Töpfer seines Lebens

Duplikate Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago wird am 16. November 85 Jahre alt. In seinen Romanen klingt er wie ein Cicerone des Vergangenen

Es dauert ein wenig, bis der Leser versteht, dass das allgegenwärtige Zentrum, dem sich der gutmütige alte Töpfer Cipriano Algor zunehmend ausgeliefert fühlt, ein Einkaufszentrum ist. Ein ganzes Berufsleben lang hat er seine traditionellen Töpferwaren brav vom Land in die Stadt gebracht, bis ihm eines Tages mitgeteilt wird, dass seine Krüge und seine Teller, sein gesamtes Sortiment zu den aussortierten Dingen gehören, die im Zentrum keiner mehr haben will. Im Zentrum leben moderne Menschen, die moderne Wünsche haben und für die ein so rundum freundlicher, alter Algor schlichtweg einer vergangenen Zeit angehört, die nur im Nachhinein die gute, alte Zeit genannt wird.

Man kann an eines dieser funktionalen Riesengebäude von Le Corbusier denken, in denen gearbeitet, gelebt und gestorben wird, in denen alles auf einmal geschieht und die man niemals mehr verlassen muss, gehört man erst einmal vollständig zu diesen modernen Menschen. Es gibt Wohnstockwerke, Büroetagen, Einkaufspassagen, Erlebnisviertel und in José Saramagos Buch auch eine geheimnisvolle Totengruft. Glücklicher Weise aber hat Algor nicht nur einen treuherzigen Hund sondern eine ebenso treuherzige Tochter mit dem Namen Maria, die auf die Idee kommt, dem Zentrum jene veraltete Töpferware in Form von handgemachten Nippesfiguren noch einmal anzubieten. Auf gut hundert Seiten freut sich der Leser mit dem Vater und seiner Tochter, dass all die drohenden Sorgen nun abgewendet sind, dass der scheinbar unvermeidliche Umzug ins Zentrum nicht stattfinden wird. Denn dort lebt bereits der Schwiegersohn, ein angestellter Wachmann, der gerade zum Wachmann mit eigener Wohnung befördert worden ist.

Aber der Leser, der sich inzwischen wünscht, auch einmal ein so liebevoller Mensch wie Cipriano Algor zu werden, weiß als moderner Mensch natürlich, dass die schlichte Logik von Landmenschen im Zentrum keine Chance hat. Es kommt, wie es kommen muss, die hundertfach produzierten Nippesfiguren bleiben genauso liegen wie die getöpferten Krüge und Teller. Selbst die fürsorgliche Liebe, mit der die niedlichen Figuren hergestellt wurden, beeindruckt die Filialleiter und Oberfilialleiter nicht. Und ein wenig fühlt sich der Leser selbst in der Rolle dieser kalten, globalisierten Menschen angeklagt, wenn der portugiesische Schriftsteller zuletzt seine so handlich getöpferten Romanfiguren vor dieser Welt in Sicherheit bringt.

Zunächst aber ziehen alle zusammen ins Zentrum, in dem es, kurz gesagt, nach schlechter Simulation riecht. Selbst das Wetter wird dort auf stümperhafte Weise nachgemacht, wo es doch draußen sehr viel wirklicher zu erfahren wäre. Der Originalmensch Algor wird deshalb bald zu einer ärgerlichen Störung für das Zentrum. Überall muss er herumschnüffeln in der böswilligen Absicht, das Geheimnis des Zentrums zu lüften. Und tatsächlich, für ein paar Tage gerät diese hypermoderne Welt in wilde Aufruhr. Beim Ausbau der unteren Kellerstockwerke ist ein grausiger Fund gemacht worden, der in Saramgos Parabel auf die Globalisierung nicht weniger andeuten soll, als dass in diesem Zentrum nur lebende Leichname wohnen. Bald darauf sieht man Algor und seine Tochter Maria, ja selbst den vormals loyalen Wachmann auf der Flucht vor diesem Höllenort. Nur die Verantwortlichen des Zentrums bleiben kühl und beherrscht und wittern im Grusel der Selbsterkenntnis ein gutes Geschäft.

