Typisch Norwegen?

Breivik-Prozess Unser Autor ist der Christoph Schlingensief Norwegens. Dem Attentäter Anders Breivik im Osloer Gerichtssaal 250 zuzuhören, ist das Schlimmste, was er je erlebt hat

"Wie ist es?“, fragen mich plötzlich alle Leute, denen ich begegne. Die einen wollen wissen, wie es sich anfühlt, live bei einem der spektakulärsten Gerichtsprozesse unserer Zeit dabei zu sein. Die anderen können sich einfach nicht vorstellen, ihm körperlich so nahe zu sein. Deshalb versuchen sie herauszubekommen, wie ich das wohl aushalte.

Er, das ist Anders Behring Breivik.

Und die Antwort auf beide Fragen lautet, dass es anstrengend ist. Furchtbar anstrengend. Das Furchtbarste aber ist das von Prozesstag zu Prozesstag immer stärker werdende Gefühl, dass wir nicht mehr in der Lage sind zu sagen, was wirklich wichtig ist. Denn in dem Geschrei um die Auftritte des Attentäters vor Gericht sind uns unsere Gewissheiten irgendwie verloren gegangen.

Das, was am 22. Juli 2011 auf der Insel Utøya geschehen ist, darf nie wieder passieren.

Es ist jetzt über sieben Tage her, dass Anders Behring Breivik am Montag vergangener Woche das Wort ergriffen hat. Und ich muss sagen, dass der Prozess für mich seither eine einzige gewaltige Konzentrationsübung ist. Ihn anzuschauen und seinen eiskalten Ausführungen über die „Selbstmordaktion“ zuzuhören – die er selbst „spektakulär“ und „großartig“ nennt –, ohne etwas anderes machen zu können, als das über sich ergehen zu lassen, das ist echt eine Prüfung. Ich möchte Breivik am liebsten packen, ihn schütteln, ihm fest ihn die Augen blicken und sagen: „Du spinnst! Du meinst das doch nicht wirklich, was du da sagst!“ In all den Tagen über spürte ich das tiefe Bedürfnis, seiner irgendwie einstudierten, wohlartikulierten und politikermäßigen Rhetorik zu widersprechen.

„Das alles ist eine ideologische Reise gewesen“, sagt Breivik.

Oder: „Strafrechtlich betrachtet bin ich gesund.“

„Ich habe Ihnen den faktischen Ablauf der Tat vermitteln wollen.“

„Es ist wichtig, zwischen politischem Extremismus und Wahnsinn im klinischen Sinne des Wortes zu unterscheiden.“

Es gibt keinen leichten Ton

So redet er. Jener Politikerjargon, den er sich zugelegt hat, bringt mich dazu, ihm ins Gesicht schreien zu wollen: „Reiß dich zusammen, Kerl! Rede normal!“ Aber das geht ja nicht, das kann ich nicht machen. Es ist ja nicht wichtig, was ich will. Im Gegenteil, jetzt ist es leider wichtiger, sehr viel wichtiger, dass wir ihn reden lassen.

Und dann kam Freitag, der 20. April 2012. An diesem Tag hat Behring Breivik vor Gericht genauestens beschrieben, wie er acht Monate zuvor 77 Menschen umgebracht hatte. Ihm dabei zuzuhören, war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Schon bevor es losging, wussten alle anderen im Saal, was kommen würde, und trotzdem kam uns das Warten unendlich lang vor. Wenn er doch endlich anfangen würde! Dann hätte man es wenigstens hinter sich!

Aber als er dann zu reden begann, wünschte ich mir, dass ich nie hierher ins Gericht gekommen wäre. Es war wie in einem Horrorfilm. Die Atmosphäre im Saal war erstickend. Plötzlich verband alle Anwesenden ein und dasselbe Gefühl: als hätten sie jenen Menschen, den sie am meisten geliebt haben, durch einen unnötigen Tod verloren. Einen unnötigen Tod, den man hätte verhindern können. Der Schmerz im Raum war so unerträglich, dass ich beinahe keine Luft mehr bekam.

Bevor ich dem Morgenbladet zugesagt habe, für sie als Gerichtsreporter über den Prozess zu berichten, hatte ich die irgendwie naive Vorstellung, dass ich meine Texte vielleicht in einem etwas leichteren Ton schreiben könnte als die anderen. Ich wollte nicht unbedingt witzig sein, aber einen Ton, der das Unerträgliche erträglicher machen würde, der würde sich gewiss finden lassen, dachte ich. Nach jenem Freitag weiß ich nun: Das Leichte gibt es nicht.

Und ich weiß auch, warum es diesen Prozess gibt, ihn unbedingt geben muss. Also ich sehe das jedenfalls so: Das Wichtigste am ganzen Prozess ist, dass wir den Mann reden lassen. Und ihm zuhören. Auch wenn es das Schwerste ist, was man sich vorstellen kann. Die erste Woche im Gerichtssaal hat mich fertig gemacht. Mir war dauernd schlecht. Es wird einem tatsächlich übel, wenn man sich stundenlang Sachen anhören muss, die jenseits aller Vernunft sind; und man sich aber trotzdem zu diesem kruden Gedankengebäude verhalten muss, sich darin eindenken muss, als sei es real.

Man wird müde und mürbe davon, sich in Anders Behring Breiviks Logik zu zwängen, sich in seine Welt einzuleben. Es ist erschöpfend, seinen Überlegungen zu lauschen, wenn er beispielsweise über jenen Kampf sinniert, den er in Europa glaubte kämpfen zu müssen. Oder wenn er seine Taktik erläutert, die ihm zum Sieg verhelfen sollte.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Die Versehrten und Hinterbliebenen müssen unbedingt die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Und ich glaube auch fest daran, ich hoffe es sogar, dass wir Behring Breivik nach diesem Prozess nie wieder sehen werden. Dass er weggefegt und versteckt wird, für immer und ewig. Die größte Gefahr ist aber, dass wir es verpassen, ihm jetzt während des Prozesses richtig zuzuhören.

Denn nur jetzt können wir erfahren, woher seine Ideen stammen. Es ist unsere Aufgabe zu lernen, worauf wir in Zukunft achten müssen, damit eine solche Situation verhindert werden kann.

Da sitzt er, der Massenmörder Anders Behring Breivik und hofft, dass seine Tat einen Konflikt zwischen „Nicht-Islamisten und Islamisten“ beschleunigen wird – solange die Islamisten noch nicht in der Überzahl sind. Das ist in einem Satz der Grund, warum 77 Menschen sterben mussten. Denn in all seiner Abscheulichkeit ergibt die Tat für Behring Breivik nach wie vor einen Sinn.

Die Art und Weise, wie er seinen 73 Minuten dauernden Einleitungsvortrag hielt, war dementsprechend taktisch klug. Er hat sich damit nämlich einen zwar paranoiden, aber ganzheitlich, weil in sich schlüssigen Rahmen für seine späteren Ausführungen errichtet. Behring Breivik spricht gehobenes Norwegisch, man merkt, dass er es gewohnt ist, sich gut auszudrücken. Seine Formulierungen sind präzise, seine Argumente für sich genommen durchdacht. Es fällt mir nicht schwer, mir auszumalen, wie ein Teenager sich von der Breivikschen Welt verführen lassen könnte.

Es gibt nicht wenige Menschen, die von einer fehlenden Bildung oder wirren Intelligenz reden. Viele meinen, wir sollten ihn, seine Gedanken und die Tat totschweigen. Dass dieser Prozess ihm nun die Aufmerksamkeit und den Redeplatz geben würde, den er sich insgeheim gewünscht, den er angestrebt habe. Sie sagen auch, dass man ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit anhören und richten sollte. Dass er anschließend weggesperrt und vergessen gehört.

Ich bin anderer Meinung. Behring Breivik gibt uns die Möglichkeit zu verstehen, wie er tickt. Das ist in Wahrheit einer der wenigen Chancen und Hoffnungen, die wir nach all dem, was passiert ist, überhaupt noch haben. Vielleicht können wir nach diesem Prozess etwas Grundlegendes verstehen. Wir müssen seine Tat nicht akzeptieren, aber wir sollten sie verstehen.

Dabei ist es mir nicht wichtig, den Menschen hinter dem Täter Behring Breivik kennenzulernen und für ihn Verständnis zu haben. Vielmehr geht es darum, ihn später, wenn er in den Köpfen anderer auftaucht, wiederzuerkennen. Wenn sein Gedankengut zurückkehrt, erneut auftaucht. Wo auch immer: in den Medien, im Internet, auf der Straße, in mir selbst.

Wir müssen Breivik verstehen

Denn das, was Behring Breivik hier erzählt, sind nur Variationen von dem, was er selbst irgendwo gehört und aufgeschnappt hat. Vorurteile, Ängste, Ressentiments, Hass. Über all das wird in Norwegen gesprochen. Und diese Worte haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Es sind Worte, als deren äußerste Konsequenz man die fürchterlichen Ereignissen vom 22. Juli betrachten muss.

Wir sollten ihn also nicht „dumm“ nennen, denn damit verkennen wir die Gefahr, die in diesen Gedanken steckt, bereits ein weiteres Mal. Lasst uns hören, was er zu sagen hat. Lasst uns ihm zuhören, damit das nächste, sich ungeliebt fühlende Kind aus einer bürgerlichen Familie in West-Oslo, das sich in ein braunes Gemeinschaftsgefühl im Internet hineinsteigert, hoffentlich viel mehr kritische Stimmen in seinem Kopf hat, die ihm ins Gewissen reden und daran hindern, zu einer ähnlich grausamen Tat zu schreiten.

Dafür müssen wir ihm seine Argumente – Satz für Satz, Wort für Wort – auseinandernehmen. Wir müssen laut sagen, dass die Fakten, auf die er sich beruft, dass die Gedanken, die er denkt, Dummheiten sind. Dass seine Argumente dumm sind. Nicht er selbst. Denn er ist das nicht. Leider nicht. Sein Pamphlet wurde in der ersten Prozesswoche schon auseinander genommen, denn es geht nicht auf. Die Fakten stimmen nicht.

Und so habe ich erfahren, dass es etwas wie „urnordisches Blut“ gar nicht gibt. Es stimmt auch nicht, dass alle Menschen muslimischen Glaubens die Gesetze der Scharia einführen wollen. Es ist schlicht falsch, dass in zehn Jahren „ethnische Norweger“ in Oslo in der Minderheit sein werden. Und was, wenn? Das würde doch nicht bedeuten, dass unser Land untergeht.

Dank dieses Prozesses wird in Norwegen nun ein Wissen einer breiten Schicht der Bevölkerung bekannt gemacht, über das bisher wenige von uns wirklich verfügt haben. In Wahrheit glauben nämlich viele, dass Behring Breivik doch eigentlich recht hat. Zukünftig können wir nun reagieren, wenn uns das nächste Mal solche menschenverachtenden Dummheiten begegnen. Es sollte dann für uns wie ein natürlicher Reflex sein, auf sie zu reagieren.

Denn ein Gefühl hat sich im Laufe der ersten Prozesswoche immer mehr verstärkt: Es ist meine verdammte Pflicht, mich gegen Breivik-mäßige Argumente zu rüsten. Deshalb sitze ich hier Tag für Tag. Damit ich jedes Argument kenne, das Menschen wie Breivik benutzen. Ich will um ihre Fehler schon vorher wissen.

Am schwierigsten war es im Gerichtssaal, einen Überblick über die eigenen Gefühle zu behalten. Ich musste mich dazu zwingen, Behring Breiviks Ausführungen zu folgen und der Situation gleichzeitig mit einer Form von Würde zu begegnen. Also nicht aufzustehen und herumzubrüllen. Das war eine fürchterliche Erfahrung, von der ich hoffentlich eines Tages sagen kann, dass sie nicht sinnlos war. Denn es geht tatsächlich darum, an all dem etwas Sinnvolles zu finden.

Ein Satz ging mir im Gerichtssaal 250 in all den Tagen immer wieder durch den Kopf. An diesen Satz habe ich mich geklammert wie an nichts anderes: Es darf nie wieder geschehen. Das ist in Wahrheit die einzige Konsequenz, die eine Wiedergutmachung der Taten Behring Breiviks sein könnte, wenn es die gäbe. Nie wieder, das ist die höchste Strafe, die der Täter bekommen kann. Lasst uns also die nächsten zehn Wochen durchstehen und uns zwingen, ihm zuzuhören. Denn danach: nie wieder.

Nie wieder.

Kristopher Schau Onkel Blau nennen sie ihn in Norwegen. Dort ist der 41-Jährige ein Superstar, geliebt und gehasst zugleich. Schau arbeitet als Musiker, Aktionskünstler, Fernsehmoderator und Autor. Er ließ sich beschneiden und aß anschließend seine Vorhaut; bot seinen Penis einem Hund als Futter an; wohnte hinter einem Schaufenster und wusch sich nur mit H-Milch. Für die norwegische Zeitung Morgenbladet nimmt er im Moment als Reporter am Breivik-Prozess teil.

09:10 26.04.2012

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