Stör ich?

Reizfluten Sie unterbricht das Gewohnte, bringt uns in Kontakt mit dem Unbekannten – und strengt an. Die Störung zu beklagen ist einfach. Dabei könnten wir ohne sie kaum leben

Das Handy klingelt. „Stör ich?“, fragt der Redakteur am anderen Ende der Leitung. Man weiß ja nie heute, wo der gerade ist, den man anruft. Früher war das simpel: Rief man jemanden im Büro an, und er hob ab, dann war der Angerufene logischerweise im Büro. Heute kann er überall sein: im Bett, im Restaurant, auf dem Klo. Heute sind wir alle Gestörte. Böse Zungen würden hinzufügen: in des Wortes vielfacher Bedeutung.

Wenn wir mit Freunden spätabends am Kneipentisch sitzen, haben garantiert vier von sechs ihre Handys und Smartphones vor sich liegen. Man merkt schnell, wann das Gespräch unser Gegenüber zu langweilen beginnt: Wenn er seine Mails „checkt“, wie man sagt.

Ist der Dialog intensiver, heißt das nicht unbedingt, dass er ungestört verläuft. Oft läutet das Telefon. So, wie wir unseren Fundus an technischen Geräten aufgerüstet haben, so haben wir auch unser gestisches Repertoire aufgerüstet. Mal nehmen wir nicht ab und stellen das Telefon auf lautlos, mit dem lässigen Heroismus, der dem Gegenüber signalisiert: Du bist mir jetzt wichtiger als dieser Anruf. Mal nehmen wir den Anruf entgegen, während wir unserem Gegenüber mit unserer Mimik signalisieren, dass uns das jetzt wirklich leid täte, es aber nicht zu ändern sei. Aber wer nie gestört wird, wird natürlich auch nicht froh. Denn das Läuten ist auch der Soundtrack unserer Bedeutung. Ansehen wird nur gewinnen, wessen I-Phone auch noch um 23 Uhr klingelt – wobei natürlich nicht der Anruf der Uralt-Freundin Uschi prestigefördernd ist, sondern nur der Call von einem Typen, der irgendetwas Interessantes macht. Schlussendlich gilt: Das größte Desaster ist ein Handy, das niemals klingelt.

Kommando vs. Kommunikation

Es ist zur Mode geworden, die permanente Erreichbarkeit und die Überflutung mit „Überkommunikation“ zu beklagen. Aber wer würde sie schon kappen wollen, die Fäden, die uns mit der Welt verbinden? Klar, da gäbe es ein paar, die würden viel dafür geben, wenn das möglich wäre. Mahmud Ahmadineschad ist gegenwärtig ein heißer Anwärter. In Ausnahmesituationen, wie gegenwärtig im Iran, sehen wir, was wir an den neuen Kommunikations-Tools haben: Werden die SMS-Dienste abgestellt, dann gibt es immer noch Twitter, damit sich die Gehör verschaffen, denen man die Stimme gestohlen hat.

Heute, wo wir alle vernetzt sind, steht der Begriff „Netzwerk“ für ungezwungene, horizontale Assoziation, für spielerisches Trial and Error, für den schrankenlosen Zugang zu Wissen, aber auch für die Möglichkeit eines jeden, sich jederzeit Gehör zu verschaffen. Er ist der Kontrastbegriff zur starren, vertikalen Hierarchie. Steht letztere für „Kommando“, steht das Netzwerk für „Kommunikation“. Die Netzmetapher ist inzwischen entschieden positiv besetzt. Dabei ist es gerade erst einmal 20 Jahre her, da war „Netz“ eher eine Metapher für Zwangsstrukturen, aus deren Maschen es „für das Individuum kein Entrinnen“ gäbe, wie Luc Boltanski und Ève Chiapello erinnern. Wer an Netzwerke dachte, hatte dabei Sizilien im Sinn: Mafia, Ränkespiel, Eine-Hand-wäscht-die-andere.

Wer heutzutage von einem Netzwerk spricht, meint dagegen vor allem Kommunikationsstränge, die uns mit anderen verbinden – und in denen man sich natürlich auch verfangen kann. Ohnehin, Kommunikation, das klingt so gut: Ist ja prima, wenn die Leute miteinander reden. Freilich, sieht man sich Kommunikation genauer an, dann ist sie voller Pathologien. Man muss nur in die Ratgeber-Abteilung der Buchhandlungen gehen, dann sieht man, wie instrumentell Kommunikation geworden ist. Da stapeln sich die Lebenshilfe-Fibeln, die einem helfen wollen, das Sozialkapital zu maximieren. „Sprechen Sie mit niemanden länger als drei Minuten“, rät eine. In eine Stunde bringe man auf diese Weise 20 Dreiminuten-Kontakte unter. Längere Gespräche seien ineffektiv. Der Gewinn stünde in keinem Verhältnis zum Verlust, wenn man sich verplaudere und nur mit 15 Personen pro Stehempfang-Stunde rede.

