Und das Eis schmilzt doch

Klima Wie funktioniert Wissenschaft, was kann sie leisten? Viel zu oft beherrschen Zerrbilder die öffentliche Diskussion
Und das Eis schmilzt doch
Der Kick zwischendurch ist für Polarforscher der einfachste Weg zu eindeutigen Resultaten

Foto: Vagenes Villanger/AFP/Getty Images

Moderne Naturwissenschaft ist kein Automat, der auf der Basis einer eingeschliffenen Methode unaufhörlich Wahrheiten produziert. Wenn man verstehen will, warum wir trotzdem in existenziellen Fragen auf sie hören sollten, müssen wir nicht nur ihre Ergebnisse, sondern auch ihre Funktionsweise verstehen. Klimawandelleugner und Impfgegner picken sich gern einzelne Forschungspublikationen heraus, um zu beweisen, dass die Wissenschaft gar keine gesicherten Erkenntnisse vorzuweisen hätte. Um dem begegnen zu können, müssen sich die naturwissenschaftliche Schulbildung und der populärwissenschaftliche Journalismus ändern.

Dass eine gute Schulbildung in den MINT-Fächern nicht reicht, um Vertrauen in die Ergebnisse der Klimaforschung zu bekommen, zeigt die 19-jährige Youtuberin Naomi Seibt. Sie hat schon mit 16 Abitur gemacht – Notendurchschnitt 1,0. Und schon mit 13 hat sie bei „Jugend forscht“ im Physik- sowie im Informatik-Mathematik-Wettbewerb gewonnen. Heute beteiligt sie sich auf ihrem Youtube-Kanal mit immerhin 74.000 Abonnenten aktiv daran, den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel zu leugnen und seine möglichen Folgen zu verharmlosen.

Wenn man sich ihre Videos ansieht, lässt sich ihre naturwissenschaftliche Schulbildung nicht verleugnen. Sie reiht physikalische und mathematische Grundkenntnisse aneinander und alles klingt nach dem Vortrag einer Schülerin im Leistungskurs Physik, für den es sicher eine Eins geben kann.

Der Fall Naomi Seibt zeigt, dass es mit „mehr Bildung“ nicht getan ist, wenn wir junge Menschen einen klugen, kritischen und verständigen Umgang mit Klimawandelleugnern und anderen Fake-News-Produzenten, aber auch mit den Nachrichten aus der Wissenschaft und Politik lehren wollen. Es kommt nicht so sehr darauf an, möglichst viel über Wärmelehre, Strahlungshaushalt und Luftströmungen zu wissen, sondern zu verstehen, wie moderne Naturwissenschaften funktionieren.

Hinterfragen, verwerfen

Ein Beispiel: 2007 wurde der Klimaforscher Wiesław Masłowski in der Öffentlichkeit mit der These bekannt, dass die Arktis bereits fünf Jahre später, 2013, im Sommer eisfrei sein könnte. Er meinte, bisherige Modelle, die von einer eisfreien sommerlichen Arktis um die Jahrhundertmitte oder danach ausgingen, würden den Einfluss des Zustroms von warmem Wasser in Richtung Arktis unterschätzen.

Berichte über diese Forschung werden noch heute gern von Klimawandelleugnern genutzt, um zu zeigen, dass die Wissenschaften in ihren dramatischen Vorhersagen danebenliegen und eigentlich gar nicht verstehen, was in der Natur wirklich vorgeht, denn bekanntlich ist die Arktis bis heute im Sommer noch nicht eisfrei. Dabei zeigt schon der ursprüngliche Bericht der BBC vom 12. Dezember 2007 bei genauer Lektüre sehr gut, welche Bedeutung die Untersuchung von Masłowski und seinen Kollegen wirklich hatte: In der Tat zeigte sie eine bis dahin noch nicht zur Genüge beachtete Rückkopplung im Ozean-Eis-System auf. Auch wenn die Prognose zu stark war, machte sie sichtbar, wie groß der Effekt sein konnte. Andere Forschungsteams nahmen den Impuls auf und überdachten und korrigierten daraufhin ihre Modelle. Bei Masłowskis Forschung handelte es sich somit um einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaft.

Wissenschaft ist kein geradliniger Prozess der Produktion „richtiger Erkenntnisse“. Es ist ein verwickeltes Unternehmen, in dem Hypothesen aufgestellt, überprüft, verworfen oder gestützt und gesichert werden – all das braucht Zeit, wie Imke Hoppe in ihrem BeitragZögern“ erlaubt im Freitag (44/2019) geschrieben hat. Allmählich etabliert sich ein Erkenntniskonsens über grundsätzliche Zusammenhänge, der über Jahre immer mehr zur Gewissheit wird. Auf seiner Basis entwickeln sich neue Hypothesen, Modelle, Vermutungen, die wiederum geprüft, gewandelt und schließlich in den Konsens eingebaut werden können. Dabei ist es auch gut und richtig, dass der Konsens selbst immer wieder grundsätzlich in Frage gestellt wird, und die wissenschaftliche Neugierde muss so gestaltet sein, dass sie diese Herausforderungen annimmt.

