Stille Wasser

Kehrseite "Ich glaube, dass ich ihn gemocht hab, weil er eine Heulsuse war. Hat geheult", sagte meine Mutter und senkte die Stimme, so dass mir ein Schauer den ...

"Ich glaube, dass ich ihn gemocht hab, weil er eine Heulsuse war. Hat geheult", sagte meine Mutter und senkte die Stimme, so dass mir ein Schauer den Rücken entlang lief, "bis er den Vogel gefunden hatte. Hat geheult, wenn ihn die anderen Jungen mit ihren Holunderrohren beschossen haben, wo sie das Mark innen rausgedrückt hatten. Die haben geschossen und er hat sich nicht beherrschen können. ›Heul doch‹, haben sie gerufen. Die wussten, wie der Hase läuft. Die kannten ihren Pappenheimer. ›Heul doch, Günni, heul doch schon!‹ bis zur Vergasung haben sie das Spiel getrieben. Und er konnte nicht an sich halten und prompt musste er anfangen zu weinen."

Wenn mir meine Mutter, als ich klein war, vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählte - oft ein Märchen, nicht selten das vom eigensinnigen Kind -, brannte neben meinem Bett eine kleine Lampe, die ich, falls ich nicht einschlafen konnte oder in der Nacht aufwachen würde, brennen lassen durfte. Obwohl ich jedes Mal bat: "Erzähl vom Vogel. Erzähl noch einmal vom Vogel", ging meine Mutter nur manchmal auf mein Bitten ein.

Sobald ich aber hinzufügte: "Und erzähl vom Jungen, der immer weinen musste", betrachtete sie mich, als wolle sie wissen, wie ernst es mir mit meinem Wunsch sei, und fing nach einer Weile an, mit einer Stimme zu reden, die klang, als gehöre sie nicht zu ihr, sondern sei, als die einer anderen, in ihr bloß aufbewahrt worden.

Heute glaube ich, mir kam die Erzählung allein wegen der Stimme unheimlich vor, die eben nicht die meiner Mutter war und dennoch aus ihr sprach. Trotzdem wollte ich die Begebenheit vom Jungen und vom Vogel immer wieder hören. Meist löschte meine Mutter dann das Licht und begann: "Gute Miene, böses Spiel, das hat er eben nicht können. War nich so, dass ich nur dabei stand. Günni wollt ich gerne helfen. Aber helfen wär für Günni gar nich gut gewesen. Wenn die anderen Jungen mit ihren Pusterohren um ihn herumgestanden sind, ihm zusahen, wie seine Oberlippe zu zittern begann, die Nasenflügel unter den Brillengläsern bebten, blutete er häufig aus der Nase. Hat er nichts dafür können. Das wussten die andern. Gehänselt haben sie ihn trotzdem. Ab und zu ist er wütend geworden. Zuschlagen konnte er nicht. Nicht einmal aufstampfen ist ihm gelungen. Die Fäuste waren geballt, sein Körper hat angefangen zu vibrieren. Singende Saite hab ich ihn genannt. Aber nur heimlich, in meinen Gedanken. Schreien hat er auch nicht wollen. Nicht einmal brüllen. Wahrscheinlich hatte ihm sein Onkel auferlegt, sich zu beherrschen: ›Da brichst du dir kein Zacken aus der Krone‹.

Dabei hätte es geholfen, die, die ihn triezten und kujonierten, gepiesackt und geschurigelt haben, einmal richtig anzubrüllen. Manchmal war er den anderen Jungen, wenn er still dastand und am ganzen Körper bebte, nämlich derart unheimlich, dass die weggelaufen sind. War erstmal einer losgerannt, gab es kein Halten mehr für die Horde, weil er was verkörperte, das ihnen allen fremd war. Was hab ich gelacht, wenn die ausgerückt waren. Ich hab gelacht, meine Güte."

Oft unterbrach sich meine Mutter an der Stelle, als lausche sie ihrem Lachen nach oder müsse über den Fortgang des Geschehens nachdenken und sich überwinden, weiterzuerzählen.