So lässt Saramago in seinem Roman Das Zentrum am Ende dieses Zentrum einfach Zentrum sein und seine Figuren doch lieber zu Lehm und Ton zurückkehren. Dem Leser bleibt noch ein wenig Zeit, sich von diesen maßgefertigten Protagonisten zu verabschieden, bis er etwas traurig feststellen muss, dass er selbst wohl nicht mehr der Welt aus Lehm und Ton angehört. Gerne hätte man noch gelesen, wohin es den rebellischen Alten und seine treuen Gefährten verschlägt, ahnt man doch, dass das Zentrum stets vor ihnen da sein wird, wo immer sie auch ankommen mögen.

Auf ähnliche Weise geht es auch in dem Roman Der Doppelgänger um die Spannung von Original und Kopie. Der Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso entdeckt eines Tages, dass es jemanden gibt, der ihm bis aufs Haar gleicht. Und diese Redewendung ist hier ganz wörtlich gemeint. Denn bevor Afonso diesem Doppelgänger leibhaftig begegnet, verfolgt er auf einer Reihe von ausgeliehenen Videos dessen Filmkarriere vom unbekannten bis zum bekannten Nebendarsteller. Und da nicht nur auf körperlicher Ebene eine täuschende Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schauspieler besteht, sondern die beiden offensichtlich ihre Frisur zur gleichen Zeit verändert haben, ist bald klar, dass es sich bei diesem außergewöhnlichen Fall wirklich um ein Duplikat im metaphysischen Sinne handelt.

Selbstverständlich ist Alfonso mehr oder weniger geschockt über diese Entdeckung, doch zugleich scheint ihm das ungewöhnliche Geheimnis auch einen Ausweg aus seinem tristen Lehrerdasein zu bieten. Deswegen hütet Afonso es wie ein Kind und setzt selbst die Zuneigung seiner Geliebten, die den leidensvollen Namen Maria trägt, gewissenlos aufs Spiel, was wiederum kein so großes Risiko darstellt, da sich seine eigene Zuneigung zu Maria so gut wie erschöpft hat. Nach einer Reihe von äußerst komplizierten Verwicklungen gelingt es ihm schließlich, seinen Doppelgänger im wirklichen Leben auszumachen und sich mit ihm zu treffen. Ohne genau zu wissen, was er sich eigentlich von diesem Zusammentreffen erwartet hat, gerät Afonso mit seinem Duplikat bald in einen ernsthaften Konflikt darüber, wer von beiden das Original ist. Das Wissen, dass es jemanden gibt, der nicht nur im gleichen Moment geboren wurde und die gleichen körperlichen Narben aufweist, sondern womöglich auch zum gleichen Zeitpunkt sterben wird, gerät für beide schnell zu einer schwer wiegenden Belastung. Subtil verwebt Saramago das Leben Afonsos mit dem seines Doppelgängers, bis sich am Ende das Duell der beiden Männer auf die existentielle Frage zuspitzt, wer wessen Leben einnimmt.

Wie in dem Roman Das Zentrum gibt es auch in Der Doppelgänger einen metaphysischen Kern, der um das bedrohliche Problem der Simulation kreist. Diente im ersten Fall Platons Höhlengleichnis zur Warnung, dass wir alle längst wieder in der Höhle sitzen und uns mit Schatten begnügen, so ist es im zweiten Fall das trojanische Pferd, mit dem die Kopien schon bis in unserer Innerstes vorgedrungen sind. In beiden Romanen geht es um die Abwehr des Sekundären. Nach der Lektüre des Doppelgängers weiß der Leser ganz genau, dass auch auf ihn irgendwo in der Welt ein Duplikat wartet. Und er weiß auch, was er tun muss, um diesem Duplikat keine Chance zu geben. Er muss sich seine wahren Gefühle erhalten, er muss seine Maria lieben und auf ganz altmodische Weise er selbst sein. Er muss, verknappt gesagt, ein Töpfer seines Lebens werden.

