Steffen Vogel
27.10.2011 | 13:00 3

Umringt von Mentoren

Sympathisanten Erfreut bis euphorisch. Künstler, Autoren und Intellektuelle verbünden sich mit dem globalen Protest. Ein Überblick

Eine gewisse Schadenfreude kann Paul Krugman nicht verbergen. Erst habe die Wall Street das Protestcamp der Occupy-Aktivisten im Zuccotti Park verächtlich abgetan, schreibt er in seiner New York Times-Kolumne. Nun, wo die Bewegung auf immer größere Resonanz stößt, setzt das „Gejammer“ ein. Doch die Börsianer hätten keinen Grund sich missverstanden zu fühlen, meint der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2008. Schließlich habe die Wall Street in hohem Maß zur ökonomischen Polarisierung und wachsenden Ungleichheit in den USA beigetragen. Trotzdem wähnte sich die Finanzindustrie unangreifbar und reagiert nun umso geschockter auf die öffentliche Empörung: „Bis vor ein paar Wochen schien es, als habe die Wall Street unser politisches System derart wirksam bestochen und eingeschüchtert, dass es vergaß, wie dort üppige Gehaltsschecks ausgestellt und gleichzeitig die Weltwirtschaft zerstört wurde.“

Ähnlich wie Krugman reagieren viele Intellektuelle erfreut bis enthusiastisch auf die neue globale Protestbewegung. Es scheint, als ob engagierte Künstler und Theoretiker nur auf diesen Moment gewartet hätten. Gut 1.200 Autoren haben auf occupywriters.com bereits ihre Solidarität bekundet, darunter Salman Rushdie, Margaret Atwood und Jonathan Lethem. Alice Walker hat für die Website ein Gedicht beigesteuert, mit dem sie auf die Festnahme des Theologen Cornel West bei einer Occupy-Aktion in Washington reagiert. Der Princeton-Professor hatte schon im August in einem wütenden Kommentar für die New York Times beklagt, in den USA herrsche seit 30 Jahren ein „einseitiger Krieg gegen Arme und arbeitende Menschen im Namen einer moralisch bankrotten Politik.“ West fügte hinzu: „Unsere zwei größten Parteien … haben lediglich alternative Versionen oligarchischer Herrschaft zu bieten.“

Zahlreiche Schauspieler, Regisseure und Autoren haben auch den Weg in den Zuccotti Park gefunden. Michael Moore hat zu den Demonstranten gesprochen, Noam Chomsky, Spike Lee, Barbara Ehrenreich, Susan Sarandon, Naomi Klein und auch Slavoj Žižek. Der slowenische Philosoph setzte bei seinem viel beachteten Auftritt einen anderen Akzent als Krugman: „Klagt nicht Leute und ihre Verhaltensweisen an."

Žižek, Hardt und Negri

Das Problem ist nicht die Korruption oder die Gier, das Problem ist das System, das uns dazu treibt, korrupt zu werden.“ Leidenschaftlich forderte er die Protestierenden zu „harter und geduldiger Arbeit“ auf: Nachdem die Denkblockade überwunden sei und die Welt nicht mehr als die bestmögliche gelten dürfe, müssten nun Alternativen zum Kapitalismus entworfen werden.

Žižek ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er sich mit der Bewegung identifiziert: „Wir sind keine Träumer, wir sind die, die aus einem Traum erwachen, der sich längst in einen Alptraum verwandelt hat.“ Noch im August hatte erdeutlich mehr Distanz erkennen lassen. Angesprochen auf die spanischen Indignados, die Vorläufer des Wall Street-Protestes, beklagte er deren angebliche Staatsfixiertheit: „Diese Menschen rufen ausschließlich nach einem neuen Herrn. Lassen Sie mich ein grausames Gedankenexperiment machen: Würde sich ein ehrlicher, gemäßigter Faschist diesen Forderungen nicht anschließen?“

Doch wer nur auf die programmatischen Leerstellen schaut, riskiert diese Bewegung falsch zu verstehen. Ihre interne Struktur und ihre politische Kultur sprechen gerade nicht für eine starke Autoritätsgläubigkeit, sondern verleihen ihr einen Charakter, der sie nicht beliebig anschlussfähig macht. So jedenfalls sehen es Michael Hardt und Antonio Negri. Sie schreiben in einem Beitrag für Foreign Affairs, diese Bewegung – die von Kairo über Madrid und Tel Aviv nach New York gekommen sei und große Anleihen bei den Globalisierungskritikern mache – lebe jene „wahre Demokratie“, die sie fordert, selbst vor. In ihren Zeltstädten treffe man auf „partizipatorische Entscheidungsfindung“ und gemeinsame Willensbildung in Versammlungen. Diese Experimente mit radikaler Demokratie könnten, so hoffen die Empire-Autoren, zum Modell einer gesellschaftlichen Alternative werden. Die repräsentative Demokratie halten Hardt und Negri für beschädigt, wenn nicht gar gescheitert, nicht zuletzt, weil sich die Politik zunehmend ökonomischen Interessen unterwirft. Nötig sei ein „neuer, demokratischer verfassungsgebender Prozess“.