Während ich mit dem Jungen, der von allen gehänselt wurde, bangte - und vorsichtig nach den Taschentüchern tastete, die unter meinem Kopfkissen lagen, falls meine Nase nachts noch einmal bluten sollte -, fürchtete ich, da die Pause von Mal zu Mal länger wurde, bald bloß noch Märchen erzählt zu bekommen oder Geschichten, die sich meine Mutter nur ausgedacht haben würde.

Dann aber sagte sie wieder: "Nicht lange vorm Krieg, da hab ich ihn das erste Mal getroffen. Nah der Kolonie hab ich ihn getroffen. In der Nähe des Eisenbahnwerks. Von weitem hab ich das Rufen gehört: ›Günni! Günni, zeig doch mal, wie weit du mit dei´m popeligen Kirschkern spucken kannst!‹

Danach folgte das kleine Klatschen der Pusterohrgeschosse. Klingt noch, klatsch, in meinen Ohren, Kugeln aus Papier und Spucke, bloß so ´ne weichen Kugeln, solange die Holunderbeeren noch nicht groß genug waren. Jemanden wie ihn schienen die Jungen förmlich zu wittern, als würden sie seine Angst riechen und nur darauf gewarten haben, dass endlich jemand wie er bei ihnen auftauchen würde.

Anfangs trug Günni immer eine Brille. Eine stärkere Brille als nötig. Nicht, dass er besonders schlecht sehen konnte, aber die Brille erlaubte es ihm, nichts, weder Jungen noch Pusterohre, an sich herankommen zu lassen. Oder er rief: ›Brillenträger schlägt man nicht!‹ und verbarg sein Gesicht in den Händen. Obwohl er jeden bei Klimmzügen oder beim Liegestützen mühelos ausstechen konnte.

Ich hätte ihm gerne geholfen. Aber wenn ich ihm als Mädchen, na ja ... die meiste Zeit wollte ich sowieso lieber ein Junge sein."

An dieser Stelle der Schilderung überlegte ich hin und wieder, auch weil meine Mutter häufig erneut eine Pause machte und dem Erzählten nachzuhorchen schien, warum sie lieber ein Junge gewesen wäre. Ich wurde nicht selten von Bekannten oder entfernteren Verwandten mit einem Mädchen verglichen, "sieht ja wirklich lieb aus, wie ein Mädchen", und nichts war mir unangenehmer. Aber schon damals ahnte ich, dass es sich mit dem Wunsch meiner Mutter anders verhielt, anders auch als mit der Scham, die ich oft empfand.

"Dann", sagte meine Mutter, und ich vergaß, den Gedanken fortzuspinnen, "dann kam der Tag kurz vor Beginn des Krieges. ›Günni!‹ hatten die anderen Jungen gerufen und auf ihn gezeigt, während er, ohne die Fäuste zu ballen und ohne dass seine Oberlippe angefangen hätte zu zittern, vor denen verharrte, die ihn im Halbkreis umringten. Seine Wangenknochen waren weiß vor Wut.

Zu seinen Füßen lag ein Vogel, ein junger, der aus dem Nest gefallen war. Oben in der Akazie war das Nest. ›Tritt drauf‹, sagte einer der anderen. Er schien es schon mehrmals gesagt zu haben. ›Stirbt sowieso, so´n Vogel.‹ Schaute dabei auf seine Zwiebel, eine silberne Taschenuhr - die dümmsten Bauern, die dicksten Kartoffeln -, als könne er darauf ablesen, wie lang der Vogel noch leben würde. Es war eine Uhr, die ein Lied spielen konnte. War mit einer dünnen Kette an einem Knopf seiner Joppe befestigt.

›Stirbt sowieso‹, wiederholte der Anführer der Jungen und griente wie ein Dreckeimer. ›Stirbt sowieso!‹ Und noch einmal. Selber wär der nie auf den Vogel getreten.

›Gar nicht‹, entgegnete Günter. Ich", sagte meine Mutter, "hatte mich in den Kreis gedrängt und sah, dass Günters Wangenknochen unterm Brillenrand bleicher warn, beinahe durchscheinend war´n die geworden, die Haut darüber spannte wie das Fell einer Trommel. Weil er die Zähne so fest aufeinander biss.

