Unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten

Erinnerung Eine Ausstellung in der Berliner Charite beschäftigt sich mit dem Schicksal von Häftlingsärztinnen und -pflegerinnen im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück
Unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten
Das ehemalige Lager Ravensbrück ist heute eine Gedenkstätte
Foto: AFP

Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. unter der Leitung von Karin Bergdoll hat in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eine Wanderausstellung zum Frauen-KZ Ravensbrück kuratiert. Beleuchtet und untersucht wird die Arbeit des medizinischen Häftlingspersonals zwischen 1939 und 1945.

Gefördert wird das Projekt durch diverse Bundesministerien sowie das Land Brandenburg und die Kulturstiftung des Bundes. Die Berliner Historikerinnen und Kuratorinnen Ramona Saavedra Santis und Christl Wickert haben sich bemüht, den Alltag dieser Häftlinge zu dokumentieren und die engen Grenzen zu zeigen, die es für eine angemessene medizinische Hilfe gab.

Die SS verschleppte etwa 120.000 Frauen aus 30 Ländern nach Ravensbrück, das 1938/39 80 Kilometer nördlich von Berlin am Rand der Stadt Fürstenberg errichtet wurde. Es handelte sich um das größte Frauenkonzentrationslager auf deutschem Gebiet. Zunächst wurden im KZ-Revier hauptsächlich die Folgen von Arbeitsunfällen und Misshandlungen notdürftig behandelt. Mit der zunehmenden Überfüllung nach Kriegsbeginn breiteten sich Seuchen und andere Krankheiten aus, für deren Behandlung das Wachpersonal nie genug Medikamente zur Verfügung stellte.

Die SS setzte Häftlinge aus unterschiedlichen Ländern Ost- und Westeuropas als Ärztinnen und Pflegerinnen ein. Als Funktionshäftlinge mussten sie eine Gratwanderung zwischen Befehl, eigenem Überlebenswillen und den Bedürfnissen der Kranken bestehen.

Geburtenstation

Was konnten sie tun? Was taten sie? Die meisten von ihnen versuchten – trotz fehlender Medizin und des nur begrenzt zugestandenen Verbandsmaterials –, kranken und verletzten Mithäftlingen zu helfen. Die freilich beurteilten ihre Arbeit – wie die Berichte von Überlebenden dokumentieren – sehr unterschiedlich. Neben der Anerkennung des Einsatzes für Mithäftlinge wurden sie auch für unterbliebene Hilfen, für Selektionen und Tötungen, mit verantwortlich gemacht.

Ab 1944/45 gab es sogar eine Geburtenstation, in der eine Häftlingsärztin und eine Häftlingshebamme arbeiteten. Funktionshäftlinge in der Lager-Verwaltung konnten ein offizielles Geburtenbuch bei der Befreiung retten. Die Eintragungen lassen ersehen, dass es 560 Geburten im KZ Ravensbrück gab – weit mehr als die Hälfte der Neugeborenen überlebte nicht. Anhand von Fotos, Dokumenten, Zeichnungen und Schriftzeugnissen ehemaliger Revierarbeiterinnen und ihrer Patientinnen, greift die Ausstellung Facetten des Lageralltags, in dem das Krankwerden oder Kranksein oft einem Todesurteil gleichkam.

Ilse Reibmayr (1917-2005), österreichische Häftlingsärztin, die seit dem 3. November 1944 in Ravensbrück war, vermerkte 1995 in ihren Erinnerungen: „Die kontrollierenden Organe waren die SS-Ärzte, es waren ja mehrere, dann gab es die Schwesternschaft. Und da waren eine Oberschwester und eine Reihe von diplomierten Schwestern, die hatten eine braune Tracht. Unsere Kontrollorgane waren das. Und sie waren sehr streng und hart. Diese Schwestern haben nicht selbst gearbeitet, sondern nur kontrolliert.“

Leidend und stöhnend

Cécile Goldet (1901-?), eine französische Gynäkologin und Häftlingspflegerin 1944/45, erinnert sich nach ihrer Befreiung so an die Zustände im Krankebau des Lagers: Ein saurer und erstickender Geruch umgibt einen bereits am Eingang. Dort, in drei Etagen, 150 Frauen, zu zweit in einem Bett, leidend und stöhnend. Wir sind drei Krankenschwestern für 150 Patientinnen. Alle leiden unter Erschöpfung, Ödemen, Ruhr. Horror … All diese Wunden eitern, Papierbandagen halten nicht, Eiter fließt überall.“

Antonia Bruha (1915-2006), österreichische Schreiberin und Dolmetscherin im Krankenrevier, gab 1995 zu Protokoll: „Die Arbeit im Revier war zwar eine körperliche Entlastung, aber eine ungeheure seelische Belastung. Manchmal dachte ich, ich ertrag das nicht mehr. Ich bring mich um.“

Während sie Ende 1944 im Krankenrevier wegen Diphterie behandelt wurde, zeichnete die Französin Violette Lecoq (1912-2003) ein Leporello mit Szenen aus dem Revier für die tschechische Häftlingsärztin Zdeňa Nedvědová-Nejedlá (1908-2003). Lecoq war eine gelernte Illustratorin, bei Kriegsbeginn absolvierte sie einen Krankenschwesternkurs beim Roten Kreuz und kam im Oktober 1943 in Ravensbrück als Häftlingsschwester zum Arbeitseinsatz. Nedvědová und Lecoq arbeiteten dann in den folgenden anderthalb Jahren eng zusammen.

Die Berliner Charité zeigt nun bis zum 31. August die Ausstellung im Rahmen ihres Projekts „Wissenschaft in Verantwortung – GeDenkOrt.Charité", denn auch Ärzte der Berliner Universitätsmedizin waren in der Zeit des Nationalsozialismus an Medizinverbrechen im Lager Ravensbrück beteiligt.

Geöffnet ist die Ausstellung Montag - Freitag zwischen 7.00 und 20.00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Auditorium im CharitéCrossOver

Dr. Christl Wickert ist freiberufliche Historikerin. Sie publiziert zu Aspekten der Gender History mit Schwerpunkt im 20. Jahrhundert und kuratierte Ausstellungen

11:59 07.07.2016

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