Todd Gitlin und Judith Butler

Aber verfügt diese Bewegung tatsächlich über das Potenzial, solche Veränderungen anzustoßen? Todd Gitlins Erfahrung nach entziehen sich Bewegungen raschen Einordnungen: „Sie sind widerspenstig, oft chaotisch, verwirrend, von Konflikten durchzogen und unberechenbar“, schreibt Der Mediensoziologe von der Columbia University, in den sechziger Jahren Präsident der Students for a Democratic Society, mit deutlicher Sympathie in The New Republic. Das gelte umso mehr in einer vielfältigen Gesellschaft, deren kulturelles Leben dezentralisiert ist. Journalisten stelle das vor ein Problem, aber auch Linke, „denen soziale Bewegungen verdächtig sind, die dazu neigen, außer Kontrolle zu geraten – jedermanns Kontrolle.“

Judith Butler widmet sich weniger den Forderungen als den Praktiken der gegenwärtigen Straßenproteste. Bei einem Vortrag in Venedig argumentierte sie, die jüngsten Platz-Besetzungen räumten mit der seit der Antike althergebrachten Unterscheidung zwischen Öffentlich und Privat auf, derzufolge Männer politisch handeln und Frauen die Versorgung sicherstellen. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo hat die feministische Theoretikerin eine Arbeitsteilung beobachtet, bei der die Geschlechterdifferenz aufgehoben wurde: „Die soziale Form des Widerstands nahm Gleichheitsprinzipien auf, die nicht nur regelten, wie und wann Menschen sprachen und … gegen das Regime handelten, sondern auch wie sie sich um … die Betten auf dem Pflaster und die improvisierten Einrichtungen zur medizinischen Versorgung kümmerten.“

Über die Ziele eines Protestes geben demnach nicht nur Transparente und Flugblätter Auskunft, sondern das Handeln der Demonstranten selbst: „Im idealen Fall inszeniert eine Allianz jene gesellschaftliche Ordnung, die sie erschaffen will.“

Steffen Vogel ist Experte für modernen Comic und politische Philosophie

img width="50" vspace="5" hspace="5" height="50" align="left" src="./resolveuid/a622e7d26cf2088969b17e84b0ed10d0" alt="Verlinkung_Protest.png" />Dieser Text ist Teil des Freitag-Spezials Protest! Bewegung! Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Dossier.

Kommentare (3)

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shalako 27.10.2011 | 20:32

Das Problem ist nicht die Korruption oder die Gier, das Problem ist das System, das uns dazu treibt, korrupt zu werden.“

Manchmal ist es schon erstaunlich:
Natürlich ist das Problem die Korruption und die Gier. Und natürlich ist das Problem das System, auf dessen Boden derartige Erscheinungsformen entstehen , gefördert und nicht sanktioniert werden.

Aus welchem Grund reißt Slavoj Žižek diesen Kausalzusammenhang auseinander und schiebt das >sowohl/als auch in die Enge des >entweder/oder zurück?

rolf netzmann 29.10.2011 | 05:39

Dass sich Prominente politisch engagieren, ist nicht neu. Als der Demokrat John Kerry seinen Präsidentschaftswahlkampf führte, waren es US-Musiker, angeführt von Greenday und Bruce Springsteen, die eine Tournee durch die besonders umkämpften "Swing States" unternahmen, um für die Wahl Kerrys zu werben. Und auch in Hollywood hat es immer politisch engagierte Stars gegeben. Neu ist allerdings das Spektrum, die Bandbreite der Unterstützer, Musiker, Schauspieler, Autoren, Philosophen.
Diese Bandbreite könnte aber perspektivisch eine enorme Wirkung entfalten. nicht nur, dass, wie Krugmann meinte, die Wissenschaftler sich mit diesem Thema intensiv beschäftigen und neue Konzepte zur nachhaltigen Lösung der existierenden Probleme entwickeln, sondern auch Künstler sich kreativ einbringen.
Nach 9/11 baten amerikanische Sicherheitsbehörden Hollywood - Drehbuchautoren, ein mal alles aufzuschreiben, was was ihnen an möglichen Terroranschlägen einfällt, und das ohne jegliche Tabus. Wenn die kreativen Köpfe Hollywoods, Autoren und Schauspieler dies nun ebenfalls praktizieren und Visionen einer besseren Welt entwickeln, die auf der vorhandenen Realität basieren, einer schwächelnden Realwirtschaft, einer boomenden Finanzbranche und einer immer schnelleren Umverteilung von unten nach oben, wäre dies neben der wissenschaftlichen Analyse eine zweite Säule der intellektuellen Unterfütterung der Occupy Bewegung.
Es würde eine Bewegung der Strasse entstehen, die verbunden ist mit einer wissenschaftlichen Analyse anerkannter Fachleute wie Paul Krugman sowie einer kreativen, offenen Ideensuche von Künstlern. Es wäre ein Netzwerk unterschiedlicher Personen, die ein gemeinsames Ziel eint, und das über Ländergrenzen hinweg, also international.
Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten, nur wäre ein solches Netzwerk noch wirkungsvoller und effektiver als die Occupy Bewegung heute.