Michael Angele
26.01.2012 | 11:30 1

Stark durch Widerspruch

Im Gespräch Seit Anfang dieses Jahres hat der „Merkur“ eine neue ­Redaktion. Was ändert sich unter Herausgeber Christian Demand und Redakteur Ekkehard Knörer?

Der "Merkur" war bisher eine sehr männliche Angelegenheit, bestimmt waren 85 oder 90 Prozent der Autoren männlichen Geschlechts.

Christian Demand

: Das ist eher noch untertrieben.

Warum ist das so?

Demand

: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Als Leser ist mir diese Männerlastigkeit immer recht merkwürdig vorgekommen. Dabei habe ich gar keine klare Vorstellung davon, ob und wie sich ein höherer Frauenanteil inhaltlich eigentlich auswirken würde. Ich denke einfach nur: Wenn von elf Autoren zwölf Männer sind, dann stimmt etwas nicht. Aber warum das so ist? Fakt ist: Das Mar­ken­image der Zeitschrift ist in dieser Hinsicht so ausgeprägt, dass es Autorinnen sicher nicht gerade ermutigt, uns ihre Manuskripte anzubieten. Ich hoffe, dass wir das auf Dauer werden ändern können. Aber dass das kein Selbstläufer werden wird, haben wir schon gemerkt. In unserem ersten Heft ist genau eine Frau vertreten, Heft II und Heft III werden ausschließlich von männlichen Autoren bestritten, und das liegt ganz sicher nicht an unserem bösen Willen.

Ekkehard Knörer:

Von 100 Einsendungen kommen vier oder fünf von Frauen. Heute hatten wir wieder eine von einer Frau, das ist ein Jubeltag.

Was für die einen nicht attraktiv ist, ist es möglicherweise für andere. Für junge ambitionierte Akademiker, die immer noch ein sehr männlich geprägtes Geistes-Ideal haben. Und Ihre Vorgänger, Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel, haben diese männer­bündische Ausrichtung ganz klar getragen. Scheel zitierte ja gerne John Wayne.

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: Sie haben zweifellos ein agonales Milieu gefördert, eine agonale, kämpferische Atmosphäre. Aber von der lebt eine Zeitschrift wie der Merkur nun einmal auch zu einem erheblichen Teil. Von Leuten, die brennen, die etwas werden wollen, sich exponieren, eine These haben, ohne Rücksicht auf Verluste auch mal austeilen können. Das kann man nicht einfach wegnehmen. Einen überwiegend behutsam säuselnden Merkur würde ich selbst auch nicht lesen wollen. Ohne ein gewisses Maß an Bedingungslosigkeit und Schärfe funktioniert das Heft nicht mehr.

Knörer:

Es gibt dieses schon notwendige agonale Moment, das allerdings da ärgerlich wird, wo es ins allzu selbstgewiss Welterklärerische umschlägt. Aber erstens gab es in der Geschichte des Merkur durchaus auch kämpferische Frauen, man denke an Katharina Rutschky oder Cora Stephan. Und zweitens wollen wir selbst­verständlich auch andere Töne.

An wen denken Sie?

Knörer

: Ein interessanter Fall ist Kathrin Passig, deren Merkur- Texte im Netz sehr stark wahrgenommen werden. Leider ist sie im Moment ein singulärer Fall.

Demand

: Aber an ihr kann man sehen, dass es auch anders geht. Sie hat nicht so sehr diesen agonalen Zug, das ist deutlich spielerischer und zugleich doch auch sehr bestimmt. Natürlich hätten wir diesen Zugang und diesen Ton nicht nur zum Thema „Netz“ gern öfter im Heft.

Nun ist der "Merkur" von seiner ganzen Aufmachung gerade das Gegenteil eines Internetmediums. Hier sendet die Gutenberg-Galaxis starke Signale. Und auch die Texte selbst, diese Essaykunst, ist eben nur sehr bedingt im Netz vermittelbar. Gleichzeitig bietet das Netz Möglichkeiten. Wie gehen Sie damit um?

Demand:

Die Frage stellt sich uns ganz aktuell. Wir arbeiten im Moment gerade daran, unseren Webauftritt zu ändern, der bisher, vorsichtig ausgedrückt, nicht ­besonders netzaffin war. Zudem wird es in naher Zukunft einen

Knörer

: Es ist ja einerseits schön und eine der Trennlinien zur digitalen Welt, dass wir so monologisch sind: Jeder Text im

Im aktuellen Heft bildet Europa das Schwerpunktthema. Ein Thema anhaltender Aktualität, ich habe die Aufsätze, etwa das Lob der Kleinstaaterei, mit Interesse gelesen, allerdings sehe ich das Problem, dass uns Europa kühl lässt. Und gilt nicht auch für intellektuelle Debatten, dass ihnen ein gewisses Quantum an Erregungspotenzial inne­wohnen muss?

