Helen Thein
28.01.2009 | 00:00

Unbedingt

Religiöse denkerin Vor 100 Jahren wurde Simone Weil geboren

Sie ist nicht alt geworden. Mit nur 34 Jahren starb Simone Weil 1943 an Unterernährung und Tuberkulose in einem englischen Sanatorium. Es war ihr Idealismus, der sie das Leben kostete. Denn die französische Philosophin wollte, ins Exil getrieben, nicht mehr essen, als ihren Landsleuten im besetzten Frankreich an Lebensmitteln zustand. In Zeiten des Krieges schien ihr jeglicher Luxus fehl am Platze. Also heizte sie auch ihr Zimmer nicht, schlief auf dem Boden, um sich abzuhärten - für noch härtere Zeiten. Denken und Handeln waren für Simone Weil in einer Unbedingtheit aufeinander bezogen, die schon ihre Zeitgenossen beeindruckte und zuweilen abschreckte.

Simone de Beauvoir "beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen", während Jean Améry in ihr eine jener "zivilisationsmüden Hyperintellektuellen, die ihren persönlichen Ekel hinausprojizieren in die Räume des Sozialen", sah und vor ihrem Einfluss warnte. Leo Trotzki und Charles de Gaulle hielten sie für verrückt, andere sahen in ihr eine zweite Rosa Luxemburg. Simone Weil provozierte. Mit ihrem Denken und mit ihren maßlos scheinenden Haltungen. Aber was war schon maßlos in einer aus den Fugen geratenen Welt?

Als Tochter eines Arztes wurde Simone Weil am 3. Februar 1909 in Paris geboren. Wie ihr Bruder André studierte sie an der École normale supérieure. Er wurde ein berühmter Mathematiker, sie entschied sich, beeinflusst durch ihren Lehrer Alain (Émile Chartier), für die Philosophie. Ihre Überzeugungen hielt sie nicht in Büchern fest. Gleichwohl schrieb sie täglich: Aufsätze, Rezensionen, tagespolitische Artikel sowie Briefe, Vorträge und Reflexionen, die sie in Heften notierte. Der aus diesen Cahiers zusammengestellte Band Schwerkraft und Gnade begründete postum ihren Ruhm als religiöse Denkerin. Denn in den letzten Jahren ihres Lebens suchte sie eine Welterklärung in Gott, den sie in Christus zu erkennen glaubte, in Christus als Symbol der "Décréation" Gottes, seiner Entsagung von der Welt. Die Kirche wurde ihr jedoch keine Heimat, denn deren Lehren schienen ihr zu viele Menschen auszugrenzen.

Ihre jüdische Herkunft lehnte sie für ihr eigenes Selbstverständnis ab. Im Judentum sah sie nichts als eine nationalistische Idee. Eine Einstellung, die sie nicht davor bewahrte, in Folge des Statut de Juifs 1940 aus dem öffentlichen Dienst entlassen zu werden. Aber von Hitler wollte sie sich nicht kategorisieren lassen. Vor ihm hatte sie bereits 1932 gewarnt: "Hitler bedeutet Massenmord, Beseitigung jeder Freiheit und Kultur." Seit 1931 als Philosophielehrerin im staatlichen Schuldienst tätig und in der Gewerkschaftsbewegung engagiert, war sie nach Deutschland gereist, um die politische Lage zu analysieren. Später ließ sie sich beurlauben, um Fabrikarbeit kennenzulernen, weil ihr die Analysen von Marx und Lenin nicht genügten, um die Gesellschaft zu verstehen. Als im Sommer 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, reiste sie umgehend zu den Internationalen Brigaden. Wegen eines Unfalls blieb sie nur zwei Monate. Zeit genug, um menschliche Verrohung auch bei Anarchisten wahrzunehmen, die zu sinnlosen Morden an Unschuldigen führte.

1942 floh sie mit ihren Eltern nach New York, kehrte aber wenig später nach Europa zurück. Die Monate, die ihr im Londoner Exil noch blieben, waren die produktivsten ihres Lebens. Wenige Tage vor ihrem Tod schrieb sie an ihre Eltern, dass sie zwar immer für ihre Intelligenz gerühmt werde, sich kaum aber jemand für das interessiere, was sie zu sagen habe. Eine im diaphanes Verlag angekündigte Leseausgabe ihrer wichtigsten Werke will endlich auch im deutschsprachigen Raum eine fundierte Auseinandersetzung mit ihrem Denken möglich machen.