Stille vor dem Schuss

Flanieren Muss die Revolution wild und laut sein? Vor „’68“ hat auch die ruhige Verweigerung ihre Kunst gefunden

Viele akademische Vorträge werden aus Pflichtgefühl besucht, doch als Jacques Rancière im Januar im Berliner Centre Marc Bloch über 1968 sprach, war das anders. Eine Stunde vor Beginn war der Saal halb voll (das passiert sonst nie), später sitzen Juniorprofessoren wie Studenten auf dem Boden, um ihm zuzuhören. Rancières Interpretation dessen, was als „Mai 1968“ die Ereignisse und Folgen dieses Jahres zusammenfasst, ist positiv, sein Ton hoffnungsvoll: ’68 sei ein großes Ereignis gewesen, ein Neubeginn für die Politik, er macht sich ein bisschen lustig über Soziologen wie Raymond Aron, die das damals nicht so sahen.

Aron, Pierre Bourdieu, Louis Althusser, Jean-François Sirinelli – Rancière nennt viele seiner Kollegen, nur Hannah Arendt erwähnt er nicht. Sie hatte schon 1970 in Macht und Gewalt dieselbe These aufgestellt, indem sie die Ereignishaftigkeit von ’68 hervorhob, weil endlich mal nicht nur Propaganda betrieben, sondern richtig gehandelt wurde. Da war Rancière noch nicht mal promoviert. Und obwohl er darauf besteht, ’68 nicht nach seinen Effekten zu beurteilen, sondern auf seine Bedingungen hin zu untersuchen, scheint es so, als würde er zu diesem Thema einiges verschweigen. Zum Beispiel, dass die Perspektive, mit der man ’68 überhaupt als politisches Ereignis interpretieren konnte, bereits zehn Jahre vorher mit Arendts Handlungsphilosophie gegeben war. Doch die bedeutendste deutsche Philosophin galt schon in den 1960ern als überholt, und auch das goldene Jubiläum der Studierenden-Unruhen wird die wenigsten dazu veranlassen, eine verstaubte Ausgabe von Vita activa aus dem Bücherregal zu holen. Damals wie heute hat das wohl den einfachen Grund, dass Arendts Schreiben nicht aufwiegelnd genug war, die Dissidenten oder ihre Interpretanten lasen und verehrten lieber infame Verteidiger radikaler und gewaltbereiter Aktionen wie Frantz Fanon, Che Guevara und Mao Tse-tung.

Wenn man auch heute nur diese Figuren heranzieht, um ’68 zu verstehen, dann erzählt man allerdings eine unvollständige Geschichte. Es fehlt in diesem Diskurs die Inaktivität oder die Langeweile, denn die späten 50er und frühen 60er Jahre vergingen zumindest in Frankreich auf dem Festland, in der „France métropolitaine“, scheinbar entspannt. Dem Land ging es wirtschaftlich gut, Charles de Gaulle hielt die konservativen Zügel der V. Republik einigermaßen fest im Griff, die Unruhe des Algerienkrieges war ausgelagert und konnte so bagatellisiert werden. Weite Teile der französischen Gesellschaft waren eigentlich von einer zufriedenen, quasi indifferenten (wenn auch künstlichen) Ruhe geprägt.

Hannah Arendt? Zu leise

Die Wahrnehmungsfähigkeit für die sozialen Defizite, die von den 68ern angeprangert wurden, hatte sich nur langsam eingestellt. Das Problembewusstsein für Frauenrechte, die elitäre Rigidität des Universitätssystems, den als Bedrohung empfundenen Kapitalismus und das imperiale Verhalten europäischer und amerikanischer Großmächte kam nicht über Nacht zustande. Die geistige Vorbereitung dafür fand besonders unter Intellektuellen und Künstlern statt.

Natürlich gab es auffällige Vorreiter der Protestbewegung, die lautstark Kritik übten. Zum Beispiel Jean Genet. Sein Stück Die Neger (Les Nègres) wurde 1959 uraufgeführt, zehn Jahre später sollte er ein prominenter politischer Aktivist in geistiger Nähe zu den Black Panthers und der RAF werden. Das Stück thematisiert die Künstlichkeit und Willkür imperialer Herrschaftsstrukturen: Ein weißer Hofstaat lässt schwarze Schauspieler einen Lustmord spielen, um einen Vorwand für die Bestrafung Afrikas zu kreieren. Die skandalösen Inszenierungen dieses Stückes waren dementsprechend (bis heute) populär und sorgten für Aufmerksamkeit. Die weniger lauten, femininen Stimmen dieser Zeit wurden, ebenso wie Hannah Arendt, schnell vergessen. Sie waren zu still und bescheiden, um in der Nachbereitung von ’68 berücksichtigt zu werden. Dabei wären die feministischen Bestrebungen der 1970er ohne sie nicht möglich gewesen.

Agnès Varda zum Beispiel, die als eine von wenigen Frauen die Nouvelle Vaguemitbestimmte. Vardas Filme sind auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär. Ihr Markenzeichen ist die Vorliebe für die Darstellung weiblicher, überhaupt marginalisierter Figuren, die passiver daherkommen als die zum Teil sensationellen Projekte ihrer Kollegen. Während Godard 1962 einen Film über eine Prostituierte machte, die von Pimp zu Pimp verkauft und dann erschossen wird, und damit die Frau als Opfer männlichen Begehrens und männlicher Gewalt inszeniert, ist Vardas Spielfilm aus demselben Jahr eine stille Hommage an die Selbstbestimmung der Frau. In Mittwoch zwischen 5 und 7 (Cléo de 5 à 7) spaziert die junge Sängerin Cléo mehrere Stunden lang ziellos durch Paris. Was aussieht wie ein nichtsnutziger Zeitvertreib, ist tatsächlich ein subtiles Zeichen feministischer Autonomie. Denn Cléo, die sich bis dahin darüber definiert hatte, was Männer in ihr sehen, begibt sich in der Imitation des Flaneurs – bis dahin eine fast ausschließlich männliche Figur – zum ersten Mal in die Position der Sehenden. Sie ist kein Fetisch-Objekt männlicher Begierde mehr, das sich nur anschauen lässt. Ohne viele Worte zeigt Varda die Macht eines eigenen, weiblichen Blicks.

Die Geschichte mag handlungsarm sein, trotzdem ist sie ein wichtiger Punkt im feministischen Koordinatensystem. Der Film zieht eine Linie zurück in die Vergangenheit, nämlich zu der französischen Schriftstellerin George Sand, die sich im 19. Jahrhundert noch als Mann verkleiden musste, um unbehelligt durch die Straßen von Paris laufen zu können. Wer Didier Eribons Rückkehr nach Reims gelesen hat, ist daran erinnert worden, dass es die französische Frau der 50er und 60er nicht viel einfacher hatte. Die Vorstellung einer Welt, in der eine anständige Frau nicht arbeiten konnte, zeigt ganz gut, wie sehr Varda die Grenzen des Konventionellen ausreizte – wenn auch nur mit einer „Flaneuse“. Dieser subtilen Befreiung folgten später stärkere, bekannter gewordene Zeichen. Vor allem die Gründung der feministischen Gruppe „Psychanalyse et Politique“ 1968 und der Frauenbefreiungsbewegung MLF 1970, die den Grundstein für die große Feminismus-Welle in den 1970er Jahren legten.

Auch die Kritik an der Universität hatte ihre Vorreiter, allerdings zunächst ohne Pomp und Barrikaden. Unter ihnen ist Georges Perec, der mit der Oulipo-Künstlergruppe für das Verfassen von Texten ohne den Buchstaben „e“ und ähnliche Spiele bekannt wurde. Er schrieb 1967 Ein Mann der schläft (Un homme qui dort). In dem Roman schmeißt ein Soziologiestudent das Studium und verbringt ein paar Monate damit, isoliert im Bett zu liegen oder durch Paris zu laufen. Der Kontrast zu seinen Kollegen aus der Soziologie in Nanterre und an der Sorbonne könnte größer nicht sein. Anstatt Universitätsgebäude zu besetzen, schläft er und denkt nach, 120 Seiten lang. Niemand würde diese Verweigerung als politische Haltung lesen, tatsächlich haben es bis jetzt die wenigsten getan. Doch Perec, der zwar nicht gerade ein radikaler Aktivist, aber dennoch Marxist war, hat den Dissens in der Inaktivität seines Romans versteckt. Er lässt den Studenten ein Buch von Raymond Aron aus der Hand legen, der Mitte der 1950er Jahre den marxistischen Widerstand als Illusion verhöhnt hatte. Er lässt ihn über Geschichtsphilosophie nachdenken, mit dem metaphorischen Schluss, dass er eben stehen bleiben muss, um den Fortschritt zu verhindern, den der Kapitalismus uns als Idee aufdrängt. Wer weiß, wie viele der Besetzer ein frisch gedrucktes Buch von Perec in der Tasche hatten, dessen nuancierte Kritik sie entweder inspirierte oder dessen Apathie sie zum Handeln anspornte.

Das Kuriose an historischen Umbrüchen ist ja gerade, dass sie nicht durch Gewalt ausgelöst werden müssen. Passiver Widerstand kann ebenso viel leisten, auch das hat Hannah Arendt schon 1958 in Vita activa geschrieben. Schlafen und Spazierengehen, darin kann ein Dissens ausgedrückt sein, wenn auch nicht ganz so ostentativ, wie es Jacques Rancière gerne hätte. Fiktionale Geschichten eines lethargischen Studienabbrechers oder einer selbstbestimmt spazierenden Frau sind letztlich Vorgänger, individuelle Folien für diesen kollektiven und historischen Streik im Jahr 1968.

Agatha Frischmuth ist Doktorandin am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin

06:00 12.05.2018

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