Störend, verstörend

ÜBER ZWEI MAHNMALE ZUR "EUTHANASIE" Trauer der Tannenbäume am Berliner Tiergarten und eine sicher verwahrte Plastik in Ueckermünde

Als alles vorbei ist, bleibt an diesem Märztag am Rande des Tiergartens ein seltsames Monument zurück. Ein Berg von ausrangierten Weihnachtsbäumen, nadelnd, mit kahlen Stellen, an manchen hängen noch Reste von Lametta. Der Berg wird von großen schwarzen Tüchern zusammengehalten, die um ihn herumgewunden und zusammengeknüpft sind. Ungelenke Hände haben Gesichter auf die Tücher gemalt. Wer mit dem Auto vorbeifährt, sieht das alles wie ein surrealistisches Bild, so schön unter dem weiten, regenverhangenen Berliner Himmel und unerklärlich traurig. Nur wenige Schritte von diesem Mahnmal entfernt steht stolz und scheinbar unvergänglich ein anderes - die rostige Stahlskulptur von Richard Serra. Und dicht daneben ist eine Gedenktafel in den Boden eingelassen, die man nur lesen kann, wenn man direkt davor steht.

Hier, in der Tiergartenstraße 4, stand eine Villa, in der die Zentrale der nationalsozialistischen "Euthanasie" ihren Sitz hatte. Hier wurde beschlossen, psychisch Kranke und Behinderte als "lebensunwert" einzustufen und systematisch umzubringen. Nach dieser Adresse nannte sich die Mordaktion, der 120.000 Menschen zum Opfer fielen, "T 4".

Die ausrangierten Weihnachtsbäume sind in einem Trauermarsch an diesem Tag hierher getragen worden. Ein paar Dutzend Menschen haben sich am Potsdamer Platz getroffen und sind durch den Regen zum Tiergarten gelaufen, ihnen voran Bläser, aus deren Instrumenten eintönig klagende Töne kommen. Die schwarzen Tücher mit den vielen Gesichtern bauschen sich im Wind. An erstaunte Passanten und wartende Autofahrer werden Flugblätter verteilt, die erklären: "Sie erleben soeben eine Aktion des Vereins Sonnenuhr e.V. und seiner Theatercompagnie RambaZamba. Diese Aktion hat das Motto ›Trauer der Tannenbäume auf T 4‹."

In den Flugblättern wird an die "Aktion T 4" vor 60 Jahren erinnert, denen viele der Demonstranten, hätten sie damals gelebt, zum Opfer gefallen wären. Sonnenuhr e.V. ist eine Werkstatt der Künste für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung: "Mit unseren verrückten Theaterspektakeln und seltsamen, sich einprägenden Bildern und Aktionen melden wir uns immer wieder in der Öffentlichkeit, um zu dokumentieren, was fehlen würde, wenn es uns und unsere Kunst in dieser Gesellschaft nicht gäbe."

Diese Verrückten aus der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg erinnern mit ihrem Trauermarsch aber nicht nur an die Ermordeten von vor 60 Jahren. In dem Flugblatt sprechen sie auch von ihrer Angst angesichts der Debatten um Bioethik und Menschenzüchtung. Viele von ihnen haben genetische "Defekte", sie spüren die Bedrohung einer Nützlichkeitsethik als ganz eigene Bedrohung.

Vor der Gedenktafel an der ehemaligen T 4-Zentrale legen sie die Weihnachtsbäume auf einen Haufen und wenden die Tücher darum. Dann bilden sich zwei Gruppen, die jeweils eng beieinander stehen. Zwischen den Gruppen ein großer Abstand. Leider ist die Gegend an der Philharmonie an diesem Sonnabendmittag fast menschenleer. Nur diese beiden Gruppen mehr oder weniger behinderter Menschen, ihre Freunde und Verwandten, die Blaskapelle und ein paar Polizisten sind da. Und die Gesichter auf den schwarzen Tüchern.

Langsam, ganz langsam bewegen sich die beiden Gruppen aufeinander zu. Mit winzigen Schritten. Endlich treffen sie sich auf dem großen, vom Regen glänzenden Platz. Der konzentrierte Ernst weicht Heiterkeit und Freude, der Trauermarsch endet in dieser symbolischen Begegnung.

Ein wirklicher Freund und Helder

Die Aktion in Berlin erinnerte mich an ein anderes Denkmal, das erste für die Opfer der "Euthanasie" auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. 1991, als es eingeweiht wurde, sah ich es auf Zeitungsfotos, da erschien es mir groß, mindestens so groß wie ein Mensch. Ein seltsamer, verletzter, gleichzeitig irgendwie unnahbar wirkender Mensch. Die Holzfigur erinnerte entfernt an Barlach. Sie stand in Ueckermünde und war kein Denkmal für die Opfer irgendwo und überall, sondern erinnerte an das, was dort geschehen war.

Im Sommer 1996 sah ich das Denkmal in Wirklichkeit, es war klein, winzig geradezu. Höchstens einen Meter hoch. Wie ein Kind. Verloren stand es auf der Wiese vor dem Verwaltungsgebäude des Christophorus-Krankenhauses in Ueckermünde - abgewandt vom Krankenhaus.

Aber deutlich war, dass sie zusammen gehörten, diese Holzplastik und die frühere Psychiatrische Anstalt. Auf dem Feldsteinsockel des kleinen Denkmals stand: AUSGEGRENZT. - Und auf der Rückseite: VERNICHTET. Links und rechts die Jahreszahlen: 1933, 1945.

Etwas abseits im Krankenhaus-Park liegt ein Friedhof. Hier, auf einem Urnenfeld, fanden auch viele der AUSGEGRENZTEN und VERNICHTETEN ihr unauffindbares Grab. In Ueckermünde hat man nicht auf die "T 4-Aktion" gewartet, um sich des "unwerten" Lebens zu entledigen. Hier gehörte der Mord zum Alltag in der Psychiatrischen Anstalt. Protest gab es kaum. Wie auch anderswo wurde nach dem Krieg darüber geschwiegen. Wer sollte auch ein Interesse haben, darüber zu sprechen, die Kinder waren tot, manche der beteiligten Ärzte arbeiteten noch immer dort, und der neue Direktor Dr. Wilhelm Bender, der 1946 die inzwischen in Heil- und Pflegeanstalt umbenannte Ueckermünder Einrichtung übernahm, hatte zu den ausgesuchten Ärzten gehört, die im Juli 1939 an der Besprechung zur geplanten "Euthanasie" im Tiergarten teilnahmen.

Bender war Direktor der Anstalt Berlin-Buch, von wo aus im Juni 1940 200 jüdische Patienten mit sechs Reichsbahnbussen nach Brandenburg gebracht wurden, in die Gaskammer. Damit begann der planmäßige Gasmord an den Juden. Später lieferte Bender auch seine nicht-jüdischen Patienten aus. Und nun war er also Direktor in Ueckermünde, wo die Kindergräber noch frisch waren. Die Mecklenburger Landeszeitung veröffentlichte am 31. 7. 1948 einen anerkennenden Artikel, in dem es hieß: "Der in den Heil- und Pflegeanstalten tätige Nervenarzt hat nun wieder die hohe Aufgabe, ein wirklicher Freund und Helfer der ihm anvertrauten Kranken zu sein."

Bender übernahm schließlich das Berliner Griesinger-Krankenhaus, andere Ärzte und Pfleger kamen nach Ueckermünde, andere Patienten. Von den ermordeten Kindern blieben nur das Gräberfeld und Notizen in verstaubten Krankenakten wie:

Otto G., 8 Jahre alt, aus Greifswald, Aufnahme am 20. 4. 1944. Idiot. Angeboren. Erblich belastet.

24. 4. 1944: Hat schon zwei Unterlagen zerrissen. Ist in ständiger psychosomatischer Unruhe, plappert sinnlos vor sich hin. Wiederholt immer wieder "Onkel Doktor".

