Unsere Spieler, unsere Bilder

Medientagebuch Viel Nerv und nur ein dickes Lob: Die Fußball-WM im Fernsehen belegt die Privatisierung des TV-Sports

Schaffen Sie es noch bis zum Endspiel? Der Kopf brummt. Die Sender, öffentlich-rechtliche wie private, steuern die Lautstärke der Werbeeinblendungen automatisch höher aus, dass es eine Zumutung ist. Der Reflex zur Fernbedienung funktioniert noch, aber in der Hitze dieser Tage hat man schon mal Mühe, sofort den Lautstärkeregler zu erwischen. Die Fifa- und DFB-Hauptsponsoren ahnen wohl kaum, wie sehr sie sich bei uns Kunden mit dieser Penetranz auf den Premiumsendeplätzen in der Halbzeitpause verhasst machen. Bei einem befreundeten 5-Jährigen habe ich zwar beobachtet, dass es im Sinne der Werbefuzzis "funktioniert". Aber bei 5-Jährigen hat Erziehung noch eine Chance.

Den zweiten Platz auf der Nervskala eroberten die Pausenclowns. Der Fernsehschiedsrichter Urs Meier (ZDF), die langweilig ohne kreativen Inhalt in ihrer Präsentationsform erstarrten Delling und Netzer (ARD), Jauch und Völler (RTL) hatten wenig Erhellendes zu sagen. Was mögen das nur für Menschen im Publikum sein, die, ausgestattet mit dem "letzten Scheiß vom Merchandise", sich bei RTL und ZDF zum Affen machen und in der Medienpresse auch noch als Element der Lebendigkeit gelobt werden, das etwa dem "sterilen" ARD-Studio fehle. Es ist ein weiteres sicheres Indiz für die Selbstreferenzialität des Medienzirkus. Denn längst müssen Agenturen beschäftigt werden, um die Studiokulissen der zahlreichen Kirmessendungen überhaupt voll zu bekommen. Die Nachfrage nach Plätzen für Bekloppte ist zum Glück nicht mehr so groß, wie das Angebot an bekloppten Leuten. Auch ein Trost.

Die Spitzenplätze der Nervskala besetzen allerdings der Plattitüden verbreitende, allgegenwärtige Franz Beckenbauer ("Unser schönes Land vom Hubschrauber aus") und der ähnlich viele Werbeverträge bedienende Johannes B. Kerner (ZDF). Kerner muss auf Druck der ZDF-Gremien mittlerweile seine privaten Werbeverträge zurückschrauben. Beckenbauer dagegen revidierte seinen Kommentatorvertrag mit der Telekom (zukünftiges Bundesliga-TV im Internet), um nicht für das breite Publikum zu verschwinden und weiter für das massenwirksame ZDF (sic!) arbeiten zu dürfen. Denn nur so kann er den Wert seiner millionenschweren Werbeverträge erhalten.

Nur ein Pausenclown fand zu Recht allgemeinen Respekt: der permanent gute Fußballlaune verbreitende Jürgen Klopp (ZDF, Trainer von Mainz 05). Seine Analysen bestätigten den Sinn der Totalaufnahmen, die das gesamte Spielfeld erfassen. Nur über sie wird die Taktik der WM-Teams optisch nachvollziehbar. Spektakulär war seine Analyse des entscheidenden Tores von Frankreich gegen Brasilien im Viertelfinale, über die sichtbar wurde, dass fünf brasilianische Feldspieler entweder hypnotisiert oder im Streik waren. Diese WM war keine WM der Stars, keine WM der Tore und der Fußballkunst. Es ist eine WM der ökonomisch und wissenschaftlich globalisierten Trainingswissenschaft. Hier hat sich Jürgen Klinsmann mit seinem internationalen Trainerstab, der doppelt so teuer ist wie die Stäbe der Vorgänger, als Meister seines Fachs erwiesen.

Die WM bewies ferner, dass die besten Nationalteams der Welt allesamt schlechter eingespielt sind, als die auf dem Weltmarkt zusammengestellten Vereinsmannschaften (Barca, Arsenal, Chelsea, Real, Milan, Juve, Bayern, Werder). Am besten erklärt hat all das Jürgen Klopp, und zwar in kurzen Sätzen und mit sichtbarer Faszination.

Die Kritik der deutschen Sender ARD und ZDF ("zuviel Totale, zuwenig emotional"), dankbar aufgegriffen von der national gesinnten Presse, an der internationalen Bildführung der von der Fifa beauftragten Firma HBS geht daher ins Leere. Sie ist vielmehr ein politisches Ablenkungsmanöver. Pikant genug ist, das HBS eine Tochterfirma der Fußballrechtehandelsfirma Infront ist, für die wiederum ARD-Kommentator Netzer als Direktor fungiert. Haupteigentümer von Infront ist der Adidas-Großaktionär Robert Louis-Dreyfus. Das ist fast so eine unappetitliche Interessenkollision, wie einst die ARD-Sponsorenschaft für das dopinggestählte Radfahrteam der Telekom. Netzers Tage bei der ARD dürften angesichts seiner günstigstenfalls stagnierenden Kommentatorleistung bald gezählt sein.

Verheerend ist, dass sich öffentlich-rechtliche Sender - bei RTL, dem Renditesender, hätte es niemanden gewundert - sich die Bildregie überhaupt abschwatzen ließen, ein journalistischer Offenbarungseid, ein medienpolitischer Skandal, der in den veröffentlichten Debatten bisher kaum eine Rolle spielt. Ein Grund dürfte darin liegen, dass das kein Ausrutscher sondern strategische Absicht aller am Fußballbusiness Beteiligten ist. Beim nächsten Fernsehvertrag für die deutsche Bundesliga gilt nämlich das Gleiche. Eine von der "Deutschen Fußball-Liga" (DFL) beauftragte Firma produziert die Bilder, die die Sender dann zu übernehmen haben. Kann man sich eine größere Kapitulation des Fernsehjournalismus vorstellen? Fanproteste gegen den eigenen Verein, wie sie im Bundesligaalltag oft genug vorkommen, werden also wohl keine Chance mehr haben ins Bild zu kommen, und wenn, dann nur aus liberaler Großzügigkeit. Pressefreiheit aber, wie Klein Fritzchen sie im Sozialkunde-Unterricht mal gelernt hat, ist das nicht. Für das Quotengeschenk Fußball geben die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sie einfach so her.

Man kann sich ausmalen, was folgt: Kulturveranstalter, Verbände, Parteien, Parlamente, Polizei, Firmen (die Deutsche Bahn hat schon ein eigenes Vollprogramm) machen ihr eigenes Fernsehen. Die Sender kaufen es ab oder lassen es bleiben. Unabhängige Bilder aber gibt es nicht mehr. Wir als Bürgerinnen und Bürger werden es überleben. Wir werden dann unsere Bilder auch selbst machen; viele von uns tun es schon. Aber die gebührenfinanzierten Sender brauchen wir dann nicht mehr. Soll es darauf hinauslaufen?


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00:00 07.07.2006

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