Unähnlich und unglücklich

MEDIENTAGEBUCH Familienserien und Serienfamilien gestern und heute

Fernseh-Erinnerungen funktionieren eigentümlich - oft kann man Figuren oder Handlungsdetails aus früher einmal Gesehenem kaum noch benennen oder gar beschreiben, und trotzdem weiß man eines noch sehr genau: Man hat geschaut, man war dabei. Wenn Dieter Wedel nun in seinem neuen Mehrteiler Die Affäre Semmeling auf Figuren zurückgreift, die er vor dreißig Jahren zum ersten Mal fürs Fernsehen in Szene setzte, dann trifft er den Kern dieser sentimentalen Gedächtnislosigkeit, indem er weniger an des Zuschauers Interesse für Fortsetzungen appelliert als vielmehr an seine Bindungsfähigkeit. Mehr als auf die Wiederbegegnung mit dem Ehepaar Semmeling - gespielt von den gleichen Schauspielern wie einst - und ihrem Sohn Siggi ist man auf das Erlebnis als solches gespannt. Sicher, die Traumquote von fünfzig Prozent, die Wedels Einmal im Leben 1972 erreichte, ist heute für ein solches Format kaum noch denkbar, aber der Abglanz des damaligen "Fernsehereignisses" scheint bis in die Gegenwart hinein, zumal das ZDF ja überwiegend jene Zielgruppe anspricht, die allein aus Altersgründen über mehr Erinnerungen verfügt als, sagen wir, die von Pro7.

Als die Semmelings ihr Haus bauten, war "man" also dabei, und zwar, so werden sich die meisten wohl erinnern, "im Kreise der Familie". Die jetzige Affäre Semmeling ruft deshalb nicht nur die frühen siebziger Jahre und den bundesrepublikanischen Drang zum Eigenheim ins Gedächtnis zurück, sondern auch die veränderten Rezeptionsbedingungen. Was heute als traute Idylle erscheint, die versammelte Familie vor der Mattscheibe, bot damals allerdings gerade den Anstoß für generelle Kritik am Medium. Das Fernsehen habe aus dem "Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht", so die erinnerte Kritik eines lokalen Kirchenmannes aus jener Zeit. Früher sei kommuniziert worden, nun säße alles stumm vor der Glotze. Wenigstens gemeinsam, mag man von heute aus mit einer gewissen Wehmut hinzufügen und ebenfalls nostalgisch der wöchentlich wiederkehrenden Streits gedenken, ob nun Daktari oder die Sportschau geschaut werde; ein Problem, dass sich den heutigen Zuschauern nicht nur deshalb nicht mehr stellt, weil es diese Sendungen so nicht mehr gibt, sondern weil es mittlerweile einfach durch die Anschaffung weiterer Geräte gelöst wird.

Mit ähnlicher Melancholie mag sich mancher an den Eifer erinnern, mit dem in den siebziger und auch noch in den achtziger Jahren zu fernsehfreien Tagen aufgerufen wurde und Familien im Experiment des vierwöchigen Fernsehentzugs beobachtet wurden - die Dokumentation der erschütternden Ergebnisse konnte man wiederum im Fernsehen verfolgen. Solche pädagogischen Anstrengungen scheinen mittlerweile völlig erlahmt und selbst im Zuge der PISA-Studie fand das Fernsehen als Verursacher von Bildungsdefiziten kaum mehr Erwähnung. Womit einmal mehr das Bild der guten alten Zeit beschworen wäre, in der sowohl das Medium als auch seine Kritik noch besser funktionierten.

Vielleicht ist ja die Kritik leiser geworden, weil das Fernsehen als solches an Bedeutung verloren hat? Im Kreise der Familie fern zu schauen ist längst out; die Zuschauervereinzelung, zusätzlich befördert durch die größere Anzahl der Kanäle und die Möglichkeiten der Aufzeichnung hat nicht nur die "Atomisierung der Gesellschaft" weiter betrieben, sondern zugleich auch den gesellschaftlichen Druck, ein bestimmtes Programm gesehen haben zu müssen, viel kleiner werden lassen. So wenig sich die meisten den Alltag ohne TV-Gerät mehr vorstellen können, so wenig gibt es noch Sendungen, bei denen man unbedingt dabei gewesen sein muss.

Den veränderteren Familienverhältnissen vor der Mattscheibe entsprechen im übrigen auch die "dahinter". Der Medienrummel und der Werbeaufwand für die Affäre Semmeling erinnert nämlich auch daran: dass es so etwas wie Einmal im Leben nicht mehr gibt im Fernsehen. Die Familie als telegenes Erzählmuster scheint ausgedient zu haben. Wohin man schaut, sind Ärzte, Rechtsanwälte und Polizisten am Werk, zwar alle mit Privatleben, aber mit der eigentlichen "Familienserie" und ihrem expliziten Fokus auf das Zusammenleben von Eltern und Kindern, von Generationen und Geschwistern lässt sich heutzutage offensichtlich keine Quote mehr machen. Bis vor kurzem experimentierte die ARD noch mit ganz zeitgemäßen Patchworkfamilien und Alleinerziehenden - um nun den Programmplatz zur Hälfte ans allgegenwärtige Quiz abzugeben.

Ohne direkt reale Verhältnisse abzubilden, weist der Untergang des einst so beliebten Genres so doch auch auf eine Krise hin, die vielleicht eine der Gesellschaft und ihrer "Keimzelle", bestimmt aber eine des populären Erzählens ist: als könnten sich heute relevante Geschichten nicht mehr in der Form der Familiensaga darstellen lassen. Das verwundert vor allem, wenn man die blühende Kultur der amerikanischen Sitcoms in den Blick nimmt - ob Cosby, Roseanne oder Eine schrecklich nette Familie, überall steht schlicht eine Familie im Zentrum, meist unaufwändig an ihrem Lebensmittelpunkt, dem Wohnzimmersofa, abgefilmt. Nicht umsonst war das bei der einzig funktionierenden deutschen Sitcom, Ein Herz und eine Seele, auch der Fall.

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie dagegen ist auf ihre eigene Art unglücklich" - lässt Tolstoi seinen Roman Anna Karenina beginnen. Das müsste doch ein Ansatzpunkt sein.

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00:00 04.01.2002

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