Toxische Guthaben

Krise Wer den Euro retten will, muss dafür sorgen, dass die Unternehmen weniger statt mehr Gewinn machen. Ohne massive politische Eingriffe geht es nicht.

"Wenn Frauen zu sehr lieben“ hieß ein Bestseller aus den neunziger Jahren. Dass es auch schlecht sein kann, wenn Firmen zu sehr profitieren, hat sich leider bis heute noch nicht einmal unter Ökonomen herumgesprochen. Dabei kennen die sogar einen Fachausdruck für exzessive Firmengewinne: den Nettofinanzierungsüberschuss – das, was nach Abzug aller Löhne, Boni, Superboni, Steuern, Zinsen und Investitionen am Jahresende in den Unternehmenskassen übrig bleibt.

Reines Gift

Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht sind Nettofinanzierungsüberschüsse prima. Das Unternehmen braucht weder Bankkredite, noch muss es neue Aktien ausgeben, um die laufenden Investitionen zu finanzieren. Es kann sogar eigene Aktien zurückkaufen. Doch volkswirtschaftlich gesehen sind Nettofinanzierungsüberschüsse reines Gift.

Sie sind nämlich in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung das buchhalterische Gegenstück zu den Finanzierungssalden der Privathaushalte, des Staates und des Auslands. Zusammen ergänzen sich die Salden der vier Sektoren zu Null. Bis in die neunziger Jahre hinein sah die Volkwirtschaftliche Gesamtrechnung in etwa so aus:

Die privaten Haushalte stellen den Privatunternehmen und dem Staat Arbeit und Kapital zur Verfügung und erhalten dafür Lohn, Zinsen, Dividenden und Renten. Damit finanzieren sie die laufenden Ausgaben und die Investitionen in Eigenheime. Den Rest (Finanzierungsüberschuss) von 4 bis 5 BIP-Prozent legen sie für die alten Tage auf die hohe Kante.

Der Unternehmenssektor stellt Produkte her. Der Wettbewerb sorgt dafür, dass der Erlös gerade reicht, um die laufenden Kosten plus etwa 70 Prozent der Investitionen zu decken. Im Normalfall bleibt ein Finanzierungsdefizit von rund 3 Prozent des BIP.

Der Staatssektor deckt die laufenden Kosten mit Steuern und Gebühren, muss aber rund die Hälfte seiner Investitionen fremdfinanzieren. Das ergibt im Normalfall ein Finanzierungsdefizit von etwa 1,5 BIP-Prozent.

Der Nettofinanzierungssaldo des Auslands schwankt um Null. Die Devisenmärkte sorgen dafür, dass Überschüsse und Defizite gering bleiben und sich über wenige Jahre ausgleichen.

So weit die Idylle einer Weltwirtschaft im Gleichgewicht. Doch in den vergangenen zehn Jahren hat sich dieses Bild total verändert: Anstelle der üblichen Defizite erwirtschaften die Unternehmen jetzt hohe Nettofinanzierungsüberschüsse.

Eine historische Wende

In Deutschland verwandelte sich ein Defizit von 129 in einen Überschuss von 55 Milliarden Euro. Die Unternehmen der 27 EU-Länder insgesamt „verbesserten“ sich im selben Zeitraum von minus 346 auf plus 379 Milliarden oder rund drei BIP-Prozent. Die US-Firmen drehten im selben Zeitraum ein Finanzierungsdefizit von 263 in einen Überschuss von 540 Milliarden Dollar oder gut vier BIP-Prozent in den USA, die Bank of Japan meldet für das Fiskaljahr 2009 sogar 6,9 Prozent.

Diese historische Wende bei den Unternehmen hat verhängnisvolle „Umbuchungen“ bei den übrigen volkswirtschaftlichen Sektoren zur Folge. Schließlich müssen sich die Salden ausgleichen. Doch während der Trend im Unternehmenssektor über alle Länder in dieselbe Richtung geht, beobachten wir bei den anderen Sektoren unterschiedliche Entwicklungen.

In Japan, der Schweiz und in Deutschland wurden die Überschüsse der Unternehmen vor allem durch die Defizite des Auslands ausgeglichen. Deutschland hat seit 2002 Finanzierungsüberschüsse von 1.060 Milliarden Euro kumuliert, während gleichzeitig Spanien 525 und Frankreich 290 Milliarden Euro Defizit erlitten hat. Derartige Ungleichgewichte gab es noch nie.

Ökonomischer Analphabetismus

Andere Länder haben die Überschüsse der Unternehmen (und teilweise des Auslands) mit Defiziten der Privathaushalte kompensiert. Die US-Haushalte schrieben schon ab 1999 Defizite, die sich bis 2007 auf über 3.000 Milliarden Dollar kumulierten. Spanien, Griechenland, Irland und vor allem Großbritannien sind weitere Beispiele von Ländern mit negativen Finanzierungssalden der Privathaushalte. Insgesamt gab es aber auch bei den Haushalten bis 2007 einen klaren Negativtrend. Die Haushalte der EU-Länder ohne Deutschland verbuchten damals ein Finanzierungsdefizit von 50 Milliarden Euro, nachdem bis 2003 noch Überschüsse von rund 150 Milliarden die Regel waren.

Bleiben die Staatshaushalte. Sie monopolisieren die ganze Aufmerksamkeit der Medien. Nicht ganz zu unrecht, denn ihre Defizite erreichen immer neue Rekordmarken. Allerdings ist dies ein relativ neues Phänomen. Noch 2007 lag das Manko aller 27 EU-Länder bei bloß 108 Milliarden Euro oder 0,8 BIP-Prozent. Auch in den USA hielt sich das Staatsdefizit mit 2,8 BIP-Prozenten 2007 noch in engen Grenzen. 2010 war es in den USA gut vier- und im EU-Raum achtmal so hoch wie damals.

Übliche Erklärungen dafür lauten „Schlendrian“ und „über die Verhältnisse leben“, empirisch gestützt mit Episoden aus dem faulen Leben des griechischen Beamten und deutschen Hartz-IV-Empfängers. Doch das ist reine Ideologie und ökonomischer Analphabetismus. Richtig ist vielmehr, dass die Staatsdefizite explodiert sind, weil ab 2007 der Kreditschalter für die Privathaushalte geschlossen wurde. Statt von aufgestockten Hypotheken mussten die armen Haushalte wieder von staatlichen Zuschüssen leben. Die oberen 20 Prozent hingegen wissen längst nicht mehr wohin mit ihren Einkommen.

Total aus dem Gleichgewicht

In den USA etwa hat sich deshalb ein Defizit aller Privathaushalte, das noch 2006 bei 280 Milliarden Dollar lag, schon vier Jahre später in einen Überschuss von 570 Milliarden Dollar verwandelt. Weil auch die Unternehmen (510 Milliarden) und das Ausland (515 Milliarden) Überschüsse erzielten, musste der Staat mit einem Defizit von rund 1.600 Milliarden Dollar das Konto ausgleichen – sonst wäre das BIP um nicht weniger als elf Prozent eingebrochen.

Wie in den USA hat auch in Deutschland die Ungleichheit innerhalb der Privathaushalte stark zugenommen. Das Markteinkommen (Löhne, Zinsen, Mieteinnahmen) der ärmsten 40 Prozent der Haushalte war 2007 real um 23 Prozent niedriger als noch 1990. Was das für den Sozialstaat bedeutet, wissen wir inzwischen. Das reichste Zehntel hingegen profitierte mit Dividenden, Bonuszahlungen und Millionensalären von der Gewinnexplosion des Unternehmenssektors und konnte so sein Einkommen um 28 Prozent steigern.

Die Finanzierungsüberschüsse der Unternehmen haben also die Weltwirtschaft total aus dem Gleichgewicht gebracht. Wirtschaftswachstum war nur noch möglich, weil die Kaufkraft erst durch (Hypothekar-) Kredite und dann durch Staatsschulden von oben nach unten transferiert wurde. Zurzeit wird auch noch der letzte Wachstumsmotor, die Staatsschulden, abgewürgt. Dadurch soll – so die gängige These – ein positiver „Vertrauensschock“ ausgelöst und die Firmen wieder zum Investieren gebracht werden. Doch die Unternehmen schwimmen eh schon im Geld. Und das Nachfragepotential für Luxusvillen, Yachten und Wellnessfarmen ist auch schon weitgehend ausgeschöpft.

Wir warten

Nein: Um die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, muss nicht der Staat mehr, sondern müssen die Unternehmen deutlich weniger sparen bzw. profitieren. Dass es dafür eine ganze Reihe von Ansätzen gibt, zeigt sich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie die Finanzierungsüberschüsse überhaupt erst entstanden sind. Die Fakten: Die Unternehmen müssen immer weniger investieren. In Deutschland etwa sank der Anteil der Unternehmensinvestitionen am BIP binnen zehn Jahren von 13 auf zehn Prozent.

Produktionsverlagerungen ins Ausland und geschwächte Gewerkschaften lassen die Löhne stagnieren oder gar sinken. Ihr Anteil am BIP nimmt weltweit ab. In Deutschland etwa seit 2000 von 64 auf 60 Prozent. Davon müsste man noch die als Lohn verbuchten Gewinnanteile der Topmanager abziehen.

Eine Welle von Fusionen schaltet die Konkurrenz aus und schafft in vielen Branchen den Preiswettbewerb faktisch ab.

Der Steuerwettbewerb senkt die Steuersätze. Im Euro-Raum hat die Steuerbelastung der Unternehmen abgenommen.

Was bedeutet das nun für die Wirtschaftspolitik? Zunächst müssen die nicht nachhaltigen Schulden im Rahmen des Internationalen Währungsfonds und/oder der EU „globalisiert“ werden. Zweck: partieller, zeitlich gestaffelter Schulderlass ohne Zusammenbruch des Finanzsystems. Ein solches Abklingbecken für toxische Schulden kann die Finanzgemüter allerdings nur unter einer Bedingung beruhigen: Gleichzeitig muss die Normalisierung der Unternehmensgewinne eingeleitet und damit die Produktion von neuen toxischen Guthaben verhindert werden. Beispielsweise indem Finanzierungsüberschüsse fiskalisch abgeschöpft werden. Mittelfristig müssen die Wettbewerbspolitik und eine an der Produktivität ausgerichtete Lohnpolitik exzessive Unternehmensgewinne von vornherein verhindern.

Einverstanden – das erfordert massive politische Eingriffe. Wer diese nicht will, muss überzeugend darlegen, wie der freie Markt aus eigener Kraft ins Gleichgewicht zurückfindet. Wir warten.

Werner Vontobel ist Volkswirt und lebt als Journalist und Autor in der Schweiz

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