Um Kopf und Kragen

Das Kino, vom Fernseher aus betrachtet Zum Tod von Billy Wilder

Bei den großen Namen in Kunst und Kultur gibt es dieses gewisse Missverhältnis zwischen ihrer Weltbedeutung und dem Platz, den sie im gewöhnlichen Leben eines Zuschauers einnehmen. Nicht dass sie auf der einen Seite viel und auf der anderen wenig gelten, nein der Unterschied ist eher einer von geheiligten Gegenständen und dem profanen Umgang damit, von verbriefter kultureller Bedeutsamkeit und der banalen Wahrnehmung im Familienkreis, oder anders gesagt: wie soll man über einen großen Kinoregisseur schreiben, dessen Filme man in erster Linie "nur noch" aus dem Fernsehen kennt? Der Glückspilz, Das Apartment, Sabrina, Boulevard der Dämmerung und natürlich Manche mögen´s heiß, all diese Filme waren fester Bestandteil meiner Fernsehkindheit. Dass sie als Werke eines Regisseurs namens Billy Wilder zusammengehören, wurde mir erst sehr viel später klar. Und diese langwährende Ignoranz ist nur einer der Faktoren, die die Fernsehrezeption von der kulturell besser angesehenen, der im Kino, unterscheiden mag.

Anders als im abgedunkelten Kinosaal ist man vor dem Fernseher nämlich selten alleine, zumindest in jungen Jahren. Was wiederum bedeutet, dass man beim Sehen des öfteren gestört wird - von den Eltern, die darauf drängen, dass man an die Luft oder ins Bett geht, von den Geschwistern, die ins Sportprogramm schalten wollen und was dergleichen Störfaktoren mehr sind. Der schnöde Alltag fragmentiert auf diese Weise die Wahrnehmung der filmischen Meisterwerke und das Seltsame daran ist, dass es ihnen nichts ausmacht. Im Gegenteil kann ich mich vage daran erinnern, zusammen mit meinem nur wenig älteren Bruder das erste Mal Manche mögen´s heiß geschaut zu haben; Männer in Frauenkleidung, das amüsierte uns damals natürlich sehr, und dann verhinderte irgendein widriges Schicksal, dass ich den Schluss des Films sehen konnte, den musste mir mein Bruder nacherzählen. Weil es ihn dabei selbst noch vor Lachen schüttelte, verstand ich allerdings nur, dass im letzten Moment die Jack-Lemmon-Figur sich die Perücke vom Kopf reißt; ich konnte nicht ganz nachvollziehen, was mein Bruder so lustig daran fand, lachte aber höflich mit. Umso ungetrübter von jeder Vorkenntnis war also Jahre später mein Vergnügen, als ich den Film noch einmal sah und endlich die berühmte Schlusssentenz, vergleichbar vielleicht nur noch mit dem "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" aus Casablanca, genießen und verstehen konnte. Von da an dauerte es dann nur noch ein paar Jahre, bis mir anhand der Originalfassung klar wurde, dass dieses "Nobody´s perfect" ja längst ein geflügeltes Wort war, das im übrigen heute von keiner Synchronisation mehr übersetzt werden würde. So ist das mit der Bildung aus dem Fernsehen, man kommt mit vielem zu spät, wird vom Leben dafür aber nicht unbedingt bestraft.

Denn der Ungleichzeitigkeit des Fernsehens mit seinen ständigen Wiederholungen ist es zu verdanken, dass einem Kinogiganten wie Billy Wilder ganz unvermittelt ans Herz wachsen, egal aus welcher Generation man kommt. Fernsehen, das bedeutete im Unterschied zu späteren Programmkinotagen aber auch immer Synchronisation. Versierte Kulturkritiker halten diesen Akt, bei dem einem Schauspieler eine fremde Stimme in den Mund gelegt wird, für barbarisches Handwerk. Für den Fall meiner Bekanntschaft mit Wilders Filmen muss ich aber ganz ehrlich sagen, dass sie zum Beispiel ohne die wunderbar mäkelige Stimme von Georg Thomalla, der Jack Lemmon sprach oder das gezierte Hauchen von Margot Leonard als Marilyn Monroe, das doch nie aufgesetzt wirkte, ganz anders verlaufen wäre. Denn Wilders Filme sind Wortfilme, was wie wann und in welchem Tempo gesagt wird, darauf kommt es an. Selbst seine "ernsten" Werke wie Frau ohne Gewissen (Double indemnity) oder Sunset Boulevard bauen auf Wortwitz und wichtiger noch auf jenes Timing der Rede, das die schriftliche Widergabe der berühmten Zitate nur nachzeichnen, nicht festhalten kann. Weshalb die Filme sich wenig für Untertitel eignen. Oder wie die Figur des Drehbuchautors in Sunset Boulevard ganz richtig sagt: "Das Publikum weiß nicht, dass sich jemand hinsetzt und Drehbücher schreibt, es denkt, die Schauspieler sagen, was ihnen gerade in den Kopf kommt."

Wie über das Fernsehmaß hinaus gut die Dialoge der Wilder-Filme wirklich waren, merkte ich erst, als der Zeitgeist der Achtziger die Filme eins zwei drei und A foreign affair in die Westberliner Kinos brachte und ich sprachlich auf Originalfassungen besser vorbereitet war. Es war ein fast schwindelerregendes Erlebnis, James Cagney in der Rolle des CocaCola-Vertreters MacNamara von rhythmischem Fingerschnipsen begleitete Wortkaskaden absondern zu hören, in denen stets der Witz die Oberhand über jegliche Ideologie behält. "Der Berliner Senat weigert sich, einen Colaautomat im Rathaus aufzustellen? Wer hat hier eigentlich den Krieg gewonnen?"

Meiner Begeisterung für Wilder-Filme kam natürlich auch entgegen, dass man im frühen Fernsehalter in puncto Sexismus vollkommen unempfindlich zu sein pflegt. Wilder nämlich könnte als Erfinder des klassischen "Dummchens" durchgehen, dieser lasziven Frauenfiguren also, die so herrlichen Unsinn reden wie, dass es ganz schön peinlich ist, wenn man in der Badewanne festklemmt, der Klempner kommt und man dann keinen Nagellack auf den Zehen hat! Das Besondere bei Wilder bestand nun darin, dass dieser Part des Dummchens im fließenden Übergang auch von Männern übernommen werden konnte, wie Jack Lemmon dies als Jerry-Daphne in Manche mögen´s heiß tut, wenn er sich nur ungern seine letzte Chance entgehen lassen will, einen Millionär zu heiraten.

Lüsternheit und Geldgier, also der klassische Komödienstoff bildete die Grundlage von Wilders Filmen, und gefochten wurde meist ausschließlich mit Worten, wo Fäuste zum Einsatz kamen, sah es doch sehr schnell sehr unecht aus. Worte können in Wilderfilmen ganze Verkleidungen ersetzen, er war ein Meister jener absurden Verstellungsmanöver, in denen die Figuren versuchen, ihre Ziele zu erreichen, indem sie das Gegenteil dessen tun, was sie eigentlich wollen: Tony Curtis spielt den Unverführbaren, um Marilyn zu verführen, Jack Lemmon als Nestor in Irma la Douce steigt aus der Rolle des Polizisten aus, um in der Doppelrolle von Zuhälter und - impotenten - Freier sein Mädchen zu beschützen. Audrey Hepburn gibt sich in Liebe am Nachmittag als gleichgültige Lebedame aus, um den gar nicht so gleichgültigen Lebemann Gary Cooper zu gewinnen. Und nicht zuletzt schlüpft natürlich Horst Buchholz als Kommunist Otto Piffl so widerspenstig wie flugs in die Rolle des adligen Kapitalisten, um seinem Schwiegervater zu gefallen. Das Wunder dieser Verwandlungen besteht nicht darin, dass sie die jeweils "eigentliche" Seite der Figuren zum Vorschein bringen, sondern dass sie die Spannung halten zwischen der "ursprünglichen" Identität und ihrem exzentrischen Gegenpart. In diesem Drahtseilakt reden sie sich meist um Kopf und Kragen.

Wilder war also entschieden ein Held des Tonfilms. In Sunset Boulevard schilderte er mit Selbstironie - immerhin liegt der Drehbuchschreiber der neuen Epoche von Beginn an ertrunken im Swimming pool - die unversöhnliche Ablösung von der Epoche des Stummfilms: "Wir brauchten keine Dialoge! Wir hatten Gesichter!" sagt die alternde Diva zum jungen Autoren. Gegenüber der üppigen Pracht der Stummfilmarrangements wirkt die "neue Sachlichkeit" der geschliffenen Dialoge tatsächlich wie eine Verarmung, eine Verkleinerung des Kinos. Man kann es aber auch anders sehen: Gut geschriebene Dialoge ersetzen ganze Dekors. Nie war das Reden reichhaltiger als bei Wilder.

Wie dreist, viele sagen sogar zynisch, die Filme Wilders waren, habe ich ebenfalls erst später richtig bemerkt. Auch das hat mit der Erstrezeption durch das Fernsehen zu tun: Man sieht die Filme, bevor man um die Gepflogenheiten von Genres weiß und deren Anstandsregeln verinnerlicht hat. An Wilders Hang zum respektlosen Witz lässt sich dabei vielleicht noch am ehesten der Exilant erkennen, der, geboren in Galizien und aufgewachsen in Wien, 1933 aus dem faschistischen Berlin nach Hollywood aufgebrochen und angekommen war. Im Alter von 95 Jahren ist Billy Wilder in Los Angeles vergangene Woche gestorben.

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00:00 05.04.2002

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