Und der Keim, der lacht

Hygiene to go Bakterien und Viren schüren Ängste, vor allem in der Schnupfenzeit. Sie ließen sich ganz einfach bekämpfen. Aber einfach kann keiner mehr

Ignaz Semmelweis wäre garantiert begeistert gewesen, hätte ihn eine Zeitmaschine in einen Drogeriemarkt dieser Tage manövriert. Regale voller Seifenstücke, -lotionen, Nagelbürsten und anderen Artikeln grundlegender Reinlichkeit, mithin das Paradies für einen Arzt, der in den Wiener Geburtshäusern des frühen 19. Jahrhunderts darum gekämpft hatte, dass seine Kollegen vor und nach einer Untersuchung von Patienten überhaupt in eine Schüssel Wasser greifen – denn genau das taten sie damals nicht, geschweige denn, dass einer Seife benutzt hätte.

So trugen die Mediziner fröhlich Krankheitskeime zwischen Leichenschauhaus und Frauenklinik hin und her und sahen ratlos zu, wie Mutter um Mutter im Kindbett verstarb, infiziert durch die verseuchten Hände ihrer Helfer. Semmelweis beobachtete, notierte fleißig, zog den richtigen Schluss und stellte vor jeden Saal im Krankenhaus eine Schüssel mit Wasser und Seife. Es war die Geburtsstunde der Hygiene – ohne dass irgendjemand eine Ahnung von Bakterien oder Viren gehabt hätte.

150 Jahre später würde der ungarische Pionier hygienischer Sauberkeit allerdings darüber staunen, wie die Erforschung von krankmachenden Mikroorganismen seine recht einfach angelegte Reinlichkeitsmaßnahme – samt Seife und Nagelbürste – zur Trivialität degradiert hat. Auch, oder vor allem, außerhalb der Krankenhäuser. Hygiene im Alltag bedeutet nämlich nicht mehr Waschen oder Putzen, sondern: Desinfizieren. Der Wirbel um SARS, Vogelgrippe und Schweineinfluenza hat dieser Entwicklung Vorschub geleistet und den Herstellern von Spezialseifen, Wischtüchlein und Unterwegslotionen einen neuen Markt verschafft, der uns das Gefühl klinischer Sauberkeit ins Zuhause, auf die Reise und an den Arbeitsplatz holen soll. In Unkenntnis der Tatsache, dass diese Mittelchen wohl im besten Fall keinen Schaden anrichten.

Denn antibakteriell, keimtötend, hygienisch rein lauten zwar die Attribute der praktischen Helfer, doch in der Regel enthalten sie nicht viel mehr als eine der gängigen Sorten Alkohol, also Ethanol oder Propanol oder beides, und machen so zwar mit dem Hammer alle Arten von Bakterien platt, aber dabei eben auch Mikroben und Pilze, die in friedlicher Absicht unsere Haut besiedeln und selbige sogar schützen. Im Eifer des Hygienekriegs enden sie dann als zivile Opfer. Dermatologen runzeln jedenfalls die Stirn, wenn es um die sinnlose Anwendung alkoholhaltiger Mittel auf der Haut geht: In der Klinik, wo zugleich genug Anlass für eine Desinfektion besteht und eine sachgemäße Anwendung meistens gewährleistet ist, hat man Studien zufolge zwar gute Erfahrungen mit der Hautverträglichkeit gemacht. Das Sicherheitsdatenblatt einer verbreiteten Desinfektionslösung deklariert dennoch fast alle Inhaltsstoffe als gesundheitsschädlich (Xn) oder reizend (Xi). Nichts jedenfalls, was man sich ohne guten Grund auf die empfindsame Haut schmieren muss.

Gegen Schnupfen eher nicht

Aber gibt es nicht einen guten Grund, wenn daheim oder im Büro allenthalben geschnieft und gehustet wird und verseuchte Hände um sich greifen? Eher nein. Denn Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis wirken zwar großartig gegen Bakterien (die sie einfach zum Platzen bringen), sie entfalten aber nur teilweise viruzide Effekte – was übersetzt bedeutet: Sie wirken lediglich bedingt gegen Viren und in den meisten Fällen überhaupt nicht gegen Erkältungs- und Grippeviren. In den Empfehlungen des Robert-Koch-Institus zur Vermeidung von Virusinfektionen findet man auch deshalb keinen Hinweis auf die Möglichkeit der chemischen Handhygiene, sondern einen Grundkurs in dem, was die meisten Menschen ja ganz selbstverständlich glauben zu beherrschen: das Waschen der Hände.

So trivial dieser Vorgang heute erscheint, so schlecht wird er in der Regel ausgeführt. Unvollständig, zu kurz oder gar nicht – Untersuchungen zeigen immer wieder, dass angeblich gewaschene Hände alles sind, nur nicht sauber gewaschen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bemüht sich seit Jahren darum, die Haltung in dieser sensiblen Angelegenheit zu ändern, doch offenbar erscheint es den Konsumenten zu läppisch, sich dreißig Sekunden lang die Pfoten einzuseifen und dabei auch mal zwischen den Fingern und an deren Spitzen herumzurubbeln. So sieht nämlich die gute Handhygiene aus, die jede zusätzliche Desinfektion verzichtbar macht, aber allein natürlich vor keiner Infektion auf Dauer schützen kann, auch wenn sie immerhin die beste Grundlage bietet.

Wer tatsächlich nicht krank werden oder andere nicht anstecken will, sollte ein paar Dinge mehr beachten. Meistens endet der Hygienehimmel etwa an der nächsten Türklinke, die von einem angefasst wurde, der in die Hand geniest hat. Überhaupt, in die Hand zu niesen oder zu husten ist keine gute Sache, auch wenn es besser erscheint, als ins Gesicht des Nachbarn. Die Armbeuge gilt Experten als ideales Ziel entsprechender Attacken, denn mit dieser fasst man hernach niemanden an. Anfassen sollte man auch nicht sich selbst, das Gesicht vor allem nicht, selbst wenn das Unterlippekneten so gut beim Denken hilft. Auch die Futterei im Vorbeilaufen oder am Schreibtisch bringt Keime schnell ans Ziel, denn auch dafür braucht man die Hand, die man noch so oft desinfiziert haben kann, wenn man hinterher wieder auf derselben Tastatur herumfummelt.

Was zeigt, wie schwierig es ist, sich oder andere nicht anzustecken. Die wahrhaft goldenen Regeln lauten daher: Wer sich körperlich mies fühlt, sollte einsehen, dass er krank wird. Wer krank wird, bleibt zu Hause, bis es vorbei ist. Und wer all das nicht einsehen will, kann sich zumindest gegen die Grippe jedes Jahr impfen lassen. Das ist zwar spätestens seit der Schweine­grippe-Pandemie nicht mehr besonders beliebt. Aber die beste Lösung von allen.

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12:00 02.12.2010

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