Sterben für Hamburger

USA Corona trifft vor allem Regionen, die nicht Trump wählen. Das nutzt er gern
Sterben für Hamburger
Auch der Präsident leidet: Schon seit Wochen hat er kein Golf mehr gespielt

Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

In der ungestüm galoppierenden Diskussion über die Rückkehr zur „Normalität“ sind in den USA manche Leben eindeutig mehr wert als andere. Kongressabgeordnete und Unternehmer haben einen anderen Stellenwert als Arbeiter im Schlachthof und die Verkäuferin beim Discounter. Die Loser, die Verlierer, hat Donald Trump schon immer verachtet.

Die Debatte darüber nimmt zusehends die Züge eines Kulturkrieges an, den der „Kriegspräsident“ gegen die Medien und die Wissenschaft führt. Dass Trump nach Jahren der Attacken auf den Regierungsapparat nun eine Nation mit Tendenz zum „Failed State“ regiert und Chaos verbreitet bei Coronavirus-Pressekonferenzen, heißt noch lange nicht, dass er die Präsidentenwahl im November verliert. Trump macht Wahlkampf in Zeiten von Covid-19. Für seine Leute ist er ein Anker inmitten unsicherer Zustände und des Heimwehs nach einer verlorenen Welt.

Kugelsichere Westen

Mehr als 1.500 Menschen sterben in diesem Land derzeit täglich an der Virusinfektion. Von einem „Abflachen der Kurve“ sind viele Bundesstaaten weit weg. In etwa 20 der 50 Staaten bewegt sich die Kurve für neue Fälle nach oben. Doch es lärmen vornehmlich Trumps Gesinnungsgenossen und Vertreter der Wirtschaft, man müsse das Land jetzt wieder öffnen. Der eine oder andere fühlt sich beeinträchtigt durch Restriktionen und stellt hehre Grundsatzfragen über bürgerliche Freiheiten – Solidarität hat es schwer. In mehreren Staaten wurde gegen Einschränkungen protestiert. In Michigan zogen Hunderte ins Capitol des Bundesstaates, manche bewaffnet. Isolierung gesunder Menschen sei Tyrannei, hieß es. „Sehr gute Leute, aber sie sind zornig“, twitterte Trump. Manche Abgeordnete zogen kugelsichere Westen an.

Trotz Virus: Schweinerippchen und Hamburger müssen sein. Das 150.000 Einwohner zählende Sioux Falls im ländlichen South Dakota ist ein Coronavirus-Hotspot. Im Schlachthof des Konzerns Smithfield Foods töten und verarbeiten etwa 3.700 Arbeiter täglich viele Tausend Schweine. Mehr als 700 von ihnen sind laut der Lokalzeitung Argus Leader positiv getestet worden. Der Betrieb wurde Mitte April vorläufig stillgelegt. 115 Fleischfabriken in 19 Staaten seien vom Virus betroffen, berichtete die Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention. In einem Werk in Nebraska haben 2.000 Beschäftigte Ende April vorübergehend die Arbeit niedergelegt. Arbeiter blieben weg, weil sie krank sind oder nicht für ein Steak krank werden wollten. Trump hat zur gleichen Zeit eine Exekutivanordnung unterzeichnet: Schlachthöfe müssten aufmachen. Zu dieser Order legitimiere ihn ein auf den Korea-Krieg (1950 – 1953) zurückgehendes Gesetz zum Schutz industrieller Produktion. Zuvor hatte er diese Verordnung geltend gemacht, um die Produktion von Beatmungsgeräten anzukurbeln.

