Tala hat Angst

Reportage Die USA ziehen ihre Truppen ab, zugleich eskaliert die Gewalt – können die afghanischen Institutionen Sicherheit schaffen?

Herat, Afghanistan. In der Auffahrt des Hauses ihres Arbeitgebers wäscht Tala Wäsche unter einem Schatten spendenden Baum. Das Leben in der Stadt sei nicht einfach, sagt sie. Aber als der Krieg in ihr Heimatdorf in der zentralafghanischen Provinz Ghor kam, hatte sie keine andere Wahl als zu fliehen. Tala ist Mitte 20, sie hat vier Kinder.

Seit die USA den bedingungslosen Abzug ihrer Truppen bis zum 11. September angekündigt haben und die Angriffe der Taliban im Land zunehmen, ist Afghanistans Zukunft wieder unsicherer geworden. Tala – die nur ihren Vornamen nennen will – sorgt sich, dass die Sicherheit ihrer Familie erneut in Gefahr ist.

Vor fünf Jahren sind sie und ihre Familie nach Herat geflohen, die Stadt liegt nahe der Grenze zum Iran. Eigentlich wollten sie so bald wie möglich wieder in ihr Dorf in Ghor zurück. Aber die Lage dort verschlimmerte sich immer und immer wieder, sagt Tala – die Hände voller Seife, während sie Kleidungsstücke in den Waschzuber wirft.

Als die Familie das Dorf verließ, stand es unter der Kontrolle der Taliban. Tala erzählt von Gewalt gegen Männer und von Einschränkungen für die Frauen. „Frauen mussten eine Burka tragen. Das Haus zu verlassen, war schwierig, und wenn, dann brauchten wir einen männlichen Begleiter“, sagt sie. „Viele meiner Verwandten wurden von den Taliban getötet. Wir hatten große Angst. Es war klar, dass wir dort nicht bleiben konnten.“

Tala hat in Herat Sicherheit und größere Freiheit gefunden. „Hier kann ich arbeiten, um den Lebensunterhalt für meine Familie zu verdienen. Ich habe Angst, dass die Taliban die Stadt angreifen. Wir sind hierhergekommen, um vor den Bomben und Angriffen zu fliehen – um sicher zu sein.“

Schon seit dem Beginn der Friedensverhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban im September 2020 ist die Gewalt immer wieder eskaliert. Doch nachdem die vereinbarte Frist bis zum 1. Mai verstrichen war, ohne dass die US-Truppen das Land verließen, nahm die Zahl der Angriffe noch mal deutlich zu. Die Taliban waren verärgert über den Bruch des im Februar vergangenen Jahres zwischen ihnen und den USA unterzeichneten Abkommens, dem zufolge alle ausländischen Truppen Afghanistan verlassen sollten, während die Taliban im Gegenzug Sicherheit garantierten.

Die internationale Friedenskonferenz, die im April in der Türkei hätte stattfinden sollen, nährte die Hoffnung auf ein Friedensabkommen. Doch dann zogen sich die Taliban von der Konferenz zurück, das Treffen wurde verschoben. Trotz der Zunahme der Gewalt seitens der Taliban behauptet die Gruppe, sie halte an der Abmachung fest. Den Taliban geht es vor allem um die Entlassung von 7.000 Gefangenen und die Streichung ihrer Anführer von Sanktionslisten der USA und der UN.

Taliban auf dem Vormarsch

Am 30. April detonierte in der Provinz Logar eine Autobombe, 27 Menschen starben, mehr als 100 wurden verletzt. Seither überzieht eine Welle der Gewalt das Land, die Taliban griffen Tausende Ziele an. Am stärksten betroffen waren die Provinzen Baghlan, Farah, Kunduz, Herat, Takhar, Helmand, Ghazni und Badakhshan. Den Taliban gelang es, vier Bezirke zu erobern, sowie den zweitgrößten Staudamm Afghanistans.

Der Gouverneur von Herat, Sayed Wahid Qatali, zeigt sich besorgt über die sich verschlechternde Sicherheitslage. „In den vergangenen drei Monaten ist die Sicherheitslage eskaliert, vor allem seit der Ankündigung des bedingungslosen US-Rückzugs“, sagt er. Seine derzeit größte Sorge sind die Taliban. „In einem Bezirk haben sie mit mehr als 200 Mann 40 unserer Sicherheitskräfte angegriffen“, sagt er, die Taliban würden einen Guerilla-Krieg führen. Die Annahme, dass die Taliban schon auf Widerstand stoßen werden, wenn sie in Städte einmarschieren, hält er für falsch. „Lokale Machthaber wie General Abdul Raschid Dostum und Ismail Khan haben nicht die Mittel, den Taliban Widerstand zu leisten.“ Zudem befürchtet der Gouverneur wie viele andere, dass ebendiese lokalen Machthaber – oder Warlords – nur auf den Zusammenbruch der afghanischen Armee warten, um das entstandene Machtvakuum zu füllen.

