... und sie radeln noch

Sportplatz "Nee, das mach ich doch lieber selbst", sagt ein Journalist, der von der diesjährigen Friedensfahrt berichtet. "Ich arbeite zwar nicht mehr im ...

"Nee, das mach ich doch lieber selbst", sagt ein Journalist, der von der diesjährigen Friedensfahrt berichtet. "Ich arbeite zwar nicht mehr im aktuellen Sportressort, aber bevor das die Wessis dort machen, nehm´ ich mir lieber Urlaub und mach´ es selbst."

Ein anderer Kollege hockt im Hotel im polnischen Lodz, wo die Friedensfahrt am 11. Mai begann, telefoniert mit seiner Redaktion in Potsdam, die den Auftakt der Drei-Länder-Tour der Radprofis gerne auf Seite Eins präsentieren möchte und erfährt, dass dort keine Agenturbilder eingetroffen sind. In Frankfurt am Main hockt nämlich die zentrale Bildredaktion und hat scheint´s zunächst entschieden, dass die Friedensfahrt kein Ereignis von so großer Relevanz sei, um die ganze Republik mit aktuellen Fotos versorgen zu müssen.

Die ganze Republik will die Fotos ja auch wirklich nicht, nicht mal die halbe Republik hat Interesse, aber der 1990 zugestoßene Teil, der will sich die Friedensfahrt nicht nehmen lassen. Die Ost-Zeitungen berichten groß, der Mitteldeutsche Rundfunk sendet jeden Abend eine Zusammenfassung, und seit die Friedensfahrer nach Deutschland kommen, geht´s sogar live über den Sender. Das polnische und das tschechische Fernsehen übertragen auch sehr ausführlich, mindestens eine Stunde täglich von der "Tour de France des Ostens", wie wohlmeinende Wessis formulieren.

Weniger wohlmeinende Wessis halten die Friedensfahrt für einen Parteitag auf Rädern, Agitation der Landbevölkerung, indem man ihre Hauptstraßen hoch- und runterradelt und dabei immer "Frieden" und "Freundschaft" ruft, und diese Unwohlmeinenden erklären sich die Immer-Noch-Präsenz des Ereignisses nur durch Seilschaften. Gegründet wurde die Friedensfahrt schließlich durch zwei Sportredakteure kommunistischer Parteizeitungen in Polen und Tschechien, recht schnell kam auch das Neue Deutschland hinzu, und bis heute gibt es einen festen Tross immer wiederkehrender Journalisten, die die Tour begleiten. Einige sind über dreißig Mal dabei, kennen jedes Hotel, jede Bar und die meisten Kellnerinnen auf der Strecke. Also, wäre zu folgern, erhält sich hier ein Betrieb selbst aufrecht.

Sportlich, sagen die Unwohlmeinenden, hat die Friedensfahrt keine Bedeutung, und ganz unrecht haben sie nicht. Die einst als härtestes Amateurrennen der Welt gefeierte Tour wird zwar vom Radweltverband beinah jedes Jahr höher und also als wichtiger eingestuft. Aber die "Course de la Paix", wie die Friedensfahrt seit Anfang der neunziger Jahre in allen drei Veranstalterländern heißt, rangiert in ihrer Wertigkeit bis heute unter der Österreich- und der Luxemburg-Rundfahrt. Erstklassige Fahrer vom Range eines Jan Ullrich oder Erik Zabel meiden die Friedensfahrt, seit sie Weltklasse sind. Auch für die Vorbereitung auf die großen Rennen hat sie keinen Stellenwert mehr.

Sportlich haben die unwohlmeinenden Verächter also Recht oder zumindest nicht Unrecht. Aber sonst natürlich nicht. Die scheint´s sich selbst feiernden Journalisten finden Leser und Zuschauer, die scheint´s von den entsprechenden Parteien bezahlte Tour hat in den letzten Jahren potente Sponsoren, wie Hasseröder oder Milram gefunden, und die als Agitationsobjekt ausgeguckte Landbevölkerung kommt begeistert an die Straßenränder, stellt sich fachkundig an Anstiegen und in den Kurven auf, weil dort das Tempo niedriger ist und man folglich am meisten sehen kann. In den kleinen Orten in Polen und Tschechien sieht man oft ältere Männer, die sich in den Sonntagsanzug oder gar in ihre alte Uniform gesteckt haben, um die Friedensfahrer zu grüßen.

Im sportlichen Ereignis Friedensfahrt kulmininieren offensichtlich Erinnerungen, die sonst nur von Literatur, Film oder Musik erfahrbar gemacht werden: Erinnerungen an das Schöne in einer Zeit, deren Hässlichkeit mittlerweile so oft betont wird, dass es doch sehr nachvollziehbar ist, warum viele sie nicht nur hässlich haben wollen. Die Friedensfahrt erinnert auf eine beinah rührende Weise daran, wie die DDR - Polen und die CSSR freilich auch - vermeintlich Welt- und Westniveau erreichen wollten, wobei zwar nicht die gewünschte Überlegenheitsdemonstration herauskam, sehr wohl aber ein nettes, eifrig und fleißig organisiertes Radrennen. Um so größer der Stolz, wenn sich das Rennen auch über zehn Jahre nach der Wende, die oft ein Zusammenbruch war, hält, langsam berappelt und immer noch durchs Dorf radelt, immer noch in der Zeitung steht und immer noch mit der weißen Taube auf blauem Grund im Fernsehen zu erblicken ist. Gegen den Stolz etwas zu sagen, fällt sehr schwer.

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00:00 18.05.2001

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