Und dann: der Schrecken

Biografie Eine Begegnung mit der 93-jährigen Bestsellerautorin Valentīna Freimane aus Lettland, einer Flüchtenden auf Lebenszeit
Achim Engelberg | Ausgabe 17/2015

Als ich Valentīna Freimane in Riga besuche, bittet sie mich, die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Die 93-Jährige hat Probleme beim Gehen, seit ihre Füße im Winterschnee 1942/43 erfroren sind. Damals war Freimane eine junge Frau. Und doch lässt ihre heitere Art vergessen, welche Schrecken die Lettin durchleben musste. Schrecken, die nun gesammelt erschienen sind in ihrem Erinnerungsbuch Adieu, Atlantis.

Zehn Jahre hat Valentīna Freimane daran geschrieben, immer wieder musste sie die Arbeit für mehrere Monate unterbrechen, um nicht von der Wucht der Erlebnisse aus der Bahn geworfen zu werden. Fast alle ihre Verwandten sind von den Nationalsozialisten ermordet worden. Dass Freimane dennoch nicht den Glauben an ihre Mitmenschlichkeit verloren hat, ist ein Wunder besonderer Art.

Dabei beginnt 1922 alles hoffnungsvoll. Freimane kommt aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus. Aufgewachsen ist sie im Zentrum von Riga mit seinen gotischen Backsteinkirchen, der allgegenwärtigen Jugendstilpracht. Anfangs arbeitet ihr Vater Leopold Löwenstein als Anwalt für Medienkonzerne wie die UFA. Die Familie muss mehrmals umziehen. Freimane erlebt ihre von Gouvernanten begleiteten Kinderjahre in Paris und Berlin. Sie sieht viele Filme zu jener Zeit, Künstler gehen im elterlichen Haushalt ein und aus. Die Heranwachsende erlebt Feste, beobachtet Liebesaffären.

Dann bricht der Schrecken in ihr Leben ein. Sie muss mit ansehen, wie eine Berliner SA-Horde einen Mann verprügelt. Heute wundert sie sich, dass der Freundeskreis der Eltern die nationalsozialistische Gefahr nicht erkannte, nicht wahrhaben wollte; bis der Terror auch sie erreicht. Aufträge werden gekündigt. Geschäftspartner steigen aus. Freunde der Eltern emigrieren, darunter auch der Regisseur Anatole Litvak. An ihn erinnert heute ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. Die Löwensteins übersiedeln 1935 endgültig nach Riga. Die junge lettische Demokratie wurde dort jedoch bereits durch das autoritäre Regime von Kārlis Ulmanis verdrängt.

Geistiger Kompass

1940 ist Valentīna Löwenstein zum ersten Mal verliebt. Da rollen sowjetische Panzer über eine Brücke, die den großen Strom Düna überspannt. Der behütete Teil ihres Lebens ist damit endgültig vorbei. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt verschwindet nicht nur Lettland als selbstständiger Staat von der Landkarte, sondern wenig später das ganze Baltikum. Drei Familienmitglieder geraten in die erste Verhaftungswelle. Ein Onkel entgeht diesem Schicksal nur knapp. Mit lettischer Hilfe beginnen die gemessen an der Einwohnerzahl heftigsten Massenmorde an Juden, zu der es in einem Land Europas je gekommen ist.

Filmaufnahmen dokumentieren, wie eine freudig erregte, Tücher schwenkende Menschenmenge in Riga am 1. Juli 1941 die einmarschierende Wehrmacht als Befreier begrüßt. Zuvor hatten fliehende sowjetische Wachmannschaften Massaker in den Gefängnissen verübt. Die Nazis beschuldigten die lettischen Juden. Auch in die großelterliche Wohnung dringen selbsternannte Rächer ein. So beginnt für Valentīna Löwenstein ihr dritter und schwerster Lebensabschnitt. Sie erinnert sich: „Ausgerechnet den Onkel Georg, der gerade der Deportation durch die Sowjets entronnenen war, entdecken sie und nehmen ihn mit. Er wird als Erster aus meiner Familie ermordet.“

