Turn on, drop out!

LSD II 1968 und die Politik der Droge

Sommer 1960, während eines Ferienaufenthalts in Mexiko. An einem Swimmingpool liegend, nimmt ein Psychologie-Assistent der Harvard-Universität "heilige Pilze" zu sich, die er von einem indianischen Medizinmann gekauft hat. Er gerät in einen Zustand mystischer Ekstase, fühlt sich erleuchtet, gewinnt tiefe Einsichten. Er beschließt, von jetzt an seine weiteren Forschungen ganz der Wirkung von Halluzinogenen zu widmen.

Die Voraussetzungen sind günstig. Harvard ist eine der renommiertesten Universitäten der USA, und Timothy Leary - von dem hier die Rede ist -, ein junger, erfolgreicher Wissenschaftler, steht kurz davor, eine Professur zu erhalten. Seine weitere Karriere aber wird in kaum vorhersehbarer Weise von seinem Ferienerlebnis in Mexiko bestimmt.

Denn sehr bald geraten er und sein Mitarbeiter Richard Alpert in Schwierigkeiten. LSD, in dem sich eine chemisch ähnliche Substanz wie in den heiligen Pilzen befindet, ist zwar leicht zu bekommen. Man bestellt es ganz einfach bei der Sandoz AG in Basel, wo es als Arzneimittel für die Psychiatrie vertrieben wird. Der Universität sind Leary und Alpert aber bald ein Dorn im Auge. Insbesondere, dass sie Studenten als Versuchpersonen für ihre Experimente mit Halluzinogenen heranziehen, führt zu Konflikten. Ein Student soll über einen Platz gelaufen sein und laut geschrieen haben, er sei Gott. Solches erzeugt Ärger und wenig später werden Timothy Leary und Richard Alpert gefeuert.

Bewusstseinsrevolution

Wenn es überhaupt eine Initialzündung des "politischen" Drogengebrauchs gab, so war es dieses Ereignis. Während Richard Alpert nach Indien reist, zum Hinduismus konvertiert und sich in den Guru Ram Dass verwandelt, wird Leary zum Märtyrer der Drogenfahndung und zum Heiligen der protestierenden Jugend, der er hemmungslos und radikal die Bewusstseinsrevolution durch die Droge verkündet.

Im Januar 1963 erhält der Naturstoffchemiker Albert Hofmann eine seltsame von Leary unterschriebene Bestellung. Leary ordert eine Lieferung von hundert Gramm LSD-25 und fünfundzwanzig Kilogramm (synthetisches) Psilocybin. Diese Menge entspricht gut drei bis vier Millionen Trips. Später wird kolportiert, Leary habe damit das Trinkwasser New Yorks versetzen wollen, um auf diese Weise den Anfang zur Erleuchtung der gesamten Menschheit zu machen. Hofmann führt die Bestellung nicht aus.

Doch Leary lässt sich nicht bremsen. Er propagiert öffentlich die Einnahme von Halluzinogenen und verkündet sein berühmtes Motto: "Turn on, tune in, drop out!" Es wird zum Wahlspruch der Hippies. "Turn on", - so erklärt Leary - "bedeutet, Verbindung mit den alten Energien und Weisheiten aufzunehmen, die in das Nervensystem eingebaut sind. Tune in sich diese neue Perspektive nutzbar zu machen und in einem harmonischen Tanz mit der äußeren Welt zu verbinden. Drop out heißt, sich vom Stammesspiel zurückzuziehen."

Doch was ist das für ein "Stammesspiel", von dem Leary redet? Es ist nichts anderes als die alltägliche Normalität: "Welche aufregende Vorstellung: Eine Generation schöpferischer Jugendlicher lehnt es ab, im Gleichschritt zu marschieren, weigert sich, ins Büro zu gehen, Ratensparverträge zu unterzeichnen, sich in die Tretmühle zu begeben."

Die Verweigerung der Tretmühle war keine neue Botschaft. Bereits die Beatniks in New York und San Francisco, die Gammler in Europa, die Provos in Amsterdam oder Stockholm, die Diggers" und Yippies und wie sie alle hießen - der gesamte Underground hatte nichts anderes verkündet: Heraus aus der Sinnlosigkeit von Arbeit und Konsum, von Macht und Unterwerfung, einer Welt, die kurz davor stand, sich atomar in die Luft zu jagen!

Es war lediglich eine Fortsetzung dieser Tradition, als auch an den Universitäten solche Botschaften lauter wurden. In die sechziger Jahre fielen erste Anstrengungen, die Universitäten nach betriebswirtschaftlichen Effizienz-Kriterien zu modernisieren, zu Wissensfabriken zu machen oder zu Dependancen der Rüstungsindustrie. Bürgerrechts- und Anti-Vietnamkriegs-Bewegung passten da gut zur Weigerung, sich für solche Interessen einspannen zu lassen. In Europa gewann der Neo-Marxismus an Einfluss. Doch wie hochintellektuell die Theorien des Protestes auch gelegentlich waren, schien es vielen, als sei im Grunde die Droge deren konsequenteste Zusammenfassung. Wer sie einnahm, sah sofort, was Sache war.

Schnellkursus in Kritischer Theorie

"Eine komfortable, reibungslose, vernünftige, demokratische Unfreiheit herrscht in der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation, ein Zeichen technischen Fortschritts", lautete der erste und programmatische Satz von Herbert Marcuses Buch Der eindimensionale Mensch, das 1964 erschien. Es war, und dies ist nicht nur Marcuses Botschaft, das eigentliche Kennzeichen des "Spätkapitalismus", dass er auf "irrationaler Herrschaft" aufbaute. Schon längst waren die Mittel vorhanden, um die Menschen von entfremdeter Arbeit zu entlasten. "Rational" gesehen, war Freiheit möglich. Aber der technische Fortschritt wurde gerade umgekehrt als Werkzeug zur Herstellung von Abhängigkeit und Unterwerfung missbraucht. Komfortabel und reibungslos hatten sich die Menschen eingepasst, manipuliert durch profitorientierte Massenmedien, die ein falsches und illusionäres Bewusstsein erzeugten.

Die von der protestierenden Jugend entworfene Gegenwelt nahm eine neue Zukunft vorweg. In ihr war die "Eindimensionalität" gesprengt, an deren Stelle trat ein kreatives, buntes, erotisches Miteinander. Hatte Sigmund Freud den Preis für Zivilisation und Kultur noch in leidvoller Triebreglementierung gesehen, wurde nun die Befreiung des Eros verkündet. Liebe statt Krieg: das hatten schon die Beatniks praktiziert. Die love generation der Hippies erwählte die Blume zu ihrem Symbol und taufte die von Blumenkindern bevölkerte Haight Street in San Francisco in Love Street um. Denn: All You Need is Love, wie die Beatles sangen. In vereinfachter Variante war es nichts anderes, als was Herbert Marcuse schwerverständlich und dennoch wirkungsvoll akademisch auseinandersetzte.

Gab die Droge so gesehen einen Schnellkursus in Kritischer Theorie, so wurde mit einem Joint oder mit Hilfe von Acid (LSD) sehr rasch sonnenklar, wie unsäglich konditioniert ein jeder war. Die Revolution konnte hier und jetzt stattfinden. Zur Veränderung der Gesellschaft war es nur ein kleiner Schritt.

Wie traumtänzerisch dieses Unterfangen war, lag nicht immer offen zu Tage. Denn je tölpelhafter Polizei und Justiz gegen den Drogengebrauch vorgingen, desto augenscheinlicher war es eine politische Aktion, einmal so richtig "stoned" oder "drauf" zu sein. "Vom Standpunkt des gesellschaftlichen Establishments", so stand in einem der damaligen Texte, "ist es vielleicht berechtigt, die psychedelischen Drogen als gefährliche subversive Stoffe zu klassifizieren. Durch die Öffnung der Pforten der Wahrnehmung und die damit verbundenen Einsichten ermöglichen sie vielen Menschen den Komplex von Betrug und Täuschungen zu durchschauen, aus dem die Mythologie der sozialen Lügen besteht."

Die Pforten der Wahrnehmung, so hieß der berühmte Essay von Aldous Huxley, eine Art Protokoll seiner 1953 durchgeführten Selbstversuche mit Meskalin. Halluzinogene, so fand Huxley, sind durchaus zur Erweiterung des politischen Horizonts geeignet. In seinem utopischen Roman Eiland (1962) beschreibt Huxley eine friedliche und humane Idealgesellschaft. Psychoaktive Pilze werden dort zur Initiation Jugendlicher eingesetzt. Sie sollen dadurch erfahren, worauf es im Leben wirklich ankommt. In Eiland gibt es keine Kriege, Liebe spielt in all ihren Erscheinungsformen eine wichtige Rolle.

Bitteres Ende?

Leider zeigte sich bald, dass eine wirkliche Verbindung von Drogengebrauch und Politik nicht möglich war. Ausgerüstet mit Pott und Acid wählten rebellische Jugendliche beim demokratischen Parteikonvent 1968 in Chicago ein Schwein zum amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. Ihr "Festival der Daseinsfreude" wurde von der Polizei jedoch blutig niedergeknüppelt. Auch die rund 400.000 Teilnehmer des Woodstock-Festivals im August 1969 konsumierten kräftig Haschisch und LSD. Eine politische Wirkung ging davon nicht aus.

Die Zahl derer, die von Halluzinogenen keineswegs Bewusstseinserweiterung oder politische Einsichten erwarteten, sondern Betäubung, stieg dagegen sprunghaft. Herointote in den Toiletten der Großstädte und Süchtige unter den Qualen der Entziehungskuren kontrastierten mit den Profiten der Drogenbarone und Dealer, die sich im weltweiten Netz von neo-kolonialem Drogenanbau und auf den globalisierten Schwarzmärkten eine goldene Nase verdienten. Mit verschärfter Gesetzgebung und Verfolgung stimulierten die Regierungen diesen Missbrauch beträchtlich. Die Preise stiegen, und dennoch waren Drogen bald an jeder Straßenecke zu haben.

So wären also die Folgen von "1968" auf diesem Sektor nur negativ? Das hängt von der Perspektive ab. Nicht die "politische" Seite der Droge, eher ihre therapeutische hat überlebt. Halluzinogene (nicht harte Drogen wie Heroin oder Kokain) haben nach wie vor dort einen Stellenwert, wo sie ihrer Herkunft nach beheimatet sind: nämlich in der Heilkunde. Als "psycholytische Therapie" fristen sie kaum legal in Kreisen mehr oder weniger esoterisch angehauchter "Psychonauten" ihr Dasein. Besonders in der Schweiz existiert eine solche Szene, die sich mit der so genannten "Transpersonalen Psychologie" verbindet. Dabei wird gerne auf eine Schrift von Timothy Leary, Richard Alpert und Ralph Metzner zurückgegriffen: Psychedelische Erfahrungen. Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuchs. Hier ist von Politik keine Rede mehr. Aber der "Ausstieg" ist radikal und konsequent: Er führt von dieser in die nächste Welt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.05.2008

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare