Traumtänzer im Krieg

USA George W. Bush auf der Suche nach Saddams Waffenarsenalen und glücklichen Irakern

Keine Massenvernichtungswaffen gefunden im Irak? Obwohl doch Donald Rumsfeld in den ersten Kriegstagen vor laufenden Fernsehkameras versicherte, er "wisse", wo diese Waffen lagerten? Obwohl George W. Bush zwei Tage vor den ersten Bomben sagte, "unsere geheimdienstlichen Informationen und die Erkenntnisse unserer Verbündeten lassen keinen Zweifel, dass das irakische Regime weiterhin die tödlichsten Waffen der Weltgeschichte besitzt und versteckt". Irak verfüge über - "konservativ" geschätzt - "100 bis 500 Tonnen Chemiewaffen", verkündete Colin Powell im Februar. Und der Präsident, ebenfalls im Februar: Irak sei im Besitz "bemannter und unbemannter Flugkörper", die chemische und biologische Waffen großflächig verbreiten könnten, wohl auch in den USA. Diese Warnrufe hätten sie überzeugt, behaupten zahlreiche demokratische Politiker. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders ABC waren Anfang 2003 81 Prozent der US-Amerikaner der Ansicht, Irak bedrohe die USA.

Trotz der bisherigen Pleite bei der Waffensuche lassen die maßgebenden Männer in Washington keine Zweifel zu an ihrem Glaubensbekenntnis. Wer kritisiert, wird als "revisionistischer" Besserwisser abgetan. Die Waffen müssten doch irgendwo sein. Geduld bitte, Geduld. Tony Blair muss schwitzen im Unterhaus. Bush weniger. US-Regierungsvertreter wollten allerdings das Thema neu definieren, beschwerte sich der demokratische Senator Jay Rockefeller, und so tun, als reichten Hinweise auf ein "Waffenprogramm" als nachträgliche Kriegsbegründung. Rockefeller ist eine Ausnahme. Anscheinend ist der Unterschied zwischen den Kriegstreibern in der Regierung und den Demokraten doch nicht so groß. Amerika wandelt nun in einem merkwürdigen Zwielicht, in dem wohl auch aus Angst vor den Konsequenzen manche Fragen nicht gestellt werden: Was tun mit einem Präsidenten, der durch irreführende Warnungen vor einer unmittelbar drohenden Gefahr einen Krieg entfesselt hat?

Zahlreiche journalistische Kriegsbefürworter - und in den USA waren diese Kollegen in der Mehrheit - sollten jetzt eigentlich rote Gesichter bekommen, aus Zorn über die offizielle Medienmanipulation oder aus Verlegenheit, dass sie mitgemacht und Fahnen geschwenkt haben. Aber auch in Presse und Rundfunk werden die Peinlichkeiten unter den Teppich gekehrt. Oder zurechterklärt, mit geradezu erfrischend ehrlicher Arroganz, wie bei Thomas Friedman, einem Schwergewicht bei der New York Times: In Wirklichkeit sei es doch gar nie um Massenvernichtungswaffen gegangen, sondern um die im nationalen Sicherheitsinteresse nötige Umgestaltung des Nahen Ostens. Die Attacke sei eine Warnung an Terroristen und deren staatliche Sponsoren gewesen. Friedmans Version vom dämlichen amerikanischen Volk, das letztendlich in seinem eigenen Interesse belogen werden musste, verbreitet sich, oft humanitär verbrämt: Selbst wenn Saddam keine Massenvernichtungswaffen habe, sei dessen Sturz insgesamt positiv zu bewerten. Die Besorgnis über Saddams Brutalität war freilich nicht der Kriegsgrund. Und auch Menschenrechtler haben Probleme mit dem Gedanken, das mächtigste Land der Welt könne unilateral Krieg führen.

Bush könnte zumindest "Massenvernichtungswaffen" im Irak verstecken und finden lassen, witzelte der Filmemacher Michael Moore kürzlich. Noch immer berichten US-Fernsehsender atemlos, Einheiten im Irak hätten "etwas" gefunden. Auch wenn sich die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen später als harmlose Chemikalien entpuppen oder die Zentrifuge ein mehr als zehn Jahre altes und nicht mehr gebrauchtes Instrument war. Darüber berichtet man dann kurz, wenn überhaupt. Die Propaganda wirkt. 23 Prozent der Amerikaner erklärten bei einer Umfrage im Mai, die USA hätten Massenvernichtungswaffen gefunden - 24 Prozent meinten im Juni, der Irak habe Massenvernichtungswaffen gegen US-Einheiten eingesetzt. Die Bilder von den US-Soldaten mit Gasmasken haften im Gedächtnis.

Ansonsten gibt es wenig Positives zu berichten aus dem Irak. Der Wiederaufbau, geleitet vor Ort von US-Soldaten und Reservisten, die zu Hause Polizisten sind, oder Lehrerinnen und Arbeiter, geht schlecht voran. Die Iraker tanzen nicht um herunter gezerrte Saddam-Statuen, sondern um brennende US-Jeeps. So erklärte General Ricardo Sanchez, Kommandeur der US-Bodentruppen im Irak: Seit Mitte Mai seien pro Tag durchschnittlich 13 Anschläge auf amerikanische und britische Einheiten verübt worden. "Ich bin überzeugt, dass man uns als Befreier begrüßen wird." Das hat er gesagt, Vizepräsident Richard Cheney, kurz vor dem Einmarsch. Über 150.000 US-Soldaten sind noch im Irak (10.000 Soldaten in Afghanistan), obwohl Präsident Bush die "größeren Kampfhandlungen" am 1. Mai für beendet erklärte.

Möglicherweise erahnen nun selbst die Kriegslüsternen und die Befürworter einer neuen amerikanischen Hegemonie die Grenzen ihrer militärischen Macht. Mit High-Tech kann man den Krieg gewinnen, aber keine Nation besetzen. So hatten es sich die Männer und Frauen in Uniform wohl nicht vorgestellt. Monatelang in der sengenden Hitze, überall droht Gefahr. Den Familien zu Hause reicht es ebenfalls. Präsident Bush geht gern auf Militärstützpunkte, braucht er patriotische Komparsen und eine entsprechende Kulisse. Doch dort rumort es inzwischen auch. Ein Offizier habe kürzlich eine Versammlung von 800 Angehörigen in Fort Stewart (Georgia) besucht, berichtet die New York Times, um über den Fortschritt im Irak zu sprechen. Er sei niedergeschrieen worden. Die Männer und Frauen im Irak sind allesamt Freiwillige oder Reservisten, die sich verpflichtet haben, in Krisensituationen ihr ziviles Leben zu verlassen und die Uniform anzuziehen. Wer jetzt Irak erlebt, zögert vielleicht, sich zu verpflichten. Die jüngste Rekrutierungswerbung richtet sich an Eltern: Sie sollten ihre Sprösslinge von den positiven Seiten des patriotischen Dienstes überzeugen.

Die Republikaner stellen im US-Senat und im Repräsentantenhaus die Mehrheit. Sie können verhindern, dass untersucht wird, wie es zu den Warnungen über die "Bedrohung aus dem Irak" kam. Und wer will, kann seinen Kopf in den Sand stecken. Und es einfach akzeptieren, dass der Präsident die Nation unter Vorspiegelung falscher Tataschen in einen Krieg geschickt hat. Denn zu glauben, dass Bush und seine Leute bewusst gelogen oder übertrieben haben, würde die Präsidentschaft eines Mannes in Frage stellen, der unter fragwürdigen Umständen Präsident geworden ist. Und das will kaum jemand im amerikanischen Machtestablishment. Der Präsident flieht nach vorn und bekräftigt seine Entschlossenheit, an seiner erstmals im Irak erprobten Politik der Präventivschläge festzuhalten. "Wir werden nicht warten und zusehen, bis ein neuer Anschlag passiert", betonte er zum US-Unabhängigkeitstag am 4. Juli auf dem Wright-Patterson-Luftwaffenstützpunkt in Ohio. "Wir vertrauen nicht auf die Zurückhaltung oder guten Absichten von Bösewichten."

00:00 11.07.2003

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