Rainer Alisch
21.04.2000 | 00:00

Tathandlung

VISIONÄR ODER OBSKURANT? Pawel Florenskijs Wege in die Moderne

Hätte Lenin, statt Hegel zu studieren, vielleicht besser Pawel Florenskij lesen sollen? Möglicherweise hätte er dort eher eine der Realität weit angemessenere Theorie des "Bruches" für sein Revolutionsmodell finden können. Welche Brisanz allerdings Florenskijs Logik der Diskontinuität zehn Jahre nach einer friedlichen Wende hat, die als "Revolution" in den Geschichtsbüchern annonciert, blieb auch auf der internationalen Tagung "Pavel Florenskij, Tradition und Moderne", die Philosophen und Slawisten der Potsdamer Universität kürzlich veranstalteten, im Dunkel.

Als Märtyrer und russisches Universalgenie gefeiert, scharte sich um Florenskij von jeher nur eine kleine Gemeinde. Zum einen, weil sein umfangreiches Werk bis zur Perestrojka kaum zugänglich war; zum anderen, weil sich die Fremdartigkeit seines Denkens den gängigen Rezeptionsmustern verweigerte. In Deutschland war es Wolfgang Ullmann, der schon zu DDR-Zeiten Florenskij über den theologischen Kontext hinaus in seiner gesellschaftspolitischen Relevanz entdeckte. Ullmanns Lesart Florenskijs in Potsdam führte die Revolutionen des 20. Jahrhunderts dann auch als "Selbstauslieferungen an gefährliche Illusionen" vor, weil sie einer Logik entsprangen, die seit Fichte politische Diskontinuität - also eine radikale gesellschaftliche Veränderung - nur als titanische "Tathandlung" vorzustellen imstande war.

Dabei setzte Ullmann allerdings einen weitgehend enthistorisierten Florenskij voraus, dessen Denken verblasste, wenn man es in konkrete zeithistorische Zusammenhänge zurück übersetzte. So untersuchte der niederländische Philosoph Evert van der Zwerde den vergesellschaftenden Aspekt der von Florenski aus der orthodoxen Tradition übernommenen "Sobornost'"-Idee. Sie entwarf eine religiös durchdrungene, "verkirchlichte" Gesellschaft, die das Politische zugunsten allumfassender Harmonie ersetzte. Auch wenn die Frage der Authentizität einer 1933 im russischen Lager entstandenen Abhandlung zum Mutmaßlichen Staatsaufbau in der Zukunft bis heute offen ist, ließ van der Zwerde keinen Zweifel daran, dass die in dieser Schrift entwickelten theokratischen und antliberalen Vorstellungen bereits aus den frühen mathematischen Beweisführungen im Umkreis der "Sobornost'"-Idee abzuleiten sind.

Noch vernichtender urteilte der Slavist Michael Hagemeister. Sein Eröffnungsreferat hielt für Florenskij einen Begriff bereit, mit dem sich Carl Schmitt Ende der 40er Jahre im Rahmen seiner antijüdischen Geschichtsdeutung selbst stilisiert hatte: "Katechon", den "Aufhalter". Hagemeister mag dabei an Florenskijs selbstdeutende Adaption des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik gedacht haben, nach der er sich wie Christus - allerdings in kultureller Aktivität - dem energetischen Verfall entgegenstellte: "Kultur ist der bewußte Kampf mit der weltweiten Nivellierung (das heisst der Entropie)". Hierin spricht sich einerseits Florenskijs Sehnsucht nach einem neuen Mittelalter aus und nach der unmittelbaren Erfahrung eines allumfassenden Seins. Zum anderen bezeugt das Bild Florenskijs schroffe Ablehnung von Renaissance und Aufklärung. Die von Hagemeister abschließend dokumentierten Belege, in denen der russische Philosoph "die Juden" in eins setzt mit der verfemten Moderne, erinnern an einen antisemitisch konnotierten Rationalismus, den gerade die deutsche Denktradition kultiviert hat.

Mit Hagemeisters abschließendem Urteil, bei Florenskij handele es sich um einen "Obskuranten", wurde jedoch nicht nur ein Verdikt verhängt, sondern auch ein Terrain abgesteckt. Florenskijs theoretischer "Baukasten", aber auch seine Arbeiten zu den unterschiedlichsten Wissensgebieten boten den Referenten reichlich Material, mit der sich die "Modernität" seines Denkens und die "Sehergabe" des russischen Visionärs belegen ließ. In diesem Sinne etwa referierten der Philosoph Frank Haney zu Florenskij Begriff der Unendlichkeit, die Historikerin Bernice G. Rosenthal (New York) zu den Spuren, die Nietzsche im Denken Florenskijs hinterlassen hatte, und der Philosoph und Theologe Michael Meerson sah in ihm gar einen Vorläufer der Forschungen zur Künstlichen Intelligenz. Auf welchem Gleis Florenskijs Zug in die Moderne rollt und mit welchem Ziel, blieb dennoch unklar, nicht zuletzt weil die im Tagungsthema angelegte Spannung "Tradition - Moderne" nicht in Schwingung kam. Die abschließende Warnung Ullmanns vor der "Scheinalternative" eines "positivistischen Materialismus des Westens" hätte in der Frage münden können, ob sich mit Florenskij mehr denken lässt als die Suche nach einem "dritten Weg", wie ihn die national-konservative Lesart Hagemeisters nahe legte.