Tony Blair sollte Rosen züchten

Israel Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde

In letzter Zeit wurden wir zum 60. Jahrestag der Staatsgründung von Freunden überflutet. Die Großen der Erde aus Vergangenheit und Gegenwart kamen hierher, um uns zu schmeicheln. "Gott, rette mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich selbst fertig!", sagt ein altes Gebet. Diese Freunde sind mir widerwärtig.

Nehmen wir als Beispiel die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die eine Pilgerreise nach Jerusalem machte. Ihre Schmeichelei war bar jeglicher Kritik und erreichte bei der Rede vor der Knesset neue Höhepunkte von Unterwürfigkeit. Ich war dazu eingeladen worden. Ich verzichtete auf dieses Privileg und werde auch auf das Vergnügen verzichten, einer Knesset-Sitzung mit dem hyperaktiven Nicolas Sarkozy beizuwohnen, der versuchen wird, die Schmeicheleien seiner deutschen Rivalin zu übertreffen.

Zuvor hatte uns der Mentor des Republikaners John McCain, der evangelikale Pastor John Hagee, besucht und sich darin gefallen, die katholische Kirche als Monster zu beschreiben. Während aus all seinen Poren frömmelnde Schmeichelei strömte, verbot er uns, im Namen (seines) Gottes nur einen Fußbreit des Heiligen Landes aufzugeben, und befahl uns, bis zum letzten Tropfen (unseres) Blutes zu kämpfen. Keiner kam freilich an George W. Bush heran. Während er sich dem Ende der verheerendsten Präsidentschaft nähert, die es je in der US-Geschichte gab, zwang er unserer Regierung ein brennendes Streichholz in die Hand und ermutigte sie, das Pulverfass zu unseren Füßen zu entzünden, ob es sich nun um Iran handelt oder den Libanon

Kein Wort der Kritik

Die Liste der aktuellen Staatsführer, die zur Staatsgründung Israels am Wettbewerb der Schmeicheleien teilnahmen, verblasst im Vergleich zur langen Parade jener vergangenen Größen, die unsere Tore belagern. In der vergangenen Woche haben sie sich in Jerusalem niedergelassen, auf Einladung von Shimon Peres, eines Politikers, der in den 84 Jahren seines Lebens nie eine Wahl gewonnen hat und dem der fast bedeutungslose Titel des Präsidenten Israels verliehen wurde.

Gemeinsamer Nenner seiner Gäste ist, dass ihr Prestige zu Hause nahe Null ist, während ihre Stellung im Ausland in den Himmel gejubelt wird. Ein besonders ranghohes Mitglied dieses Klubs ist Tony Blair, der in London aus dem Amt getrieben wurde, aber sich nicht damit begnügen kann, einfach seine Pension zu genießen, um Rosen zu züchten. Als Trostpreis gewährte man ihm das Vergnügen, an unserem Konflikt herumzuspielen. Alle paar Wochen ruft er eine Pressekonferenz zusammen, um die gute Nachricht eines phänomenalen Erfolges - bei der Verbesserung der Lebensumstände der Palästinenser - zu präsentieren, während die tatsächliche Lage in den besetzten Gebieten immer schlimmer wird. Unser Sicherheitsestablishment behandelt ihn wie einen Quälgeist, dem ab und zu ein Krümel zugeworfen werden muss, damit er glücklich bleibt.

Bei der von Schimon Peres einberufenen Konferenz sah man auch den entmachteten Friedenshelden Gorbatschow, den ich noch immer als Helden betrachte, weil er beim Zusammenbruch der Sowjetunion ein Blutvergießen zu verhindern wusste. Schade, dass man ihn in dieser Gesellschaft sieht!

Alle Teilnehmer häuften Berge kriecherischer Verherrlichung auf Israel. Nicht einer von ihnen fand ein Wort der Kritik. Kein Wort über die Siedlungen, die Blockade des Gazastreifens, das tägliche Töten - Israel ist ein wunderbarer Staat, den verbrecherische Terroristen ins Meer werfen wollen.

Keiner der Gäste stand auf, um davor zu warnen, mit unserer Politik fortzufahren. Keiner wagte die Wahrheit zu sagen, dass eine Fortsetzung dieser Politik Israel in eine Katastrophe führt. Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde. Wenn jemand sieht, wie sein Freund Russisch-Roulette spielt und ihm dann noch eine Kugel anbietet - ist der ein Freund?

In der Zunft der Schmeichler fehlten Milliardäre aus Amerika nicht, die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Einige von ihnen wurden gleich bei der Ankunft am Flughafen zum Polizeipräsidium zitiert, um in der Affäre auszusagen, die Israel gerade erschüttert - die Ermittlungen wegen des Korruptionsverdachts gegen Ehud Olmert. Seit dessen Karriere vor 45 Jahren begann, begleitet sie ein Geruch von Korruption - diesmal ist er erdrückend. Die Polizei teilte mit, der amerikanisch-jüdische Milliardär Moshe Morris Talansky lasse ihm seit Jahren Bargeld zukommen.

Geld stinkt bekanntlich nicht

Wo haben wir das schon einmal gesehen? Natürlich in amerikanischen Filmen, wenn jemand einen mit Banknoten voll gestopften Koffer öffnet, der Spender unweigerlich zur Mafia gehört, und der Empfänger ein korrupter Politiker ist. Könnte es sein, dass Premier Olmert nie solche Filme sah? Schließlich begann er seine Laufbahn mit demagogischen Reden, in denen er das organisierte Verbrechen geißelte.

Trotzdem ist es nicht Olmert, der mich in dieser Affäre interessiert, sondern Talansky. Er gehört zur Spezies "Israel liebender" Magnaten (die meisten davon kommen aus den USA, manche auch aus Kanada, der Schweiz, Österreich und Australien). Sie alle sind Patrioten und Philanthropen. Sie spenden Millionen an israelische Politiker und unterstützen nebenbei die extreme Rechte.

Nach dem Sechs-Tage-Krieg, verbreitete sich unter diesen Gönnern eine neue Mode: Man hielt sich einen israelischen General, um ihn seinen Freunden als Lieblingstier vorzustellen. Einige Generäle fanden nichts Schlimmes dabei. So nahm sich ein Milliardär auch Ezer Weizmans an, des Helden der Luftwaffe, der später allerdings von seinem Präsidentenamt zurücktreten musste, als dies öffentlich wurde. Zwei andere Spender adoptierten Ariel Sharon und setzten ihn in die größte Farm des Landes. Schimon Peres war zwar kein General (nicht einmal Soldat), aber mindestens drei Milliardäre nahmen ihn unter ihre goldenen Flügel.

Die Olmert-Affäre bestätigt aufs Neue, was wir schon seit langem wissen: der Treibstoff, der Israels Politik antreibt, ist nicht nur Geld - er besteht größtenteils aus fremdem Geld. Ausländische Sponsoren haben Olmerts Wahlkampagne in der Partei finanziert und die Knessetwahl 2006. Nachdem er gewählt worden war, begann er im Frühsommer 2006 mit dem zweiten Libanonkrieg mit all seinen Toten und all der Zerstörung.

Bei der eingangs erwähnten Jerusalem-Konferenz lobte Schimon Peres die israelische Chuzpe. "Was wir benötigen, ist mehr Chuzpe", meinte er. Das klang gewinnend und dreist, war aber Blödsinn.

Ich spreche hier von einer anderen Chuzpe. Nicht von einer metaphorischen, sondern einer realen. Von der Chuzpe der Milliardäre in New York, Genf und all den anderen Orten, die sich bei uns einmischen und das Schicksal der Nation bestimmen. Von der Chuzpe, für einen Krieg zu spenden, in dem nicht ihre, sondern unsere Söhne getötet werden. Von der Chuzpe, Milliarden für die Errichtung von Siedlungen in den besetzten Gebieten und besonders in Jerusalem zu spenden, für Siedlungen, die genau zu dem Zweck dorthin gesetzt werden, um den Frieden zu verhindern und uns in einen permanenten Kriegszustand zu setzen, einen Krieg der unsere Zukunft - nicht die ihrige - bedroht.

Gewiss bekommen in anderen Ländern Politiker auch Geld aus fremden Quellen, doch handelt es sich dort gewöhnlich um Randerscheinungen - bei uns um einen Haupteinflussfaktor. Das ist eine der schlimmen Auswirkungen der Definition Israels als eines "jüdischen Staates". Allein dank dieser Phrase sehen die Spender nicht nach dem aus, was sie wirklich sind - nämlich Ausländer, die sich in unser Leben einmischen und unsern Staat korrumpieren -, sondern nach "warmherzigen Juden", die einem Staat beistehen, der auch ihnen gehört.

Der Journalist Gideon Levy hat kürzlich einen Artikel geschrieben, in dem er sie bittet: "Lasst uns in Ruhe!" Da ich weniger feinfühlig bin als er, sage ich in einem gröberen Ton: Geht heim und nehmt euer Geld mit. Hört auf, euch in unser Leben (und Sterben) einzumischen!

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs/Christoph Glanz

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00:00 30.05.2008

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