Ihr Mann Dietrich, ein Medizinstudent, den sie rasch geheiratet hat, muss im Gegensatz zu den Löwensteins nicht in das Getto, das bereits am 23. August 1941 eingerichtet wird. Er will seine Frau verstecken. Sie fürchtet, ihn zu gefährden, wenn sie nicht mit den Eltern ins Getto geht. Was tun? Eindringlich spricht die Mutter auf die verunsicherte Tochter ein: „Ich gehe mit meinem Mann, du mit deinem.“ Heute glaubt Freimane, dass ihre Mutter wissentlich in den Tod ging. Sie stirbt mit 16 anderen Verwandten bei Erschießungen im Kiefernwald von Rumbula.

Valentīna lebt versteckt bei ihrem Mann. Eines Tages kommt es zu einer Hausdurchsuchung, bei der sie durch sagenhaftes Glück entkommen kann; allerdings wird ihr Mann verhaftet. Zwar kann ihm nichts nachgewiesen werden, aber als in seinem Gefängnistrakt die Ruhr ausbricht, wird er mit allen anderen Häftlingen – erkrankt oder nicht – erschossen. Später erfährt Freimane, dass das Paar denunziert worden ist. Von wem und warum, das wird sie nie erfahren.

Ihr Vater schuftet als Zwangsarbeiter. Am 9. Mai 1942 wird Valentīna ihn das letzte Mal sehen, in Haft. Er plant einen Ausbruchversuch, wird verraten und erschossen. Es folgt der unbarmherzige, eisigkalte Winter, in dem sich der Krieg im Osten mit der Schlacht um Stalingrad endlich wendet. In jenem Winter holt sich Valentīna Freimane ihre Erfrierungen. Wegen einer Kontrolle muss sie ihr Versteck verlassen. Dünn bekleidet steht sie verlassen da, zittert in frostiger Nacht. Die eiternden Erfrierungsbeulen wollen nicht heilen, verhärten sich zu Narben, noch nach Jahren später werden sie immer wieder aufplatzen.

Aber, so beschreibt es die 93-Jährige in ihren Erinnerungen, sie erlebt jedoch auch erstaunliche Beispiele von Treue, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit. Die strenggläubige, katholische Haushälterin Emilija Gajevska bleibt auf der Odyssee ihre beständige Bezugsperson. Viele Menschen helfen, von Baptisten bis zu einer Hausmeisterin, die ihre Abstammung von Roma ebenfalls verheimlichen muss; von einem deutschen Feldwebel bis zu einer altgläubigen Familie.

Als Schlüsselerlebnis bezeichnet sie die Begegnung 1944 mit dem deutschbaltischen Politiker und antifaschistischen Publizisten Paul Schiemann, einem der Gründungsväter des modernen Lettlands. Seine Autobiografie diktiert er Valentīna Freimane, schon geschwächt im Bett liegend. Die Gespräche mit ihm geben ihr einen geistigen Kompass – bis heute. Schiemanns Traum war eine lettische Demokratie, die das Patchwork der Minderheiten integriert. Tief besorgt, geradezu verzweifelt war er über die Lage seines Landes. Er erkannte früh, dass weder die Freiwilligenlegion der Waffen-SS noch die Lettische Division der Sowjetarmee Lettland retten würden, denn weder Hitler noch Stalin wollten ein unabhängiges Baltikum. Die einzige Chance sah er in einem Attentat auf Hitler, das zu einem Verhandlungsfrieden führen könnte. Manchmal machte er Andeutungen, so dass sich Valentīna Freimane heute fragt, ob er damals vielleicht mehr wusste, als er sagte. Als das Attentat am 20. Juli 1944 scheitert, ist die letzte Chance verspielt.

Im Morgengrauen des 13. Oktober 1944 überqueren erneut sowjetische Panzer die Brücken über die Düna und rollen in Riga ein. Freimanes viertes Leben beginnt. Dem Glück, überlebt zu haben, steht die Erkentnis gegenüber, dass sie nun vollkommen allein weiterkämpfen muss. An dieser Stelle endet ihr großes Erinnerungsbuch. Bekannt ist, dass die Jüdin stets Außenseiterin blieb: „Warum sind Sie am Leben geblieben, wurde ich immer wieder misstrauisch gefragt.“

Ihre weitere Geschichte böte Stoff für einen eigenen Band: Nach 1956 kehren viele Gefangene und Verbannte zurück, darunter Tante Frieda und deren Tochter aus Sibirien, zwei letzte Verwandte. Die geistige Bewegung in der sowjetischen Tauwetterzeit lässt den verfemten Schriftsteller Valts Grevins, Valentīna Freimanes neuen Mann, hoffen. Mit einem Theaterstück will er wieder öffentlich wirken. Zuvor lädt er – es geschieht 1961 – fünf Freunde ein, will erfahren, wie seine satirische Komödie ankommt. Er liest vor. Es wird gelacht, gelobt und gezecht. Drei Tage später wird er in einem Artikel beschuldigt, sein Stück sei sowjetfeindlich. War ein Eingeladener ein Verräter? „Niemals habe ich erfahren“, sagt Freimane, „warum es so kam.“

Ein Spalt im Vorhang

Schlaflos martert beide die Gedankenjagd in der Nacht. Ihr Mann muss Beruhigungsmittel nehmen. Eines Abends holt er seine Frau aus jener Zeitungsredaktion ab, in der sie mittlerweile arbeitet. Sie muss noch etwas beenden, bittet ihn zu warten; er hat über den Durst getrunken, entschuldigt sich, will sich etwas hinlegen im Nebenraum. Später geht Valentīna arglos in das Zimmer. Ihr Mann atmet nicht mehr. Alkohol und Beruhigungsmittel brachten den Tod. „Ich war mit 39 Jahren erneut Witwe. Er war 40, als er starb. Das ist eine sowjetische Geschichte.“

In den nächsten Jahrzehnten weitet Valentīna Freimane ihre berufliche Tätigkeit aus; so wird sie 1968 als Film- und Theaterwissenschaftlerin Mitarbeiterin in der Lettischen Akademie der Wissenschaften. Gleichzeitig erlebt sie Restriktionen. Von 1976 bis 1988 hat sie absolutes Auslandsreiseverbot, selbst in sozialistische Länder. Halblegal beschafft sie, unterstützt von Mitgliedern des lettischen Filmverbands, Filme aus aller Welt, die dann in Riga gezeigt werden. Das ist nur möglich, weil von fast jedem westlichen Streifen, der nach Moskau kam, illegale Kopien für die Nomenklature angefertigt werden. Moskau sieht sie als Zentrum der Repression wie der Nonkonformisten. Einige davon brauchte man, sagt sie, sonst hätte man sich zu sehr isoliert. Durch ihre Verbindungen erreicht Valentīna Freimane, dass sie in dem von ihr gegründeten Künstlerclub Kinolektorium zwischen 1970 und 1988 viele verbotene Filme einem Fachpublikum zeigen kann, die sonst nirgends außerhalb von Moskau in der Sowjetunion zu sehen sind. Für Künstler und Studenten öffnet sie so einen Spalt im Eisernen Vorhang des Kalten Kriegs. Dafür bleiben ihr viele dankbar, etwa der international bekannte Regisseur Alvis Hermanis. Dieser finanzierte sogar mit dem Prämiengeld des ihm verliehenen Konrad-Wolf-Preises die lettische Originalausgabe ihrer Erinnerungen.

In ihrem fünften Leben schließt sich so ein Kreis: Sie pendelt wieder zwischen Riga und Berlin, zwischen der deutschen Hauptstadt, von der der ganze Kontinent entscheidend mitgeprägt wird, und der lettischen Hauptstadt, die in neuer Form die alte Gestalt einer europäischen Grenzregion einnimmt. Wirklich angekommen ist Valentīna Freimane nirgendwo.

Info

Adieu, Atlantis Valentīna Freimane Aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Wallstein 2015, 314 S., 22,90 €

06:00 06.05.2015

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