Magnus Klaue
09.09.2009 | 12:00 7

Trauma, Folter, Baum-Umarmen

Film In seinem aktuellen Filmdrama „Antichrist“ versetzt Regisseur Lars von Trier seine Helden in einen vorzivilisatorischen Zustand drastisch wütender Gewalt

Als Ingmar Bergman 1973 in seinen Szenen einer Ehe die Selbstzerfleischungen eines durchschnittlichen Mittelstandsehepaars als Fernsehserie aufbereitete, reagierte das an Seichtigkeiten gewöhnte Fernsehpublikum mit einer Mischung aus Empörung und Faszination. Nie zuvor hatte es die Möglichkeit, vom Wohnzimmersessel aus der allmählichen Auflösung einer Beziehung beizuwohnen, die in ihrer Intimität und Banalität auch die eigene hätte sein können. Bei allem Voyeurismus wahrte Bergman indessen stets Distanz zu seinen Figuren, die trotz ihrer brutalen Selbstanalyse Ernst und Würde behielten. Aus heutiger Sicht erscheint Bergmans Film, aus dessen endlosen Dialogen Woody Allen wenig später den Stoff seiner Beziehungskomödien machte, wie eine filmische Gesprächstherapie: Derlei mag es noch geben, dabei zuschauen möchte man nicht.

Wer mit den Bergman‘schen Subtilitäten noch nie etwas anfangen konnte und sich trotzdem danach sehnt, bei existentiellen Seelenentblößungen live dabei zu sein, der war bei Lars von Trier schon immer gut aufgehoben. Rohe Authentizität, kreatürliche Nacktheit und rückhaltlose Triebenthemmung sind die Ingredienzien, mit denen dessen Kino lockt. Deshalb liebt man seine Filme insbesondere in Deutschland so sehr: Ihre archaische, blutopferverliebte Gewaltästhetik entspricht haargenau dem, was man sich hierzulande spätestens seit Knut Hamsun als „skandinavisches“ oder „nordisches“ Lebensgefühl vorzustellen pflegt. In von Triers früheren Filmen wie Breaking the Waves (1996) oder Dancer in the Dark (2000) standen die rudimentären Plots, die gewisse Zugeständnisse an das traditionelle Erzählkino verlangten, der konsequenten Entwicklung seines ästhetischen Stils noch im Wege. Mittlerweile aber muss der für seinen rauen Umgangston bekannte Künstler, der sich selbst in durchaus unironischer Hybris als „besten Kinoregisseur der Welt“ bezeichnet, auf derlei Petitessen keine Rücksicht mehr nehmen.

In seinem neuen Film Antichrist, der bei den Filmfestspielen in Cannes prompt den eingeplanten Skandal erregte, reduziert er die Handlung aufs Nötigste. Im Zentrum steht, wie einst bei Bergman, ein krisengeschütteltes Paar: „Er“ (Willem Dafoe) und „Sie“ (Charlotte Gainsbourg), die nach dem Tod ihres Kindes mit ihrem Schmerz nicht umgehen können. Der Mann, ein gefühlskalter Therapeut, verordnet seiner labilen, zur Hysterie neigenden Frau eine radikale Urschrei- und Gewalttherapie, um über den Verlust hinwegzukommen. Zu diesem Zweck geht er mit ihr in den Wald, den Ort ihrer schlimmsten Albträume, um sie mit den verborgenen Seiten ihrer Seele zu konfrontieren. Dort eskaliert die Situation ziemlich schnell, und beide regredieren immer hemmungsloser in eine Art archaischen Urzustand, in dem Sex- und Blutorgien ununterscheidbar werden und Kommunikation sich auf animalische Gewaltverhältnisse reduziert. Am Ende des Films, in dessen Verlauf sich die Protagonisten buchstäblich zu Tode vögeln respektive foltern, steht auch noch so etwas wie eine metaphysische Botschaft: dass nämlich nicht Gott, sondern der Satan die Welt erschaffen und, wie schon von Triers frühere Filme nahelegten, im Körper des Weibes seinen ständigen Sitz gefunden habe.

Welterklärungsmodell

Das alles ist leider tatsächlich genauso schlecht, wie es klingt, und man fühlt sich traurig berührt angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der die beiden grandiosen Hauptdarsteller unter Ausbeutung ihres Images für die fade Bebilderung von Triers Größenphantasien in Dienst genommen werden. Dafoes dämonisches Charisma und Gainsbourgs verruchter Kindfrau-Gestus werden in keinerlei ästhetischen Zusammenhang gerückt, sondern als automatisiertes Stimulans abgerufen, um der trivialen Geschichte, die über weite Strecken wie eine Bebilderung der Blut-und-Boden-Psychologie C. G. Jungs anmutet, den Ruch des Tabubruchs zu verleihen.

Trotzdem bleibt die Konstellation, die der Film entwirft, so abstrakt wie die Charaktere der Figuren, die als namenlose Verkörperungen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ Abziehbilder ihrer selbst sind. Zwar spielt Psychologie auch im neuen Genre des torture porn, an das von Trier sich offensichtlich anlehnt, so gut wie keine Rolle. Während in den Filmen dieser Gattung, die ebenfalls von der Transformation der Privatsphäre zum Folterkeller und der Wahlverwandtschaft von Sexualität und Sadismus erzählen, die Rohheit der präsentierten Gewalt begründungslos im Raum stehen bleibt, bettet von Trier sie in ein Welterklärungsmodell ein. Der torture porn ist grausam, nihilistisch und macht keine Zugeständnisse an das Sinnstiftungsbedürfnis des Publikums. Von Trier dagegen gebärdet sich als postmoderner Johann Jakob Bachofen (Das Mutterrecht) und wartet mit einer mystisch verbrämten Weiblichkeitsideologie auf, derzufolge im Leib der Frau teuflische Kräfte nisten, die nur durch brutalen Sex, Verstümmelungen und naturreligiöse Riten wie Baumumarmungen und Mondanbetungen exorziert werden können.

Sprachlosigkeit

Nicht die Drastik der dargestellten Gewalt, sondern ihre ideologische Indienstnahme für ein regressives Geschlechterbild ist das eigentlich Geschmacklose an von Triers neuestem Film. Die Neigung zu sektiererischem Psychogeschwafel, zu Esoterik und seelischer Nabelschau, die man in den Szenen einer Ehe mitunter als peinlich empfunden haben mochte, erscheint gegenüber dem zynischen Plädoyer für antizivilisatorische Selbstentblößung, das in Antichrist als Heilmittel gegen die Ängste des modernen Menschen verordnet wird, als weitaus humanere Alternative. Fast sehnt man sich zurück in die Zeiten der langatmigen Dialogfilme, in denen Personen gezeigt wurden, die ihre Sprachlosigkeit zumindest noch sprachlich zu formulieren versuchten. Bei Lars von Trier wird kaum noch gesprochen, sondern höchstens geschrien. Eine Gesellschaft, die von solcher Art Befreiung träumt, hat Filme wie Antichrist wohl wirklich verdient. Nicht die ­Drastik der ­dargestellten Gewalt ist ­ das eigentlich Geschmacklose

Kommentare (7)

Magda 09.09.2009 | 17:36

"Nicht die Drastik der dargestellten Gewalt, sondern ihre ideologische Indienstnahme für ein regressives Geschlechterbild ist das eigentlich Geschmacklose an von Triers neuestem Film."

Das beruhigt mich ganz ungemein, denn ich habe gerade die Lektüre eines Rezensenten durchgestanden, - eher ein "rauschhafte" Filmerklärer - der dies alles verneint und den Film in einen Text einspinnt, der nur mit ihm selbst noch was zu tun hat. Ekkehard Knörer bei Perlentaucher ist der kreative Nacherzähler und - deuter. Und das liest sich alles so, als müsse man diesen Film dreimal drehen, bevor man ein Urteil über ihn fällen darf.

Diese Rezension hier ist von beruhigender Eindeutigkeit. ich werde da nicht hingehen.

Ich erinnere mich gern an Bergmanns "Szenen einer Ehe". ich fand die beiden Protagonisten in der Tat menschlich, wenigstens waberten die in diesem Film nichts ins Archaische und Mythische und gehaun haben sie sich auch nur einmal.

Also nischt wie weg (bleiben)

Nelly 10.09.2009 | 01:47

Ich habe "Antichchrist" nicht gesehen, und nach allem, was ich darüber gehört und gelesen habe, auch keine große Lust, dafür ins Kino zu gehen.
Ich frage mich nur, warum, wenn schon Bergman hier ins Feld geführt wird, ausgerechnet "Szenen einer Ehe" als Vergleich herhalten müssen. Das ist doch wirklich ein reiner "Laberfilm", was nicht abwertend gemeint ist. Magda erinnert sich an "einmal hauen", stimmt sicher, ich weiß das nicht mehr. Aber ich erinnere mich an andere Bergman-Filme (dunkel), in denen die Verknüpfung von Sex und Gewalt nicht sooo subtil dargestellt wurde, sondern recht explizit und für das Kinopublikum der Zeit (wie für mich als Teenager) bestimmt schockierend. Zum Beispiel in der Szene, in der die Frau vor den Augen ihres Mannes sich die Vulva mit den Scherben eines eben zerbrochenen Glases zerschneidet und sich mit dem Blut beschmiert, oder der Film, in dem ein sehr bürgerlicher, ganz "normaler" Ehemann (und Vater ?) eine Prostituierte tötet und danach an der Leiche Analverkehr ausübt. Die Titel der Filme weiß ich jetzt nicht mehr. Interessant wäre doch die Frage, was an der Gewalt+Sex-Darstellung bei Bergman anders ist als an der Gewalt+Sex-Darstellung bei Lars von Trier.

THX1138 11.09.2009 | 15:04

@Nelly: "die Frage, was an der Gewalt+Sex-Darstellung bei Bergman anders ist als an der Gewalt+Sex-Darstellung bei Lars von Trier" Noch unteressanter wäre es herauszufinden, wie die Brücke zwischen Gewalt und Sexualität beschaffen ist. Ich persönlich fand "Festen" (ein frühes Werk von Trier [damals Dogma-Film genannt] ein enorm beeeindruckendes Kinoerlebnis über Lüge und Wahrheit- und wie eine Familie damit umgeht. Auch in einem sexuellen Kontext versteht sich.

D.Winter 11.09.2009 | 20:12

Vielleicht mal bei William Butler Yeats nachlesen? Oder über den H. Bosch-Zusammenhang nachdenken? Und inwiefern/womit Trier hier Tarkowski antwortet? Dieser Film ist nicht frauenfeindlich (für wie doof hält man den Regisseur?). Dieser Film ist auch offener und vieldeutiger, was die Frage nach dem Standort des Regisseurs betrifft, als Klaue zugestehen will - und was leider auch die Ökumenische Filmjury verkannt hat. Dieser Film richtet sich aber sehr wohl gegen solche, in ihr "aufgeklärtes" Weltbild vernarrten Schwätzer. Zeitkritischer als Tier hier ist geht es kaum. Sachlich falsch ist, dass der Mann seine Frau eine "radikale (natürlich: immer radikal, das Böse!) Urschrei- und Gewalttherapie" verordnet, diese kleine Ungenauigkeit nennen wir, um die Voreingenommenheit der ganzen Besprechung daran wenigstens anzudeuten. In Bergmans Filmen wird also zuviel und hier zu wenig geredet, so so. Wo wäre denn bitte die "Befreiung" in diesem Film? Warum heißt der Film wie er heißt und was wäre, wenn er anders hieße - warum muß der Titel in sechs oder sieben Zwischentafeln (Per Kirkeby) wieder und wieder eingeblendet werden? Wir behalten das weitere für uns, was wir bislang! über den Film denken und weiter denken werden; der Diskurs ist offenbar zuende. Der Film stellt andere Fragen. Lars von Trier hätte wirklich etwas besseres verdient, als ihm das deutsche Feuilleton hier und andernorts zu bieten hat.

derduder 17.09.2009 | 02:21

Ich kenne zwar die "Szenen einer Ehe" nicht, aber ich bin sehr froh über eine erfrischend andere Rezension des neuen van Trier-Films. Bisher hörte ich nur von einem Freund darüber, unter anderem von einer Genitalselbstvestümmelungsszene, die mir die Lust auf den Film schon so gut wie ausgetrieben hatte. Nach dieser Rezension kann ich beruhigt sagen, dass ich dafür nicht ins Kino muss. Vielen Dank, auch wenn selbst urteilen natürlich immer das einzig richtige sein soll, bin ich froh, hier mal klar und geradeaus eine Entscheidung abgenommen zu bekommen. So sollen Filmkritiken sein. Außerdem erstaunlich: Ich habe den Freitag meine Kollegen stibitzt und jetzt tatsächlich anhand des Codes unterm Text den Weg ins Netz gesucht, um einen Artikel zu kommentieren. Vielleicht funktioniert es deshalb, weil ich dem Freitag nach dem ersten Durchblättern abnehmen, dass er es mit der Vernetzung von Print und Netz ernst meint. Auch dafür schon mal Vorschussdanke.