Tauchgang ins Ich

Schonungslose Selbstanalyse Der russische Literaturwissenschaftler Jewsej Zeitlin spürt der Geschichte der litauischen Juden nach

Der Blick aus der "Loge des Lebens" ist scharf und verletzend. "Vor dem Tod spricht J alles aus. Er schont niemanden, vor allem sich selbst nicht." Das hat etwas von Selbstkasteiung und tut ihm und seiner Umgebung weh. J will weder Mitleid noch Verzeihen. Wahr soll sein Ende sein. Das, glaubt er, sei das Einzige, was er für die lettischen Juden noch tun könne. Er ist einer von ihnen und ist es doch nicht. Er hat aufgehört, in der Sprache seiner Vorfahren zu schreiben. Manchmal hat er sich deshalb als ganz normaler litauischer Autor gefühlt.

Was bedeutet Sprache für Juden? Und welche Sprache ist seine Sprache? Die, die seine Eltern und Großeltern sprachen? Jiddisch? Wäre er ein jüdischer Autor, wenn er weiter Jiddisch geschrieben hätte? Für J gibt es keine allgemeinen Antworten. Geschichtsschreibung mag das Generelle klären, er ringt um sein Abbild, sein gelebtes Leben, seine Spur in der Geschichte von Juden in der Diaspora.

Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes präsentiert sich als Protokollband, unterbrochen durch Kommentare und Briefe. Der russische Literaturwissenschaftler Jewsej Zetlin, von Moskau nach Vilnius übersiedelt, will die Geschichte der litauischen Juden dokumentieren, die Stalins Antisemitismus überlebten, den Vernichtungszügen der Faschisten entkamen und den subtil schmerzenden, manchmal tödlichen Vorbehalten der Letten trotzten. Bei seiner Suche nach Überlebenden trifft er auf Jokubas Josade (J), Dramatiker, Essayist, Journalist, der sich mit Fragen nach der eigenen Verantwortung für den Untergang der ostjüdischen Kultur martert. Zetlin, russischer Jude, (seit 1997 lebt er in den USA) ist wie J einer von denen, die zwei Drittel des Lebens ohne Wurzeln waren. Zusammen graben sie sich durch die Trümmer und Erinnerungsreste von Jahrzehnten, durch ein Leben, das erstarrt war und dennoch heiter schien, wortlos und dramatisch beredt, feige und kompliziert unkonventionell, jüdisch und litauisch und russisch zugleich. Schonungslose Selbstanalyse, die Zetlin selbst wie ein Hieb trifft. Aber der Chronist zwingt sich zu Ruhe und Distanz.

Das Leben muss enden wie es begann, nackt und ehrlich. Aus "den Labyrinthen seiner Zweifel, Ängste, Widersprüche" wachsen keine Vorwürfe an irgendwen Dritten, es geht nur um ihn.

"Inmitten der Ruinen des Litauischen Jerusalem war er einsam", schreibt Zetlin über J. Einsam, obwohl er ihm in den letzten fünf Lebensjahren alle Aufmerksamkeit schenkt. Er kann das fremde Schicksal nicht tragen helfen. J hatte die Eltern davor bewahrt, nach Sibirien verschickt zu werden - und damit der Vernichtung durch die Faschisten preisgegeben. Er hatte heimlich seine jiddische Bibliothek vernichtet und damit einen wesentlichen Teil der jüdisch-litauischen Geschichte. Woher die diffuse Angst rührte, die er sich nicht eingestand, fragt er und trägt die Bruchstücke seiner damaligen Existenz zusammen. Es wird Statistiken geben, die berichten, wie jüdische Kultur in der Sowjetunion unterging, Daten, ab wann niemand mehr Jiddisch schrieb, keine jüdischen Zeitungen mehr erschienen und kein jüdisches Theater mehr spielte, werden festgehalten sein. Aber erklären sie, was J damit zu tun hatte? "Die erschrockenen Augen; die Nächte voller Angst; die Asche der verbrannten Archive. Und - wohl das wichtigste - die Selbstvernichtung des Talents" werden sich daraus verflüchtigen. J hat sein ganzes Leben schreibend verbracht. Für Zeitungen, fürs Theater. Manchmal zieht er ein Stück zurück, manchmal eckt er an. Nichts Existentielles. Aber die Kappe der Unscheinbarkeit des durchschnittlichen Daseins, aus dem er die Fragen ausklammerte, kann er vor dem Tod nicht mehr tragen. Sie abwerfen kann er auch nicht. Er muss wissen, warum er sie aufsetzte. Warum er sich als lettischer Autor verstand, dessen jüdischer Hintergrund hin und wieder aufschien, aber ohne wirkliche Bedeutung blieb. Er ist befreundet mit den großen Autoren des litauischen Schriftstellerverbandes, die ihn aufnehmen, manchmal kritisieren. "Das soll Antisemitismus sein?" fragt er sich Jahre später, wenn sie ihn vor der einen oder anderen Formulierung "bewahren"?

Zetlin hat unzählige Bänder mit J´s Erinnerungen bespielt. Er sortiert für das Buch nicht nach Jahren und Fakten, ihm ist wichtig, was den Freund quält. Und so gliedert sich das Buch in Kapitel wie Das Labyrinth, Versuch der Selbsterkenntnis, Fragmente des Lebens, Träume, Angst, die Energie des Irrtums ... Es erschließt sich nicht als chronologische Abfolge, sondern als wiederkehrendes Trauma, das nicht abgeschüttelt werden kann, weil es das Unterbewusstsein so lange besetzt, bis auch die letzte Frage nach der eigenen Verstrickung gestellt wurde. Zetlin und Josade verweigern sich Sprachregelungen. Der Antisemitismus ist für sie nicht nur Ausgangspunkt für Verfolgung, Diskriminierung und Vernichtung, sondern auch für Fragen nach dem Zusammenleben von Juden und jeweiliger Bevölkerung. Er hat vehement mit dem Faschismus zwischen 1933 und 1945 in Deutschland zu tun, aber er ist nicht allein davon bestimmt. Das einzige, was für J noch wichtig ist, ist Gerechtigkeit. "... gerade wegen dieser Suche nach Gerechtigkeit hat man uns schon immer gehasst. Wegen dieser unserer geistigen Arbeit".

Der stellt sich das Buch. Wo hat die Ungerechtigkeit ihren Ausgangspunkt, gibt es die einen, die immer gerecht sind? Sind dann die anderen immer im Unrecht? Das schließt für J die Frage nach dem Zionismus als Staatsform ein. Seine Verteidigung des Jiddischen als Teil der europäischen Kultur setzt ihn in Gegensatz zu der in Israel lebenden Tochter. Er verwirft "den Kult der Stärke" als "Niedergang des jüdischen Ideals" der Gerechtigkeit. Insofern begründet der Exodus der Juden aus Europa für ihn die "wahre jüdische Tragödie". Das Buch sucht in den Ablagerungen der Geschichte nach den Gründen für die Widersprüche und Risse im Zusammenleben, die im Holocaust, den schamlosen Raubzügen, Deportationen, Vernichtungslagern durch Deutsche endeten. Und in den Verfolgungen in der Sowjetunion. Manchmal stehen divergierende Überlegungen, Erklärungen, Wertungen nebeneinander. In den unterschiedlichen Jahrzehnten hat J auch unterschiedlich gedacht und auslassen will er nichts. Widersprüche sind Teil seiner Wahrheit.

Erzähler wie Frager wissen, dass sie sich der Gefahr falschen Beifalls aussetzen können, aber für sie ist das kein Maßstab. Beide wollen die Verantwortung für sich selbst zurückgewinnen. Um die Frage, wer oder was ist ein Jude. Was hieß das im Europa der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, was hieß es für Osteuropa? Was heißt es jetzt? J absolviert seine Rückschau wie einen Tauchgang ins Ich und spürt sein Versagen, aber auch sein Vermächtnis. Er hat keine Veranlassung, den Vorgaben anderer zu folgen.

Diese Lektüre hinterlässt den fast schmerzhaften Zwang zu eigenem Nachdenken. Es gibt Verästelungen, die mit der üblichen Pauschalkenntnis historischer Prozesse kollidieren. Sie kratzen an der Selbstgefälligkeit der Nachgeborenen, die sich für wissend halten, an den selbstgefälligen gegenwärtigen Debatten. "Ich muß ihnen unbedingt von meinem Schweigen erzählen. Und davon, wie ich es überwunden habe."

Jewsej Zeitlin: Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes. Aus dem Russischen von Vera Stutz-Bischitzky, Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2000, 316 S., 21 EUR

00:00 11.10.2002

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