Und seltsam war auch, dass alle Geräusche außerhalb der Gruppe blieben: das Tschilpen der Spatzen, das Gurren der Tauben, die Rufe vom Rangierbahnhof, das Knattern der seltenen Holzgasautos - links ´ne Pappel, rechts ´ne Pappel, Pferdeappel, Pferdeappel -, das Ruckeln der Räder auf unserer kastanien- und pappelbestandenen Allee.

Günter und die Jungen verharrten in der Stille, die sich so plötzlich eingestellt hatte. In der Mitte saß der Vogel, der ja noch kaum Federn hatte und der seinen Schnabel aufriss, ein Vogel, der noch lange nicht würde fliegen können.

›Is besser‹, beharrte der Anführer und fummelte an seiner Uhrkette, ›is besser, du triffst drauf.‹

Günter hat mich, das einzige Mädchen, angesehen. Und ich hab ihn auch angesehen. Dann bückte er sich langsam und hob den Vogel auf.

Dabei rutsche ihm die Brille aus dem Gesicht. Lag zwischen dem Heidekraut, wo eben noch der Vogel gelegen oder gekauert hatte. ›Jetz‹, murmelte der Anführer, ›jetz isser sowieso tot. Weil du ihn angefasst hast, Günni! So´n Vogel nehm seine Eltern nämich gar nich mehr!‹

Günter hielt den Vogel an seinen Bauch gepresst. Wir schauten uns noch einmal an. Dann schlug Günter dem Anführer, indem er plötzlich einen Schritt auf den Verdatterten zutrat, mit der anderen Hand ins Gesicht. Hätten alle erwartet, dass der große Junge zurückschlagen und dadurch die anderen gleichfalls dazu bringen würde, sich auf Günter und dessen Vogel zu stürzen. Aber nichts ist passiert. Bloß die Brillengläser haben zertreten zwischen dem blühenden Heidekraut gelegen, und die Scherben glitzerten in der Nachmittagssonne.

Und die Geräusche kamen zurück: das Tschilpen der Spatzen, das Gurren der Tauben, das oft unheimliche Rufen vom Rangierbahnhof. Und der Vogel aus dem Nest öffnete und schloss den schmalen Schnabel.

›Nehm ich mit nach Hause.‹

Günter schluckte und flüsterte, weil er nicht glauben konnte, dass ihm nichts geschah.

Der Anführer bewegte sich, hielt inne, strich sich mit den Fingern über die Wange, wo Günter ihn geschlagen hatte. Als dächte er nach, über Vögel und die Stille. Die anderen Jungen traten, während sie warteten, von einem Fuß auf den anderen. Und ehe der Anführer ein Wort hätte sagen können, ein Wort nur, so was sie Du!, mit einem drohenden Unterton, hab ich ihm das Pusterohr einfach aus dem Hosenbund gezogen und es überm Knie zerbrochen. Woraufhin sich die anderen Jungen aus der Kolonie unschlüssig abgewandt haben und übers Feld davongegangen sind, einfach so, nach Hause.

Ein Wort, und sie hätten Günter eine Tracht Prügel versetzt, solch eine Tracht Prügel.

Hab noch heute das Geräusch der rauben, papiernen Rinde im Ohr, des trockenen Holunders am aufgeribbelten Gummizug der Turnhose des Anführers. War nur ein kleines Geräusch gewesen, aber ein ungemein deutliches. Der Vogel ist dann durch Günters Pflege größer und kräftiger geworden", sagte meine Mutter.

Und ich meinte, den Vogel vor mir zu sehen, ihn beinahe berühren zu können, wenn sie abends bei mir am Bett saß und ich die Geschichte erneut und immer wieder hören wollte.

Bis meine Mutter einmal, wie abwesend, hinzufügte: "Nur dass der Vogel später, im Splittergraben war das, bei Günters Mutter und bei sei´m Onkel, bei seiner Familie erstickt ist."

Ausschnitt aus dem Roman Russisch Brot, der im Frühjahr bei Klett-Cotta erscheinen wird. Michael Wildenhain liest am 15. und 16. Januar im Berliner Wintersalon.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 07.01.2005

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare