Tag und Nacht brüllen die Feuer

Westsibirische Tiefebene Das Volk der Chanten ist unter die Öl- und Sonnensucher geraten

Kolja Nimperow ist von kleinem Wuchs, trägt ein verziertes Messer an seinem Gürtel, eine Patronentasche und ein einfaches Jagdgewehr. "Hier in der Taiga kann man ab und zu einem Bären begegnen", meint er, als wir uns kennen lernen. Die Patronen müsse er sich allerdings selbst basteln, die aus dem Geschäft könne er nicht bezahlen. Er führt mich zu einer Stelle am Fluss hinter seinem Haus, an der er vor einigen Tagen an einer schmalen Brücke seine Fischreuse befestigen wollte, als ihn ein Bär überraschte.

Nimperow gehört zum Volk der Chanten, einem der "kleinen Völker des Nordens", wie die indigenen sibirischen Gemeinschaften in Russland genannt werden. Die meisten Chanten leben an den Nebenarmen des Ob, der zu den größten Flüssen der Erde zählt und wie eine Ader das gesamte Territorium der Westsibirischen Tiefebene durchzieht. Kolja Nimperow selbst wohnt mit seiner Frau Anja und Tochter Nelja am Salma-Fluss nahe der Ortschaft Nischnesortymski, etwa 200 Kilometer nordwestlich der Stadt Surgut.

Wir waten durch eine braune Moorlandschaft, durchsetzt mit grau-grünen Mooshügelchen und bewachsen mit krummbeinigen sibirischen Zirbelkiefern und Tannen. Schwer riecht der Baldrian, der hier in großen Büschen wächst, man fühlt sich restlos aufgehoben und restlos verloren in dieser Landschaft. Plötzlich verschwindet Kolja, es fällt ein Schuss. Wenig später kehrt er mit einer erlegten Ente zurück.

Einen Bären, meint Kolja, würde er allenfalls schießen, sollte der ihn angreifen. Der Bär sei für die Chanten wie für jedes andere Volk in Sibirien ein verehrungswürdiges und natürlich ein gefürchtetes Tür, seiner enormen Kraft wegen. Wie der erste Mensch wurde auch der erste Bär einst in einer Wiege aus dem Himmelszelt herabgelassen. Doch weil er auf Gott Torum nicht hörte, der ihm verbot, ein Feind der Menschen zu sein, muss der Bär seither auf der Erde leben, sagt die Legende. Wenn die Chanten einen Bären töten, werden ihm drei Tage lang Opferungen dargebracht, um sich mit dem Geist des Tieres zu versöhnen. Der Kopf des Bären muss später an einer Wand im Haus des Jägers aufbewahrt werden, nur so lassen sich Unheil und Verderben von der Familie fernhalten. Auch vermeidet man zu sagen: "Der Bär wurde erlegt". Viel mehr heißt es - "er kam zu Gast."

Inzwischen jedoch ist bei östlichen wie nördlichen Chanten der Bärenbestand, im Vergleich zu den fünfziger Jahren etwa, extrem zurückgegangen. Bärenfeste, die einst im Frühsommer drei oder vier Tage und Nächte dauerten und mit Liedern, Gedichten und Tänzen ihre ungebrochenen ritualisierten Formen kannten, sind längst eine Rarität.

Um Etliches gefährlicher als der Bär sind ganz andere "Gäste" im Land der Chanten, die kommen und bleiben. Tag und Nacht lodern ihre brüllenden Feuer über brummenden Bohrtürmen. "Besonders während der langen Polarnächte", erzählt Kolja, "ist das Leuchten der Ölfackeln weithin zu sehen. Es heißt, dass unser Gebiet - wollte man aus dem Himmel herunter schauen - heller als alle anderen Territorien Sibiriens leuchtet."

Taiga und Tundra sind getränkt von Öl. Über die Hälfte dessen, was Russland derzeit fördert, wird aus Vorkommen in Westsibirien, nicht zuletzt im Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen, gewonnen - eine Region, die mit 535.000 Quadratkilometern in etwa der Fläche Frankreichs entspricht. Da der Taigaboden lediglich im Sommer zwischen Mai und August auftaut und sich nur in den wenigsten Regionen so etwas wie Landwirtschaft betreiben lässt, ernähren sich die Chanten in den entlegenen Weilern von Fischen, Beeren und erjagten Kleintieren.

Seitdem ein geologischer Vortrupp der Erdölgesellschaft Surgutneftegas 1997 auf dem Land von Koljas Familie mit Versuchsbohrungen begann, ist nicht nur viel Abfall in der Taiga liegen geblieben.

"Seit nach Öl gebohrt wird, haben viele von uns Magen- und Blasenschmerzen. Manche werden richtig krank. Doch die Ölfirmen behaupten, wir seien selbst schuld, weil wir nicht darauf verzichten wollten, rohen Fisch essen", empört sich Anna Nimperowa, Koljas Mutter, der das Nachbarhaus gehört. Nachdem ihr Mann früh gestorben war, hat sie ihre fünf Kinder allein großgezogen, ging selbst auf Jagd, fing Fische und verstand sich damals gut mit ihren russischen Kollegen. "Roher Fisch ist bei uns wie bei den Japanern Tradition, doch sind durch die Bohrungen sehr viel weniger Fische in unseren Flüssen als früher. Wenn der Schnee taut, sieht man die schwarze Ölschicht, unter der sich das Wasser gelblich verfärbt hat - kein Wunder, wenn die Fische sterben."

Eines Tages kam Anna Petrowna vom Markt in Nischnesortymski zurück und fand von ihrem Hauses nur noch verkohlte Reste, mit Ruß verschmiertes Geschirr und verbrannte Möbel. Das durch Lecks in einer Pipeline ausgetretene Öl hatte während eines heißen, trockenen Sommertages einen Waldbrand verursacht. Anna sah sich in die silbergraue Ödnis eine entseelten Landschaft verbannt. Aus dem Gerippe eines Baumes ragte ein Rentiergeweih wie eine von Geisterhand erschaffene Skulptur der Apokalypse, die mahnend den Weg versperrte.

"Für das geförderte Öl muss nicht nur die Natur Sibiriens, dafür müssen wir alle einen hohen Preis zahlen. Im vergangenen Jahr ist unser letztes Rentier gestorben, einfach so, am Dreck", erzählt Kolja. "Es wird einsam ohne die Tiere."

Vor dem leuchtenden Gelb der späten Abendsonne, die bald hinter dem schwarzblauen "Hochzeitssee" versinken wird, an dem die ganze Familie im Sommer wohnt, um den Moskitos und der Hitze zu entkommen, ziehen vor meinem inneren Auge die Rentiere vorbei. Die Schatten ihrer grazilen Geweihe erscheinen wie die Schriftzeichen einer verlorenen Kultur. Rentiere haben den Chanten wie den anderen "kleinen Völkern " Sibiriens seit jeher als Zugtiere gedient, nur im Notfall und für Opferhandlungen wurden sie geschlachtet. Ihre Felle waren bei minus 40 Grad im Winter unentbehrlich: für Zelte, Bekleidung, Stiefel, Decken. Doch durch den Bau der Bohrtürme, Depots, Wohnlager und Öltrassen sind innerhalb von nur drei Jahrzehnten die Jahrtausende alten Migrationswege der Rene zerstört worden. 1964 wurden in Westsibirien noch mehr als 70.000 Tiere gezählt - zur Jahrhundertwende vor fünf Jahren waren es noch 32.000. Mit ihrem Sterben verschwinden nicht nur die Bräuche der Chanten, auch die Symbole einer Jahrtausende alten Kultur, die stets darauf angewiesen war, das ein fragiles Ökosystem erhalten blieb. Doch nun wird die dünne fruchtbare Decke der Taiga mit ihren Früchten, Pilzen, Heilpflanzen und dem hellgrünen Moos - dem Hauptnahrungsmittel der Rene - von Bulldozern zerfurcht und zermalmt.

Anna Petrowna, eine kluge und rüstige Frau, hat jahrelang als Familienvorstand sämtliche Gespräche mit der Erdölfirma geführt und nie ein Blatt vor den Mund genommen. Ihr gehören das Stojbischtsche, der traditionelle Wohnsitz der Chanten, und das Land, das sie von ihren Vorfahren geerbt hat. Es ist weder durch Zäune von den Nachbarn abgegrenzt, noch gibt es genaue Karten, aber jeder in der Gegend weiß, an welchem Baum, Weg oder Fluss der Besitz des anderen beginnt.