Erst kürzlich wurde das Land von einem verheerenden Angriff in der Nähe der Sayed-ul-Shuhada-Oberschule in Kabul erschüttert. Mindestens 80 Menschen sollen umgekommen sein – die meisten davon Schülerinnen – und mehr als 160 verletzt worden. Ort des Anschlags war das Stadtviertel Dasht-e-Barchi im Westen von Kabul, wo viele Angehörige der Hazara leben, in der Mehrheit Schiiten. Die afghanische Regierung machte die Taliban verantwortlich, die aber distanzierten sich von dem Anschlag und verurteilten ihn. Zuvor war das Viertel bereits Angriffsziel sunnitischer Dschihadisten. In jedem Fall hat der Angriff die Spaltungen in dem unter ethnischer Fragmentierung leidenden Land weiter verschärft und das Vertrauen in die Sicherheitskräfte des Landes weiter vermindert.

Eine ehemalige afghanische Politikerin, die sich nur anonym äußern will, fürchtet den Vertrauensverlust der afghanischen Streitkräfte. „Ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg. Wenn die Leute erst einmal zu zweifeln beginnen, ob die Armee sie noch schützt, ob es überhaupt noch eine nationale Armee ist …“ Die Hazara zum Beispiel hätten sich nach dem Anschlag an den lokalen Milizenkommandeur Abdul Ghani Alipour gewandt, um Schutz zu suchen.

Die Hazara befürchteten, sagt die Ex-Politikerin, dass der Abzug der US-Truppen böse ausgehen werde, weil er ohne Bedingungen erfolgt. „Wenn es wieder Krieg gibt, richtigen Krieg, wird es noch schlimmer als beim letzten Mal werden. Die Leute lehnen die Taliban ab, genauso aber auch die Warlords und die Regierung.“

Viele würden jetzt fragen, welche Folgen eine Taliban-Regierung für die Frauenrechte haben werde. Aber schon jetzt zerstöre die Regierung Fortschritte, die es auf diesem Gebiet gegeben habe. Die Verwaltung leide unter der Korruption und einem kleinen Kreis von Leuten aus der afghanischen Diaspora, die kein echtes Interesse an der Zukunft des Landes hätten. Daher wünscht sich die ehemalige Politikerin eine Übergangsregierung mit einem „klaren Mandat“.

Für die zivilgesellschaftliche Aktivistin Orzala Nemat kam der US-Abzug nicht überraschend, wohl aber die Tatsache, dass er bedingungslos ist. „Für uns bedeutet das: ‚Es ist uns egal, wenn ihr euch gegenseitig abschlachtet, wir sind raus.‘ Okay, vielleicht hat US-Präsident Joe Biden damit zu Hause gepunktet, aber er hat vergessen, was das für uns Afghanen bedeutet“, sagt sie vorwurfsvoll. „Ein bedingungsloser Rückzug bedeutet einfach komplette Verachtung für das Leben von Afghanen. Punkt. Mich hat das echt getroffen.“

Die Armee bröckelt

Nemat findet, die USA müssten weiterhin Druck auf die afghanische Regierung und die Taliban ausüben, damit diese „das Blutvergießen stoppen“. „Viele hier sagen, dass sie die Regierung nicht unterstützen, weil sie aus korrupten, verantwortungslosen Typen besteht, die die Menschenrechte missachten und verletzen. Zugleich erinnern sich die Leute an die Zeit der Taliban-Herrschaft, sie wollen nicht, dass sich so etwas je wiederholt.“

Die Bildung einer Übergangsregierung sieht sie dagegen nicht als ersten Schritt – Priorität habe ein Waffenstillstand. „Eine Übergangsregierung sollte als Ergebnis eines echten Waffenstillstands und eines umfassenden Mechanismus eingerichtet werden, der sicherstellt, dass jeder für die Entscheidungen, die er trifft, Rechenschaft ablegen muss.“

Der Afghanistan-Kenner Andrew Watkins von der International Crisis Group findet, der bedingungslose Abzug sende eine verheerende Botschaft aus: Er bedeutet, dass die USA nicht glauben, dass in absehbarer Zukunft Frieden oder Stabilität möglich sind. „Das ist unglaublich demoralisierend für alle in Afghanistan, nicht nur für die Regierungsanhänger, sondern auch für die, die Probleme mit der US-Intervention hatten.“ Alle bereiteten sich daher auf das Schlimmste vor.

Watkins sagt, die militärischen Ziele der Taliban seien unklar. Sie nähmen lokale Milizen und Machthaber nicht ernst: „Die Milizen werden sich kaum zu einer militärischen Kraft entwickeln, die gegen die Taliban bestehen kann.“ Aber die Milizen würde das Risiko bergen, die afghanische Armee zu schwächen. „Sollten lokale Anführer in ganz Afghanistan zu hinterfragen beginnen, warum ihre Männer vom Norden, etwa aus Badakhshan oder Kunduz, in die südlichen Provinzen geschickt werden, um für die afghanische Armee zu kämpfen und zu sterben, wenn die Taliban ihre eigenen Häuser oder Wohnungen bedrohen“, dann könnten sie sie dazu aufrufen, die Armee zu verlassen und heimzukommen.

„Oft wird jetzt von den ‚Institutionen‘ gesprochen. Aber gemeint sind nicht die lokale Schulbehörde oder die Zentralbank, sondern die Militär- und Verteidigungsinstitutionen. Alles hängt von der Integrität dieser Institutionen ab“, sagt er.

Charlie Faulkner berichtet als freie Autorin und Fotografin seit Ende 2020 aus Afghanistan

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 04.06.2021

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