Die Realität ist für Politiker in Washington rücksichtsvoller als für Arbeiter bei Smithfield. Trump hat das Weiße Haus wochenlang nicht einmal zum Golfen verlassen. Er und seine Mitarbeiter werden häufig getestet. Die Kongressabgeordneten verschoben Anfang Mai ihre Rückkehr nach Washington, das Gesundheitsrisiko sei zu hoch. In der Hauptstadt mit ihren 700.000 Einwohnern gab es zu diesem Zeitpunkt rund 5.000 bestätigte Corona-Fälle. Die USA sind Spitzenreiter bei Infektionszahlen, 70 Infizierten Anfang März stehen mehr als 1,1 Millionen Anfang Mai gegenüber. Trump betont unablässig, seine Regierung habe alles richtig gemacht. Schwiegersohn und Berater Jared Kusher spricht von einer „großen Erfolgsgeschichte“. Trump hat die Öffentlichkeit derart dressiert mit seinen Lügen, dass diese Sprüche kaum mehr für Entrüstung sorgen. Gefolgsleute glauben eher dem Führer als Experten und Medien.

Viele Menschen in den USA blicken neidisch auf Deutschland, Südkorea und andere Nationen, wo Verbreitung und Sterben gebremst oder gar gestoppt wurden. Von einer nationalen Strategie kann in den USA keine Rede sein. Gouverneure und Bürgermeister sind auf sich selber gestellt bei Schutzkleidung und Test-Kits. Larry Hogan, der Gouverneur von Maryland, hat dank der Vermittlung seiner aus Südkorea stammenden Ehefrau Yumi Hogan dort eine halbe Million Test-Kits gekauft. Er sei besorgt gewesen, die US-Regierung werde diese für sich selber beschlagnahmen, sagte Hogan in der Washington Post. Die Kits würden nun an einem geheimen Ort von Marylands Nationalgarde bewacht.

Was Trump hilft: Die Pandemie wird unterschiedlich erlebt. Zu den Staaten mit gegenwärtig stark ansteigenden Zahlen von Neuinfizierten gehören manche im ländlichen und republikanisch geprägten Mittleren Westen, darunter Kansas, Indiana, Iowa und Nebraska. Doch die meisten Menschen haben sich bisher in Großstädten infiziert und in Regionen, die als Trump-kritisch gelten. Zu mehr als der Hälfte aller Todesfälle kam es in den Ostküstenstaaten New York, New Jersey und Massachusetts – demokratisches Territorium. Afroamerikaner und Latinos sind weit überproportional betroffen. Sie leben eher in Armut, haben eine schlechte medizinische Versorgung und arbeiten häufig in Dienstleistungsjobs, was viele Kontakte mit anderen Menschen bedeutet. Das sind die Leute, die an den „Frontlines“ der Einkaufszentren stehen, wenn eine vermeintliche Normalität zurückkehren soll. In den Viehhöfen arbeiten überwiegend Latinos und Afroamerikaner.

Spalten, spalten, spalten

Wenn Trump redet, richtet sich das an seine Leute – die Frustrierten, die niemanden mit Covid-19 kennen und dennoch ihre Arbeit verloren haben. Die sich bevormundet fühlen. Mit dieser Strategie des Spaltens der Gesellschaft, bei der nur einer Hoffnungsträger ist – nämlich er –, hat es Trump vom Reality-TV-Star zum Präsidenten gebracht und bisher die Opposition frustriert. Lockern ist schwierig, doch irgendwann muss es passieren. Nur wann und in wessen Interesse? Etwa die Hälfte der Bundesstaaten macht sich daran, strenge Regeln wieder aufzuheben, besonders republikanisch regierte, darunter Texas, Nebraska und Georgia, wo die Neuinfektionen nicht zurückgehen, häufig gar steigen. Arbeiter in Restaurants, Geschäften und Betrieben, die ihre Stellen verloren haben wegen des Virus, werden zurückkehren müssen, auch wenn die Arbeitsbedingungen ihrer Ansicht nach gefährlich sind.

Für Verweigerer gebe es kein Arbeitslosengeld, zitiert politico.com eine Sprecherin des Arbeitsministeriums von Georgia, das klinge hart, „aber das steht in den Richtlinien“. Republikaner wollen Arbeitgeber beim Covid-19-Komplex mit einem Gesetz vor Schadensersatzklagen schützen.

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06:00 11.05.2020

Ausgabe 32/2020

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