Trete vor und schweige

Vergesslichkeit der Außenpolitik Der Schock über die Terror-Anschläge in den USA leistet einer Selbstgerechtigkeit Vorschub, zu der es keinen Anlass gibt

Dies ist nicht der Zeitpunkt für analytischen Scharfsinn, Selbstgerechtigkeit und gut formulierte Kommentare. Es gibt ein Recht, ja, vielleicht sogar eine Pflicht zum Schweigen, wo die Gedanken erst noch gedacht, die Worte erst noch gefunden werden müssen - sich zu widersetzen dem Druck der Medien, nicht nur zu berichten, sondern auch sofort wortreich zu erklären, spontane Meinungen zu haben, eindeutig zu urteilen. Aber wem "der Anblick unnennbaren Grauens nicht die Zunge gelähmt, sondern flott gemacht hat", so Karl Kraus über den Journalismus und die Intellektuellen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der verdient, wie die Politiker, die alles sofort mit ihren handelsüblichen Klischees bedienen, unsere Verachtung: "In dieser Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte, und in der geschehen muß, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe nicht; in dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Möglichkeit, dass sie ernst werden könnte; von ihrer Tragik überrascht und sich selbst auf frischer Tat ertappend, nach Worten sucht; in dieser Zeit mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten. Wer etwas zu sagen hat, der trete vor und schweige!"

Karl Kraus´ "Schweigen" bestand in der sofort aufgenommenen Arbeit an dem, was das größte und tiefschürfendste Drama über den Krieg werden sollte, Die letzten Tage der Menschheit. Schweigen heißt darum nicht Verstummen, vielmehr auf die selbstsichere und selbstgewisse Rede verzichten zugunsten des offenen Gesprächs als Mittel der Urteilsbildung. In dieser Zeit, zu diesem Zeitpunkt ist alles offen, niemand vermag zu sagen, wohin die Reise geht, welche Dynamik losgetreten werden wird mit der amerikanischen Kriegserklärung an einen unbekannten Feind. Die konkret überhaupt nicht absehbaren Konsequenzen der sofort angekündigten Vergeltung aber werden ausschließlich negativ sein, den politischen Zustand der Welt qualitativ verschlimmern.

An den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, von dem sich alle Menschen irgendeine "Endlösung" versprachen, erinnert neben der von allen behaupteten Verteidigung der "Zivilisation" und der "Freiheit" auch die Schulterschluss- und Nibelungentreue-Rhetorik der politischen Klasse und der Presseöffentlichkeit - so gut wie ohne Ausnahme. In sicher bewusster Anlehnung an das berüchtigte Wilhelm II-Wort erklärte der FDP-Vorsitzende, er kenne jetzt keine Opposition mehr, nur noch Deutsche. Und so erschallt es auch weltweit: Alle behaupten unisono, Amerikaner zu sein. Es ist eine Hysterie der Angst - der Angst vor dem, was die amerikanische Regierung unternehmen wird, und der Angst vor den aufgeputschten Racherufen im eigenen Land. Wer hat da schon den Mut, kritische Distanz und einen kühlen Kopf einzumahnen, wenn man damit bereits in den Verdacht des Terrorismus-Sympathisanten gerät. Die Springerzeitungen haben flugs die Leitlinien, auf die alle Mitarbeiter politisch-ideologisch verpflichtet werden, erweitert um die "Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten." Denk- und Sprech- bzw. Schreibverbote werden aufgerichtet, die ernsthaften Fragen nach den Ursachen der Katastrophe von vornherein blockiert und in eine und nur eine Richtung gelenkt: Osama bin Laden und der islamistische Fundamentalismus sind die Schuldigen. Diese mögen in der Tat sogar die Verursacher sein - aber sind sie deswegen auch die Ursachen?

Denn über Ursachen wird zu sprechen sein, darüber zum Beispiel, wie es dazu gekommen ist, dass die USA von der in der Freiheitsstatue repräsentierten Hoffnung zum Albtraum und zur Furcht großer Teile der Welt geworden sind - nicht nur bei fanatischen Islamisten. Haben nicht auch ganz und gar bürgerliche Kolumnisten und politische Beobachter gerade jüngst noch nach der arroganten Erklärung der Bush-Regierung, im Interesse der amerikanischen Wirtschaft den Kyoto-Vertrag nicht ratifizieren zu lassen, von einer "Kriegserklärung" der USA an den Rest der Welt gesprochen? Bedroht doch eine weitere Klimaerwärmung potenziell Millionen von Menschen mit dem Verlust ihres Landes, mit Überschwemmungen und tödlichen "Natur"-Katastrophen, und an der Spitze der derart bedrohten Länder steht das muslimische Pakistan. Hat die US-Regierung, die jetzt so selbstgerecht nach "Gerechtigkeit" ruft, sich nicht systematisch seit Jahrzehnten über das Völkerrecht hinweggesetzt, wenn es ihrer Politik im Wege stand, ihren UN-Mitgliedsbeitrag nicht voll bezahlt, Verurteilungen durch den Haager Internationalen Gerichtshof ignoriert, den feierlich geschlossenen ABM-Vertrag einseitig aufgekündigt, auf bloßen Verdacht hin Marschflugkörper auch gegen irrtümliche Vergeltungs-Ziele in fernen Kontinenten in Bewegung gesetzt, sich der Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes seit 1947 und zuletzt noch einmal 1998 vehement widersetzt, weil sie da vielleicht auch eines Tages angeklagt werden könnte?

Die Liste der "Arroganz der Macht" amerikanischer Regierungen ist lang. Vor allem aber: Werden jetzt die Analysen aller Ökonomen und Kenner des internationalen Systems obsolet? Ist die Tatsache, dass der von den USA politisch geführte und militärisch verteidigte Kapitalismus im Weltmaßstab strukturell für den akkumulierten Wohlstand unserer Gesellschaften, die dramatisch zunehmende Verarmung und den Hunger in großen Teilen der nicht-westlichen Welt verantwortlich ist, seit dem 11. September 2001 nicht mehr aussprechbar? Dass die kapitalistische Globalisierung gesellschaftliche und ökonomische Polarisierung bedeutet und die Verelendung der Dritten Welt dynamisch fortschreibt und dass das New Yorker World Trade Center real und symbolisch eben dafür stand? Haben wir, haben die Meinungs- und die Politikmacher diesen Kapitalismus schon so internalisiert, dass er in fast allen Verlautbarungen und Meinungskolumnen mit der menschlichen Zivilisation tout court ganz selbstverständlich gleichgesetzt werden kann, indem diese selbst und nicht etwa bloß die hochgerüstete arrogante atlantische Hegemonie ins Herz getroffen worden sei? Gehört nicht religiöser Fanatismus - jedem Monotheismus sei´s geklagt! - furchtbarer Weise auch zu eben dieser Zivilisation? Er sitzt nicht nur im Islam, er sitzt in Israel, er sitzt tief im Christentum.

Darüber nachdenkend und zum Gespräch einladend darf eine gesicherte Erfahrungswahrheit nicht vergessen werden: Auch wenn dieses horrende politische Großverbrechen ohne jene Rahmenbedingungen nicht gedacht werden kann - den vom kapitalistischen Westen erniedrigten und gedemütigten Völkern zu helfen, ist weder subjektiv noch objektiv das Motiv der hochintelligenten politischen Fanatiker. Wo immer diese gewalttätigen Avantgarden an die Macht kommen, zeigen sie sich selbst als die schlimmsten Unterdrücker. Sie bleiben unentrinnbar die Gefangenen der eigenen Mittel im Kampf um die Macht. Der Angriff auf die beiden so prominenten Ziele in den USA war darum nicht weniger - aber auch nicht mehr ! - als ein spektakulärer Erfolg im Krieg zwischen extrem ungleichen Machteliten. Und er wird folgerichtig inzwischen auch offiziell so beim Namen genannt. Eine gewonnene Schlacht aber ist noch lange kein gewonnener Krieg - den könnten die alles andere als feigen Selbstmord-Fanatiker erst dann gewinnen, wenn der bekämpfte Westen sich nach innen zu xenophobischen, illiberalen Polizeiregimen zurückentwickelte und nach außen mit jenem "Feldzug" antworten sollte, der sofort und ohne Ursachenforschung angekündigt wurde.

Dass schlimme Mittel jeden Zweck kompromittieren und ihre eigene Dynamik der Verselbständigung entwickeln, ist nahezu ein Gesetz der Politik. Man muß auch darüber mit aller Deutlichkeit sprechen, dass der kriminelle Fanatiker bin Laden einst ein "Mann der Amerikaner" gewesen ist - und die Agenten, die ihn und seine Leute damals im Kampf gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan ausrüsteten, wussten zweifellos, dass sie es nicht mit einem idealistisch-demokratischen Freiheitskämpfer für westliche Ideale zu tun hatten. So ist es also keineswegs "tragisch" zu nennen (wie es einige Kommentatoren heute tun), wenn die amerikanischen Politikmanager sich ein nun auf ihr eigenes Land zurückschlagendes Monster großgezogen haben. Dieser opportunistische Zynismus hat Methode: "Meines Gegners Gegner sind meine Verbündeten". Und er hat Geschichte: Saddam Hussein gegen den Iran, die Khmer Rouge gegen Vietnam, die UCK-Banden gegen Milosevic, usw. Die deutschen Dienste, die deutschen Außenpolitiker haben das natürlich immer gewusst, aber dagegen gesagt haben sie selbstverständlich nichts, weil sie es nämlich genau so tun würden, kämen sie in den Fall. Angesichts des Grauens von Manhattan und Washington bleibt einem jede kritische Selbstgerechtigkeit beim Hinweis auf die Nemesis einer in ihren Mitteln selbst skrupellosen Außenpolitik im Halse stecken - und doch muss auch über diesen Teil der furchtbaren Wahrheit gesprochen werden. "The chicken come home to roost", kommentierte Malcolm X 1963 die Ermordung John F. Kennedys und wurde dafür in der amerikanischen Öffentlichkeit zur moralischen persona non grata - wer heute Vergleichbares sagt, dem wird es ähnlich ergehen; was Malcolm X nur ahnen aber nicht wissen konnte war, dass Kennedy selbst in Attentatsvorbereitungen auf unliebsame Staatsoberhäupter und Politiker verwickelt gewesen war.

War es nicht ein amerikanischer Präsident, der einst den politischen Antagonisten theologisch als "Reich des Bösen" dämonisierte, was keiner seiner europäischen Kollegen seinerzeit öffentlich zurückwies und von den Kritikern amerikanischer Außenpolitik bestenfalls ironisch kommentiert wurde? Eine Fundamentalisierung der amtlichen politischen Rhetorik, deren fanatisch-islamistische Version uns jetzt so erschreckt und die als Beweis der Unzivilisiertheit gilt - ist doch auch ein Echo.

Nun ist also Rache angesagt. Dass niemand genau zu sagen vermag, gegen wen sie sich weltweit richten soll und insofern auch der taktische Fehlschlag vorprogrammiert ist, das zu erkennen bedarf es leider wenig Phantasie. Aber dieser Rachefeldzug - noch dazu in den angedrohten Dimensionen - stellt selbst den eigentlichen Fundamentalangriff auf die historische Zivilisation dar. An deren westlichen Ursprüngen zumindest liegen zwei große mythologisch-theologische Erzählungen, die beide von der Rache als dem gewissermaßen anti-zivilisatorischen Atavismus schlechthin handeln. Die erste ist biblisch und berichtet von Kains Brudermord, der bekanntlich gleich nach der Vertreibung aus dem Paradies erfolgt. Aber so schwer auch das Verbrechen Kains ist: Der HERR verbietet es den Menschen, den Verbrecher zu töten - darum das Kains-Zeichen - und lässt den flüchtigen Kain zum Gründer einer Stadt, zum Begründer also von Zivilisation werden: damit keine Rache unter den Menschen sei; die behält Gott sich selbst vor. Zivilisation heißt Überwindung von Rache.

Der zweite Gründungsmythos, von Homer überliefert und von Aischylos später erzählt, handelt von der selbstzerstörerischen Logik der Vergeltung am Beispiel der Atriden-Geschichte: Jeder Mord war da durch einen neuen Mord gerächt worden - bis die Göttin Athene die Erinnyen, die Rachegöttinnen, zu den Eumeniden, den Schutzgöttinnen der Polis Athen, machte und durch ihre Stadtgründung den ewigen Zirkel der Vergeltung von Vergeltung unterbrach. Politik wird ermöglicht durch die Überwindung von Rache.

Auch ein bin Laden samt seiner Helfer hat das Recht auf ein gerichtliches Urteil - bis dahin gilt für ihn und alle Verdächtigen die Unschuldsvermutung, was jeden kriegerisch-zerstörerischen Rachefeldzug kategorisch ausschließt. Dass man auf Terrorgewalt nicht mit Terrorgewalt antworten darf, vielmehr nur friedliche Mittel auf dem Wege zur strafenden Gerechtigkeit unserer Zivilisation würdig sind, das ist es, was heute - in den eingangs zitierten Verzweiflungs-Worten von Karl Kraus - "geschehen muss, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe nicht."

Ekkehart Krippendorff ist Professor emeritus der Freien Universität Berlin, er lehrte Politik am John-F. Kennedy-Institut. Von ihm erschien unter anderem das Buch Kritik der Außenpolitik (Suhrkamp-Verlag 2000)

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00:00 21.09.2001

Ausgabe 42/2021

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