Denn als ein ordentlicher Handwerksmeister, der noch um die gute, alte Kunst des Erzählens weiß, inszeniert sich Saramago in beiden Romanen, bisweilen ein wenig penetrant, wenn er sich immer wieder als Autor in die Geschichte einmischt und dem Leser erklärt, man hätte die Figur auch so und so aber nicht so modellieren können. Das macht es dem Leser etwas schwer, sich auf das Erzählte zu konzentrieren. Und so hat man manchmal den Eindruck, dass es Saramago gar nicht um die Geschichte geht, sondern um das Bewahren einer Kunst, die vom Aussterben bedroht ist.

Die gute Absicht trägt allerdings nur dazu bei, dass sich längst schon der Hauch des Musealen über diese Kunst gelegt hat, wenn die Literatur zum Archiv des Verlusts wird. Denn der verklärende Gestus der Handarbeit bestimmt auch das Erzählte selbst. So muss Tertuliano Máximo Afonso in Der Doppelgänger seine Gefühle vor der Welt der Simulation retten, die bezeichnender Weise per Video in sein Leben eindringt. Und es ist seine auf dem Land lebende Mutter, die in Gestalt einer Kassandra vergeblich vor den Gefahren einer Welt voller einsamer Singles mit technischer Aufrüstung warnt. Hätte Afonso auf die Ratschläge seiner Mutter gehört und Maria auf der Stelle geehelicht, wäre das Drama der Verdoppelung gar nicht erst in Gang gekommen.

In dem Roman Das Zentrum ist es der altgewordene Töpfer Algor, der von Anfang an um die Leblosigkeit einer globalisierten, gleichmacherischen Welt weiß. Die Flucht vor dieser Welt aber endet in beiden Fällen in der illusorischen Wärme echter Gefühle, von denen man weiß, dass sie auch nur so lange halten, wie man an ihre Originalität glauben kann. Fast könnte man meinen, das Zentrum sei klüger als sein Autor. Denn dort werden die echten Gefühle als die allerneueste Sensation verkauft. Das lokale Dorf, das Saramago so liebevoll dem globalen entgegenzusetzen meint, wäre dann nur ein Effekt jenes weltweiten Einkaufszentrums, in dem es auch eine Abteilung für Idyllisches gibt.

Saramagos Romane haben sich stets dadurch ausgezeichnet, dass es ihnen gelungen ist, die Tradition der literarischen Moderne mit einem politischen Engagement zu verknüpfen. Man hat daher zurecht von einem "sozialistischen Kafka" gesprochen. Zuletzt aber scheint dieses Engagement nur noch darin zu bestehen, alles zu archivieren, was in einer globalisierten Welt zu verschwinden droht. Einmal mehr bleibt nur die falsche Hoffnung auf ein wahres Leben zurück, was auch ein fahles Licht auf ein Engagement wirft, das einer globalisierten Welt bloß noch die Widerständigkeit des Überkommenen entgegenzusetzen weiß.

Darin mag sich auch die Trauer über den Verlust sozialistischer Alternativen ausdrücken, die sich inzwischen auf so etwas wie Heimatliebe reduziert haben. So richtig ausleben, und auch gut ausleben, kann sich Saramago daher in seinem Reisetagebuch Die portugiesische Reise. Dort kann man ihm folgen, wenn er die Stimmungen eines Reisenden einfängt, der weiß, dass es keine Rückkehr an einen Ort gibt, weil entweder der Ort oder man selbst in Zukunft nicht mehr da sein wird. Auf sechs ausgedehnten Reisen beschreibt Saramago das ländliche Portugal wie ein Cicerone des Vergangenen. Merkwürdiger Weise befällt den Leser aber nach der Lektüre das Gefühl, dass nur derjenige diese Liebe zum Alten wirklich teilen kann, der nicht mehr unter diesem Alten zu leiden hat und dessen Leben daher längst schon ein anderes ist.

Josè SaramagoDas Zentrum. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, 400 S., 22,90 EUR, TB 9,90 EUR

Der Doppelgänger. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, 384 S., 22,90 EUR, TB 9,90 EUR

Die portugiesische Reise. Aus dem Portugiesischen von Nicola von Schweder-Schreiner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, 606 S. 24,90 EUR,
TB 9,90 EUR

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