In Mexiko gibt es mehr als Chicos und Chicas

Transfemizide Die Lebenserwartung von trans Personen liegt in Mexiko bei 35 Jahren. Zuletzt griffen sogar radikale Feministinnen das Lebensmodell von Menschen an, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren
Demonstration in Mexiko Stadt gegen Sexismus und Transphobie (Archivbild)
Demonstration in Mexiko Stadt gegen Sexismus und Transphobie (Archivbild)

Foto: Fernanda Rojas/Eyepix Group/Future Publishing/Getty Images

Dafne Martinez ist eine junge mexikanische Journalistin und Schriftstellerin, die in Santiago de Querétaro lebt und sich 2018 als trans geoutet hat. Wenn sie sich nicht als Mann verkleidet, wird sie auf der Straße täglich Opfer von Angriffen. Martinez arbeitet zum Mindestlohn für eine Lokalzeitung, weil sie sich aus Angst vor Stigmatisierung und Gewalt nicht woanders bewerben möchte. Einem Bericht der Organisation Conapred zufolge leiden mehr als 60 Prozent der trans Bevölkerung in Mexiko unter Diskriminierung am Arbeitsplatz. Daten des Netzwerks Transgender Europezufolge ist Mexiko aktuell auf dem amerikanischen Kontinent das Land mit den meisten Verbrechen gegen trans Personen. Ihre Lebenserwartung beträgt der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zufolge 35 Jahre. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete die Nationale Beobachtungsstelle für Hassverbrechen gegen queere Personen 81 Morde aufgrund der Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Davon richteten sich fast 50 Prozent gegen trans Frauen.

In Mexiko spricht man von „Transfeminiziden“. Fünf von zehn dieser Frauen werden erschossen. 44 Prozent sind in der Sexarbeit tätig – ein stigmatisiertes Arbeitsfeld. Für Martinez ist vor diesem Hintergrund schwer erträglich, dass sich nicht nur Kolleginnen, sondern zunehmend prominente feministische Wissenschaftlerinnen in Mexiko öffentlich transfeindlich äußern. Und sie gleichzeitig proklamieren, das Adjektiv transfeindlich solle in der Öffentlichkeit „weniger willkürlich“ verwendet werden.

Zuletzt entbrannte eine Debatte um die internationale Online-Konferenz der staatlichen Universität UNAM in Mexiko-Stadt. Diese fand am 24. März 2022 statt und trug den Titel „Notwendige Klarstellungen zu den Kategorien biologisches Geschlecht und Gender“. Die vier renommierten feministischen Wissenschaftlerinnen Marcela Lagarde, Amelia Valcárcel, Alda Facio und Andrea Medina nahmen daran teil. Auf dem Podium einigten sie sich darauf, dass es allein das weibliche Geschlecht (und nicht Geschlechtsidentität im weiteren Sinn) sei, auf das machistische Gewalt und patriarchale Unterdrückung abzielen. Die feministische spanische Philosophin Amelia Valcárcel behauptete in der Diskussion, es gebe in der Natur nur zwei Geschlechter, das männliche und das weibliche, und bezeichnete Intergeschlechtlichkeit als „Anomalie“.

Biologie ist kein Schicksal

Vier Tage später fand an der UNAM die erste studentische Protestaktion gegen Transfeindlichkeit statt. Die Demonstrierenden bezeichneten sich als „Dissident:innen“, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. „Biologie ist kein Schicksal“ und „Nieder mit dem Cis-tem“ stand auf ihren Plakaten. Der aus der queeren Subkultur im New York der 1970er Jahre stammende Widerstandstanz „Voguing“ war ebenfalls Teil ihres Protests. Erreicht haben die Studierenden, dass die UNAM Anfang April ein Gegenforum organisierte. Auch das mexikanische Institut für Genderforschung meldete sich nach der Konferenz vom 24. März mit dem kritischen Kommentar zu Wort, Geschlechtsorgane würden weder unsere Geschlechtsidentität noch unsere Interessen und Wünsche festlegen.

Die Kontroverse schließt an einen global geführten Kulturkampf an, der die feministische Bewegung weltweit spaltet. Kurz gesagt geht es um die Frage, ob trans Frauen nach bestimmten biologischen Kriterien „richtige“ Frauen sind – und damit einen Platz in der feministischen Bewegung verdienen. Sogenannte „TERFS“ (transexklusive Radikalfeministinnen), deren prominenteste Gesichter aus der weißen britischen Mittel- und Oberschicht kommen, sind von der feministischen Tradition der 1980er Jahre geprägt und beantworten diese Frage klar mit: Nein. TERFs stellen nicht-operierte trans Frauen aufgrund ihrer Genitalien als Männer und damit potenzielle Vergewaltiger dar, denen man beispielsweise keinen Zugang zu Frauentoiletten verschaffen sollte – um diese als Schutzräume für „richtige“ Frauen zu erhalten.

Seit der ehemalige Präsident Felipe Calderón 2006 den sogenannten „Krieg gegen die Drogen“ ausgerufen hat, wurden in Mexiko mehr als 150.000 Menschen getötet, über 40.000 gelten als vermisst. Gleichzeitig werden über 90 Prozent der Morde im Land nicht aufgeklärt. Während der Pandemie habe besonders in höheren sozialen Schichten die häusliche Gewalt gegen Frauen zugenommen, erzählt Dafne Martinez. Sie glaubt: Die seit 2006 eskalierte Gewalteskalation trägt dazu bei, dass sich akademisch gebildete, konservative und wohlhabende Frauen zwar feministisch äußern, aber sich nach einer gesetzten gesellschaftlichen Struktur und klaren biologischen Kategorien sehnen – auf der Suche nach Sicherheit und Ordnung.

Judith Butler ist sauer

Da ist es einfacher, trans Frauen als Sündenböcke zu nehmen, anstatt gegen den gewalttätigen Ehemann zu rebellieren. Lieber wird die „Gender-Ideologie“ (ein von Akteuren der katholischen Kirche im Nachgang der UN-Weltfrauenkonferenz 1995 geprägter Begriff) dafür verantwortlich gemacht, dass feministische Kämpfe kaum Fortschritte erzielen. Allerdings sind die transfeindlichen Diskurse nicht in der feministischen Bewegung entstanden, sondern entstammen einer christlich-konservativen Ideologie, die sich während der Ära von Papst Johannes Paul II. auch in Mexiko verbreitet hat – dorthin reiste der Papst während seiner Amtszeit fünf Mal. In seinem Buch Erinnerung und Identität (2005) hatte Johannes Paul II. die LGBTQ-Szene als „Ideologie des Bösen“ bezeichnet. Aber auch von evangelikalen Glaubensgemeinschaften wird der transexklusive Feminismus gepredigt. Diese zählen in den benachbarten USA zu einer wichtigen Wählerbasis von Donald Trump. 2020 berichtete die Washington Post, dass der konservative Thinktank Heritage Foundation, der maßgeblich an der Personalauswahl Trumps beteiligt war, bereits unter der Obama-Regierung die TERF-Gruppierung Women’s Liberation Front in einem Rechtsstreit gegen transfreundliche Gesetzgebung unterstützt hatte.

Dafne Martinez kommt diese Allianz logisch vor: Ihre Heimatstadt wird traditionell von der christdemokratischen, konservativen PAN-Partei regiert, deren weibliche Abgeordnete América Rangel und Lily Téllez sich transfeindlicher Diskurse bedienen, um Panik vor der körperlichen Selbstbestimmung zu schüren und gegen Abtreibungslegalisierung zu mobilisieren. Von Arussi Unda, Sprecherin des radikalfeministischen Kollektivs Las Brujas del Mar (und vom Time Magazine zu einer der 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2020 gekürt), kursiert im Internet ein Foto, auf dem sie Arm in Arm mit dem berüchtigten Ex-Präsidenten Calderón zu sehen ist, der ebenfalls der rechten PAN-Partei angehört.

Wie Judith Butler 2021 im Guardian schrieb, handelt es sich bei TERF um einen „faschistoiden Trend“, der sich so schnell verbreitet, weil er scheinbar kohärent linke und rechte Inhalte vermischt. Die Verbrüderung zwischen rechten politischen Kräften (wie der PAN) und transexklusiven Radikalfeministinnen (wie Arussi Unda) ist laut Dafne Martinez auch ein globales Phänomen, welches die Spaltung und Schwächung seiner progressiven Gegenseite bezweckt. Eine Entwicklung, die auch in Deutschland zu denken geben sollte. Hat Alice Schwarzer nicht gerade ein Buch über „Transsexualität“ herausgegeben?

Helena Raspe, 26, lebt im Stadtteil Coyoacán in Mexiko-Stadt, wo sie zurzeit noch studiert

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