Knörer

: Aber ist das nicht vielleicht doch zu journalistisch gedacht?

Vielleicht ist es so, ja.

Demand

: Warten Sie mal ab, wie groß das Erregungspotenzial erst sein wird, wenn die Griechen aus der Eurozone austreten. Dieser Teil der Debatte besteht doch fast nur aus Erregung. Auf der einen Seite: „Seht nur, die bösen Griechen betrügen uns, die gehen schon mit 52 Jahren in Rente und wir sollen es bezahlen! Da muss die Kanzlerin mal kräftig auf den Tisch hauen!“ Auf der anderen Seite: „Pfui, Verrat an Europa!“ Oder: „Pfui, da ist sie wieder, die deutsche Großmannssucht!“ Ich empfinde es nicht als unsere Aufgabe, dieses Empörungsspiel in irgendeiner Form weiterzuführen. Unsere Stärke liegt in der Leidenschaftlichkeit, mit der wir auf sachlicherAnalyse bestehen.

Gut, sagen wir: Leidenschaft. Es fiel dem "Merkur" unter den Vorgängern offenkundig nicht schwer, nach 9/11 „den Westen“ leidenschaftlich zu vertreten. Aber offenbar fällt es schwer, Autoren zu finden, die die Idee von Europa so kommunizieren, dass der Funke überspringt. Vielleicht sollte ich Habermas lesen, aber ich lese dann doch Enzensberger. Hier regiert das Ressentiment. Gleichwohl hat Enzensberger es wenigstens geschafft, dass ich mich errege.

Demand

: Könnte es nicht eine Form der Erregung geben, eine Form des inneren Engagements, die schlichtweg im Dranbleiben besteht, darin, das Thema und die Problematik nicht loszulassen? Das wäre die merkurische Form des Engagements, die ich mir vorstellen würde. Das schließt keineswegs aus, dass jemand für seine Thesen leidenschaftlich eintritt.

 Aber bleiben wir beim Beispiel Europa. Ich muss da nicht der Fackelträger irgendeiner Idee sein. Ich bin persönlich bei diesem Thema extrem gespalten und gerade deshalb für jede klare Analyse der Situation und der politischen Alternativen umso dankbarer. An ­einem solchen Thema dranzubleiben und zwar auch über den Punkt hinaus, an dem man das Interesse nur noch schwer aufbringen kann, das ist mir wichtig. Alle anderen Formen der Erregung sind in den restlichen Medien bereits hinreichend vertreten.

Diese Nachhaltigkeit leuchtet mir durchaus ein, trotzdem, in Sachen "Merkur" bin ich halt anders geeicht. Sie werden es nicht mehr hören können, aber so etwas wie Bohrers Provinzialismus-Kolumnen, mit ihrem Hass auf die Heinzelmännchen und so, das bleibt. Wahrscheinlich renne ich da offene Türen ein.

Demand

: Ja, zum einen war ich seit 2003 selbst immer wieder als Autor im Heft und habe meine Anliegen dabei sehr dezidiert, mitunter auch polemisch vertreten. Das wird ja nicht aufhören, bloß weil ich jetzt Herausgeber bin. Andererseits glaube ich aber auch nicht, dass es in dieser Funktion meine vordringliche Aufgabe wäre, mich selbst als leitartikelnden Anchorman aufzubauen. Der

Und in der Wirtschaft? Wo sehen Sie sich in der Kapitalismuskritik? Muss der "Merkur" vorangehen oder eher bremsen?

Knörer

: Ich kann das nicht ideologisch beantworten. Insgesamt sind die Positionen sehr ins Fließen geraten: Schirrmacher marschiert mit dem

Demand

: Man muss auf jeden Fall unberechenbar bleiben. Es wäre ein typischer

Ich habe etwas den Eindruck, dass nach dem Ende der Ideologien für den "Merkur" vor allem das Beharren auf der Qualtität der Texte bleibt.

Demand

: Eine der Stärken des

Das Gespräch führte Michael Angele

Christian Demand, geb. 1960, war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist. Habilitierter Philosoph. Lehrte zuletzt Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Neuestes Buch: Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010)

Ekkehard Knörer, geb. 1971, hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert. Promotion über Ingenium und Witz. 2009 Mitgründer der Zeitschrift Cargo. Film/Medien/Kultur. Kritiken und Texte zu Film, Literatur und anderen Themen für taz, Perlentaucher und viele andere Am 30. Januar erscheint das zweite Heft des Merkur unter der neuen Leitung, unter anderem mit einem Aufsatz von Ernst-Wilhelm Händler: Theorie und Praxis, Formen und Grenzen

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