5. 6. 1944: Reißt sich Sachen kaputt, unleidliches und hochgradig störendes Kind.

9. 8. 1944: Tod an Lungentuberkulose.

Ein Landeplatz für Hubschrauber

Mehr als 300 "hochgradig störende" Kinder wurden in Ueckermünde zu Tode gespritzt oder dem Hungertod preisgegeben. Die Krankenakten lagerten im Keller. Erst Ende der achtziger Jahre nahm sich Heike Bernhardt, eine junge Ärztin, die an diesem Krankenhaus arbeitete, ihrer an. Sie schrieb eine Dissertation über die Anstaltspsychiatrie in Pommern 1939 bis 1946 - ein Beitrag zur Aufhellung nationalsozialistischer Tötungsaktionen unter besonderer Berücksichtigung der Landesheilanstalt Ueckermünde. 1994 erschien diese Arbeit als Buch. Schon 1989 hatten Heike Bernhardt und einige ihrer Kollegen in privater Initiative das Mahnmal in Auftrag gegeben. Der Warener Holzbildhauer Sven Domann schuf es. Er arbeitete ohne Honorar. Holz, Klinker und Feldsteine waren sein Material. Verloren stand das Denkmal von 1991 bis 1996 auf der Wiese, so verloren und schutzlos wie die ermordeten Kinder. 1996 wurde es umgestoßen. Bei Bauarbeiten, hieß es. Von Jugendlichen, sagten andere. Das Denkmal wurde wieder umgestoßen. Aus Sorge, so hieß es, nahm die Verwaltung des Krankenhauses das Denkmal in Verwahrung, lagerte es ein. Heike Bernhardt, die heute in Berlin arbeitet, fragte an und fragte, als ihre Briefe nicht beantwortet wurden, erneut und noch einmal, bis sie 1999 eine Antwort bekam, die auch mir bei Nachfragen zuteil wurde. Das Denkmal wird wieder aufgestellt, versicherte die Krankenhausverwaltung. Es läge allen Mitarbeitern am Herzen. Rekonstruktionsmaßnahmen würden das Krankenhausgelände so unübersichtlich gestalten, man wolle nicht, dass das Denkmal in eine Randlage gerate und suche noch nach einem geeigneten Standort.

Ende 1999 suchte man noch immer. Die Wiese, auf der es einmal stand, wird als Hubschrauberlandeplatz gebraucht. Und überall wird gebaut. Vielleicht stellt man das Denkmal in die Psychiatrie, wenn dort der Umbau beendet ist. Im Frühjahr 2000 ist die Holzplastik noch immer eingelagert. So nachvollziehbar die Begründung der Verwaltung ist, das Denkmal schon vier Jahre lang der Öffentlichkeit vorzuenthalten, so wenig kann man diesen Zustand akzeptieren. Vier Jahre. So alt sind manche der Kinder nicht geworden, an deren Schicksal das Denkmal erinnert. Zum Beispiel Gudrun D., ein Jahr alt, aus Neumalchow, Aufnahme am 22. 9. 1943. Idiotie bei Hydrocephalus ext., int. Prognose äußerst ungünstig... Das Kind wird niemals auch nur zu den geringsten Arbeitsleistungen zu gebrauchen sein. 31. 1. 1944: Exitus, Pneumonie.

Wenn auf dem Krankenhausgelände kein Platz für das Mahnmal ist, sollte man es auf den Marktplatz stellen.

Wie uns Sabine Bujack, die Autorin des Artikels "Todesursache: Herz-Kreislauf-Schwäche" (s. Freitag, 3. März 2000) mitteilte, ist inzwischen die Verstrickung des Jenaer Kinderarztes Jussuf Ibrahim (1877 - 1953) in das "Euthanasie"-Programm der Nazis zweifelsfrei nachgewiesen. In besagtem Artikel war noch von einer "schwierigen Wertung der Aktenlage" gesprochen worden. Eine Entscheidung über eine mögliche Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Ibrahims in Jena soll demnächst fallen.

00:00 31.03.2000

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