Schuss ins Hirn

Besser, wir stellen uns Kommunikation nicht als Dialog vor, sondern eher als Rauschen, das uns umgibt und zu dessen Geräusch wir beitragen. Die zunehmende Zahl an Kanälen versorgt uns mit Information, aber auch mit Irritation. Man spricht, telefoniert, fragt Mails ab, scannt durch die Twitter-Nachrichten und vertieft sich in Facebook-Statusmeldungen. Oft ist das einfach Zerstreuung. Oft lenkt sie uns ab, Sinnvolleres zu tun. Oft lenkt sie uns nur ab, wenn wir ohnehin nichts anderes zu tun haben. „Was habe ich eigentlich in Wartezeiten gemacht, bevor es Facebook gab?“, fragte unlängst eine meiner virtuellen Freundschaften. Aber oft schießen Nachrichten direkt und ungefragt ins Gehirn, wo sie die Synapsen aufs Wirrste verschalten. Was ein entspannter Spaziergang hätte werden können, wird zum grüblerischen Gestapfe, wegen dieser einen SMS, die uns am Feldweg erreichte. Vielleicht war ihr Inhalt unerfreulich, vielleicht hat sich der Absender im Ton vergriffen, vielleicht haben wir sie falsch verstanden: Kurznachrichten klingen oft verdammt anders, als sie der Absender gemeint hat, sie sind Störfälle, ohne dass es immer einen Störer geben müsste, oft gibt es nur die Gestörten.

Für den Systemtheoretiker Niklas Luhmann war Kommunikation ein selbstreferenzielles Rauschen, für das die kommunizierenden Individuen zwar notwendig, aber nicht relevant waren, und in dem Störungen insofern produktiv sind, als sie den Ausgangspunkt zu immer neuer Kommunikation bilden. Luhmanns Perspektive, die mit vernünftigen Subjekten nichts anfangen konnte, war natürlich der Gegenentwurf zu Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns, für die der Diskurs der letzte Zufluchtsort vernünftigen Handelns war. Damit meinte Habermas natürlich nicht, dass Menschen nur vernünftig kommunizieren können, aber doch, dass jeder, der in ein Gespräch eintritt, unterstellen muss, dass er von Gleich zu Gleich spricht und auch selbst der vernünftigen Rede zugänglich ist, dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ – der sich natürlich nur in einem unverzerrten, ungestörten Diskurs durchsetzt.

Auch wenn die beiden Störungen unterschiedlich bewerteten, gibt es doch eines, was sie verbindet: Für Luhmann ist Kommunikation ein auf Autopilot prozessierendes System, weshalb Störungen den Selbstlauf des Systems unterbrechen, oder besser: am Beginn eines neuen Selbstlaufs stehen. Für Habermas ist Kommunikation der letzte Ankerplatz der Vernunft. In beiden Fällen ist die Konnotation also entschieden positiv: zu viel Kommunikation kann es kaum geben.

Man tut sich schwer, diese Wertung mit der zeitgenössischen Art der Dauerkommunikation in Einklang zu bringen. Mal senden wir, mal empfangen wir, aber immer seltener haben wir mit dem Gegenpart etwas zu tun. Wir senden, um Aufmerksamkeit zu erregen und dabei zählt manches, aber das „bessere Argument“ ist nur eine der kleineren Münzen. Viel mehr wert sind die steilen Thesen der Marktschreier.

Vom Diskurs zum Mob 2.0

So rotten sich Kommunikationsschwärme zusammen, nicht zu Unrecht wurde dafür das Wort vom „Mob 2.0“ erfunden. Aufmerksamkeit übersetzt sich in Klicks und damit in geldwertes Einkommen. Auch dem Setting von Fernsehtalkshows kommt man analytisch nicht bei mit der Unterstellung, sie beruhten auf dem Konsens zur vernünftigen Rede – ihr Betriebsklima ist von „Eindruckskonkurrenz“ geprägt, so dass jener gewinnt, der am besten wirkt.

So ist heute in der Tat fragwürdig, ob sich überhaupt noch behaupten lässt, dass Störungen produktiv sind, weil sie eingefahrene Kommunikationsmuster durchbrechen – oder ob nicht längst ein Gutteil der zeitgenössischen Kommunikation aus Störungen, Gesprächsverweigerungen und missverstandenen Botschaften selbst besteht. Womöglich muss die Produktivität der Störung heute auf einer anderen Ebene verortet werden. Gewissermaßen negativ: Wer wollte ungestört sein? Ungestörtheit gibt es heute immer noch. Man nennt sie, wie einst, Einsamkeit.

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05:00 25.06.2009

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