"Die Familien, auf deren Land Erdöl gefördert wird", sagt mir der Verantwortliche für die Belange der indigenen Bevölkerung bei Surgutneftegas, "erhalten regelmäßig Kompensationszahlungen sowie Burane (Schneemobile - V.T.), Motorsägen, Boote und Benzin." Allerdings gäbe es diese Entschädigungen erst seit 1994 - gebohrt und gefördert werde schon länger.

Im Durchschnitt gibt es spartanische 2.150 Rubel (65 Euro) pro Quartal - ein Hohn verglichen mit den Milliarden-Gewinnen von Surgutneftegas, das sich schon vor Jahren als zweitgrößter Erdölmagnat Westsibiriens (auf gleicher Augenhöhe mit dem früheren Yukos-Konzern) platzieren konnte. "Einmal auf den Markt gehen und die Hälfte des Geldes ist weg", so Kolja Nimperow. "Und dabei wird dort nur das Nötigste gekauft - Kartoffeln, Zwiebeln Zucker, Salz, manchmal Karotten."

Warum haben sie überhaupt einen Vertrag unterschrieben, der Ölfirmen Bohrungen auf ihrem Gebiet erlaubt? Sie habe lange Zeit nicht unterzeichnen wollen, meint Anna Petrowna, man sei aber immer wieder vorstellig geworden - letzten Endes habe sie eben kapituliert. "Wenigstens bekommen wir etwas Geld. Seit der Perestroika ist doch alles sehr viel teuer geworden." Einige Russen, die heute zusammen mit Angehörigen anderer Nationalitäten die Mehrheit im Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen bilden, neiden den Betroffenen selbst diese wahrlich nur symbolische Entschädigung und werfen ihnen vor, kaum zu arbeiten und sich der "neuen Zeit" nicht anpassen zu wollen.

Auch Tatjana, Kolja Nimperows Schwägerin, musste erfahren, dass seit der Aufstellung von Ölpumpen auf ihrem Stojbischtsche der Fischbestand in ihrem Fluss und damit die Verkaufseinnahmen spürbar gesunken sind. Sie muss ihren blindem Mann und den Sohn versorgen. Das einstige Fischkombinat ist wie die meisten anderen Unternehmen längst bankrott. Es hatte zu Zeiten der Sowjetunion der indigenen Bevölkerung ein bescheidenes Einkommen und einen gesicherten Absatz ihres Fischfangs garantiert. Heute müssen viele Chanten lange Wege in Kauf nehmen und mit der Unsicherheit leben, ihren Fisch auf dem Markt nicht zu verkaufen. "Kauf nicht bei Chanten, ihre Fische haben Würmer", raunen russische Händler ihren Kunden zu.

Ende der neunziger Jahre raste Westsibirien mit über 3.100 registrierten Havarien endgültig einer Ökokatastrophe entgegen. Erst eine Protestbewegung der indigenen Bevölkerung sorgte dafür, Gesetze in der Zentralen Duma sowie Verfügungen in den Parlamenten ihrer autonomen Bezirke durchzusetzen, mit denen sich eine Tragödie abwenden ließ. Wortführer waren die Schriftsteller Jeremej Aipin und Jurij Wella - der eine Chante, der andere vom Volk der Nenzen. Seither hat ein langsames Umdenken in der Erdölwirtschaft wie den regionalen Administrationen begonnen. Doch neu entstandene Fischfang-Betriebe wie in Berjosowo vermögen den Chanten nicht zurück zu geben, was sie offenbar unwiederbringlich verloren haben - die Fähigkeit, ihr Überleben aus eigener Kraft zu sichern.

"Wir müssen endlich ein Recht auf Selbstbestimmung haben und auf eine Teilhabe an den Einnahmen der Erdölfirmen", sinniert Artjom, Koljas Bruder. Ruhig, ohne Wut und Verbitterung sagt er diesen Satz. Artjom wollte Jura studieren, um den Seinen zu helfen, ihre Recht zu verteidigen. Doch brauchte die Mutter, Anna Petrowna, seine Hilfe auf der Stojbitschtsche. So musste Artjom nach der 9. Klasse von der Schule abgehen. Seitdem arbeitet er nebenbei als Wächter - als Wächter an einer Ölpumpe, sonst würde das Geld für die Familie nicht reichen.


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00:00 17.06.2005

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