse in der Stadt, Brachen und Leerstellen halten sich heute in Außenbezirken, wo niemand auf den Gedanken käme, kleinstädtisches Wesen der Stadt mit hektischen Gesten zu verbergen. An Hakenkreuzen ist kein Mangel.

Sicher, in Berlins Mitte hat das bleierne Gefühl heute eine andere Ästhetik, von Fassadenfarben übermalt, mit glitzernden Boutiquen verstellt. Sitzt in bedenkenloser Coffee-to-go-Mentalität. Weil wir hier bei Backketten einkaufen, Fast Food essen, Fast Fashion feiern, Funktionsjacken tragen, Touristen bedienen, ab und an Teil der Ausstellungseröffnungs-Incrowd sein wollen. Die Stadt ist ein Haufen zerbrochener Worte, schrieb Octavio Paz, die Brache ist nur aus dem Blick gerückt.

Die Rückfahrt zu Grundmauern zeigt etwas, das immun macht gegen Nostalgie und Sentimentalität. Wer die Bilder in der Hand hält, muss alle Hoffnung fahren lassen, man kann sich höchstens arrangieren. Wenn sie jetzt an die Volksbühne zurückkehren, künden sie nicht von Waffenruhe. Das Ringen geht weiter.

Info

Waffenruhe Michael Schmidt Stiftung für Fotografie und Medienkunst (Hrsg.), Walther König 2018, 82 S., 29,80 €

Die Projektion wird noch bis 11. März gezeigt

06:00 03.03.2018

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