Heute ist jede Veröffentlichung von Wissenschaftlern öffentlich zugänglich, und die Presse nimmt ihre Informationsaufgabe, aber auch ihre Unterhaltungsfunktion wahr, um gerade die unerwarteten Ergebnisse und Thesen dem Publikum zu übermitteln. Soziale Medien greifen von diesen wiederum die spektakulärsten heraus und wiederholen sie in den Echokammern der Communitys tausendfach. Dabei geht der Überblick schnell verloren, ob es sich um gesicherte Erkenntnisse oder „steile Thesen“ handelt – beides braucht die Wissenschaft, aber beides ist nicht gleichermaßen geeignet, gesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Masłowskis Ergebnis, dass die Arktis in wenigen Jahren eisfrei sein könnte, war wichtig für den Erkenntnisfortschritt, aber es war kein gesicherter Befund. Erst die weitere Diskussion und Bewertung durch die Community der Wissenschaft ermöglichte, den Beitrag realistisch zu beurteilen. Deshalb irren fundamentalistische Wissenschaftskritiker wie Naomi Seibt, wenn sie daraus ableiten, dass die Wissenschaft gar kein sicheres Wissen hätte.

Der Wissenschaftsbetrieb wird aber nicht nur zu oft vereinfacht als reibungsloser Produzent von Ergebnissen dargestellt, Forscherinnen und Forscher werden zu oft auch als ganz außergewöhnliche Menschen präsentiert: uneigennützig und ausschließlich der Wahrheit verpflichtet. Moralisch integer, politisch unabhängig und ökonomisch unbestechlich, so treten uns die Experten im Interview und in der Wissenschaftsdokumentation gegenüber. Das macht es den Feinden der Wissenschaft leicht, aus Berichten und Anekdoten über Fehlverhalten oder wirtschaftliche Verflechtungen Zweifel an der Lauterkeit und Ehrlichkeit der Forscher überhaupt zu sähen. So, wie Wissenschaft nicht irrtumsfrei und von einer Einsicht zur nächsten fortschreitet, so sind auch die Wissenschaftler natürlich nicht alle uneigennützige, nur der Wahrheit verpflichtete Menschen – sie sind Menschen wie wir alle. Und die Universitäten und Forschungsinstitute sind ökonomischen Rahmenbedingungen und politischen Erwartungen ausgesetzt und können sich davon nicht ganz freihalten.

Streit ist eine Triebfeder

Aber gerade in den verschiedenartigen Interessenkonflikten der Wissenschaftsinstitutionen in verschiedenen Regionen der Welt, verbunden auch mit dem Wunsch von Wissenschaftlern nach öffentlicher Anerkennung und Einfluss, liegt eine Triebfeder für gegenseitige Kritik und Einhaltung von Standards der guten Forschung. In populärwissenschaftlichen Darstellungen wird der Wissenschaftsbetrieb zu oft als reibungslose Organisation von kooperativen Teams mit höchstem moralischen Anspruch und enthusiastischem Arbeitseifer dargestellt. Wieder eröffnet sich die Gefahr, dass Berichte, die diesem Ideal widersprechen, die Glaubwürdigkeit des ganzen Unternehmens in Frage stellen. In Wirklichkeit tragen auch der Wettbewerb und das engagierte Verteidigen des je eigenen Standpunkts zum Fortschritt und zur Sicherung des Erkenntniskonsens bei. Keine Wissenschaftlerin will sich wissenschaftliches Fehlverhalten nachweisen lassen, und jeder Forscher will am Ende zu denen gehören, die die Wahrheit ans Licht gebracht haben.

Klimaforschung, soweit sie versucht, das Ausmaß und die Folgen des Menschgemachten Klimawandels zu bestimmen, ist weltweit fast ausschließlich staatlich finanziert. Nun gibt es aber gerade in der staatlich geförderen Klimaforschung gar kein eigennütziges Interesse, das einen Forscher motivieren könnte, bei den Gefahren zu übertreiben, denn damit wird immer der eigenen Auftraggeber herausgefordert.

Dennoch kann Ruhmsucht dazu verleiten, öffentlichkeitswirksam Gefahrenszenarien heraufzubeschwören – oder eben andererseits auch, am Rande dieser Wissenschaft, die Gefahr herunterzuspielen. Beides wird Prestige bringen, siehe auf der einen Seite Naomi Seibt und auf der anderen Wiesław Masłowski, um den es allerdings nach 2013 in der Öffentlichkeit ruhig geworden ist – die meisten Wissenschaftler werden seinem Beispiel nicht folgen und die Reputation in der eigenen Community nicht risikieren wollen.

Weder die Tatsache, dass Wissenschaftler sich irren können und korrigiert werden müssen, noch die Beobachtung, dass auch Forscher womöglich eigennützig oder ruhmsüchtig sind, ändert etwas an der Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Resultate, über die die globale Community der Forscher Konsens erzielt hat. Wir müssen und dürfen also über die Wissenschaften nicht sprechen wie über eine Religion, die ausnahmslos ewige Wahrheiten verkündet – denn dann passiert der Wissenschaft das Gleiche wie einer dogmatischen Religion: Jeder Irrtum, jeder Ausreißer, stellt potentiell die Vertrauenswürdigkeit des ganzen Unternehmens in Frage. Das wäre fatal.

Jörg Phil Friedrich veröffentlichte zuletzt den Band Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 19.03.2020
Abobreaker Artikel EPaper Abobreaker Artikel EPaper

Kommentare 23

Avatar
Avatar
Avatar